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Schwindende Illusionen und trotzige Selbstbehauptung Edith Andersons Synthese von amerikanischem und DDR-Feminismus

Sabine Kebir

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1947 kam die Amerikanerin Edith Anderson ins zerbombte Berlin. Als Frau von Max Schroeder, des Leiters des Aufbau-Verlags, stieß sie zur Intelligenz der DDR und setzte sich bald als Autorin durch.

Edith Anderson kam am 30.11.1915 in New York zur Welt. Sie machte sich später als Schriftstellerin und Journalistin einen Namen. Diese Fotografie zeigt sie in Uniform als Eisenbahnschaffnerin bei der Pennsylvania Railroad, dieser Tätigkeit ging sie von 1943 bis 1947 nach und engagierte sich währenddessen in der Gewerkschaft. Seit 1938 war sie Mitglied der Kommunistischen Partei der USA (CPUSA). Sie heiratete 1944 den im amerikanischen Exil lebenden Max Schröder und folgte ihm 1947 in die sowjetisch besetzte Zone und spätere DDR. (© Akademie der Künste, Berlin, Edith-Anderson-Schroeder-Archiv, Nr. 494)

Zwischenkriegszeit (1919-1941): Die New Yorker Teenagerin Loretta fühlte sich in erster Linie als Amerikanerin. Ihrer jüdischen Herkunft schenkte sie wenig Beachtung, zumal sie meinte, dass man sie ihr nicht ansah: „Niemand würde darauf kommen und darüber nachdenken.“ Die Leute waren nett zu ihr, aber fast jeden Tag hörte sie Sprüche wie: „Ja, aber er ist Jude, wissen Sie“ oder „Es war eine angenehme Wohngegend, aber durch die Juden ist sie jetzt unmöglich geworden“. Solche Sätze trafen sie „leicht wie Federbälle; doch die Federbälle machten Kratzer beim Auftreffen, als hätten sie Dornen“. Manchmal hieß es sogar: „In einer Hinsicht hatte Hitler schon recht.“ Dann war Loretta hilflos und stumm. Sie dachte, wenn die Leute wüssten, dass sie Jüdin war, würden sie solche Sätze aus Höflichkeit nicht aussprechen. Mit fünfzehn versuchte sie – mit wenig Erfolg –, diese Denkweisen mit der Bemerkung zu beeinflussen, dass Juden doch Menschen wie alle anderen seien. Ihr erster Verlobter verließ sie, weil seine Mutter von der Verbindung mit einer Jüdin abriet. Als Erwachsene fühlte sich Loretta „ausgesprochen als Jüdin“ und wies Freunde und Arbeitskolleg/-innen sofort darauf hin. Als ihr jemand vorhielt, dass sie sich nicht als Jüdin sehen könne, weil sie Atheistin sei und nicht an den Mythos des Blutes glaube, erwiderte sie: „Ich glaube, ich bin jüdisch, weil so großes Gewicht darauf gelegt wird, ich glaube, weil ich einen Stich empfinde, wenn einer ‚Jude‘ sagt (…) und wegen der Gaskammern.“ Dort sei umgekommen, wer als Jude geboren worden war.

„Loretta“ ist die erste publizierte literarische Arbeit von Edith Anderson (1915–1999), zweifellos autobiografisch, wie die meisten ihrer künftigen Werke. Sie erschien 1949 im Ost-Berliner Aufbau-Verlag, den ihr Mann, Max Schroeder, leitete. Er hatte die Erzählung auch übersetzt.

Die DDR als neue Heimat?

Wie kam es, dass Anderson 1947 ausgerechnet in Deutschland landete? Wo sie zunächst jeden ihr auf der Straße begegnenden Passanten beargwöhnte, ob er mitschuldig am Judenmord war? Dass es Liebe gewesen sei, stimme nur teilweise, erklärte sie. „Gewiß, ich hatte einen deutschen Kommunisten geheiratet, doch ich war selbst Kommunistin. Ein Kommunist vermag seine persönlichen Gründe niemals ganz von seinen politischen zu trennen.“ Sie war schon als Lehramtsstudentin für Englisch am New College der Columbia-Universität Mitglied der Communist Party USA (CPUSA) und hatte 1942 als Kulturredakteurin des Daily Worker gearbeitet, bis man ihre Stelle wegen unbotmäßig erfolgreicher Arbeit 1943 wieder einem Mann zuschlug. Damals lernte sie den Exilanten Max Schroeder kennen. Er verkörperte für sie „all jene unbeugsamen Deutschen, denen ihr Leben weniger wert war als die Zerschlagung des Nazismus“. Er war „mager und halb verhungert. (…) Er besaß einen Weitblick, der zugleich politisch und poetisch war. Er war Internationalist. Er liebte, was in meiner Heimat gut und schön war. Er wusste (…), wie schwer es mir fiel, sie zu verlassen.“

