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Die Akteure der Herrschaft im Industriebetrieb der DDR

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Die Akteure der Herrschaft im Industriebetrieb der DDR

Renate Hürtgen

/ 21 Minuten zu lesen

Nicht "die Partei" hat in der DDR die Herrschaft ausgeübt, es waren Menschen. Nicht "die Leitung" hat die Leistungssteigerung organisiert und die Normen festgelegt, es waren die leitenden Angestellten in den Industriebetrieben in der DDR, die eine Planerfüllung durchsetzten.

Einleitung

Die Akteure der Herrschaft im Industriebetrieb der DDR – diese Überschrift wird Befremden hervorrufen: bei Wirtschaftshistorikern, weil sie den Betrieb längst zum herrschaftsfreien Raum erklärt haben, bei Zeithistorikern, weil sie die Diktatur der DDR zwar als politisch durchherrscht begreifen, nicht aber als Ungleichheitsstruktur asymmetrischer Zugänge zu Macht und Herrschaft in allen gesellschaftlichen Bereichen. Große Empörung wird diese Überschrift bei den ehemaligen Betriebs- und Kombinatsleitern auslösen, die sich als Sachwalter ökonomischer Prozesse sehen und sich vor allem daran erinnern, unter der Knute des SED-Politbüros gelitten zu haben.

In diesem Beitrag wird demgegenüber davon ausgegangen, dass weder der Industriebetrieb im Osten noch der im Westen als "herrschaftsfreier Raum" begriffen werden kann. Hier wie dort ist er Teil der ihn umgebenden Verhältnisse und wird von deren Charakter geprägt, ohne seine Besonderheit als Produktionsstätte zu verlieren. Vorausgesetzt ist ebenfalls, dass auch im Volkseigenen Betrieb (VEB) die Entscheidungs- und Definitionsmacht über die technische und soziale Organisation ungleich verteilt waren und dass eine innerbetriebliche Herrschaftsstruktur als Befehls- und Gehorsamsverhältnis dieses Ungleichheitsverhältnis reproduzierte. Und drittens beruht der vorliegende Aufsatz auf der Annahme, dass sich die Verhältnisse, auch die im Betrieb, nur auf der Akteursebene hinreichend beschreiben lassen. Nicht "die Partei" hat in der DDR die Herrschaft ausgeübt, es waren Menschen. Nicht "die Leitung" hat die Leistungssteigerung organisiert und die Normen festgelegt, es waren die leitenden Angestellten der verschiedensten Hierarchieebenen, die eine Planerfüllung durchsetzten. Das ist der Grund, warum hier die Aufmerksamkeit auf die Akteure der Macht, auf die Subjekte von Herrschaft, auf die Gruppe der leitenden Angestellten im Industriebetrieb der DDR gerichtet wird.

Was hat die Herrschaft im DDR-Betrieb
mit den Angestellten zu tun?


Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl jener Beschäftigten, die außerhalb der unmittelbaren Produktion tätig waren, rasant zu. Ihr Charakteristikum wurde die Büroarbeit. Die Arbeit der Angestellten war weniger von der Muskelkraft und körperlichen Stärke, dafür mehr von geistiger Anstrengung bestimmt. Sie bezogen keinen Leistungslohn, sondern ein festes Gehalt. Zur Metapher für den Angestellten wurden der weiße Kragen und der weiße Kittel, die ihn von einem ölverschmierten "Blaumann" sichtbar unterschieden. Mit den Angestellten verband sich jedoch nicht nur eine veränderte Zusammensetzung der Arbeit und ihrer "geistigen" Anteile, ein Teil von ihnen wurde vom Eigentümer zur Übernahme leitender Funktionen im Unternehmen bestellt. Dieser "Leitungsfunktionär" stieg entweder direkt aus der Angestelltenschaft des Betriebes in die Führung des Unternehmens auf oder hatte sich außerhalb des Betriebes qualifiziert und konnte mit dessen Leitung und Kontrolle betraut werden. Ein Teil dieser Angestellten in leitenden betrieblichen Positionen übt seither direkt Unternehmerfunktionen aus.

Die geschilderte Entwicklung vollzog sich im Grunde nicht anders in der DDR. Trotz aller statistischen Tricks, den Anteil der Angestellten gering zu halten, um so die "führende Rolle" der Arbeiterklasse wenigstens quantitativ beweisen zu können, stieg deren Anteil in der Industrie durchaus vergleichbar mit dem in westlichen Industrieländern. Hier wie da machte die Gruppe der Gehaltsempfänger in den 1970er-/80er-Jahren durchschnittlich die Hälfte der Beschäftigten aus. Und in West wie Ost bestand das betriebliche Leitungspersonal aus Angestellten, deren Doppelfunktion auch im VEB darin bestand, für den reibungslosen Verlauf der Produktion zu sorgen und die Beschäftigten zu immer höherer Leistung anzutreiben. Diese Gruppe von Funktionären und Leitern hatte in der DDR einen ganz spezifischen Charakter – als "herrschende Funktionselite". Im Folgenden wird beschrieben, wie sie im Zuge der "Modernisierung von Herrschaft" ihr unverwechselbares Aussehen bekam, welcher Leitertypus sich als besonders geeignet für das zentralistische Wirtschaftssystem der DDR erwies und in welchem Verhältnis diese herrschenden Funktionäre zur "ohnmächtigen Funktionselite" – das ist die technische und betriebswirtschaftliche Intelligenz ohne Leitungsfunktionen – ihres Betriebes standen. Am Ende wird danach gefragt, ob die leitenden Industrieangestellten ein eigenes Milieu ausgebildet hatten und wie demgegenüber das der qualifizierten Angestellten, die keine Leitungsfunktion innehatten, beschrieben werden kann.

