Sharon Adler: Du wurdest in Rumänien geboren, aber hast in Österreich, den Vereinigten Staaten, Kanada, Belgien und Italien gelebt. Wie kam es dazu, dass du von Land zu Land umgezogen bist?
Eva Haller: Ich bin in Timișoara geboren. Dieser Teil von Rumänien war mindestens dreisprachig. Auf Ungarisch heißt es Temesvár, auf Deutsch früher Temeschburg. Nach dem Zweiten Weltkrieg, ich war noch ein Kind, sind meine Eltern ausgewandert. Ihre erste Station war Wien. Als jüdische Emigranten wurde man damals meist von der Sochnut,
Mein Vater hatte mit der HIAS,
Meine Eltern und ich wanderten also nach New York aus, aber anders als ich fühlten sie sich dort nicht wohl. Sie gingen nach Deutschland, nach Frankfurt am Main, und ich blieb bei meinem Onkel und meiner Tante, bis ich 18 Jahre alt war, machte mein Abitur und ging aufs College. Ich wollte eigentlich in New York bleiben, aber auf ihren Wunsch hin ging ich zu meinen Eltern. Deutschland war nichts für mich, deshalb zog ich zum Studieren nach Belgien.
Sharon Adler: Deine Eltern sind Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung. Wie und wo haben sie sich kennen gelernt?
Eva Haller, geboren 1948 in Timișoara als Tochter von Überlebenden der NS-Verfolgung, sagt über ihr Engagement: „Immer da, wo ich nur einen Schatten einer Ungerechtigkeit gesehen habe – nicht nur Juden gegenüber –, war ich voll da, um zu kämpfen, mich aufzulehnen und nichts zuzulassen.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller, geboren 1948 in Timișoara als Tochter von Überlebenden der NS-Verfolgung, sagt über ihr Engagement: „Immer da, wo ich nur einen Schatten einer Ungerechtigkeit gesehen habe – nicht nur Juden gegenüber –, war ich voll da, um zu kämpfen, mich aufzulehnen und nichts zuzulassen.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller: Die Familie meiner Mutter kommt aus Transsilvanien, was damals zu Ungarn gehörte. Es war eine große Familie, und meine Mutter war die Jüngste und das einzige Mädchen von acht Kindern. Die gesamte Familie wurde deportiert, nur drei Brüder und meine Mutter haben überlebt. Alle anderen Familienangehörigen, auch die Eltern, wurden in Konzentrationslagern vergast. Meine Mutter war in verschiedenen Lagern, zum Ende des Krieges in Auschwitz. Wie viele andere, die die Shoah überlebt haben, war das Erste, was sie wollte, nach Hause zu gehen, um nach überlebenden Familienmitgliedern zu suchen.
So kam meine Mutter, psychisch und physisch zerstört, aus dem Lager zurück nach Baia Mare, das nach dem Krieg zu Rumänien gehörte, und erfuhr, was mit der Familie passiert ist. Weil ihre Brüder sie nicht angemessen versorgen konnten, kam sie nach Timișoara, wo es jüdische Familien gab, die Shoah-Überlebende bei sich aufnahmen. Als meine Mutter am Bahnhof von Timișoara ankam, stand am Bahnsteig auch mein Vater, der einen Verwandten abholen sollte, als „ein abgemagertes Mädel mit ganz großen Augen“ aus dem Zug ausstieg, wie er sich später erinnerte.
Als ihre „Blicke sich trafen“, war es für sie wie ein coup de foudre,
Meine Mutter sprach Ungarisch und Jiddisch, und mein Vater sprach Russisch, Rumänisch und Jiddisch. Er hat Ungarisch gelernt, meine Mutter Rumänisch – auch wir als Kinder –, und Jiddisch war ihre gemeinsame Sprache. Mein Geburtsname ist Spoleanschi. Meine Großeltern väterlicherseits kamen aus Russland. Mein Vater ist während der Pogrome in Czernowitz
Sharon Adler: Wurde in deinem Elternhaus über diese Zeit geschwiegen oder gesprochen?
Eva Haller: Selbstverständlich wussten wir von der Shoah und dass die Familie ermordet wurde. Aber meine Mutter hat mir, im Gegensatz zu meinem sieben Jahre jüngeren Bruder, nur wenig erzählt. Ich habe auch nicht aktiv danach gefragt. Ich wollte nicht hören, was man ihr oder meinem Volk angetan hat. Ob mein Bruder mehr von ihr erfuhr oder nicht, ob verbal oder nonverbal, weiß ich nicht, aber anscheinend hat sie ganz Auschwitz an ihn weitergegeben. Er trägt ganz Auschwitz in sich.
