Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen außerhalb von Kultur- und Modekreisen heute wissen, wer Sibylle Boden-Gerstner war. Diejenigen, die sich auf ihre Spuren begeben, werden zuerst darauf stoßen, dass sie die Gründerin und Namensgeberin der legendären, ab 1956 in der DDR erschienenen Modezeitschrift Sibylle war. Einigen ist vielleicht noch bekannt, dass sie ab den 1950er-Jahren bis 1980 als Kostümbildnerin für die Deutsche Film AG (DEFA) in Potsdam-Babelsberg und für den Deutschen Film- und Fernsehfunk (DFF) arbeitete. Und ganz sicher wissen nur die Wenigsten von ihrer Tätigkeit als Französisch-Dolmetscherin. Sibylle Boden-Gerstner hat keine Autobiografie hinterlassen. Wer versucht, sich ein Bild von ihr und ihrem Leben zu machen, muss die kleinen Einblicke, die sie selbst anderen gab, und Spuren, die sie hinterlassen hat, wie ein Puzzle zusammensetzen. Wer also war Sibylle Boden-Gerstner, und welcher Weg führte sie von Breslau über Paris zur Gründung der Sibylle?
Von Breslau nach Berlin
Das Leben von Sibylle Boden-Gerstner beginnt, als sie am 17. August 1920 in Breslau – dem heutigen Wroclaw – zur Welt kommt. Sie wird in eine großbürgerliche deutsch-jüdische Familie hinein geboren. Der Großvater Moritz Boden ursprünglich bettelarm aus Łask im damaligen Russisch-Polen gekommen,
Doch neben dem Verlust des großen Gartens kommen bald ernstere Probleme auf das Mädchen zu. Die beliebte und vor allem kreative Schülerin wird zunehmend mit antisemitischen Zuschreibungen und Konstrukten wie „arisch“ und „nichtarisch“ konfrontiert; die Eltern von Klassenkameradinnen erwirken erste Kontaktverbote.
Sybille Boden-Gerstner beim Zeichnen für die HO Entwurfsabteilung, 1950-51 (© BPK-Bildagentur, Max Ittenbach)
Sybille Boden-Gerstner beim Zeichnen für die HO Entwurfsabteilung, 1950-51 (© BPK-Bildagentur, Max Ittenbach)
Im selben Jahr geht sie nach Berlin und beginnt dort ein Studium in den Fächern Mode, Kostüm und Grafik an der Textil- und Modeschule, einer Vorgängereinrichtung der heutigen Hochschule für Technik und Wirtschaft. Ein neuer Direktor verwehrt ihr 1938 die weitere Ausbildung dort. Sibylle Boden-Gerstner schreibt dazu 1965 in ihrem Lebenslauf: „(…) konnte ich das Studium aber nicht zu Ende führen, da ein neuer Direktor eingesetzt wurde, der alle politisch und rassisch nicht einwandfreien Studenten heraussetzte.“
Laura Laabs: Aber wann fing es für dich an, dass du bemerkt hast, dass du aufgrund deiner Herkunft diskriminiert, ausgeschlossen, in Bedrängnis gebracht wirst?
Sibylle Boden-Gerstner: Na ja, das war noch auf der Modeschule. Da sollten wir irgendwie eine Fahrt machen mit den Schülern, und dann fragten die: Na werden die merken, dass wir Deutsche sind? Das war im Ausland. Und da sagt die Lehrerin: „Boden ist keine“ – Boden ist mein Geburtsname – „Boden ist keine Deutsche.“ Und da wollte ich sagen, da träume ich heut noch davon. Warum habe ich ihr nicht geantwortet: Was bin ich denn?
Danach beginnt sie ein Studium an der Kunstgewerbeschule in Wien, doch auch dort holen sie die antisemitischen sogenannten Nürnberger Gesetze ein. Sie geht zurück nach Berlin und wird überraschend zum Studium an der Hochschule der bildenden Künste zugelassen. Doch auch dort wird die Lage für sie immer prekärer.
1940: Auf nach Paris
Am Silvesterabend 1939/40 hat Sibylle Boden eine Begegnung, die ihr weiteres Leben entscheidend beeinflussen sollte. Auf der tschechischen Seite des Riesengebirges begegnet sie in der Fuchsbergbaude, einem 1948 abgebrannten Berggasthof, ihrem zukünftigen Ehemann, dem Juristen und späteren Wirtschaftsjournalisten Karl-Heinz Gerstner.