Die Ausgangslage nach 1945:
Alte Intelligenz und neue Machthaber


Sieht man davon ab, dass in der Sowjetischen Besatzungszone der besondere Status des Beamten bereits 1945 abgeschafft worden war, glich die Angestelltenhierarchie in ihrem Aufbau der traditionell überkommenen Differenzierung. Zur oberen Leitungshierarchie eines DDR-Industriebetriebes gehörten der Werkdirektor, der technische Direktor, der kaufmännische Direktor, der Produktions- und ökonomische Direktor sowie der Hauptbuchhalter. Die unterste Angestelltenhierarchie bildete das technische und Verwaltungspersonal ohne Leitungsfunktion und ohne Hoch- und Fachschulabschluss. In der mittleren Hierarchieebene befanden sich die qualifizierten, meist mit einem Fach- oder Hochschulabschluss ausgestatteten, technischen und ökonomischen Angestellten mit und ohne Leitungsfunktionen.

Aus unterschiedlichsten Gründen waren die Angestellten für die DDR-Partei- und Staatsführung von Anbeginn eine "Problemgruppe".

Plakat des FDGB wirbt für Fachschulungen für Angestellte, Dezember 1948. (© Bundesarchiv, Plak 100-023-041, Grafik: Kotter)

Die neuen Führer standen in der Tradition der Arbeiterbewegung, mit der sie das Misstrauen gegenüber den Angestellten und eine besondere Hochschätzung der Arbeiter verband. Zur alten kam eine neue Ideologie, mit der den Angestellten der eigene Stellenwert im Betrieb streitig gemacht wurde. Die Beschäftigten in der DDR hießen "Arbeiter und Angestellte" oder "Werktätige", das waren in den 1980er-Jahren rund 90 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Damit wurde einerseits die spezifische Situation der Industrieangestellten ignoriert und andererseits die Tatsache verschleiert, dass ein Teil der Angestellten in der DDR als betriebliche Leiter zu Funktionären des neuen Wirtschaftssystems geworden waren.

In der SBZ und frühen DDR, als der überwiegende Teil der Betriebsleitungen aus Ingenieuren, Technikern und Betriebswirten aus Zeiten vor 1945 bestand, gab es noch keinen zwingenden Grund, die sozialen und Klassendifferenzierungen innerhalb der Angestellten zu leugnen. Sie galten als Ausdruck und "Überbleibsel" der überkommenen kapitalistischen Verhältnisse. Die Schwierigkeit im Umgang mit den Fachkräften bestand vielmehr darin, sie trotz ihrer bürgerlichen Herkünfte und Denkweisen für die neue Gesellschaft zu gewinnen. Für die Partei begann ein komplizierter Prozess der Disziplinierung einerseits und der Privilegierung der alten technischen und ökonomischen Intelligenz andererseits. Es war ein permanenter Balanceakt zwischen Hofierung ihrer benötigten Kompetenzen und politischer Unterdrückung. Seit 1949 beschloss das SED-Politbüro mehrmals den Aufbau von Zusatzversorgungssystemen für Angehörige der Intelligenz. 1951 wurden die "Intelligenzrente" eingeführt und Einzelverträge abgeschlossen, was teilweise auch die Kinder privilegierte. Die Versorgung mit Wohnraum und in den ersten Jahren noch mit Nahrungsmitteln und Konsumgütern schufen bessere Arbeits- und Lebensbedingungen und sollten die qualifizierten Führungskräfte an ihre Funktion innerhalb der Planwirtschaft binden. Bis in die 1960er-Jahre jedoch hielten die Klagen darüber an, dass sich die technischen und kaufmännischen leitenden Angestellten nicht oder nur widerstrebend der offiziellen Politik, namentlich den Vorgaben der Staatlichen Plankommission unterordnen und dass sie nicht mit den örtlichen Beauftragten der SED zusammenarbeiten würden.

Die Kontrolle ihrer Tätigkeit übernahmen Funktionäre der Partei, die auf allen Ebenen der Wirtschaft, auch in den Betrieben, die zentrale Order durchzusetzen hatten. Aus Sicht der alten, aber auch der inzwischen aus den Hochschulen kommenden neuen Intelligenz waren die von der SED in den Betrieben und Ministerien eingesetzten Funktionäre allerdings keine Partner. Ihre Qualifikation war mangelhaft, sie waren fachlich dem akademisch gebildeten Personal nicht gewachsen. Kontrolleure der "ZK-Brigaden" verschlechterten die Stimmung zwischen der Partei und den Werkleitungen erheblich.

Die Qualifizierung der Parteisekretäre
und die Einbindung der Betriebsleiter in die Parteidisziplin


Die Reibungsverluste für die Planwirtschaft waren auf diese Weise enorm. Diese defizitäre Situation zwang die SED, den eigenen Funktionärskörper besser für seine Aufgaben zu qualifizieren. Die Partei startete in den 1960er-Jahren eine Kampagne zur Qualifizierung ihrer Mitglieder und Funktionäre, namentlich jener, die sich auf Augenhöhe mit den staatlichen Leitern in der Industrie befanden, die in den jeweiligen Fachministerien den Betriebsleitern vorstanden oder in den Bezirks- und Kreisleitungen für die Anleitung und Kontrolle der VEB und später der Kombinate zuständig waren. Die Funktionäre belegten Lehrgänge an der Hochschule für Planökonomie oder besuchten fachliche Weiterbildungen und Seminare, die ihren Kenntnisstand über rechtliche und branchenspezifische Vorgänge auf der betrieblichen Ebene erweitern sollten. Für den Funktionär im Parteiapparat war in den 1960er-Jahren das Studium zum

Diplom-Gesellschaftswissenschaftler und Parteisekretär Horst Sudoma lässt sich die Herstellung von Dioden zeigen, Januar 1967.

