Beleuchteter Reichstag

14.12.2017 | Von:
Everhard Holtmann

Volkes Stimme hinter der Mauer. Die westdeutschen „Stellvertreterumfragen“ zum politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein der Bevölkerung in der DDR

In Bonner Regierungskreisen wuchs das Interesse, genauer zu wissen, wie die Menschen im anderen Teil Deutschlands wirklich dachten. So gab man über das Meinungsforschungsinstitut Infratest eine Umfrage in Auftrag, die darüber auf wissenschaftlicher Basis Auskunft geben sollte.

Alltagsgeschehen in einer Hauptgeschäftsstraße im Ost-Berliner Bezirk Pankow, 1987Alltagsgeschehen in einer Hauptgeschäftsstraße im Ost-Berliner Bezirk Pankow, 1987 (© Bundesarchiv, Bild 183-1987-0611-008, Foto: Steffen Ritter)

In Demokratien sind repräsentative, nach wissenschaftlichen Standards erstellte und regelmäßig erhobene Bevölkerungsumfragen ein gewohntes Spiegelbild der öffentlichen Meinung. Für den öffentlichen politischen und gesellschaftlichen Diskurs stellen sie zudem ein wichtiges Hilfsmittel dar. Ganz anders in Autokratien und anderen Spielarten von Diktaturen: Dort wird eine unabhängige Demoskopie als Bedrohung der eigenen Herrschaft verstanden, weil das herrschende Regime Gefahr läuft, dass unterdrückte systemkritische Stimmungen offenbart werden und dass es die Kontrolle über ihre Verbreitung verliert. Diktaturen setzen stattdessen auf Geheimdienste, die nicht repräsentativ, sondern konspirativ arbeiten. Ihr Auftrag ist nicht Meinungsforschung, sondern politische Feindaufklärung. Ihre „Zielpersonen“ werden namentlich erfasst, observiert und verfolgt. Hingegen ist die Anonymisierung der Befragten, also der „Probanden“, ein ehernes Prinzip einer methodisch seriös vorgehenden Demoskopie.

Die zeitgeschichtliche Ausgangslage Ende der 1960er Jahre: Für die DDR fehlen repräsentative Bevölkerungsumfragen

Dieses gegensätzliche Verständnis von Öffentlichkeit und öffentlicher Meinung war zu den Zeiten der Existenz zweier deutscher Staaten ein Kennzeichen des „Wettstreits der Systeme“ zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Während in Westdeutschland die US-Militärregierung schon 1945 in ihrer Zone Umfragen durchführte[1] und nach Gründung der Bundesrepublik etliche staatsunabhängige Institute fortlaufend Meinungsforschung betrieben, ließ das SED-Regime in Ostdeutschland nur eine parteilich gelenkte Medienöffentlichkeit zu und unterhielt zu Zwecken der Herrschaftssicherung seinen weitverzweigten Nachrichtendienst, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), bekannt – und bei DDR-Bürgerinnen und -Bürgern gefürchtet – unter dem Kürzel „Stasi“.

Allerdings schloss die DDR seine Bevölkerung nicht nahezu hermetisch gegen Nachrichtenangebote von außen ab, wie es beispielsweise das totalitäre System Nordkoreas tut. So gab es im innerdeutschen Verhältnis neben massenhaftem Postversand, Telefonkontakt und Fernsehempfang einen regen beiderseitigen Reiseverkehr, der zunächst Millionen von ostdeutschen Rentnern und seit etwa Mitte der 1980er zunehmend auch jüngeren DDR-Bürgern Westreisen ermöglichte. Aber bis zur Öffnung der Mauer im Jahr 1989 änderte sich an der im Vergleich beider Staaten asymmetrischen Öffentlichkeit insofern nichts, als die DDR ein weißer Fleck auf der Landkarte der Demoskopen blieb.

Die neue Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel: Auslöser für „Stellvertreterumfragen“

Im Zuge der von der sozialliberalen Bundesregierung unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) und Außenminister Walter Scheel (FDP) eingeleiteten neuen Ostpolitik wuchs in Bonner Regierungskreisen das Interesse, genauer zu wissen, wie die Menschen im anderen Teil Deutschlands wirklich dachten. Der damalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen, Herbert Wehner, beauftragte im Jahr 1968 das in München ansässige Markt- und Meinungsforschungsinstitut Infratest damit, ein Erhebungsinstrument zu entwickeln, das über die Lebenslage der Ostdeutschen und ihrer Einstellungen auf wissenschaftlicher Basis Auskunft geben konnte – verlässlicher und dem Querschnitt der Bevölkerungsmeinung näher kommend, als es mittels Befragung geflüchteter beziehungsweise ausgereister DDR-Bürger möglich war.