Eva Haller Eva Haller erinnert sich an den Austausch mit anderen Kindern von Überlebenden in Kindheit und Jugend: „Es war wie ein Damoklesschwert über uns allen. Auschwitz und der Holocaust sind in meiner Generation in unserer DNA. Wir wussten alle mehr oder weniger Bescheid, je nachdem, was die Eltern erzählt oder weitergegeben haben, aber es war kein Thema, über das gesprochen wurde.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller Eva Haller erinnert sich an den Austausch mit anderen Kindern von Überlebenden in Kindheit und Jugend: „Es war wie ein Damoklesschwert über uns allen. Auschwitz und der Holocaust sind in meiner Generation in unserer DNA. Wir wussten alle mehr oder weniger Bescheid, je nachdem, was die Eltern erzählt oder weitergegeben haben, aber es war kein Thema, über das gesprochen wurde.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Sharon Adler: Wie hast du in deiner Kindheit und Jugend den Austausch mit anderen Kindern von Überlebenden erlebt?
Eva Haller: Es war wie ein Damoklesschwert über uns allen. Auschwitz und der Holocaust sind in meiner Generation in unserer DNA. Wir wussten alle mehr oder weniger Bescheid, je nachdem, was die Eltern erzählt oder weitergegeben haben, aber es war kein Thema, über das gesprochen wurde.
Sharon Adler: Haben dich die Erinnerungen und Berichte deiner Eltern beziehungsweise ihr Schweigen für dein späteres Engagement geprägt?
Eva Haller: Ja, ich denke schon. Immer da, wo ich nur einen Schatten einer Ungerechtigkeit gesehen habe – nicht nur Juden gegenüber –, war ich voll da, um zu kämpfen, mich aufzulehnen und nichts zuzulassen. Es sind mehrere Dinge: Zum einen lebe ich jeden Tag Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Respekt. Meine Mutter hat mir durch ihre Weichheit und ihre Güte die Fähigkeit weitergegeben, nicht zu hassen. Sie hat immer gesagt: „Mein liebes Kind, wenn du auf deinem Rücken einen Rucksack voller Hass hast, wirst du zusammenbrechen.“ Von meiner Mutter habe ich meine Resilienz und meinen Kampfgeist mitbekommen.
Was mich zum anderen ausmacht, ist das Multikulturelle, die Sprachen, das Miteinander, der Respekt und die Gleichberechtigung der Ethnien und Religionen: Das wurde mir in Timișoara in die Wiege gelegt. Erst zu meinem 70. Geburtstag kam ich wieder in die Stadt zurück, in der ich geboren wurde, niemals zuvor. Als ich diese Stadt dann kennenlernte, habe ich verstanden, dass mein ganzes Leben eine Perlenkette war, mit verschiedensten Stationen, die ich leben und erleben musste, um zu reifen und das zu sein, was ich heute bin. Es ist bis heute eine multikulturelle und unwahrscheinlich schöne Stadt. Eine Stadt im Jugendstil. Eine Stadt mit fünf Synagogen, eine schöner als die andere. Diese drei Elemente begleiten mich mein ganzes Leben lang.
Sharon Adler: Du hast Journalismus und Linguistik in New York, Tel Aviv und Brüssel studiert und 1980 das Radio Judaïca mitbegründet. Welche Themen habt ihr behandelt, und wer war euer Publikum?
Eva Haller: Als Studentin in Brüssel bewegte ich mich in jüdischen Kreisen. Aus einer Laune heraus kam bei einem Picknick mit Freunden die Idee einer jüdischen Stimme auf – so entstand Externer Link: Radio Judaïca. Unser Studio begann sehr bescheiden, mit einem Tisch und einem Mikrofon, wuchs aber durch Spenden und Werbung, und wir wurden später auch von der Jüdischen Gemeinde Brüssel finanziell unterstützt. Anfangs behandelten wir vor allem lokale Themen rund ums Gemeindeleben, blickten aber auch nach Antwerpen und nach Israel.
Sabine Cohn, die heute in Israel lebt, war die hebräische Stimme. Wir führten Interviews mit Persönlichkeiten und berichteten über Ereignisse in den jüdischen Gemeinden. Meine Aufgabe als Korrespondentin war es, Kontakte nach Deutschland zu pflegen und über jüdische Gemeinden und deutsch-jüdische Communitys zu berichten. Die Themen bei Radio Judaïca waren größtenteils jüdisch und gesellschaftspolitisch. Als Gründungsmitglied unterstützte ich die Entscheidung, in mehreren Sprachen zu senden – insgesamt waren es zwölf –, damals ein absolutes Novum. Radio Judaïca existiert bis heute; kürzlich erzählte mir jemand in Lyon von der europäischen Reichweite.