(© Bundesarchiv, Bild 183-E0124-0029-001, Foto: Ulrich Kohls)

Diplom-Gesellschafts-wissenschaftler die typische Qualifizierung. Im Ergebnis dieser Kaderpolitik wurde der in der Regel studierte oder sogar promovierte Parteisekretär zum vorherrschenden Typus des Vertreters der SED in den Industriebetrieben und anderen Einrichtungen der Wirtschaft der DDR.

Zeitgleich zu dieser Qualifizierungskampagne des eigenen Funktionärsstamms veränderte sich am Ende der 1960er-Jahre auch die Politik der Partei gegenüber den betrieblichen Führungskadern. Die seit 1961 geschlossene Grenze bot eine günstige Voraussetzung dafür. Ohnehin war das mittlere und obere Leitungspersonal in der Industrie in den späten 1960er-Jahren schon nicht mehr so stark vom Typ des alten akademischen Angestellten geprägt. Zum "bürgerlichen Ingenieur" gesellten sich zunehmend junge, zum Teil aus der Arbeiterklasse stammende und staatsloyale, in vielen Fällen eher missmutig-staatsloyale Ökonomen und Techniker. Ein Teil von ihnen übernahm mit der fachlichen Funktion eines Leiters zugleich die politische Funktion, die Parteilinie im Betrieb durchzusetzen. Äußeres Zeichen war nun die Mitgliedschaft in der SED, die selbst für Leiter unterer Hierarchieebenen zwingend wurde. Selbst für den auf der ersten Stufe der Leiter stehenden Meister wurde eine Mitgliedschaft in der SED obligatorisch. Unter den Leitungskadern der obersten Ebene gab es nur ausnahmsweise keine Mitglieder der SED, eine Reihe von ihnen bekleidete zudem noch neben ihrer betrieblichen Leitung höhere Parteifunktionen.

Der Wechsel von einem fachlich versierten Betriebsleiter zu einem Fachmann, der zugleich Mitglied der SED war bzw. der die Parteidisziplin auch ohne Mitgliedschaft bedingungslos anerkannte, war nicht von heute auf morgen zu erreichen. Eine verbreitete Praxis, den "richtigen" Betriebsleiter auf einen Posten zu bekommen, war ein durch die SED betriebenes "Kaderkarussell". In einer nach 1989 verfassten Chronik des Buna-Werkes Schkopau erinnert ein leitender Ingenieur an diese Zeit: "Ab 1970 wurden in immer kürzeren Zeiträumen alle Leitungsfunktionen neu besetzt. Das lag nicht an den Fähigkeiten oder der Einsatzbereitschaft der leitenden Mitarbeiter, sondern an der rigorosen Durchsetzung der zentralen Losung der SED-Führung von der wachsenden führenden Rolle der Staatspartei auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens, die keinen Widerspruch zur unrealistischen Wirtschaftspolitik der SED duldete. (...) Der Generaldirektor Dr. Hans Singer, der die Neuorganisation des Schkopauer Werkes nur halbherzig mitgetragen hatte, folgte schon nach zweimonatiger Tätigkeit einem Ruf der Technischen Hochschule in Merseburg und wurde ab 1. März 1970 zum ordentlichen Professor ernannt. Generaldirektor des Kombinats wurde Dipl.-Wirtschaftler Oswald Bärwinkel. Da der Generaldirektor des Kombinats Buna nun Mitglied des Sekretariats der SED-Industriekreisleitung wurde, unterstand er jetzt sowohl dem 1. Sekretär der SED-Kreisleitung als auch dem Minister für chemische Industrie. Diese Doppelunterstellung erschwerte seine Leitungstätigkeit."

Der regelmäßige Besuch einer Parteihochschule oder Bezirksparteischule gehörte fortan zum Qualifizierungsprogramm nicht nur der höheren Betriebsleitungskader, ihre "politisch-ideologische Bildung" und "klassenmäßige Erziehung" rangierte vor der fachlichen Ausbildung. Der ehemals enge Nomenklaturkaderstamm wurde von ca. 500 auf ca. 42.000 erheblich erweitert und schloss nun auch leitende Angestellte in der Industrie bis zum Abteilungsleiter ein.

Die "herrschende Funktionselite" in der Industrie
der DDR – ein neuer Typ des betrieblichen Leiters


Die Atmosphäre in den Betrieben, namentlich unter den Angestellten, hatte sich im Resultat dieser Kaderpolitik völlig verändert. Nichts ähnelte mehr der Situation aus den 1950er-Jahren, als ein Funktionär der Partei den Akademiker bürgerlicher Herkunft an die Ziele der SED zu binden suchte. Jetzt hatte es der Parteisekretär mit einem Leiter zu tun, der selbst der Parteidisziplin unterworfen war und die Weisungen der SED zu befolgen hatte. Aus der "Doppelherrschaft" von Partei und staatlicher Leitung war, ungeachtet einer weiterhin bestehenden getrennten Struktur von Partei und staatlicher Administration, eine einheitlich agierende Mannschaft geworden. Die Einheit von politischer und ökonomischer Herrschaft der SED war in einer inzwischen fast völlig verstaatlichten Wirtschaft auf diese Weise personell durchgesetzt.

Welche Eigenschaften und Fähigkeiten musste ein leitender Angestellter – vom Meister bis zum Kombinatsdirektor – haben, um Akteur in dieser Struktur sein zu können? Die folgenden Charakterisierungen sind skizzenhaft, könnten aber für eine – noch ausstehende – Sozialgeschichte der Herrschaft in der DDR einen Baustein legen.