Der Regierungsauftrag war die Geburtsstunde der über mindestens zwei Jahrzehnte fortlaufend erhobenen „Stellvertreterumfragen“.[2] Erhellt werden sollten dadurch nicht nur die politischen und gesellschaftlichen Einstellungen, die in der Bevölkerung der DDR verbreitet waren. Ergründet werden sollten darüber hinaus auch typische Verhaltensmuster sowie Reaktionen ostdeutscher Bürger auf aktuelle Vorgänge im Feld der innerdeutschen Beziehungen.

Der rote Faden der jährlichen Befragungen blieb stets derselbe. Drei Schwerpunkte wurden bei der Konstruktion des Fragebogens gesetzt: das Veranschaulichen von längerfristigen Trendlinien im ostdeutschen Meinungsbild, das Aufzeichnen von Reaktionen auf tagesaktuelle Ereignisse im Verhältnis beider deutscher Staaten und das Ausleuchten wechselnder Schwerpunktthemen zu gesellschaftspolitisch bedeutsamen Fragen. Der Fragenkatalog wurde mit den zuständigen Stellen im Ministerium inhaltlich abgestimmt und von Infratest auf seine Eignung für die Anwendung in der Feldphase hin überprüft.

Infratest riet ausdrücklich dazu, für die Antworten auf einzelne Fragen ermittelte Prozentanteile nicht als „harte“ quantitative Daten, sondern nur als Anhaltspunkte für in Ostdeutschland existierende Meinungsbilder zu verstehen. Schließlich handelte es sich, wie noch zu sehen sein wird, nur um stellvertretend erhobene Aussagen, in denen westdeutsche Befragte über ihre Einschätzungen ostdeutscher Gesprächspartner Auskunft gaben. Nach der Grenzöffnung und der deutschen Einigung zeigte sich aber, dass die Stellvertreterumfragen die Einstellungen der Bevölkerung der DDR realitätsnah wiedergegeben hatten.

Auf Umwegen befragen – zur Methodik

Kern des von Infratest eingesetzten Verfahrens der Stellvertreterumfragen war eine indirekte Befragung. Hierfür wurden Bundesdeutsche ausgewählt, die sich innerhalb der letzten zwei Monate für mindestens drei Tage in Ostdeutschland aufgehalten hatten. Die Befragten wurden gebeten, aus ihrer Erinnerung über Einstellungen, Meinungen und Verhaltensgewohnheiten jeweils eines Bewohners der DDR zu berichten, mit dem sie sich ausführlich ausgetauscht hatten („Person X“). So fungierte der befragte westdeutsche DDR-Besucher als „Sprachrohr“ seines ostdeutschen Gesprächspartners.

Der Gefahr einer Verzerrung der tatsächlichen Denkweisen der DDR-Bürger, die in der Methodik der indirekten Befragung angelegt ist, war sich Infratest durchaus bewusst. Der interviewte Bundesbürger wurde ausdrücklich gebeten, nur solche Aussagen wiederzugeben, die er seinem DDR-Gesprächspartner zweifelsfrei zuordnen konnte. Ferner dienten ergänzende qualitative Instrumente wie Gruppendiskussionen mit DDR-Besuchern, Expertengespräche und Auswertungen schriftlicher Quellen, wie beispielsweise DDR-Medien, als Korrekturfaktoren bei der Auswertung der Interviews. Jährlich wurden rund 1200 Interviews geführt, die sich über den gesamten Erhebungszeitraum hinweg auf insgesamt rund 27.000 ausgefüllte Fragebögen summierten.[3]

Die Auswertung der erhobenen Einstellungsdaten wurde in Berichtsbände übertragen, die außer Textpassagen zahlreiche Statistiken und Abbildungen enthielten. Teilweise entstanden pro Jahr mehrere Berichtsbände. Diese Analysen trugen den Stempel einer „geheimen Verschlusssache“. Infratest übergab dem Ministerium jeweils fünf Exemplare. Davon erhielten das Bonner Kanzleramt zwei und der Berliner Senat eines.