Gründung, Ziele, Projekte, Arbeit der Europäischen Janusz Korczak Akademie e. V. (EJKA)
Sharon Adler: Inwieweit helfen dir deine Erfahrungen in der Medienarbeit in der Europäischen Janusz Korczak Akademie? Welche Rolle spielt Medienarbeit für dich heute?
Eva Haller: Radio war und ist mein Element. Meine Arbeit bei Radio Judaïca und später beim TV-Kanal der Akademie hat mir gezeigt, wie stark Medien Brücken bauen können. Ich habe gelernt, Menschen zu erreichen, Geschichten zu erzählen und Dialoge anzustoßen – genau diese Erfahrungen fließen in die Arbeit der Janusz Korczak Akademie ein.
Sharon Adler: 2006 bist du aus Italien nach München gezogen, wo du zunächst in der Kultur- und Jugendabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern gearbeitet hast. Wie kam es dazu? Und wie entstand die Idee zur Gründung der Europäischen Janusz Korczak Akademie e.V. (EJKA)?
Fotocollage in der Europäischen Janusz Korczak Akademie. Zu sehen sind Eva Haller, Stanislav Skibinski und Janusz Korczak. Eva Haller erklärt: „Eigentlich ist Stanislav der Korczakianer. Wir saßen in einem Café und er erzählte mir von Janusz Korczak. Stanislav hat schon als junger Mann in Sankt Petersburg das dortige Janusz-Korczak-Institut geleitet. Er ist ausgebildeter Pädagoge und meinte, dass man auf den pädagogischen Grundsätzen Korczaks eine jüdische Organisation gründen könnte.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Fotocollage in der Europäischen Janusz Korczak Akademie. Zu sehen sind Eva Haller, Stanislav Skibinski und Janusz Korczak. Eva Haller erklärt: „Eigentlich ist Stanislav der Korczakianer. Wir saßen in einem Café und er erzählte mir von Janusz Korczak. Stanislav hat schon als junger Mann in Sankt Petersburg das dortige Janusz-Korczak-Institut geleitet. Er ist ausgebildeter Pädagoge und meinte, dass man auf den pädagogischen Grundsätzen Korczaks eine jüdische Organisation gründen könnte.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller: Als ich nach München kam, kontaktierte ich die Leiterin des Kulturzentrums der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern Ellen Presser, die mich fragte, ob ich mich ehrenamtlich bei der Einweihung der Synagoge Ohel Jakob betätigen wolle. So stand ich an den Eröffnungstagen am Eingang des Gemeindezentrums und begleitete die Gäste. Ich tat das in den jeweiligen Sprachen der Gäste. Irgendwann fiel das jemandem auf, und so kam es, dass ich gefragt wurde, ob ich für die Jüdische Gemeinde tätig sein möchte. Ich sagte zu, und habe von etwa 2007 bis 2009 in der Kulturabteilung bei Ellen Presser gearbeitet. Dann habe ich kurze Zeit die Jugendabteilung geleitet und in der Zeit den Jugendleiter Stanislav Skibinski kennengelernt, der mir vorschlug, eine jüdische Bildungsinstitution zu gründen, wo ich, wie er sagte, all meine „verrückten Ideen umsetzen“ könne. Ich ließ mich gerne darauf ein.
Eigentlich ist Stanislav der Korczakianer. Wir saßen in einem Café und er erzählte mir von Janusz Korczak.
Sharon Adler: Was verbindet dich persönlich mit Janusz Korczak und seinen Prinzipien im Sinne der Kinderrechte?
Eva Haller: Eigentlich alles. Ich habe zwei Kinder, die ich geboren habe, aber ich war auch Pflegemutter von zwei weiteren Kindern. Zwei Jungs, der eine ist jüdisch, der andere ist nicht-jüdisch. Und ohne jemals von Janusz Korczak gehört zu haben, habe ich seine Prinzipien gelebt, auch als alleinerziehende Mutter. Die Elemente von Janusz Korczaks Prinzipien sind, Empathie und das Gefühl von Liebe und Geborgenheit zu geben. Und das Kind als vollwertigen Menschen anzunehmen und immer zuzuhören, auch in Konfliktsituationen. Die Möglichkeit, dem Kind zuzugestehen, Fehler zu machen und daraus zu lernen und sie zu korrigieren. Das Kind zu begleiten, aufmerksam nach seinen Bedürfnissen und nach seinen Fähigkeiten, und nichts aufzuzwingen. Das alles ist Janusz Korczak.