Eine gute Voraussetzung für die Einnahme eines Leitungspostens in der Industrie der DDR war das männliche Geschlecht. Von ca. 200.000 Personen an der Leitungsspitze der DDR-Industrie waren weniger als zehn Prozent Frauen, eingeschlossen die Frauen in den mittleren und höheren Leitungspositionen im Ministerium für Post und Fernmeldewesen sowie Handel und Versorgung. Das war jeweils ein Bruchteil von drei bis vier Prozent der in der jeweiligen Industrie tätigen Frauen. Dagegen schafften es Frauen in großer Zahl auf Positionen und Funktionen mittlerer Leitungsebenen. Aber auch hier endete "vor der Direktorenebene (...) die Aufstiegsschleuse für Frauen". Die Leitung der Industriebetriebe lag somit fast vollständig in Männerhand.

Die streng hierarchische Weisungs- und Kontrollstruktur in der SED und in der DDR-Wirtschaft benötigte zuvörderst einen pflichtbewussten, disziplinierten und subalternen Funktionär, der sich unterordnete und der dies auch von seinen Untergebenen erwartete. Dieses Grundmuster brachte durchaus sehr verschiedene Typen von Subordination hervor, änderte aber nichts an dem vorherrschenden administrativ-autoritären Leitungsstil, der angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Situation in den 1980er-Jahren an Rigidität noch zunahm. Mit einem wie auch immer funktionierenden System der Mitbestimmung oder demokratischen Entscheidungsfindung waren die staatlichen Leiter in der DDR nicht vertraut, weder ließ ihnen das Rapportsystem nach oben derartige Spielräume, noch erlaubten sie solches den ihnen Unterstellten. Vertraut waren sie dagegen mit den Spielregeln einer zentralistischen Mangelwirtschaft, die sie unter Umgehung von Vorschriften etwa durch informelle Beziehungen für sich handhabbar machten. Vertraut waren sie auch im Umgang mit den Defiziten einer Planwirtschaft, die sie mit Hilfe falscher Ergebniszahlen oder Arbeitskräftebestände auszugleichen suchten. Dies waren keine risikobehafteten Handlungen, eher hätten die Verletzungen von solchen Spielregeln Mut zum Risiko erfordert. Trotz solcher und anderer Unmöglichkeiten, eine "ordentliche" Arbeit zu leisten, waren die betrieblichen Leiter und SED-Mitglieder zufriedener mit ihrer Arbeit und mit den vorhandenen Planungsstrukturen als alle anderen Fachleute im Betrieb.

Das Bild wäre schief geraten, wenn bestritten würde, dass die Leitungskader in einem DDR-Industriebetrieb Sachprozesse nach fachlichen Gesichtspunkten zu organisieren hatten. Wie in jedem Unternehmen suchten sie dabei nach den effektivsten Wegen und nach den bestmöglichen technologischen oder betriebswirtschaftlichen Lösungen. Sie waren zum Teil auch technisch interessiert und gebildet und verbrachten ihre Freizeit gern in kleinen Technikzirkeln oder in ihrem Bastelkeller. Vor allem aus den Reihen der unteren Leiter lassen sich einige einem technisch-rationalistisch orientierten Milieu zuordnen. Dennoch blieb eine fachliche Anerkennung durch die ihnen unterstellten Beschäftigten für die meisten Leitungskader – zu Recht oder zu Unrecht – aus. Die bevorzugte Selektion nach parteipolitischer Loyalität leistete tatsächlich einer negativen Auswahl von betrieblichen Führungskräften Vorschub, was ihnen einen souveränen Leitungsstil erschwert haben wird.

Das Verhältnis zwischen den SED-Leitern und den anderen Angestellten im Industriebetrieb war von großer Distanz geprägt, und dies galt nicht nur für die oberen Ebenen in der Leitungshierarchie. Man siezte sich, man hielt nur ausnahmsweise Freundschaften mit SED-Mitgliedern, etwa in familiären Zusammenhängen, wo dies nicht zu vermeiden war. Die Isolierung betrieblicher Leitungskader von der parteilosen Umwelt begann für einen Teil von ihnen bereits sehr früh, spätestens nach dem Ende des Studiums, wo eine gezielte "Kaderpolitik" sie in Sonderprogrammen auf die Leitungsfunktion vorbereitete. Aber auch für die nicht im Rahmen eines Kaderprogramms Aufgestiegenen war der Schritt zum Meister oder Abteilungsleiter der Einstieg in die Parteiherrschaft im Betrieb. Jetzt gehörte er auf die "andere Seite", was die übrigen Beschäftigten auf Distanz gehen ließ.

Eines der interessantesten Ergebnisse meiner Untersuchungen zu den leitenden Angestellten ist die Feststellung eines engen sozialen und kulturellen Zusammenhanges zwischen ihnen. Diese Nähe bestand ungeachtet der Tatsache, dass die interne Hierarchie große Unterschiede im Besitz von Machtressourcen, Informationen, Weisungsbefugnissen und auch Privilegien generierte. Aus der vergleichbaren Funktion und Stellung im Betrieb resultierten derartig enge lebensweltliche und habituelle Zusammenhänge, dass sogar von einem eigenen Milieu gesprochen werden kann. Wer SED-Mitglied war und eine Leitungsfunktion innehatte, verbrachte seine Freizeit tendenziell "unter sich". Dies galt sogar für die Meister, die in der Regel nicht mit Arbeitern befreundet waren und denen kleine Privilegien wie die Zuteilung eines Bungalows oder die Zuweisung guten Wohnraumes in bestimmten Gebieten entsprechende Separierungen erlaubten. Für die Leiter höherer Ebenen gab es andere Angebote. Sie fuhren im Urlaub ins Ausland oder konnten besondere Einrichtungen eines Ministeriums nutzen. Die Wahrscheinlichkeit, sich mit anderen Betriebsangehörigen im Rahmen einer FDGB-Reise oder auf dem Campingplatz zu treffen, war eher gering. Es waren die "feinen Unterschiede" eines Ferienaufenthalts im Ausland oder im Heim eines Ministeriums, die bevorzugte ärztliche Behandlung oder das Eigenheim, welches sie als Teil dieser herrschenden "Dienstklasse" auswies und sie auch als Milieu von anderen Gruppen und Milieus unterschied. Die konsumtiven und anderen Differenzierungen waren in der DDR-Ungleichheitsstruktur bekanntlich gering, funktionierten dennoch als Distinktionen und waren nicht weniger folgenreich für den sozialen Zusammenhang als in einem westlichen Industrieland.