Im 1996 mit der Filmwissenschaftlerin Elke Schieber geführten Zeitzeuginnengespräch erzählt Sibylle Boden-Gerstner sehr eindrücklich von der Gleichzeitigkeit von Schrecken und Angst und dem Aufsaugen von Schönheit und Eleganz in der von den Deutschen besetzten französischen Hauptstadt. Sibylle, die illegal in Frankreich ist, und ihr zukünftiger Ehemann teilen sich seine Lebensmittelkarten. Die beiden haben viele Kontakte und Freund/-innen, die im französischen Widerstand aktiv sind, unter ihnen auch Juden und Jüdinnen, die täglich von Inhaftierung und Deportation bedroht sind. Andererseits kann Sibylle als Modejournalistin arbeiten, studiert Malerei und Illustration an der École des Beaux-Arts und kann in dieser Zeit an Hochschulausstellungen teilnehmen, auf denen sie sogar Preise gewinnt.
1944: Zurück nach Berlin
Ebenso gewagt wie der illegale Aufenthalt im besetzten Paris erscheint die Rückkehr nach Berlin von Karl-Heinz Gerstner im Sommer und von Sibylle Boden im September 1944. Pariser Freund/-innen, die sie bitten, dort zu bleiben, antworten sie, sie wollten das Ende des NS-Regimes und einen neuen Anfang in Berlin erleben. Im Herbst widersetzt sich Gerstner einem Evakuierungsbefehl des Auswärtigen Amtes und taucht unter. Nun sind beide illegal in Berlin und schließen sich im Winter 1944/45 einer Widerstandsgruppe in Berlin-Wilmersdorf an.
Sybille Boden-Gerstner bei der Arbeit, Vorbereitung einer Modenschau, Abgleich des Entwurfs mit dem fertigen Kleid, HO Entwurfsabteilung, 1950-51, (© BPK-Bildagentur, Max Ittenbach)
Sybille Boden-Gerstner bei der Arbeit, Vorbereitung einer Modenschau, Abgleich des Entwurfs mit dem fertigen Kleid, HO Entwurfsabteilung, 1950-51, (© BPK-Bildagentur, Max Ittenbach)
Seit Anfang Mai ist Gerstner mit Einverständnis der Alliierten stellvertretender Bürgermeister von Berlin-Wilmersdorf. Doch schon im Juli geschieht, was in all den vergangenen Jahren nicht geschehen ist: Gerstner wird von den Briten festgenommen und an die sowjetischen Besatzungskräfte übergeben. Es gibt Fragen zu Gerstners Zeit an der deutschen Botschaft in Paris. Erst wird er in Falkensee festgehalten und dann ins Lager nach Hohenschönhausen gebracht. In dieser Zeit hält Sibylle Boden-Gerstner unter schwierigen Bedingungen Kontakt zu ihrem Mann und stellt vor allem Kontakt zu den Freund/-innen und Widerstandskämpfer/-innen in Paris her. Diese stellen 23 eidesstattliche Zeug/-innenaussagen zur Rolle Gerstners bei der Unterstützung der Résistance zusammen und können so seine Deportation in die Sowjetunion abwenden und die Entlassung bewirken.
Von Kostümen und Kostümen
Nach diesen aufreibenden Monaten beginnen beide Partner/-innen zu arbeiten: Gerstner zunächst als Referent in der Zentralverwaltung Außenhandel, später als Journalist bei der Berliner Zeitung in der sowjetischen Besatzungszone und Sibylle als Modegestalterin im Westen der Stadt.