Eva Haller sagt über Janusz Korczak (1878 oder 1879-1942, eigentlich Henryk Goldszmit) und seine Prinzipien im Sinne der Kinderrechte: „Die Elemente von Janusz Korczaks Prinzipien sind, Empathie und das Gefühl von Liebe und Geborgenheit zu geben. Und das Kind als vollwertigen Menschen anzunehmen und immer zuzuhören, auch in Konfliktsituationen. Die Möglichkeit, dem Kind zuzugestehen, Fehler zu machen und daraus zu lernen und sie zu korrigieren.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller sagt über Janusz Korczak (1878 oder 1879-1942, eigentlich Henryk Goldszmit) und seine Prinzipien im Sinne der Kinderrechte: „Die Elemente von Janusz Korczaks Prinzipien sind, Empathie und das Gefühl von Liebe und Geborgenheit zu geben. Und das Kind als vollwertigen Menschen anzunehmen und immer zuzuhören, auch in Konfliktsituationen. Die Möglichkeit, dem Kind zuzugestehen, Fehler zu machen und daraus zu lernen und sie zu korrigieren.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Bildungsprojekte der Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA)
Sharon Adler: Die EJKA bietet Bildungsangebote für die Erwachsenen- und Jugendbildung sowie für Unternehmen. Welche Programme und Maßnahmen tragen besonders dazu bei, die Vielfalt jüdischen Lebens sichtbar zu machen und Vorurteile abzubauen?
Eva Haller: Die Europäische Janusz Korczak Akademie, 2009 gegründet, ist eine offene jüdische Bildungseinrichtung, deren Ziel es ist, Wissen zu vermitteln, die jüdische Gemeinschaft zu stärken und Berührungsängste abzubauen. Mit drei Bildungszentren in München, Berlin und Duisburg bietet die Akademie Programme für Schulen, Unternehmen sowie für die Erwachsenen- und Jugendbildung an und erreicht so ein breites Publikum.
Die Angebote verbinden formelle und informelle Bildungsformate: Seminare, Workshops, Pilotprojekte und Veranstaltungen mit Expertinnen und Experten vermitteln historische, kulturelle und gesellschaftliche Perspektiven. Ein zentraler Ansatz ist das Peer-to-Peer-Prinzip, besonders bei der Arbeit mit Jugendlichen: Junge Menschen begegnen sich auf Augenhöhe, können frei Fragen stellen und lernen voneinander, etwa in Projekten wie „Meet a Jew“. Thematische Schwerpunkte sind unter anderem jüdisches Leben in Deutschland, Holocaust-Erinnerungsarbeit, demokratische Bildung, Prävention von Antisemitismus und Antiisraelismus, Israel und die deutsch-israelischen Beziehungen. Ergänzt wird das Angebot durch Medienbildung, die Kinderrechte nach Janusz Korczak, interkulturelle Bildungsarbeit sowie Unterstützung von geflüchteten Jugendlichen.
Die Akademie arbeitet mit drei „Werkzeugen“: Bildung, Beratung und gesellschaftlicher Vernetzung. Ihr Selbstverständnis beruht auf der klassischen jüdischen Bildungs- und Lehrtradition, die kritisches Nachfragen, intensive Textarbeit und Dialog zwischen Lehrenden und Lernenden fördert. Ziel ist es, Toleranz zu stärken, Vorurteile abzubauen und die Fähigkeit zu entwickeln, medial vermittelte Inhalte kritisch einzuordnen. Im Sinne von Tikkun Olam – der „Reparatur der Welt“ – will die EJKA so einen Beitrag zu Offenheit, Respekt und Toleranz leisten, gerade angesichts des wieder stärker aufkommenden Antisemitismus und gesellschaftlicher Herausforderungen.
Sharon Adler: Welches EJKA-Projekt widmet sich gezielt den Themen rund um Dialogkompetenz?
Eva Haller: YouthBridge ist ein interkulturelles und interreligiöses Leadership-Programm der EJKA in München, das 2017 nach dem Vorbild von YouthBridge New York ins Leben gerufen wurde. Es zielt darauf ab, Vorurteile, Radikalisierung und gesellschaftliche Spaltung durch den Aufbau von Vertrauen, Dialog und gemeinsamen Projekten zu überwinden. Jugendliche aus unterschiedlichen Communities wachsen durch Begegnung und Zusammenarbeit zu aktiven, verantwortungsvollen Führungspersönlichkeiten heran und bauen Brücken zwischen Kulturen, Religionen und sozialen Gruppen.