Der Habitus betrieblicher Spitzenkader läßt sich mehrheitlich – trotz proletarischer Herkunft und einer "einfachen" Sprache – am ehesten in die Nähe einer konservativen kleinbürgerlichen Elite einordnen. Der Lebensstil der höheren Leitungskader war eher bescheiden, weder lebten sie in bürgerlicher Gediegenheit, noch prassten sie. Feiern und Feste waren ihnen eher fremd. Ihr Konservatismus kam besonders deutlich in Befragungen zur Haltung gegenüber den (eigenen) Frauen zum Ausdruck, an deren Hausarbeit die leitenden Angestellten sich kaum beteiligten und auch nicht gezwungen waren, dies zu tun. Ein großer Teil der Meister und Betriebsleiter war mit Frauen verheiratet, die in Teilzeit arbeiteten, oder mit Frauen, die nicht erwerbstätig waren, ein für DDR-Verhältnisse besonderes Privileg. In ihrem Partnerverhalten dominierte ein klassisch patriarchalischer Umgang, der den im Arbeiterhaushalt gepflegten noch übertraf. Während der Alltag in der DDR den Arbeiter-Ehemann dazu zwang, sich stärker dem Haushalt zu widmen, konnte der Betriebsleiter dies seiner Frau überlassen. Meister und Betriebsleiter verband zudem noch, dass sie oft Partnerinnen hatten, die einen niedrig qualifizierten Beruf erlernt hatten.

Dieses Oberschichtenmilieu bzw. der damit verbundene Oberschichtenhabitus hatte nichts mehr gemein mit dem der bürgerlichen akademischen Intelligenz, die noch in den 1950er-Jahren die Atmosphäre unter den leitenden Angestellten prägte. Bereits Anfang der 1970er-Jahre kam nur noch zwischen sechs und sieben Prozent der Betriebsleiter der ersten bis dritten Ebene aus einem Elternhaus, in dem der Vater ein Hoch- oder Fachschulstudium vorweisen konnte. Die Tradition des Technikers und Ökonomen mit einem bürgerlichen Selbstverständnis und Selbstwertgefühl war abgebrochen. Ihre Lebensweise, ihre Kultur und auch ihr Selbstverständis trugen mehrheitlich keine Züge eines bürgerlichen Oberschichtenmilieus. Mit den von Sozialforschern vorgeschlagenen Auswahlkategorien bürgerlich-humanistische, rationalistisch-technokratisch und/oder linksintellektuell-alternativ für Oberschichten ist der herrschenden Schicht in der DDR milieutheoretisch nicht näher zu kommen. Ein kleinbürgerliches Elitedenken als Oberklassenhabitus, das sich aus der Parteizugehörigkeit speiste, ist in deren Schema nicht zu finden. Dabei war dies der eigentliche soziale, politische und lebensweltliche Zusammenhalt der betrieblichen Leitungskader in der DDR-Industrie.

Die "ohnmächtige Funktionselite"
– der Diplomingenieur ohne Machtressourcen


Wo aber waren die einer bürgerlichen Tradition verpflichteten Akademiker der ersten Stunde geblieben? Wie veränderte sich überhaupt die Gruppe jener hochqualifizierten Industrieangestellten in jenem Zeitraum, in dem die Modernisierung der Herrschaft in Gestalt des Fachmannes unter Parteidisziplin im Betrieb durchgesetzt wurde?

Die Hochschulausbildung von Ingenieuren, Technikern und Ökonomen für die DDR-Wirtschaft war seit dem Ende der 1960er-Jahre enorm verstärkt worden. Über 12.000 Diplomingenieure, das waren 4,7 Prozent des Altersjahrganges, beendeten 1975 ihre Ausbildung. Neben diese traditionelle Ingenieurausbildung trat in der DDR die Qualifikation zum Fachschulingenieur und

Walter und Lotte Ulbricht empfangen anläßlich des 20. Gründungstages des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) und des Internationalen Frauentages "200 hervorragende Bürgerinnen" in Berlin, 9. März 1967. (© Bundesarchiv, Bild 183-F0309-0201-004, Foto: Ulrich Kohls)