Über diese Zeit erzählt sie im Zeitzeuginnengespräch mit Elke Schieber: „Wir bekamen Kärtchen, da war eine Probe von dem Stoff drauf. Nach diesen Mustern habe ich die Zeichnungen gemacht, Modelle entworfen. In Berlin gab es Zwischenmeister, die nahmen Modellentwürfe und die Stoffe entgegen, und dann wurde festgelegt, wie viel bestellt wurde. Das haben die Zwischenmeister dann erledigt. (…) Das war damals noch nicht so verstaatlicht. Da ich aus Paris kam, hatte ich natürlich schöne Modelle. Da gab es am Alexanderplatz (ähnlich wie das Kaufhaus) unsere Modelle zu kaufen. Es gab viele Westberliner, die diese Modelle gekauft haben. Das war alles noch nicht so getrennt.“
Kostümentwürfe für „Die Geschichte vom kleinen Muck“, 1953 (© Filmmuseum Potsdam/Sammlung, Entwurf von Sibylle Boden-Gerstner)
Kostümentwürfe für „Die Geschichte vom kleinen Muck“, 1953 (© Filmmuseum Potsdam/Sammlung, Entwurf von Sibylle Boden-Gerstner)
Nachdem die HO Konfektion umorganisiert wurde, wendet sich Sibylle Boden-Gerstner dem Kostümbild zu. 1952 wird bekannt, dass der Regisseur Wolfgang Staudte an einem neuen Film für die DEFA arbeitet: „Die Geschichte vom kleinen Muck“. Sibylle, die Kostümbild machen möchte und sich – in ihren Worten – „für orientalische Kostüme interessiert“, wendet sich an Staudte und zeigt ihm erste Entwürfe. Diese sind so überzeugend, dass er sie engagiert. Da jedoch der ältere Kostümbildner Walter Schulze-Mittendorff Staudte zu bedenken gibt, Sibylle Boden-Gerstner sei zu jung und unerfahren, erhält dieser statt ihr den Zuschlag. Ihre wunderbaren Kostümentwürfe für den Kleinen-Muck-Film, die sie sogar mit eigenen Stoffmusterentwürfen ergänzt, gelten als zu aufwendig und üppig und zu teuer in den frühen 1950er-Jahren. Ihre ersten Erfahrungen als Kostümbildnerin macht Sibylle ebenfalls im Jahr 1952 für den Film „Frauenschicksale“ von Slatan Dudow. In ihren Entwürfen kann man deutlich
Kostümentwurf von Sibylle Boden-Gerstner für den DEFA-Film „Frauenschicksale“ aus dem Jahr 1952 (© Filmmuseum Potsdam/Sammlung, Entwurf von Sibylle Boden-Gerstner)
Kostümentwurf von Sibylle Boden-Gerstner für den DEFA-Film „Frauenschicksale“ aus dem Jahr 1952 (© Filmmuseum Potsdam/Sammlung, Entwurf von Sibylle Boden-Gerstner)
ihre Ausbildung als Modezeichnerin erkennen.
Bevor sie sich der wohl bekanntesten Station ihres langen Arbeitslebens zuwendet, entwirft sie noch für einen weiteren DEFA-Film die Kostüme: für „Gefährliche Fracht“ von Gustav von Wangenheim. Mitte der 1950er-Jahre möchten die Verantwortlichen in der Textilindustrie der DDR und beim Modeinstitut eine repräsentative Zeitschrift etablieren, so wie die Constanze in Westdeutschland. Die Zeitschrift würde – so der Plan – im Verlag der Wirtschaft erscheinen und sollte vorrangig die Entwürfe des Modeinstituts präsentieren. Diese Konstellation barg von Beginn an Konfliktpotenzial. Elli Schmidt, die Leiterin des Instituts für Bekleidungskultur, wie es anfangs hieß, war zwar eine verdiente Kommunistin, aber nicht vom Fach. Sie war lediglich in ihren jungen Jahren Schneiderin gewesen, aber hat selbst keine Mode entworfen. Schmidt wollte eine sozialistische Mode – was im deutlichen Gegensatz zur designierten Verantwortlichen für die modische und künstlerische Gestaltung und Namensgeberin Sibylle Boden-Gerstner stand, deren Stil „ins Pariserische“ ging.
Werbeplakat für die Frauenzeitschrift Sibylle von 1956 (© Bundesarchiv, B 285 Plak-016-011)
Werbeplakat für die Frauenzeitschrift Sibylle von 1956 (© Bundesarchiv, B 285 Plak-016-011)
Die 16 Ausgaben der Sibylle von August 1956 bis Februar 1959, an denen Boden-Gerstner als Verantwortliche für die modische und künstlerische Gestaltung beziehungsweise als stellvertretende Chefredakteurin beteiligt war, kommen dann tatsächlich sehr weltoffen und gestalterisch großzügig mit Berichten von Schauen in Mailand und Paris daher.
Sibylle Boden-Gerstner erscheint als Person in der Oktoberausgabe 1957, anlässlich des ersten Geburtstags der Zeitschrift, umrahmt von ihren Redaktionskolleg/-innen. Neben ihrem Foto und ihrer Tätigkeit als künstlerischer Leiterin steht ihr Motto: „Alles zurück, die Blume am Hut ist formalistisch!“
Wann Boden-Gerstners Zeit bei der Sibylle genau vorbei war, lässt sich nicht exakt feststellen. Die Februarausgabe 1959 ist die letzte, in der ihr Name im Impressum genannt wird. Im Personalfragebogen des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) von 1965 gibt sie an, bis 1958 als Künstlerische Leiterin und Stellvertretende Chefredakteurin bei der Sibylle gearbeitet zu haben.
