Beleuchteter Reichstag

4.4.2013 | Von:
Stephan Sprang

Hörfunkjournalismus und Musikprogramm im gesellschaftlichen Wandel

Eine Chronik von Jugendradio DT64

Die "Einrichtung"

Am 3. Oktober 1990 tritt Artikel 36 des Einigungsvertrages in Kraft, der die Auflösung des zentralistischen Rundfunksystems und den Aufbau eines föderalen, dualen Systems vorsieht. Darin wird geregelt, dass der Rundfunk der DDR und der Deutsche Fernsehfunk bis 31. Dezember 1991 weitergeführt werden als "gemeinschaftliche staatsunabhängige, rechtsfähige Einrichtung" der fünf neuen Länder und Ostberlins. Von entscheidender Bedeutung ist Absatz 6, der vorschreibt, dass die Einrichtung bis spätestens 31. Dezember 1991 durch gemeinsamen Staatsvertrag der neuen Länder "aufzulösen oder in Anstalten des öffentlichen Rechts einzelner oder mehrerer Länder überzuführen" ist. Kommt ein solcher Staatsvertrag nicht zustande, so gilt die Einrichtung zum 1. Januar 1992 als aufgelöst.[21]

Die Rundfunkhoheit wird am 3. Oktober 1990 mit dem Einigungsvertrag auf die Länder übertragen. Die DDR-weite UKW-Frequenzkette von DT64 wird gesplittet und geht in die Verantwortung der einzelnen Länder über, welche mit den Frequenzen jeweils unterschiedliche Pläne verfolgen. Länderübergreifende Frequenzketten sind zwar nicht ausdrücklich vorgesehen, wären per Kooperationsvertrag der Anstalten aber theoretisch nach wie vor möglich. Für DT64 heißt das, der Sender muss sich fortan um Sendefrequenzen in jedem der fünf neuen Länder einzeln bemühen.

Es ergeben sich zwei Perspektiven: Entweder die weitere Existenz von DT64 in einer oder mehreren der sich konstituierenden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten oder die Fortführung der Privatisierungspläne. Zum Jahreswechsel 1990/91 verhandelt DT64 mit der Bertelsmann-Tochter UFA, mit dem Holtzbrinck-Verlag, mit Berliner Zeitungsverlagen und auch weiterhin mit Radio ffn. DT64 und auch der neue Rundfunkbeauftragte Mühlfenzl verweisen immer wieder auf die Zuständigkeit der Länder, die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen oder per Vorabentscheidung der Ministerpräsidenten ein Herauslösen von DT64 aus der Einrichtung zu ermöglichen, um das Programm in private Trägerschaft überführen zu können. Das Problem, vor dem DT64 steht, ist, dass die Partner einer Betreibergesellschaft nur gebunden werden können, wenn sichergestellt werden kann, eine Sendelizenz und Frequenzen für das Programm zu erhalten. Umgekehrt ist eine Frequenzzuweisung aber nur mit einer starken Anbietergemeinschaft im Rücken wahrscheinlich. DT64-Chefredakteur Michael Schiewack sieht im September 1991 letztlich die Chancen für eine Privatisierung schwinden: "Die Länder beharren jetzt darauf, Landesmedienanstalten einzurichten und private Frequenzen auszuschreiben. Selbst wenn es gelänge, bis November diese Anstalten einzurichten, kann sich das alles immer noch ein halbes Jahr hinziehen, das heißt: Wir sind längst weg, bevor wir überhaupt eine Chance haben, uns zu bewerben."[22]

Drei Monate vor dem Ende der Einrichtung erhalten die Mitarbeiter von DT64 ihre Kündigung zum 31. Dezember 1991. Die Redaktion des Senders zeigt sich gespalten: Ein Teil will im Falle des Weitersendens beim Sender bleiben, der andere Teil aufgrund der weiterhin unsicheren Situation die Redaktion verlassen.