Ingenieur-Ökonom, letztere wurde im Zuge der Frauenförderung als Studium mit besonders günstigen Bedingungen bevorzugt von Frauen genutzt. Ihrer großen Anzahl wegen nahm die Fachschulqualifikation einen besonderen Platz in der DDR-Wirtschaft ein. Bereits Ende der Sechzigerjahre gab es in der DDR mehr Fachschulingenieure als in Westdeutschland. 1989 waren in der DDR insgesamt 370.000 Ingenieure tätig, darunter zwei Drittel, die ihre Ausbildung an einer Fachschule absolviert hatten. Mit der Einführung der Allgemeinbildenden Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule war der direkte Weg zur Aufnahme einer Fachschulausbildung zum Ingenieur, Ökonom oder Agrarökonom frei geworden. Fraglos hob diese Art "Schmalspurakademisierung" und "Schnellbesohlung", wie die Abendschulkurse für Fachschulingenieure genannt wurden, das Niveau der Beschäftigten in der DDR-Industrie insgesamt an, der traditionsbewusste Ingenieurstand verlor erheblich an Prestige. Die vielen Angestellten in der Produktion und in den Verwaltungen, deren Ausbildungsniveau und deren Tätigkeit einer Ausbildung und einer Tätigkeit des Facharbeiters mehr glichen als denen eines Ingenieurs, waren kein Aushängeschild für ihn. Hinzu kam eine im Vergleich zu den Produktionsarbeitern schlechte Bezahlung beider Ingenieurtypen, was das gesellschaftliche Ansehen des Ingenieurs in der DDR gegenüber seiner traditionellen Hochschätzung in der deutschen Betriebstradition weiter sinken ließ. Nicht einmal an einer deutlichen Differenz in den Gehaltshöhen zwischen denen, die eine Hochschule absolviert und jenen, die eine Fachschule besucht hatten, konnte sich das Selbstbewusstsein des diplomierten DDR-Ingenieurs aufrichten. Erst die Übernahme einer Leitungsfunktion schuf hier so etwas wie eine an traditionellen Maßstäben gemessene "Gehaltsgerechtigkeit". Hinzu kam, dass zusammen mit den in die Betriebe strömenden Ingenieuren und Ökonomen rasch eine Überkapazität dieses Qualifikationstyps entstand, was durch die teilweise stagnierende wirtschaftliche Entwicklung noch verschärft wurde. Es gab in den 1970er- und 80er-Jahren häufig keine Einsatzbereiche für die neuen (und alten) Ingenieure, sodass die Diplomierten – traditionell in der Forschung und Entwicklung tätig – in der EDV und im Absatz eingesetzt wurden. Vielerorts wurden bisher nur für Fachschulabsolventen vorgesehene Planstellen in solche umgewandelt, die auch von Hochschulabsolventen besetzt werden konnten. Immer verbreiteter und damit "normaler" wurde in den Industriebetrieben der DDR ein nichtfachgerechter Einsatz von Hoch- und Fachschulabsolventen, betroffen waren davon zeitweise fast 60 Prozent der Absolventen.

Diese Entwicklung bietet eine zentrale Erklärung für die Situation und das Selbstverständnis dieser Angestelltengruppe. Im Ergebnis einer unveröffentlicht gebliebenen soziologischen Untersuchungen aus den 1980er-Jahren zu den Angestellten in der DDR-Industrie, stellte sich heraus, dass die Gruppe der nichtleitenden Angestellten mit einer Hoch- oder Fachschulqualifikation die unzufriedenste Beschäftigtengruppe überhaupt war. Den wichtigsten Grund für ihre mangelnde Zufriedenheit und für ihre schlechte Arbeitsmotivation fanden die Wissenschaftler in dem beschriebenen Umstand eines unqualifizierten Arbeitseinsatzes. Ihr Potential lag jedoch noch aus anderen Gründen brach. Ihre fehlende Parteizugehörigkeit versperrte ihnen nicht nur den Karriereweg in der Betriebshierarchie, sie waren damit auch von den entsprechenden Informationen über das Betriebsgeschehen ausgeschlossen. Und dennoch gab es eine Vielzahl von Fachleuten, die den Eintritt in die SED verweigerten und sich auf dem zweiten Platz einrichteten. Offensichtlich wollten sie ihre soziale und politische Zugehörigkeit nicht verlassen und nicht in ein parteiloyales Milieu wechseln. Dies wäre aber die Konsequenz gewesen, hätten sie das "Eintrittsbillett" mit einer Mitgliedschaft in der SED gezahlt. "Leiter werden", erinnert sich eine Software-Ingenieurin, "das war auch nicht so erstrebenswert, fand ich. Also, das verband ich auch immer mit einem, der so ziemlich auf der Parteiseite steht und – nee, wollte ich eigentlich nicht. Also, wer Leiter werden wollte, der musste sich dann schon mit reinhängen."

Die parteilosen Ingenieure fühlten sich zudem noch dadurch zurückgesetzt und vom betrieblichen Know-how ausgeschlossen, dass ihnen in der Regel nicht der Status eines "Geheimnisträgers" zugesprochen wurde. Dieser war den loyalen, parteigebundenen Leitern, Reisekadern oder leitenden Fachkräften des Betriebes vorbehalten, die sich auf diese Weise mit dem westlichen Standard vertraut machen konnten. Ein parteiloser Ingenieur, der nach seinem im Abendstudium erworbenen Diplom weiterhin jahrelang auf seinem alten Arbeitsplatz verbringen musste, meinte resigniert: "Das hätte ich mir sparen können, die ganze Schule. Ich weiß nicht, vielleicht hatten sie auch weniger Aufträge? Mir ham'se jedenfalls nichts gegeben. Kein Stück, ich hab nach dem Studium kein Stück mal bearbeitet. Und wie's dann um den Kontakt zu unseren Partnern in Schweden ging, war ja mein Spezialgebiet, da hab ich davon erst hinterher erfahren."