Eva Haller sagt über YouthBridge, eines der EJKA-Projekte zur Förderung von Dialogkompetenz: „Das Programm umfasst Bildungsreisen innerhalb Bayerns und ins Ausland – etwa nach Israel, Bosnien oder in die USA –, um globale Perspektiven auf interreligiösen und interkulturellen Dialog zu gewinnen." (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller sagt über YouthBridge, eines der EJKA-Projekte zur Förderung von Dialogkompetenz: „Das Programm umfasst Bildungsreisen innerhalb Bayerns und ins Ausland – etwa nach Israel, Bosnien oder in die USA –, um globale Perspektiven auf interreligiösen und interkulturellen Dialog zu gewinnen." (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Das zweijährige Programm umfasst Seminare zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Demokratie, interreligiöser und interkultureller Dialog, Radikalisierungsprävention und Erinnerungskultur. Ergänzend setzen die Teilnehmenden ihr Wissen in eigenen Projekten praktisch um, beispielsweise in Workshops wie „YouthBridge UNI: ‚Fake or Fact?‘“, wo es um die Erkennung von Fake News und Medienkompetenz geht; „Ratsche klappern statt Hass zu plappern!“ im Sinne der Antisemitismusprävention; „Myth-Oh-no!“ zur Aufklärung über Verschwörungstheorien; oder „Bot or Not?“ das sich mit der Medienkompetenz in Zeiten Künstlicher Intelligenz beschäftigt.
Außerdem umfasst das Programm Bildungsreisen innerhalb Bayerns und ins Ausland – etwa nach Israel, Bosnien oder in die USA –, um globale Perspektiven auf interreligiösen und interkulturellen Dialog zu gewinnen. Dialogformate wie „Jetzt reden wir“ mit Vertretern aus Politik, Medien und Gesellschaft ergänzen diese Arbeit.
YouthBridge richtet sich an Jugendliche im Alter von 15 bis 25 Jahren aus rund 30 verschiedenen Communities, darunter jüdische, muslimische und christliche Gruppen sowie türkische, russische, kroatische, armenische, tschechische, bulgarische und ukrainische. Die Teilnehmenden bringen ihre eigenen Erfahrungen ein, lernen voneinander und entwickeln sich durch gemeinsame Aktivitäten zu Multiplikatorinnen und Multiplikatoren in ihren Communities und darüber hinaus.
Sharon Adler: Möchtest du auch etwas über das von der EJKA entwickelte Format „Rent a Jew“, heute „Meet a Jew“, erzählen?
Eva Haller: Ich habe festgestellt, dass alle über Juden sprechen, aber kaum jemand mit Juden redet. Daraus entstand die Idee für das Format „Rent a Jew“, wobei ich den Namen bewusst provokativ gewählt hatte. Ziel war es, einen direkten persönlichen Dialog zu ermöglichen, vor allem mit Jugendlichen – auf Augenhöhe und mit Respekt. Jede Frage sollte erlaubt sein, und das ist bis heute so.
Wir haben dafür jüdische Jugendliche ausgebildet, und das Projekt lief sechs Jahre lang. Danach war die ursprüngliche Finanzierung ausgeschöpft, und der Zentralrat der Juden in Deutschland musste für das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ einen neuen Projekttitel vergeben, um erneut eine Förderung zu erhalten. So entstand „Rent a Jew“, das Projekt wurde unter dem neuen Titel „Meet a Jew“ und mit der neuen Förderung fortgeführt.
Sharon Adler: In welchen Bereichen und mit welchen Methoden bildet die EJKA gegen Antisemitismus aus? Welche Programme und Projekte, besonders im Jugendbereich, setzen Klischeebildern und Verschwörungsmythen etwas entgegen?
Eva Haller: Bei uns steht die persönliche Begegnung immer im Zentrum. Gleichzeitig nutzen wir vielfältige Methoden: Theater, musikalische Veranstaltungen – zum Beispiel unsere „Lange Nacht der jüdischen Musik“ alle zwei Jahre –, Ausstellungen, Kochaktionen oder Filmprojekte.
Moderne Tools fließen ebenfalls ein: In unseren Bildungspaketen setzen wir inzwischen auch KI ein. Ein Beispiel ist der interaktive Workshop Externer Link: „Schatztruhe Judaika“, der aus dem Projekt „Davidstern und Lederhose“ hervorgegangen ist. Ursprünglich war das eine Wanderausstellung durch Bayern, später auch in Berlin, und nun nutzen wir die Inhalte digital.
Trotz aller digitalen Möglichkeiten bleibt die direkte Begegnung zentral. So zeigen wir beispielsweise den Film meines Mannes Externer Link: Roman Haller „Irena’s Vow“
Sharon Adler: Wie lässt sich Erinnerungsarbeit in die Gegenwart tragen?