Bewegte Hörer

Was beim Rias-Putsch begann, weitet sich 1991 zum bundesweiten Protest aus. Zehntausende demonstrieren im Herbst 1991 für die Fortführung des Programms. DT64 wird zur "Jugendbewegung mit Radio".[23] Der Verein "Freunde des Jugendradios DT64", der in der Sympathiebewegung für DT64 eine führende Rolle spielt, gründet sich nach einer öffentlichen Anhörung der Landtagsfraktion der SPD am 10. Juli 1991 in Dresden. Die Diskussion wird zeitversetzt auf DT64 übertragen. Zu den führenden Köpfen der Dresdner Initiative gehört der Informatik-Student Heiko Hilker, der als Kontaktperson der Bewegung zur Politik gilt. Auf einem bundesweiten Treffen im September 1991 in Dresden wird das "Netzwerk der Initiativen zur Erhaltung von Jugendradio DT64" gebildet, das im November 1991 mit einen Aufruf an die Öffentlichkeit geht, der in den folgenden Monaten von mehreren hunderttausend Hörerinnen und Hörern unterschrieben wird. Zu den Erstunterzeichnern dieses Aufrufs gehört Tamara Danz, die damalige Sängerin der Rockgruppe Silly.

In dem Aufruf unter dem Titel "Keine Funkstille für die Jugend - Rettet DT64!" heißt es: "Mit seinem jugendgemäßen und kritischen Programm war DT64 beteiligt an den demokratischen Veränderungen im Herbst 1989. Heute ist dieses einzige überregionale Jugendprogramm Deutschlands für eine Million vorwiegend junge Hörerinnen und Hörer Wegbegleiter und Orientierungshilfe in neuen gesellschaftlichen Verhältnissen, es unterstützt Vergangenheitsaufarbeitung und Selbstfindung, befördert Integration und Verständnis zwischen Ost und West. [...] Wir wenden uns daher gegen die geplante Abschaltung. [...] Wo ein Wille ist, ist auch eine Frequenz!".[24]

Das Netzwerk macht mit seinen Aktionen, Veranstaltungen, Demonstrationen, öffentlichen Anhörungen, Mahnwachen und Unterschriftensammlungen das Problem "Abschaltung von DT64" zu einem öffentlich diskutierten Thema. Bis zum Sommer 1992 sprechen sich fast eine halbe Million Hörerinnen und Hörer mit ihrer Unterschrift für den Erhalt des Jugendsenders aus; auf dem Höhepunkt der Sympathiewelle existierten 80 "Freundeskreise des Jugendradios DT64 e.V.", davon 30 auf dem Gebiet der früheren Bundesrepublik.

DT64 beim MDR

1991 zeichnet sich für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der fünf neuen Länder folgende Struktur ab: Der SFB wird Anstalt für Gesamttberlin; Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gründen den MDR. Nachdem der NDR per Vorschaltgesetz mit der Rundfunkversorgung Mecklenburg-Vorpommerns beauftragt wird, gilt die Konzeption einer Nordostdeutschen Rundfunkanstalt (NORA) als gescheitert, in Brandenburg wird daraufhin der ORB eingerichtet. Mit der Zuordnung von Mecklenburg-Vorpommern zum NDR-Sendegebiet wird klar, dass es mit Jahresbeginn 1992 im Norden kein DT64 mehr geben wird.

Die neuen Länderanstalten möchten, wenn überhaupt, eigene Jugendprogramme einrichten. Auch MDR-Intendant Udo Reiter lehnt es zunächst noch ab, das Jugendradio "unter dem Dach des MDR weiterzuführen".[25] Er hält das Jugendprogramm für "entbehrlich", weil es "ziemlich einseitig und unausgegoren" wirke.[26] Derweil verhandelt der Rundfunkbeauftragte Rudolf Mühlfenzl mit den Länderanstalten über die Integration einzelner Programmteile von DT64 in öffentlich-rechtliche Strukturen.