Obwohl Schroeder als Leiter des bedeutendsten ostdeutschen Verlags privilegiert war, konnte er ihr anfangs nur prekäre Lebensbedingungen bieten – eine zugige Bruchbude im amerikanischen Sektor Berlins. Aber er hielt sein Versprechen, die Entwicklung ihres literarischen Talents zu fördern, indem er unter anderem für eine Haushalthilfe sorgte. In der Zeit, als „Loretta“ entstand, freute sich das Paar 1948 auch über die Geburt ihrer Tochter Cornelia.

1951 bezog die Familie eines der für prominente Remigranten errichteten komfortablen Häuser in Berlin-Grünau. In dieser Intellektuellenkolonie galt Anderson als kratzbürstig und streitlustig. Obwohl sie eine begeisterte Mutter war und zu schreiben begonnen hatte, zog sie sich nicht in Grünau zurück. Sie suchte und fand eigenständige Arbeitskontakte in der DDR-Sektion der Internationalen Demokratischen Frauenföderation, wo sie als Übersetzerin und Redakteurin tätig war.

Ein früher Blick auf die Geschlechterungerechtigkeit

Schon bevor 1949 Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ erschien, hatte Anderson nicht nur als Jüdin, sondern auch als Frau konstatiert, dass Identitäten ein Gefängnis fremder Zuschreibungen sein können. Früh begann sie, ihre Herkunft und Verfasstheit mit eigenen Werten zu vertreten. Dass Emanzipation auch durch gesellschaftliche Bedingungen gehemmt oder gefördert wird, gab ihr 1956 erschienener Roman „Gelbes Licht“ wieder, den Schroeder und ein professioneller Übersetzer ins Deutsche brachten und den der Aufbau-Verlag 2024 neu übertrug und unter dem Titel „A Man‘s Job“ publizierte. Erzählt wird von jenen vier Jahren, in denen Anderson bei der Pennsylvania Railroad in einer Frauengruppe als Schaffnerin gearbeitet hatte. Im Krieg nahmen auch in den USA Frauen Arbeitsplätze ein, die bislang Männern vorbehalten waren. Da Industriebetriebe darauf schlecht vorbereitet waren, liest sich der Roman heute wie eine Satire auf die Unsicherheit und Grobheit, mit der die zum Anlernen der Frauen beauftragten Bahnangestellten mit ihnen kommunizierten. In dieser sexistischen Arbeitswelt bewegten sich die „Mädchen“ unsicher und linkisch. Sie standen einer Männerfront gegenüber, die entschlossen war, sie dauerhaft auf die unterste Stufe der Hierarchie zu drücken.

Die Frauen strapazierten ihre Kräfte auch selbst durch weibliches Konkurrenzverhalten. Anderson geht im Buch häufig auf Garderobe, Frisuren und Make-up ein – Äußerlichkeiten, die im Konkurrenzkampf der Arbeitswelt heute womöglich noch mehr zählen. Den politisch bewusstesten Frauen gelang es mit der Zeit, bei den Schaffnerinnen einen Korpsgeist zu erzeugen. Sie erkämpften sich einen eigenen Aufenthaltsraum für die Leerstunden und schließlich sogar die Aufnahme in die Eisenbahnergewerkschaft, um sich „Senioritätsrechte“ zu sichern. Das bedeutete, nicht nur die anstrengendsten und am schlechtesten bezahlten Strecken zugewiesen zu bekommen – und, das hofften viele, bei Kriegsende nicht entlassen zu werden. Genau das aber geschah.