Um aus der großen Menge individuell gewonnener Daten Einstellungsprofile herauszuschälen, die für die DDR-Bevölkerung kennzeichnend waren, entwickelte Infratest eine besondere Typologie. Dabei wurden insgesamt fünf Typen politischer Grundhaltung unterschieden (siehe Tabelle 1). Der Vorteil dieser Typenbildung war, dass die gesamte DDR-Bevölkerung auf kulturelle Großgruppen verteilt werden konnte, die unter anderem für unterschiedliche Grade der Identifikation mit dem politischen System der DDR standen.

Tabelle 1: Typen politischer Grundhaltungen der DDR-Bevölkerung
Typ B
ausgeprägtes politisches Interesse, auch hinsichtlich der BRD; im Systemvergleich der Lebensbedingungen und Zukunftsperspektiven schneidet die BRD besser ab; trotz politischer Aktivitäten niedrige Identifikation mit dem System der DDR; fast gleichmäßig über alle Altersgruppen verteilt, formale Bildung überdurchschnittlich
Typ D
bewertet die Lebensbedingungen der BRD ebenfalls besser; mäßiges politisches Interesse bezüglich beider deutscher Staaten; dem DDR-System gegenüber teilweise kritisch, aber im Wesentlichen den gegebenen Verhältnissen angepasst; gleichmäßig verteilt nach Alter, Geschlecht und formaler Bildung
Typ A
weit unterdurchschnittliches Politikinteresse, auch hinsichtlich der BRD; tendenziell bessere Bewertung der Lebensbedingungen in Westdeutschland; überwiegend Frauen und ältere Personen, vergleichsweise niedrige Formalbildung
Typ E
gegenüber dem DDR-System eher positiv beziehungsweise zumindest angepasst eingestellt; gegenüber dem System der BRD eine häufig unverbindliche, aber auch partiell kritische Grundhaltung; im niedrigen Grad des Politikinteresses ähnlich wie Typ A; keine sozialstrukturellen Auffälligkeiten; ab Ende der 1970er Jahre „nur noch eine marginale Rolle“
Typ C
„Rückgrat des DDR-Systems“; starkes politisches Interesse und Engagement; zu fast 90 % Anhänger des Systems; bei Vergleich der Lebensbedingungen deutliche Präferenz für DDR; überdurchschnittlich gebildet und überwiegend Männer der jüngeren Altersgruppen
Quelle: Infratest Kommunikationsforschung: Köhler 1994, S. 59 und 61.


Sichtweisen der Bürgerinnen und Bürger der DDR – ausgewählte Befunde der Stellvertreterumfragen

Hatten die Bürger der DDR zum Beispiel das Gefühl, ihre Meinung frei äußern zu dürfen? In diesem Punkt war nach überwiegender Auffassung stets Vorsicht geboten (Abbildung 1). Im langjährigen Durchschnitt sah nur etwa ein Drittel der Befragten keinen Grund, sich beim Sprechen im öffentlichen Raum zu kontrollieren.

Freie Meinungsäußerung in der DDR, Angaben in Prozent, 1969 bis 1988Abbildung 1: Freie Meinungsäußerung in der DDR, Angaben in Prozent, 1969 bis 1988. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung 1 (1994).

Ein Gradmesser für die generelle Unterstützung des politischen Systems ist das Ausmaß der Zufriedenheit mit den politischen Verhältnissen im Land – mit denen die Bürger der DDR während der letzten eineinhalb Jahrzehnte des Bestehens dieses Staates in ihrer Mehrheit unzufrieden waren (Abbildung 2). Dabei schwankte das Stimmungsbarometer. Zwischen 1975 und 1980 stieg die Zahl derer, die eine Verschlechterung der politischen Lage wahrnahmen, von 14 auf 40 Prozent. Danach ging diese Quote stetig zurück, bis auf 17 Prozent im Jahr 1987. Gleichzeitig wuchs die Zahl derer, die keine Veränderung registrierten, auf rund zwei Drittel an. Dies kann als ein Zeichen sich ausbreitender Resignation gedeutet werden. 1988 zeichnete sich wieder eine auffällige Verschlechterung des politischen Klimas ab, die 1989 abermals anstieg – die innere Systemkrise des SED-Staates beschleunigte sich sichtlich.