In Berlin-Brandenburg bietet der ORB mehreren DT64-Mitabeitern Arbeitsverträge an, um eine eigene Jugendredaktion einzurichten. Brandenburg bekundet zwar Interesse an der Fortführung von DT64, stellt aber klar, aus finanziellen Gründen nicht das gesamte Programm übernehmen zu können. Deshalb fordert der ORB, dass noch weitere Länder Frequenzen für den Sender bereitstellen.[27]

Ende Oktober 1991 zeichnet sich eine Kompromisslösung ab. Die UKW-Frequenzen von DT64 sollen zum 1. Januar 1992 in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt - also im zukünftigen Sendegebiet des MDR - an private Hörfunkanbieter abgeben werden. Da aber keiner der Privatsender vor dem Sommer 1992 sendebereit sein würde, könnte DT64 noch ein halbes Jahr länger auf den alten Frequenzen senden - theoretisch. Was dem Sender dazu fehlt, ist ein öffentlich-rechtlicher Träger.

Konkrete Aussichten für DT64 ergeben sich erst mit der Konferenz der ostdeutschen Ministerpräsidenten am 12. und 13. Dezember 1991 in Wernigerode. Die Ministerpräsidenten gehen überraschend auf ein Angebot des MDR-Intendanten Reiter ein, DT64 befristet fortzusetzen. Sie beschließen, die "weitere Veranstaltung des Programms DT64 unter der rundfunkrechtlichen Verantwortung des MDR bis zur Erteilung von Erlaubnissen zur Veranstaltung von privatem Hörfunk, längstens bis zum 30.6.1992" zu dulden, machen aber deutlich, dass "eine dauerhafte Fortführung des Programms DT64 [...] nicht in Betracht" kommt.[28]

Auf einer Belegschaftsversammlung im Dezember 1991 wird das Angebot des MDR diskutiert, das Jugendradio in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befristet bis zum Sommer des kommenden Jahres auszustrahlen. Für die aus Berlin sendenden Mitarbeiter macht ein Weitersenden eigentlich nur Sinn, wenn sie das von ihnen gestaltete Programm selbst auch hören können. Michael Schiewack macht deshalb auf der anschließenden Pressekonferenz deutlich, Jugendradio DT64 würde das Angebot des MDR nur annehmen, wenn man auch in Berlin und Brandenburg weitersenden könne.[29] Der ORB erklärt sich bereit, das Programm ebenfalls vorerst weiter auszustrahlen, die Berlin-Brandenburgischen Frequenzen werden ab 1. Januar 1992 in das DT64- und das RockradioB-Programm gesplittet.

Das bereits verloren geglaubte Jugendradio steht somit zum Jahreswechsel 1991/92 vor der Aufgabe, anstatt abzuwickeln, so schnell wie möglich wieder aufzuwickeln. Denn nachdem der MDR am 30. Dezember 1991 gegenüber DT64 seine endgültige Bereitschaft signalisiert hatte, den Sender vorerst ein halbes Jahr auf UKW weiterzuführen, erklärt auch der ORB am Silvesterabend, das Jugendradio könne in Berlin und Brandenburg auf seinen bisherigen Frequenzen weitersenden - unterbrochen durch ein dreistündiges Fenster namens "RockradioB", das von ehemaligen DT64-Mitarbeitern gestaltet wird.[30] Zum 1. Januar 1992 erhalten 60 DT64-Mitarbeiter befristete Arbeitsverträge vom Mitteldeutschen Rundfunk.[31] Die DT64-Redaktion behält vorerst ihren Sitz in der Berliner Nalepastraße.