Durch ausführliche Beschreibungen der Arbeitswelt der Pennsylvania Railroad reihte sich „Gelbes Licht“ in die damals vom sozialistischen Realismus privilegierten Produktionsromane ein. Während die meisten von dem aus der Sowjetliteratur importierten prüden Geschlechterverhältnis geprägt waren, entfaltete sich in Andersons Roman die sexuelle Emanzipation berufstätiger Amerikanerinnen. Die Wünsche der Schaffnerinnen zielten nicht mehr auf die Ehe um jeden Preis und setzten sich so umso schärfer von den archaischen Anzüglichkeiten der Eisenbahnerwelt ab. Schon hier machte Anderson deutlich, dass die Konflikte der Geschlechter nicht durch Jammern und Anklagen zu lösen sind, sondern durch Selbstermächtigung der Frauen. Eine „sexpositive“ Position bleibt ihr Markenzeichen – im Leben und als Autorin.

Die Skepsis der DDR-Führung gegenüber Rückerkehrenden und Eingewanderten aus dem Westen Durch Schroeders Funktion kannte sie die abgründigen kulturpolitischen Diskurse um den sozialistischen Realismus und auch den faktischen Zwang, sich da irgendwie einzuordnen. Mit dem wichtigsten Verleger der DDR an der Seite konnte sie die Stellen der Doktrin finden, an denen sie dehnbar war: Kritisches oder Neues musste wenigstens in Bezug zur sozialistischen Utopie stehen. An der hielt sie fest, wie Schroeder selbst – auch nach den Drangsalierungen durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED), denen antisemitische Anrüchigkeit anhaftete, gerade gegenüber „Westemigranten“. Ihr Mann sei „zuversichtlich“ geblieben, „daß sich zwischen der marxistischen politischen Ökonomie und Lenins beschworener Partei neuen Typus zu guter Letzt alles richten“ werde. In den Auseinandersetzungen habe er gewusst, „wie er mit seinen Kräften haushalten musste“. Dazu gehörte auch, „seiner leicht erregbaren Frau nicht allzu viel zu erzählen“. So stieß sie sich in den ersten Jahren vor allem an der miefigen Kleinbürgerlichkeit der DDR-Gesellschaft und dem herrschenden „unausgewogenen Kräfteverhältnis zwischen unverbesserlichen Nazis, einigen ernsthaften Kommunisten und einer Mehrheit von verängstigten Zuschauern und Opportunisten“. Schroeder war der arbeitsmäßigen und politischen Belastung schließlich doch nur wenige Jahre gewachsen. Er begann zu trinken und Krebs zu entwickeln. Die Ehe litt und er „vergaß, mit seiner Frau zu schlafen“. In ihrem offenherzigen Lebensbericht „Liebe im Exil“ schilderte Anderson ihre Verzweiflung und wie sie schließlich zur erotischen Abenteurerin wurde. Da die gegenseitige Achtung des Paares erhalten blieb, kam es sich während Schroeders Siechtum noch einmal sehr nahe. Dass erotische Selbstbehauptung außerhalb der Ehe den Partner nicht entwerten muss, war ein weiterer kraftvoller Akzent, den Anderson in der Frauenliteratur setzte.

Den politischen Skandalprozess gegen seinen Nachfolger Walter Janka nahm Schroeder nur noch abgeschirmt im Krankenbett wahr. 1958 starb er. Von nun an musste sich Anderson selbstständig mit politischen Tücken und Schwankungen des Lebens in der DDR auseinandersetzen, insbesondere auch auf kulturellem Gebiet. Diesen Spagat bewältigte sie mit gleichermaßen geistreichen wie humorvollen Novellen und auch mit originellen Kinderbüchern. „Der verlorene Schuh“ etwa handelt von einem kleinen Jungen, der sich neue Schuhe verdient, indem er eine Schuhfabrik besucht und die vielen Arbeitsschritte ihrer Herstellung kennenlernt. Dass der Kinderbuchverlag im Frontispiz „den Werktätigen der Schuhfabrik VEB Goldpunkt für ihre fachliche Beratung“ dankte, verrät, dass Anderson im Sinne des noch nicht offizialisierten „Bitterfelder Weges“ in dem Betrieb recherchiert hatte.

In der DDR bleiben oder das Land verlassen?

Nach Schroeders Tod stellte sich für sie die Frage nach einer Rückkehr. Nur auf Druck eines von ihrem Bruder in den USA beauftragten Anwalts war das amerikanische Konsulat in West-Berlin bereit, die Tochter Cornelia in ihren Pass einzutragen. Beide flogen 1959 nach New York. Sie selbst wäre gern geblieben, hätte als Lehrerin arbeiten können. Aber die elfjährige Tochter, die mutmaßlich von der DDR-Schule indoktriniert war und sich in New York vom FBI verfolgt fühlte, stemmte sich dagegen und wollte zu ihren Freunden zurück. Anderson sagte sich, dass sie das Kind nicht „solchem unheilbaren Heimweh aussetzen“ dürfe, unter dem sie selbst immer gelitten hatte.