Das Buch „Flucht in die Wolken“
1969, inmitten der Jahre, in denen Sibylle Boden-Gerstner als freie Kostümbildnerin und Dolmetscherin arbeitet, erkrankt die 1952 geborene Tochter Sonja psychisch. Es folgen eineinhalb Jahre von wiederholten Klinikaufenthalten, abgelöst von hoffnungsvolleren Phasen, in denen sich Sonja ihren beruflichen Zukunftsplänen widmet. Die Familie, Karl-Heinz Gerstner, die ältere Schwester Daniela, besonders aber Sibylle, stehen unter Schock, als die Hoffnungslosigkeit in Sonja siegt und sie sich 1971 das Leben nimmt.
Sibylle, die ihre Tochter nicht retten konnte, beschließt, mit einem Bericht über Sonjas Odyssee durch das veraltete System der Psychiatrie in der DDR ein Zeichen zu setzten und wenn nicht ihre Tochter, dann doch andere zu retten. Sie sammelt die Tagebuchaufzeichnungen und Briefe von Sonja aus den Jahren vor und während der Erkrankung. Sie studiert die Schriften Freuds und neuere Literatur zu Psychiatrie, Psychologie und Psychoanalyse, soweit man auf diese in der DDR überhaupt Zugriff hatte, oder lässt sie sich von Freund/-innen und Verwandten im Ausland schicken.
Nach Jahren ist ein Manuskript entstanden, das kein Verlag in der DDR annimmt, weil die Kritik am veralteten System zu deutlich ist und die Ärzt/-innenschaft mehrheitlich die Nase über die Ansichten der medizinischen Laiin rümpft. Es findet sich schließlich ein Verlag im Westen, doch das Buch soll zuerst oder zumindest gleichzeitig in dem Land erscheinen, in dem und für das es geschrieben wurde. Nach vielen Verhandlungen mit Sachkundigen und politischen Entscheidungsträger/-innen, einer Ablehnung durch den Union-Verlag
Die Frage nach dem Jüdischsein
Was bleibt, ist die Frage nach dem Jüdischsein. Sibylle Boden-Gerstner hat sich, wie in fast allen Fragen, die ihre Familie betreffen, nur sehr spärlich geäußert und soll bar jeder Spekulation deshalb selbst das letzte Wort haben. In dem Dokumentarfilm über ihre Großmutter sagt Laura Laabs: „Und jetzt erzählst Du mir diese Geschichten und das finde ich wunderbar. Aber es ist so wahnsinnig schwer, da ranzukommen und deine Offenheit dafür zu bekommen, dass du das erzählst. Und ich hab‘ das Gefühl, dass da bei dir ein ganz großes Misstrauen ist. Sogar gegen mich als deine Enkelin. Und dass du immer Angst hast, dass dir das schaden könnte oder dass jemand dir schaden will. Und ich… [Sibylle Boden-Gerstner winkt unwirsch ab] Nee Mutsch, und ich frag mich ein bisschen, ob das damit zu tun hat, was du gerade beschreibst. Ob das aus dieser Zeit kommt.“
Sibylle Boden-Gerstner überlegt: „Müsste ich zu lange davon erzählen. Ich will das nicht.“
Laabs: „Wir reden von der Nazizeit jetzt. Wir reden von deiner Erfahrung bei jüdischen Familien.“
Boden-Gerstner: „Ja, das kann ich.“
Laabs: „Darüber rede ich, hör mir doch mal richtig zu. Wir reden nur davon. Dein Trauma aus der Nazizeit. Du möchtest solche Sachen nicht mehr erzählen, fertig. Und mehr reden wir im ganzen Film nicht davon, das ist alles. Und weißt du was ich meine? Damit muss es dir nicht schlecht gehen, weil das versteht jeder, wenn du sagst, das ist allgemein, die Erfahrung.“ Sibylle Boden-Gerstner: „Für meine Generation ist diese Nazizeit nicht vorbei.“
Sibylle Boden-Gerstner verstarb am 25. Dezember 2016.
Zitierweise: Helen Przibilaa, "Sibylle Boden-Gerstner: „Ich hatte schon Sehnsucht nach Paris“ - Porträt einer Modejournalistin, Kostümbildnerin und Malerin, die einem DDR-Modemagazin ihren Namen gab“, in: Deutschland Archiv, 2.3.2026, Link: www.bpb.de/575885