Infratest unterschied bezüglich der Grundeinstellung zum politischen System der DDR drei Kategorien: Anhänger beziehungsweise Befürworter, Gegner und Angepasste beziehungsweise Indifferente. Wie – hier nicht abgebildete – Einstellungsdaten im Trendverlauf zeigen, überwogen bis Ende der 1970er Jahre mit 23 bis 30 Prozent leicht die Systembefürworter, danach kehrte sich das Verhältnis zugunsten der Systemgegner (25 bis 30 Prozent) dauerhaft um. Die Mehrheit der DDR-Bürger jedoch, stellte Infratest 1988 rückblickend fest, zeigte sich mit durchweg etwa 50 Prozent „gegenüber dem politischen System in der DDR angepasst beziehungsweise resigniert“ (Infratest 1988/4: 67). Im Jahr 1989 stieg die Zahl der Systemgegner sprunghaft auf knapp 40 Prozent.

Zufriedenheit der DDR-Bürger mit den politischen Verhältnissen in der DDR aus der Sicht der DDR-Besucher, Angaben in Prozent, 1975 bis 1989Abbildung 2: Zufriedenheit der DDR-Bürger mit den politischen Verhältnissen in der DDR aus der Sicht der DDR-Besucher, Angaben in Prozent, 1975 bis 1989. Erläuterungen: Als Basis dienten alle DDR-Besucher des jeweiligen Jahres, die nicht zum ersten Mal in der DDR waren; Angabe für 1989 = Mittelwert aus 1. und 2. Quartal. (© eigene grafische Darstellung. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung, Bericht 1 (1994), S. 64.)



Geringe Identifikation mit der DDR: die Verteilung auf die fünf Einstellungstypen

Bei der Zuordnung der individuell erhobenen Einstellungen zu den fünf oben erläuterten Typen politischer Grundhaltung ergab sich folgendes Verteilungsmuster (Abbildung 3): Seit Ende der 1970er Jahre dominierten in der DDR die Typen B und D, in denen zusammengenommen durchweg 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung verortet werden konnten. Kennzeichnend hierfür waren: geringe Identifikation mit der DDR, Angepasstheit an die vorgefundenen Verhältnisse, mäßiges bis starkes Interesse an Politik sowie eine positive Sicht auf die Bundesrepublik. Selbst die Minderheit bekennender DDR-Anhänger (insgesamt gut 15 Prozent) war in der Spätzeit der DDR keine verlässliche Stütze des SED-Regimes mehr. Gerade bei Angehörigen des Typus C beobachteten die Infratest-Forscher gegen Ende der 1980er Jahre, dass West-Reisen einen nachhaltigen Eindruck hinterließen und für die Schwarz-Weiß-Klischees der offiziellen Propaganda weniger empfänglich machten.

Verteilung der DDR-Bewohner (Person X) auf die fünf Einstellungstypen 1978 bis 1988, Angaben in ProzentAbbildung 3: Verteilung der DDR-Bewohner (Person X) auf die fünf Einstellungstypen 1978 bis 1988, Angaben in Prozent (© eigene grafische Darstellung. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung, Bericht 1 (1994), S. 68.)



Private Wohlfahrt, Abstand zur Politik – was für DDR-Bürger die wichtigen Dinge des Lebens waren

Familiärer Zusammenhalt, Kinderwunsch, ein gemütliches Heim, ein eigenes Auto, möglichst viel private Freizeit, aber sich gleichwohl für die Gemeinschaft einsetzen – das vor allem waren die Dinge, die den DDR-Bürgern zwischen 1979 und 1985, den zwei verfügbaren Messpunkten, unverändert wichtig blieben. Darin unterschieden sich jene, die sich mit der DDR identifizierten, kaum von der Gesamtheit der Bevölkerung, allenfalls waren Systemanhänger etwas weniger freizeitorientiert (Tabelle 2). Letztere waren außerdem deutlich karriereorientierter. Die stärkste Abweichung betraf, wenig überraschend, die Einstellung zur Politik: 1985 hielt insgesamt nur etwa jeder zehnte DDR-Bürger politisches Engagement für wichtig, und auch unter systemtreuen Personen war es nur noch knapp jeder dritte. Sechs Jahre zuvor waren es noch 74 Prozent gewesen.