Eva Haller: Die zweite Generation, die Zeugen der Zeitzeugen, müssen die Erinnerungen ihrer Eltern weitergeben. Die zweite und die dritte Generation sind jetzt die Kontinuität. Und wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, dann gibt es beispielsweise die Möglichkeit, dass eine Schule den Namen eines Juden oder einer Jüdin trägt, dazu Projekte durchführt und sie so aus der Vergangenheit in die Gegenwart bringt. Auch neue technische Formate wie Hologramme oder 3D-Aufnahmen können zum Einsatz kommen. Es werden unterschiedliche Methoden erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt.
Sharon Adler: Welche innerjüdischen Bildungsangebote, Programme oder Projekte führt EJKA aktuell durch? Welche sind für die Zukunft geplant?
Eva Haller: Dazu gehören zum Beispiel „Empowering Jewish Voices“, „Externer Link: Chidon haTaNaCh“ oder „Jung – jüdisch – bayerisch“. Bei „Empowering Jewish Voices“, einem EU-Projekt, das inzwischen abgeschlossen ist, haben wir jüdische Jugendliche darauf vorbereitet, die nächsten Führungspersönlichkeiten in unseren Gemeinden und Gemeinschaften zu werden und Führungsrollen zu übernehmen.
„Jung – jüdisch – bayerisch“ hat Jugendliche in Medienkompetenz geschult, also darin, wie man ein Magazin macht, Filme dreht und Inhalte gestaltet.
Eines unserer neueren Projekte ist der „Chidon haTaNaCh“, ein Bibelwettbewerb aus jüdischer Perspektive – wir sind ja auch eine jüdische Organisation. Dieser Wettbewerb ist ausdrücklich innerjüdisch ausgerichtet und unterscheidet sich damit von interkulturellen Angeboten. Wir haben ihn vor drei Jahren zunächst in München gestartet, dann deutschlandweit ausgeweitet und im vergangenen Jahr erstmals international geöffnet: Im vergangenen Jahr nahmen zwölf Länder teil, in diesem Jahr möchten wir die Zahl auf fünfzehn oder sechzehn erhöhen. Zuerst gibt es einen Vorwettbewerb in Deutschland, dann das internationale Finale in München – die Gewinner und Gewinnerinnen reisen danach nach Jerusalem.
Während diese Programme bewusst innerjüdisch ausgerichtet sind, sind die meisten unserer Angebote für alle offen und sollen Begegnung ermöglichen – interkulturell und interreligiös. So wollen wir Vorurteile abbauen und Dialog ermöglichen.
Sharon Adler: Worum geht es bei der Pop-up-Ausstellung der EJKA „Mit Davidstern und Lederhose“?
Eva Haller: Bei der Ausstellung „Externer Link: Mit Davidstern und Lederhose“ verfolgen wir einen anderen Ansatz in der Erinnerungsarbeit. Statt nur an das Negative zu erinnern, möchten wir das Verbindende, Positive und Schöne zeigen. Dabei präsentieren wir jüdische Identität sowohl als religiöse Zugehörigkeit als auch als Teil der bayerischen und deutschen Gesellschaft. Unser Grundprinzip ist: Jüdische Geschichte ist auch Heimatgeschichte. Über die Jahrhunderte haben jüdische Menschen wesentlich zur Kultur, Literatur, Kunstgeschichte und Musik beigetragen – in Bayern, Preußen oder anderswo. Die Ausstellung macht diese Zusammenhänge sichtbar und vermittelt, dass jüdisches Leben untrennbar mit der Geschichte des Landes verbunden ist.
Sharon Adler: 2013 hat die EJKA das ersteExterner Link: jüdische Medienkompetenzzentrum gegründet. Kannst du dazu etwas über die Schwerpunkte, Themen und die Vermittlung von Medienkompetenz für junge Menschen erzählen?
Eva Haller: Das Jüdische Zentrum für Medienkompetenz widmet sich gezielt der Stärkung jüdischer Stimmen und Themen in der Öffentlichkeit und der medialen Auseinandersetzung mit Antisemitismus. Damit reagierte die EJKA auf die Herausforderungen der digitalen Medienwelt und auf antisemitische Kampagnen in sozialen Netzwerken. Ein frühes Projekt war das schon erwähnte „jung – jüdisch – bayerisch“. Ziel war es, Jugendliche zu verantwortungsvollen, aktiven Mediennutzern auszubilden. Dokumentationen und Publikationen aus diesen Projekten sind im Archiv und auf der Externer Link: Webseite der EJKA verfügbar.