Als Cornelia 1967 ein Studium in der DDR aufnahm, wagte Edith Anderson einen neuen Versuch der Rückkehr. Sie gab sich ein Jahr in New York, um sich aus eigener Kraft eine berufliche Existenz zu schaffen. Schnell musste sie dort Arbeit finden, da ihr väterliches Erbe nur für wenige Monate reichte. Der Einstieg in den Lehrerberuf kam nicht mehr infrage. Sie ging Annoncen von Verlagen nach, die eine in Deutsch und Französisch bewanderte Lektorin oder Redakteurin suchten, ergatterte aber nur Anstellungen in Verlagen, die Bücher zweifelhaften Niveaus publizierten und schlecht bezahlten. Das hätte sich mit der Zeit ändern können. Schwerer wog, dass sich das linke Milieu, in dem sie als junge Frau engagiert war, verändert hatte. Ihre alten Freunde lebten resigniert im Abseits oder hatten sich mit den Verhältnissen arrangiert. Auch deren Geschlechterbeziehungen, die von Konflikten zwischen Freizügigkeit und finanziellen Abhängigkeiten geprägt waren, irritierten sie. Anderson registrierte die sich anbahnende 68er-Bewegung, fand aber – allein schon wegen ihrer Arbeitsbelastung – kaum Zugang zu diesen viel jüngeren Kreisen. Schließlich kehrte sie nach Ost-Berlin zurück, weil sie meinte, mit ihrer guten Witwenrente in Berlin als freischaffende Publizistin ein kreativeres Leben führen zu können. Die um Briefe ergänzten Aufzeichnungen aus dem amerikanischen Jahr wurden 1972 veröffentlicht. Der über ein Foto von Wolkenkratzern gesetzte Titel „Der Beobachter sieht nichts“ verwies auf trügerische Bilder, die man sich in der DDR von New York machte: Für viele war es ein Sehnsuchtsort unbegrenzter Möglichkeiten, während es die Propaganda zum dekadenten Zentrum des absterbenden Kapitalismus machte. Da das brillant geschriebene, auch selbstironische Buch nicht nur Andersons Stolpern durch eine triviale Verlagswelt schildert, sondern auch faszinierende Seiten von New York zeigt, war sein Druck nicht leicht durchzusetzen. Schließlich erlebte es sogar eine zweite Auflage.

Wachsender Erfolg als Schriftstellerin und Übersetzerin

Ähnlich geschickt behandelte das 1978 erschienene Kinderbuch „Der Klappwald“ das in der DDR unter den Tisch gekehrte Thema der Umweltverschmutzung – allerdings anhand eines Smogereignisses in den USA. Den wegen Braunkohlesmog oft an Atemwegserkrankungen leidenden DDR-Kindern dürften die Parallelen nicht entgangen sein. In „Der Klappwald“ tauchen am Ende jedoch legal agierende Umweltschützer auf, die es in der DDR nicht geben durfte.

Als Korrespondentin linker Medien in den USA konnte sich Anderson ein kleines Zubrot in Devisen verdienen. Bedeutsamer war jedoch ihre Rolle als Kulturvermittlerin in die andere Richtung. In der DDR gab es ab 1975 eine Botschaft der USA, aber kein Kulturinstitut, weil die Kulturbürokratie einen mal mehr, mal weniger scharfen Feldzug gegen „die amerikanische Unkultur“ führte. Ausgerechnet als die Bürgerrechtsbewegung und die Proteste gegen den Vietnamkrieg in den USA anschwollen, wollten Partei und Staat das Englische ganz aus dem Kulturbetrieb der DDR verbannen. Höhepunkt dieser Kampagne war ein Artikel im Neuen Deutschland, der sich gegen das Singen von „We shall overcome“ in der DDR wandte, weil das Lied Probleme anspreche, die mit dem Aufbau des Sozialismus nichts zu tun hätten. Andersons Biografin Sibylle Klemm betont, dass diese unablässig gegen die Propaganda auftrat und sich für die Protestkulturen in den USA engagierte. Sie vermittelte viele Gastspiele amerikanischer Musiker/-innen, die im Kalten Krieg ohne ihr Engagement kaum zustande gekommen wären. Dass 1966 Joan Baez und 1967 Pete Seeger in der DDR gastierten, war sicher auch ihr Verdienst. Sie schlug Übersetzungen von US-Autoren vor und übersetzte selbst „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz ins Amerikanische.

