Beleuchteter Reichstag

4.5.2021 | Von:
Sharon Adler

Vita von Ella Ponizovsky Bergelson

Ella Ponizovsky Bergelson wurde 1984 in Moskau geboren. Ihre Familie wanderte 1991 nach Israel aus.Aufgewachsen ist sie in Jerusalem. Sie hat an der Jerusalemer Hochschule für Kunst, der Bezalel Academy of Arts und an der School of Visual Arts in New York City studiert. Seit 2016 lebt und arbeitet sie in Berlin.

Das Foto zeigt Ella Ponizovsky Bergelson vor ihrem Wandbild in Berlin-TempelhofElla Ponizovsky Bergelson vor ihrem Wandbild in Berlin-Tempelhof (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2021)

Ella Ponizovsky Bergelson spricht, liest und schreibt in mehreren Sprachen, die aus verschiedenen Sprachfamilien mit individuellen Typografiesystemen stammen. Infolgedessen hat sie ein besonderes Augenmerk auf die Reflexion der Sprache und die durch ihre Struktur geprägten kulturellen Identitäten sowie ihr visuelles Erscheinungsbild gelegt. Ihre eigene hybride Identität[1] veranlasst sie, die kulturelle Selbstdefinition von Einzelpersonen und Gemeinschaften zu untersuchen. In ihrer Arbeit erforscht und betrachtet sie die Manifestation von Migrations- und Integrationsprozessen durch Visualisierung der Sprache. Das Ergebnis nennt sie hybride Kalligrafie.

Neben Auftragsarbeiten hat sie Interventionen im öffentlichen Raum geschaffen und ihre Arbeiten nicht nur „in der Sterilität von Galerien und Museen“ präsentiert; sondern hauptsächlich ortsspezifische Wandbilder angefertigt, darunter ZK/U, Berlin (2019), Kindl Brauerei, Berlin (2019), Antikes Spielzeugmuseum (Mexiko-Stadt, 2020), The First Station (Jerusalem, 2019) und JCC, Berkeley, Kalifornien (2018). In ihrem Projekt „Among Refugees Generation Y” schuf sie Wandbilder mit Zitaten des Schriftstellers Dovid Bergelson,[2] ihrem Urgroßvater, in jiddischer Sprache im öffentlichen Raum Berlins. Gefördert wurde diese Arbeit im Jahr 2018 durch die Stiftung Zurückgeben.

Die Einzelausstellung „Order” (Almacén Galerie, 2017) war eine umfangreiche künstlerische Untersuchung der hybriden Identität durch Sprache und Kalligrafie. Die Werke wurden unter anderem in der ADC Gallery, New York (2006), im Mumedi Museum, Mexiko-Stadt (2007), im Museum für islamische und nahöstliche Kultur, Israel (2016-2017), im Jaffa Museum (2016-2017) und in der BB Galeria, Krakau (2017), Galerie Mazeh 9, Israel (2017), Altes Rathaus Marzahn, Berlin (2018), Biennale Jerusalem (2019), Literaturhaus Berlin (2019) und der Galerie Root Division, San Francisco (2020) gezeigt. Die Arbeiten wurden in die Sammlung des Klingspor-Museums in Offenbach am Main (2017) aufgenommen. Im März 2021 realisierte die Künstlerin mit Unterstützung der IMPACT-Förderung der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa, der Szloma Albam Stiftung und Asylum Arts das Projekt „Present Figures/Gegenwartsfiguren”. In den Berliner Bezirken Reinickendorf, Spandau und Tempelhof-Schöneberg hat sie drei „hybride Kalligrafien“ im öffentlichen Raum angefertigt. Ihre großflächigen Montagen, in denen sich die jiddische, hebräische, arabische, englische und deutsche Sprache durchdringen, sind von den Ideen der polnischen Philosophin und Dichterin Debora Vogel (1902 Bursztyn - 1942 Lvov Ghetto, beide Orte gehören heute zur Ukraine) inspiriert. Die drei Wandarbeiten reflektieren die Hybridität von Identitäten und die Relevanz von Vogels kritischen Beobachtungen im urbanen Umfeld der frühen 1930er-Jahre, die in ihre avantgardistische jiddische Poesie eingewoben sind.

Fußnoten

1.
In der Soziologie bedeutet eine „hybride Identität“, dass ein Mensch sich zwei oder mehreren kulturellen Räumen gleichermaßen zugehörig fühlt, siehe www.bpb.de/32223, zuletzt aufgerufen am 15.4.2021
2.
Dovid Rafailowitsch Bergelson oder auch David Rafailowitsch Bergelson (Yiddish: דוד בערגעלסאָן‎, Russisch: Давид Бергельсон), 12.8.1884 – 12.8.1952, war ein in jiddischer Sprache schreibender Schriftsteller, der im russischen Zarenreich geboren wurde. Er lebte von 1921 bis 1933/1934 mit kurzen Unterbrechungen in Berlin, bevor er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Sowjetunion (UdSSR) floh. Als ein Opfer der antisemitischen Nachkriegskampagne gegen „Wurzellose Kosmopoliten” des Diktators Josef Stalin (Generalsekretär des ZK der kommunistischen Partei der UdSSR von 1922 bis zu seinem Tod 1953) wurde er hingerichtet. Dies fand Eingang in die Geschichtsschreibung als „Nacht der ermordeten Dichter”. Siehe Sasha Senderovich, In Search of Readership: Bergelson among Refugees (1928), in: Joseph Sherman and Gennady Estraikh (Hg.), David Bergelson: From Modernism to Socialist Realism, London 2007, S. 150-164, http://www.sashasenderovich.com/uploads/1/2/9/4/12942829/senderovich__2007__bergelson_among_the_refugees.pdf.
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