Das Zentrum führt Workshops und Projekte zu Themen wie Judentum, jüdische Geschichte, Antisemitismus- und Rassismusprävention durch – von Websites, Fotografie, Film/Video und Apps bis hin zu Radio. Ziel ist es, Medienkompetenz zu vermitteln, nachhaltige Veränderungen in Perspektiven und Einstellungen zu bewirken, Toleranz zu fördern, Sensibilität für gesellschaftliche Minderheiten zu entwickeln und die Fähigkeit zu stärken, medial vermittelte Inhalte kritisch einzuordnen. Dauer und Umfang der Angebote sind flexibel, von kurzen Workshops bis zu längerfristigen Projekten, inklusive aller notwendigen Medienressourcen. Innerhalb des Zentrums gibt es zudem das Jüdische Medienforum, ein Netzwerkformat für junge Medienschaffende.
Sharon Adler: Gibt es bei EJKA auch Projekte, die sich an Frauen richten?
Eva Haller: Das Projekt „FrauenInsel – Frauen(T)Räume“
Ein spezieller Teil ist das Projekt „Shalom Ukraine“, das jüdische und nicht-jüdische Flüchtlinge unterstützt. Seit 2019 begleiten wir diese Gruppe, die sehr engagiert ist: Kinder lernen in kürzester Zeit Deutsch, gründen Literaturclubs, drehen eigene Filme – sogar mit Filmpreisen in New York – und organisieren Ausstellungen. Die Unterstützung ist innerjüdisch, aber das Angebot ist offen für alle, nicht nur für jüdische Frauen.
Sharon Adler: Die EJKA verleiht seit 2017 alle zwei Jahre denExterner Link: Janusz-Korczak-Preis für Menschlichkeit, 2025 wurde dieser an Marie-Agnes Strack-Zimmermann vergeben. Welche ihrer Verdienste für die jüdische Gemeinschaft möchtest du hervorheben?
Eva Haller: Marie-Agnes Strack-Zimmermann ist eine Frau, die für Haltung, Klarheit und ein konsequentes, unermüdliches Engagement gegen Antisemitismus und für die Verteidigung demokratischer Grundwerte steht. Sie bezieht öffentlich Stellung und spricht, wenn andere schweigen – auch dann, wenn es unbequem ist. Dieses klare Eintreten für Menschlichkeit, Verantwortung und Solidarität macht sie zu einer würdigen Preisträgerin des Janusz-Korczak-Preises.
Jüdisches Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023
Eva Haller sagt über die Entwicklung antisemitischer Vorfälle und die Situation jüdischen Lebens in Deutschland: „In den vergangenen Jahren nehme ich verschiedene Formen von Antisemitismus wahr, vor allem ein verstärktes ‚Ja, aber‘-Phänomen. Hinzu kommen physische Bedrohungen, ein Rückzug aus dem öffentlichen Raum und die Belastung langjähriger Freundschaften – sowohl auf institutioneller als auch auf persönlicher Ebene.“
(© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller sagt über die Entwicklung antisemitischer Vorfälle und die Situation jüdischen Lebens in Deutschland: „In den vergangenen Jahren nehme ich verschiedene Formen von Antisemitismus wahr, vor allem ein verstärktes ‚Ja, aber‘-Phänomen. Hinzu kommen physische Bedrohungen, ein Rückzug aus dem öffentlichen Raum und die Belastung langjähriger Freundschaften – sowohl auf institutioneller als auch auf persönlicher Ebene.“
(© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Sharon Adler: Laut den Analysen von Externer Link: RIAS zu „Israelbezogenem Antisemitismus in Bayern“ und den Jahresberichten zu antisemitischen Vorfällen wurden 2024 doppelt so viele Vorfälle wie im Vorjahr gemeldet. Wie beurteilst du diese Entwicklung?
Eva Haller: Der 7. Oktober war für uns alle eine Zäsur. Anfangs war Solidarität spürbar, doch das kippte schnell und es folgten extreme Aussagen über „Genozid“ und „Kindermörder“. Besonders schockierend war für uns die fehlende Reaktion vieler Frauenverbände – wo ist die Me-Too-Bewegung, wo der Aufschrei der LGBTQ-Community? Wir spüren eine gezielte Unterwanderung durch islamistische Propaganda.
Gemeinden und Einzelpersonen sind deutlich betroffen, aber es gibt regionale Unterschiede: In Berlin ist die Lage sehr angespannt, in München etwas abgeschwächt, da Behörden und Polizei genauer hinschauen. Heute Abend findet in München eine große Pro-Palästina-Demonstration in der Nähe der Synagoge statt. Kirchen und andere Institutionen rufen zum Schutz der Synagoge auf.