Gegenwind

Die Frequenzen von DT64 bilden allerdings die einzige sendebereite Frequenzkette, die für den Privatfunk in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen relevant ist. Würden die Privaten diese Frequenz verlieren, kämen sie auf unabsehbare Zeit nicht zum Zuge. Die Thüringer Landesanstalt für privaten Rundfunk wirft dem MDR im Januar Selbstherrlichkeit und eine "faktische Frequenzbeschlagnahmung" vor.[32] Olaf Stepputat, kommissarischer Direktor der Anstalt, fordert die sofortige Abschaltung von DT64. MDR-Intendant Reiter spricht sich unterdessen für eine Beibehaltung der gegenwärtigen Übergangslösung aus. Zwei landesweite private Radiosender seien zuviel, das Werbeaufkommen dafür nicht ausreichend. Gleichzeitig macht er klar, er könne der kleinen, aber engagierten Minderheit, die DT64 höre, auf den regulären MDR-Frequenzen keinen Raum geben.[33] Am 20. Januar stimmt der Rundfunkrat des MDR einer weiteren Existenz von DT64 innerhalb des MDR zu. Allerdings ist in der Entscheidung des Rundfunkrates nicht namentlich von Jugendradio DT64 die Rede, sondern von der Fortführung des MDR-Jugendprogramms.[34]

Ein Sputnik steigt auf

Reiter pokert - und gewinnt: Nach einem heute legendären Intermezzo auf der Mittelwellenfrequenz 1044 kHz startet die neue Jugendwelle des MDR 1993 in eine digitale Zukunft. Der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf ist nicht ganz unbeteiligt an den Entscheidungen des MDR. Er gibt auf einer Pressekonferenz in Dresden bekannt, der neue Name des Jugendradios sei "MDR Sputnik".[35] Biedenkopf wird nachgesagt, die Idee für diesen Namen stamme von ihm. Richtig ist, dass MDR-Intendant Reiter dem sächsischen Ministerpräsidenten mitgeteilt hatte, die DT64-Redaktion denke über den Namen "Sputnik" nach, in Erinnerung an die gleichnamigen sowjetischen Raumflugkörper und die in den späten 1980er Jahren in der DDR verbotene, zur damaligen Zeit recht kritische russische Zeitschrift "Sputnik".[36] Daraufhin gibt Biedenkopf dies als beschlossene Sache bekannt, wie die Hörfunkdirektorin Karola Sommerey überrascht anerkennt: "Wenn man auf diese Weise etwas bekannt gemacht bekommt, ist man ganz dankbar."[37]

Zitierweise: Stephan Sprang, Hörfunkjournalismus und Musikprogramm im gesellschaftlichen Wandel. Eine Chronik des Jugendradio DT64, in: Deutschland Archiv Online, 04.04.2013, Link: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/sprang20130404

Fußnoten

21.
Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands (Einigungsvertrag), Artikel 36 (1).
22.
Zitat Michael Schiewack in: Die Tageszeitung, 23.09.1991.
23.
Heiko Hilker, DT64 - Rückblick und Ausblick. Vortrag zur Medien-Seminartagung 1992 im Paul-Löbe-Institut Berlin vom 25. bis 28. April, Dresden, 20.04.1992, schriftliche Fassung.
24.
Freunde des Jugendradios DT64 e.V.: Keine Funkstille für die Jugend. Rettet DT64! Chemnitz, Dresden, 1991.
25.
Zitat Udo Reiter in: Sächsische Zeitung, 05.10.1991.
26.
Zitat Udo Reiter in: Der Spiegel, 18.11.1991.
27.
Sachsenpost, 18.11.1991.
28.
5. Regionalkonferenz der Regierungschefs der neuen Bundesländer vom 12.-13.12.1991 in Wernigerode, Ergebnisprotokoll TOP 9.8 Zukunftschancen des Jugendradios DT64, Formulierungsvorschlag Sachsen-Anhalt.
29.
Junge Welt, 18.12.1991.
30.
Sächsische Zeitung, 02.01.1992, und DPA-Meldung Nr. 135, 01.01.1992.
31.
Sächsische Zeitung, 02.01.1992.
32.
Zitat Olaf Stepputat in: Frankfurter Rundschau, 18.01.1992.
33.
Leipziger Volkszeitung, 18.01.1992.
34.
Sächsische Zeitung, 21.01.1992.
35.
Berliner Zeitung, 21.01.1993.
36.
Süddeutsche Zeitung, 04.05.1993.
37.
Zitat Karola Sommerey in: Sächsische Zeitung, 30.04.1993
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Demonstration am 4. November 1989 in Berlin.
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