Die von einer derartigen Nähe zur Betriebsleitung ausgeschlossenen parteilosen Fach- und Hochschulabsolventen im Industriebetrieb mussten ihr Selbstwertgefühl allein aus ihrer fachlichen Qualifikation ziehen, was häufig dazu führte, dass sie die eigenen Fähigkeiten überbetonten. Ihr Verhältnis zur parteilichen Leitungsebene war in der Regel von großer Distanz geprägt. In ihrem Selbstverständnis waren sie mehrheitlich unpolitisch. In den 1980er-Jahren war dieses Verhältnis durch zunehmende Kritik und nicht selten durch Verachtung gegenüber den parteitreuen Leitern geprägt, welche sich – dies war alltäglich und unschwer zu bemerken – im Konfliktfall der Parteilinie zu beugen hatten. Mit ihrem Selbstverständnis, es besser zu wissen als die nach politischen Kriterien ausgesuchten und der parteipolitischen Order unterworfenen Vorgesetzten, gehörten sie 1989 zu den wichtigsten Akteuren einer betrieblichen "Wende".

Aber nicht nur die SED-Mitgliedschaft schuf eine Trennungslinie zu den leitenden Angestellten, die qualifizierten Parteilosen unterschieden sich signifikant in ihrer Lebensweise, ihren Werten und Einstellungen von ihnen. Die bereits zitierte Untersuchung von 1976 weist nach, dass sie häufig Partner mit gleichen Einkommen und vergleichbarer Qualifikation heirateten, was dazu führte, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung hier am geringsten ausgeprägt war. Entsprechend "modern" waren ihre Einstellungen zur Partnerschaft, zur Kindererziehung oder zum Konsum. Letzterer war trotz hoher Qualifikation bescheiden und hätte sich erst mit der Übernahme einer Leitungsfunktion verbessert.

Ihr Distinktionsmittel war die Bildung, ein typisches Merkmal bürgerlicher Lebensweise. Dennoch erscheint es problematisch, dieser kulturellen und Bildungsaktivitäten wegen, die qualifizierten Industrieangestellten in der DDR einem bürgerlichen Milieu zu zurechnen. Denn obwohl sich die Angestellten mit einem Fach- oder Hochschulabschluss aufgrund ihrer Qualifikation den ebenfalls hochqualifizierten Leitungskadern hätten verbunden fühlen müssen, standen sie der Lebenswelt und den Werten der einfachen Angestellten in Vielem näher. In ihrer Mehrzahl arbeiteten, lebten und sprachen diese qualifizierten Angestellten wie gut ausgebildete Facharbeiter. Anders gesagt: Ihre besondere Situation als Wissensträger ohne politische und ökonomische Macht, ihre Ohnmacht im betrieblichen Entscheidungsprozess und nicht zuletzt die Tatsache, dass die Herkünfte und der Bildungsweg der Mehrheit unter ihnen dem eines Facharbeiters ähnlich waren, ließ sie sich stärker zu den einfachen Angestellten hingezogen fühlen als zu den Leitungskadern. Hier scheint neben der allgemeinen industriellen Entwicklung eine DDR-Spezifik zum Tragen zu kommen. Eine 1991 durchgeführte Befragung hat zu dem erstaunlichen Ergebnis geführt, dass sich 61 Prozent der DDR-Bevölkerung in ihrer Selbstverortung als zur Unter- und Arbeiterschicht gehörig zählten.

Die Generation der Ingenieure und Ökonomen, die Ende der 1960er-Jahre ihre Arbeit aufnahm, kam mehrheitlich aus einem sozialen Herkunftsmilieu von Arbeitern und kleinen Angestellten. Nur 20 Prozent von ihnen hatte einen Vater, der eine Hoch- oder Fachschulbildung besaß. Zudem kann die in den 1960er-Jahren gestartete Qualifizierungskampagne im Ergebnis kaum dazu geeignet gewesen sein, einen akademischen Elitetypus in der Art des traditionellen Ingenieurs mit entsprechendem Statusbewusstsein hervorzubringen. Der Annahme, wonach sich diese zweite Generation von Ingenieuren und anderen parteilosen Fachleuten in der Industrie der DDR dem bürgerlichen Habitus ihrer Vorläufergeneration angeschlossen hätte, kann deshalb hier nicht gefolgt werden. Der Vorgang ist treffender mit den Begriffen "Entbürgerlichung" und "Proletarisierung der Angestellten" zu beschreiben. Die Gruppe der nichtleitenden qualifizierten Angestellten im VEB bildete kein einheitliches Milieu. Sie gehörte zu Teilen zu einem kleinbürgerlich-materialistischen, einem rationalistisch-technokratischen Milieu der Mittelklasse, zu einem hedonistischen und mehrheitlich zu einem traditionellen Arbeitermilieu. Fraglos gab es auch Personen mit einem bildungsbürgerlich oder traditionell akademischen Habitus. Dies erlangte einige Bedeutung vor allem für das Ende der DDR, als sich außerhalb des Betriebes ein kulturelles, protestantisches, bildungsbürgerliches Milieu – wenn auch nur im Kleinen – entwickelte. Zu ihnen gehörten auch unzufriedene Techniker, Ingenieure, Forscher, Entwickler, Laborantinnen und Elektroniker. Ob sie dort im Selbstverständnis eines Akademikers alter Tradition agierten, ist eher unwahrscheinlich. Dies könnte ohnehin nur eine Forschung herausfinden, die die Ebene der Betriebe verlassen hat.

Fussnoten

Fußnoten

  1. Vgl. Renate Hürtgen, Angestellt im VEB. Loyalitäten, Machtressourcen und soziale Lagen der Industrieangestellten in der DDR, Münster 2009, S. 21–31. Die Themen und Argumentationen im vorliegenden Beitrag entsprechen verschiedenen Kapiteln des Buches und sind dort ausführlich belegt.

  2. Vgl. zur Geschichte der Angestellten und der Angestelltenforschung: ebd., S. 7–37.

  3. Vgl. Estrid Binder, Das Verhältnis zur Arbeit bei nichtleitenden Angestellten im sozialistischen Industriebetrieb, [unveröff.] Diss. A Halle-Wittenberg 1985.