In den vergangenen Jahren nehme ich verschiedene Formen von Antisemitismus wahr, vor allem ein verstärktes „Ja, aber“-Phänomen. Hinzu kommen physische Bedrohungen, ein Rückzug aus dem öffentlichen Raum und die Belastung langjähriger Freundschaften – sowohl auf institutioneller als auch auf persönlicher Ebene.
Sharon Adler: Welche Veränderungen hast du persönlich seit dem 7. Oktober 2023 erlebt?
Eva Haller: Seitdem hat sich für mich im Alltag einiges verändert. Besonders auffällig ist für mich dieses ständige „Ja, aber“ in Gesprächen – oft verbunden mit wenig tatsächlichem Wissen. Ich erlebe viel unkritische Medienübernahme und pauschales Medien-Bashing, vor allem in sozialen Netzwerken wie TikTok, die einen starken Einfluss auf junge Menschen haben und aus meiner Sicht eher vergiften als aufklären.
Ich bin vorsichtiger geworden: Ich überlege genauer, wohin ich gehe, und schaue mich bewusster um. Der Rückzug betrifft nicht nur mein Inneres, sondern auch meinen Freundeskreis. Gleichzeitig haben sich meine Wahrnehmung und meine Aufmerksamkeit geschärft – sowohl im Alltag als auch im Dialog mit anderen. Sharon Adler: Wie nimmst du das jüdische Leben in Deutschland heute wahr – insbesondere im Hinblick auf Sicherheit und Selbstverständnis?
Eva Haller: Unter Vorbehalt. Veranstaltungen, Schulen, Gemeinden und Kindergärten müssen stets unter Sicherheitsaspekten gedacht werden. Es ist nicht selbstverständlich, eine Synagoge so unbefangen zu betreten wie eine Kirche oder eine Moschee. In eine Moschee kann man in der Regel ohne Bedrohung hineingehen, dort gibt es keine Sicherheitskontrollen am Eingang. Wenn ich eine Synagoge betrete, muss ich, wie alle anderen, die ein offizielles jüdisches Gebäude oder eine Synagoge betreten, durch eine Sicherheitsschleuse.
Sharon Adler: Wie beurteilst du als Journalistin die Berichterstattung über Israel in den deutschen Medien seit dem 7. Oktober 2023?
Eva Haller: Ich empfinde die Berichterstattung als wenig ausgewogen und wünsche mir mehr Recherche und mehr Fairness. Häufig beginnen Beiträge sofort mit einem negativen Bild. Wenn es um Gaza geht, sieht man regelmäßig hungernde Kinder und Frauen. Nicht gezeigt wird zum Beispiel, wenn israelische Soldaten Menschen vor der Hamas schützen. Das ist aus meiner Sicht nicht ausgewogen. Medien suchen nach Aufhängern, die Aufmerksamkeit erzeugen, und greifen dabei immer wieder auf dieselben Bilder zurück. Sie täten gut daran, nicht zusätzlich Hass zu schüren.
Sharon Adler: Du hältst Vorträge vor Schülerinnen und Schüler zum Thema „Jüdische Kultur, Tradition und Lebensalltag“. Welche Aspekte des Judentums möchtest du dabei besonders vermitteln?
Für ihr gesellschaftliches Engagement, insbesondere in der Vermittlung jüdischer Kultur in Schulen und im öffentlichen Raum, wurde Eva Haller mehrfach öffentlich gewürdigt. Am 11.2.2026 wird die Präsidentin der Europäischen Janusz Korczak Akademie e. V. (EJKA) mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Für ihr gesellschaftliches Engagement, insbesondere in der Vermittlung jüdischer Kultur in Schulen und im öffentlichen Raum, wurde Eva Haller mehrfach öffentlich gewürdigt. Am 11.2.2026 wird die Präsidentin der Europäischen Janusz Korczak Akademie e. V. (EJKA) mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Eva Haller: Mir geht es darum, das Befremdliche und vermeintlich Andersartige abzubauen und das Verbindende sichtbar zu machen. Alle drei Religionen sind monotheistisch und basieren auf den Zehn Geboten, die für uns alle gelten. Darauf möchte ich den Fokus legen: auf das Gemeinsame, auf die Werte, die uns eigentlich alle begleiten sollten. Nicht auf das Trennende, sondern auf das Verbindende.
Dazu gehört auch das ethische Prinzip des Tikkun Olam,
Zitierweise: „Eva Haller: 'Mir geht es darum, das Verbindende sichtbar zu machen'“, Interview mit Eva Haller, in: Deutschland Archiv, 8.1.2026, Link: www.bpb.de/574281(ali)