Austausch mit Feministinnen aus den USA

Klemm schreibt, dass Anderson oft von feministischen Forscherinnen aus den USA besucht wurde, die sich für die Frauenpolitik der DDR und ihre Wirkung im Alltag interessierten. So blieb sie mit dem amerikanischen Feminismus in Kontakt, der eher bei den privaten Geschlechterverhältnissen ansetzte. Durch ihre bikulturelle Kompetenz kam sie zu einer feministischen Synthese, die sich als befruchtend für die Frauenliteratur der DDR erwies. Mit deren profiliertesten Vertreterinnen war sie befreundet und darüber einig, dass die Emanzipation nicht in weiblicher Separation, sondern in gelebter Konfrontation mit Männern stattfinden müsse. Zugleich bestand sie darauf, dass Gleichberechtigungsgesetze und der Eintritt der Frauen in die Arbeitswelt nicht genügten. Emanzipation bedürfe auch mehr kultureller Auseinandersetzung mit privaten Geschlechterverhältnissen, als sie bislang in der DDR stattfand.

„Ein Blitz aus heiterem Himmel“ – eine Idee von Edith Anderson

Mit der Anregung zu der dem Rostocker Hinstorffverlag 1971 vorgelegten, aber erst 1975 erschienenen Anthologie „Blitz aus heiterem Himmel“ initiierte Anderson eines der originellsten Literaturprojekte der DDR: Durch magische Geschlechtsumwandlung sollten die Figuren am lebendigen Leib erspüren, inwieweit das Staatsziel Gleichberechtigung in den Alltagsbeziehungen verwirklicht war. Heute kann der Beitrag von Günter de Bruyn überraschen, weil das Erscheinen eines zur Frau gewordenen Mannes in Frauenkleidern in seinem Büro kaum Irritation erzeugt – wohl ein optimistischer Reflex des Autors auf die Annullierung des Paragrafen 175 StGB im Jahre 1968. Aber die Erwartungen an den Verwandelten verändern sich. Er/sie soll nun auch Blumen gießen und Kaffee kochen. Der Chef wird zudringlich, was fast zur Vergewaltigung führt. Die Akzeptanz geschlechtlicher Fluidität ist gestiegen, aber patriarchale Machtvollkommenheit kann sich nach wie vor Bahn brechen. Der verweiblichte Held möchte wieder zum Mann werden. Das setzt aber die Rückverwandlung der vermännlichten Ehefrau voraus, was diese ablehnt. Christa Wolf erfand eine von einer Wissenschaftlerin akzeptierte Geschlechtsumwandlung, die einer ambitionierten Forschung ihres Chefs über die psychosozialen Effekte dient. Die seelische Verwandlung zum Mann bleibt unvollständig, das Befinden zwiespältig. Die Verwandelte erzwingt die Rückverwandlung früher als geplant mit der Verführung der Tochter des Chefs, was diesem zu weit geht. Interessant ist hier das Beharren auf weiblicher Identität und die Kritik an Allmachtsvorstellungen der Wissenschaft.