  4. Die Episode der Gründung einer Angestelltengewerkschaft (1946–1949), die rasch mit einer kampagneartigen Diffamierung der Angestellten beendet wurde und der Aufbau einer Einheitsgewerkschaft, die nach dem Prinzip "eine Branche – eine Gewerkschaft" funktionierte, macht diese Zugehörigkeit deutlich. Vgl. Hürtgen (Anm. 1), S.47-53.

  5. Vgl. Georg Wagner-Kyora, Loyalität auf Zeit – zur Identität der Management-Elite in der Industrie der DDR in den fünfziger Jahren, in: Peter Hübner (Hg.), Eliten im Sozialismus. Beiträge zur Sozialgeschichte der DDR, Köln u.a. 1999, S. 299–308.

  6. Vgl. Dierk Hoffmann, Sicherung bei Alter, Invalidität und für Hinterbliebene, Sonderversorgungssysteme, in: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, Hg. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung/Bundesarchiv, Bd. 8, Baden-Baden 2006, S. 329–375.

  7. Hürtgen (Anm. 1), S. 107.

  8. Dolores L. Augustine, Berufliches Selbstbild, Arbeitshabitus und Mentalitätsstrukturen von Softeware-Experten der DDR, in: Hübner (Anm. 5), S. 405–434, hier 421.

  9. Vgl. Hürtgen (Anm. 1), S. 149–173.

  10. Heinz Rehmann, Das Buna-Werk Schkopau. Zum 70. Jahrestag der Grundsteinlegung des ersten deutschen Buna-Synthesekautschukwerkes am 25. April 1936 in Schkopau, Teil II, 1996, S. 5 (Hervorhebung i. Orig.). – Den Text hat mir Friederike Sattler zur Verfügung gestellt.

  11. Matthias Wagner, Ab morgen bist du Direktor. Das System der Nomenklaturkader in der DDR, Berlin 1998., S. 60 u. 100f.

  12. Vgl. Hürtgen (Anm. 1), S. 124–148 u. 243–253.

  13. Vgl. zur Parteiherrschaft im Betrieb: ebd., S. 124–129.

  14. Der sog. X-Bereich, der alle Parteiinstitutionen, alle militärischen Einrichtungen, alle Betriebe der SMAD und die SDAG Wismut umfasste, ist hier nicht enthalten.

  15. Vgl. Hildegard Maria Nickel, "Mitgestalterinnen des Sozialismus" – Frauenarbeit in der DDR, in: Gisela Helwig (Hg.), Frauen in Deutschland. 1945–1992, Berlin 1993, S. 233–256, hier 236.

  16. Vgl. Jörg Roesler/Dagmar Semmelmann, Vom Kombinat zur Aktiengesellschaft. Ostdeutsche Energiewirtschaft im Umbruch in den 191980er und 1990er Jahren, Bonn 2005, S. 404.

  17. Vgl. Autorenkollektiv, Über die soziale Struktur der Arbeiterklasse. Ergebnisse einer repräsentativen soziologischen Untersuchung in der Zentralgeleiteten sozialistischen Industrie der DDR, Teil I–III, Akademie für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Institut für Marxistisch-Leninistische Soziologie, Berlin (O.) 1977.

  18. Vgl. Peter Hübner, Menschen – Macht – Maschinen. Technokratie in der DDR, in: ders. (Anm. 5), S. 325–360.

  19. Die von Heike Solga für die DDR entwickelte Begrifflichkeit ist leider noch nicht weiterentwickelt worden: vgl. Heike Solga, Auf dem Weg in eine klassenlose Gesellschaft? Klassenlagen und Mobilität zwischen Generationen in der DDR, Berlin 1995.

  20. Vgl. Hürtgen (Anm. 1), S. 53–64.

  21. Bereits 1975 war diese Kohorte der Betriebsleiter und Funktionäre im Betrieb durchschnittlich älter als andere Angestellte, was einen gewissen Konservatismus verstärkt haben könnte.

  22. Autorenkollektiv (Anm. 17), Bd. I, Tab. S. 128.

  23. Vgl. Michael Vester u.a. (Hg.), Soziale Milieus in Ostdeutschland. Gesellschaftliche Strukturen zwischen Zerfall und Neubildung, Köln 1995, S. 15.

  24. Barbara Giessmann, Ostdeutsche Ingenieure im Transformationsprozess – zwischen Kontinuität und Bruch, in: Ingrid Drexel/dies. (Hg.), Berufsgruppen im Transformationsprozess. Ostdeutschlands Ingenieure, Meister, Techniker und Ökonomen zwischen Gestern und Übermorgen, Frankfurt a. M./New York 1997, S. 63–90, hier 63.

  25. Autorenkollektiv (Anm. 17), Bd. I, S. 65.

  26. Ebd., Bd. II, S. 18–25.

  27. Augustine (Anm. 8), S. 428.

  28. Interview d. Vf. m. Peter Groß, 10.3.2006.

  29. Vgl. Datenreport 1992, S. 539. Vgl. auch: Peter Hübner, Zentralismus und Partizipation: Soziale Interessen im "vormundschaftlichen Staat", in: Dierk Hoffmann/Michael Schwartz (Hg.), Sozialstaatlichkeit in der DDR, München 2005, S. 115–133, hier 116.

  30. Georg Wagner-Kyora, Vom "nationalen" zum "sozialistischen" Selbst. Erfahrungsgeschichte deutscher Chemiker und Ingenieure im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2009.

  31. Vgl. zur "Entbürgerlichung": Ralf Jessen, Professoren im Sozialismus, Aspekte des Strukturwandels der Hochschullehrerschaft in der Ulbricht-Ära, in: Hartmut Kaelble u.a. (Hg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 217–253.

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Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF), Potsdam.