Tabelle 2	Wichtige Dinge im Leben, Nennungen „besonders wichtig“, Angaben in ProzentTabelle 2: Wichtige Dinge im Leben, Nennungen „besonders wichtig“, Angaben in Prozent. Quelle: Infratest



Die Meinungen der DDR-Bürger über ihre persönliche wirtschaftliche Lage

Das Angebot an Konsumgütern hatte sich nach Einschätzung der Mehrheit der DDR-Bürger in den 1980er Jahren entweder stabilisiert oder sogar verbessert (Abbildung 4). Die Versorgung im Bereich des Daseinsgrundbedarfs wurde offenbar größerenteils als nicht prekär empfunden.

Meinung über die wirtschaftliche Lage des DDR-Bürgers 1978 bis 1988, Angaben in ProzentAbbildung 4: Meinung über die wirtschaftliche Lage des DDR-Bürgers 1978 bis 1988, Angaben in Prozent. Erläuterungen: Als Basis dienten DDR-Bewohner ab 14 Jahren (Person X), die sich zu diesem Thema geäußert haben. (© eigene grafische Darstellung. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung Bericht 1 (1994), S. 76.)

Trotz einer insgesamt ausreichenden Grundversorgung wurde die DDR bei speziellen Gütern und Dienstleistungen, und zwar keineswegs nur des gehobenen Bedarfs, als eine Mangelwirtschaft wahrgenommen. Rar waren nicht nur die sprichwörtlich vermissten Südfrüchte, sondern auch Baustoffe, Ersatzteile und Dienstleistungen wie Reparaturen durch Handwerker (Tabelle 3). Bezüglich des täglichen Bedarfs war die DDR eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: Systemtreue Personen kannten offenbar häufiger Möglichkeiten und Wege, sich knappe Waren und rare Servicedienste zu besorgen.

Tabelle 3	Bestimmte Dinge, die man nur unter der Hand bekommt, 1979, Angaben in ProzentTabelle 3: Bestimmte Dinge, die man nur unter der Hand bekommt, 1979, Angaben in Prozent. Quelle: Infratest



Chancengleichheit für Bürger? Eher in der Bundesrepublik

Obgleich das Gleichheitsversprechen eine zentrale Botschaft der sozialistischen Staatsdoktrin und des Gesellschaftsbildes der DDR war, sah die DDR-Bevölkerung das Prinzip egalitärer Gestaltung der Lebenschancen seit den späten 1970er Jahren und bis zum letzten Jahr der Existenz der DDR stetig ansteigend eher in Westdeutschland verwirklicht (Abbildung 5).

Abbildung 5: Chancengleichheit für die Bürger 1978 bis 1989Abbildung 5: Chancengleichheit für die Bürger 1978 bis 1989 (© eigene grafische Darstellung. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung Bericht 1 (1994).)



Aussichten auf eine bessere Zukunft? Klarer Vorteil für die Bundesrepublik

Ausgeprägter noch als in der Einschätzung der Garantie gleicher Lebenschancen fiel das Urteil der DDR-Bevölkerung beim Vergleich der Zukunftsaussichten zugunsten der Bundesrepublik aus. Seit Mitte der 1970er Jahre sah eine klare – und im letzten Jahr des Bestehens der DDR übergroße – Mehrheit bessere Lebensperspektiven für sich selbst im Westen Deutschlands (Abbildung 6). Dass in dieser Hinsicht im Jahr des Umbruchs 1989 mehr als 80 Prozent der DDR-Bürger ihre Hoffnung in die Bundesrepublik setzten, ist ein eindrücklicher Beleg für den rapiden Legitimationsverfall, den der SED-Staat zu seinem Ende hin bei der eigenen Bevölkerung erfuhr.

Aussichten auf bessere Lebensbedingungen in der Zukunft 1973 bis 1989Abbildung 6: Aussichten auf bessere Lebensbedingungen in der Zukunft 1973 bis 1989 (© eigene grafische Darstellung. Quelle: Infratest Kommunikationsforschung Bericht 1 (1994).)