In Gotthold Glogers Geschichte wacht ein LPG -Bauer eines Morgens als seine Frau auf, die sich wiederum in seiner Gestalt wiederfindet. Innerlich grollend bewältigt er ungewohnte Haushaltsarbeit, Kinderversorgung und auch weibliche Feldarbeit. Sein erhaltener patriarchaler Instinkt schlussfolgert, die auch in anderen LPG-Familien vermutete Geschlechtsumwandlung habe den Grund, dass die Frauen die Leitung der Genossenschaft kapern wollten. Anderson schrieb eine Novelle über vielfältige Facetten der Liebe: Alyda vermisst die geistige Beziehung zum verstorbenen Mann, kann sich aber erst ohne ihn sexuell voll entfalten. Die Beziehung zum verheirateten Florian gelingt, weil er in ihr das Gegenstück zu seiner ihn allseitig umsorgenden Gattin sieht: den starken, unabhängigen Menschen. „Ich sehe dich nicht hauptsächlich als Frau“, sagte er. – „Aber ich bin eine!“ – „Ich sehe dich als menschliches Wesen.“ – „Ist denn beides unvereinbar?“ Widersprüchliches wird zum erotischen Reiz. Die Beziehung endet, als Florians Frau wieder arbeitet und ein außereheliches Verhältnis beginnt. Im Liebesschmerz wird Alyda zum Mann und wirbt um eine schon lange bewunderte Freundin. Dass sich charakterstarke Frauen auch im bürgerlichen Milieus emanzipieren können, erzählt Rolf Schneiders Geschichte über einen von einer solcher Mutter traumatisierten Mann. Er wird zum Patriarchen. Obwohl sexuell erfüllt, scheitern seine Ehen, bis er auf eine sehr charakterstarke Frau trifft. Sie erzwingt seine Geschlechtsumwandlung, um ihm die Erniedrigung der weiblichen Rolle begreifbar zu machen. Die Rückverwandlung scheitert aber, es bleibt ein unscheinbares Insekt übrig. Sarah Kirschs Geschichte gab der Anthologie den Titel: Eine junge Frau wird blitzartig zum Mann Max, als sie sich die patriarchalen Ungleichgewichte in der Beziehung zum Fernfahrer Albert bewusst macht. Dieser nimmt die Verwandlung gelassen auf. Max wird sein Beifahrer und die beiden lieben sich einfach weiter. Karl-Heinz Jakobs Sciences-Fiction erzählt von einer in Quedlinburg errichteten matriarchalen Republik. Die Verfassung verbietet nicht nur die Ehe, sondern auch die Liebe, um alle Formen gegenseitiger „psychischer und physischer Versklavung“ abzuschaffen. Die Wahl der Sexualpartner obliegt allein den Frauen, häufiger Wechsel ist erwünscht, Vaterschaft soll nicht feststellbar sein. Jungen müssen das Erzeugen weiblicher Lust bereits in der Schule lernen und dann als ihre „Exekutoren“ öffentlich um Rangfolge konkurrieren. Das Ansehen der Frauen wächst mit dem Alter. Als sich ein Paar in einem Schäferstündchen erinnert, dass es einst ein Liebespaar war, und sich fragt, ob es nicht schön wäre, es wieder zu werden, reagiert der Mann ängstlich, weil das nur heimlich möglich wäre. Alle Beiträge erklären die Ehe zum Auslaufmodell, nicht aber die vielfältigen Formen der Liebe. Das unterstreicht auch der Essay der Literaturkritikerin Annemarie Auer. Mit historischen und ethnografischen Argumenten schnitt sie Themen an, die an Judith Butlers spätere Gendertheorie erinnern.

Obwohl sich auch im Westen Männer mit feministischen Fragen beschäftigten, erschien die von Anderson herausgegebene Anthologie dort 1980 als eine um die Beiträge der Männer abgespeckte Version unter dem Titel „Geschlechtertausch“. Enthalten sind nur Texte der im Westen bereits bekannten Christa Wolf und Sarah Kirsch sowie eine Erzählung Irmtrauds Morgners, die aus der DDR-Ausgabe verbannt worden war, weil die nach Moskau verlegte Geschlechtsverwandlung als zu freizügig erschien. Als Teil des 1977 erschienenen Romans „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatritz“ war sie mittlerweile auch in der DDR zugänglich. In den Neunzigerjahren hat Edith Anderson mit „Liebe im Exil“ ein berührendes Zeugnis ihres Lebens mit Max Schroeder abgelegt, das auch als sehr subjektives Who is who der damaligen DDR-Prominenz zu lesen ist – ein rückhaltloses Dokument schwindender Illusionen und trotziger Selbstbehauptung. „Love in Exil. An American Writer`s Memoir of Life in Divided Berlin“ erschien 1999 in den USA, bevor BasisDruck 2007 die deutsche Übersetzung publizierte. Dank beträchtlicher Resonanz beim Publikum entschloss sich der Aufbau-Verlag 2024, sowohl „A Man‘s Job“ als auch „Blitz aus heiterem Himmel“ in anspruchsvoller Aufmachung neu herauszubringen. Damit wurde die Verknüpfung von westlichem und DDR-Feminismus als Edith Andersons origineller Beitrag zur Literaturgeschichte erneut sichtbar gemacht.

Zitierweise: Sabine Kebir, „ Schwindende Illusionen und trotzige Selbstbehauptung. Edith Andersons Synthese von amerikanischem und DDR-Feminismus", in: Deutschland Archiv, 23.3.2026, Link: www.bpb.de/573878 (ali).

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