Fazit: Ein anhaltend schmaler Rückhalt für den SED-Staat

Die Stellvertreterumfragen zeigen, dass das SED-Regime einen recht schmalen ideellen Rückhalt in der eigenen Bevölkerung besaß. Das System der DDR wies in den Augen der Mehrheit seiner Bürgerinnen und Bürger in den Bereichen der Freiheitsrechte, der Lebensqualität und der Zukunftsaussichten klare Defizite auf. Als Vergleichsmaßstab diente die Bundesrepublik, die bei allen wichtigen Aspekten der Lebensbedingungen deutlich besser abschnitt. Da die Wiedervereinigung bis kurz vor dem Ende der DDR ein abstraktes Wunschbild blieb, arrangierte sich die Mehrheit der Bevölkerung notgedrungen mit den in der DDR gegebenen politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Diese Grundhaltung blieb von den späten 1960er Jahren bis zum Umbruchsjahr 1989 nahezu unverändert.

Zwar wurden die von Infratest erstellten Analysen der Stellvertreterumfragen in Bonner Regierungskreisen als streng vertrauliche Dossiers eingestuft. Dennoch war die DDR-Führung darüber offenbar sehr genau informiert. Die Soziologin Anne Köhler, die vom Beginn bis zum Ende der Befragungen die wissenschaftliche Leitung innehatte und die an der 2016 veröffentlichen Auswahl der wieder entdeckten Berichtstexte aktiv beteiligt war, erinnert sich:
    „Im Mai 1993 weckte eine Überschrift im FOCUS Magazin meine Aufmerksamkeit: ‚STASI-Wolfs letzter Meisterspion gefasst!‘ Der lange gesuchte ‚Töpfer‘ war im Kanzleramt vermutet worden, aber tatsächlich saß er als Leiter des Referats Politik im Ministerium für innerdeutsche Beziehungen. Es war unser ehemaliger Gesprächspartner Regierungsdirektor K.G.“[4]
Die DDR-Führung hat demnach als stiller Teilhaber die indirekte Befragung ihrer Bürgerinnen und Bürger dauernd begleitet. Für die Ostberliner Staatsmacht war dies durchaus vorteilhaft. Denn sie ging nicht das Risiko eigener Befragung ein, erhielt aber auf konspirativem Weg gleichwohl empirisch belastbare Informationen darüber, was ihre Bevölkerung wirklich dachte.

Zitierweise: Everhard Holtmann, Volkes Stimme hinter der Mauer. Die westdeutschen „Stellvertreterumfragen“ zum politischen und gesellschaftlichen Bewusstsein der Bevölkerung in der DDR, in: Deutschland Archiv, 14.12.2017, Link: www.bpb.de/261037

Fußnoten

1.
Vgl. Anna J. Merritt and Richard L. Merritt (Hg.), Public Opinion in Occupied Germany. The OMGUS Surveys, 1945–1949, Urbana/Chicago/London 1970.
2.
Nach Freigabe der Umfragedaten zur Veröffentlichung im Jahr 1990 legte die langjährige Projektleiterin Dr. Anne Köhler (Infratest) 1992 erstmals eine Kurzanalyse vor unter dem Titel „Marschierte der DDR-Bürger im Geiste mit? Systemidentifikation der DDR-Bevölkerung vor und nach der Wende, in: Uta Gerhardt und Ekkehard Mochmann (Hg.), Gesellschaftlicher Umbruch 1945–1990. Re-Demokratisierung und Lebensverhältnisse, München 1992, S. 59–79; später Dies., Nationalbewusstsein und Identitätsgefühl der Bürger der DDR unter besonderer Berücksichtigung der deutschen Frage, in: Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland“, Band V/2, Baden-Baden 1995, S. 1636–1675. Eine größere Auswahl aus den erhaltenen Berichtsbänden wurde vor drei Jahren publiziert: Everhard Holtmann und Anne Köhler, Wiedervereinigung vor dem Mauerfall. Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen, Frankfurt a. M./New York (Campus) 2015 (auch als Lizenzausgabe der Bundeszentrale für politische Bildung, bpb-Schriftenreihe Band 1684, Bonn 2016); vgl. ferner Oscar W. Gabriel und Everhard Holtmann u. a., Deutschland 25. Gesellschaftliche Trends und politische Einstellungen (bpb Zeitbilder), Bonn 2015, S. 41–58 sowie Jens Giesecke, Auf der Suche nach der schweigenden Mehrheit Ost, in: Zeithistorische Forschungen 1 (2015), offenes Heft, S. 1–32.
3.
Holtmann und Köhler, Wiedervereinigung vor dem Mauerfall (Anm. 2), S. 28 ff.
4.
Ebd., S. 33.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Everhard Holtmann für bpb.de

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