Beleuchteter Reichstag

11.7.2011 | Von:
Kai Reinhart

"Unerkannt durch Freundesland"

DDR-Alpinismus und Transitreisen jenseits staatlicher Strukturen

Die Nationalmannschaft Alpinistik


Mit Beginn des Kalten Krieges hatte die Sowjetunion begonnen, die staatliche Sportförderung auf international prestigeträchtige Disziplinen zu konzentrieren. Auch im Bergsteigen wiesen die Zeichen in Richtung Leistungssport. Es wurden prestigeträchtige Gipfelexpeditionen unternommen, und 1949 gehörte die Sowjetunion zu den ersten Staaten, in denen nationale Meisterschaften im Sportklettern ausgerichtet wurden. Auch die DDR schloss sich – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – diesem Trend an. 1958 entschloss sich der Deutsche Wanderer- und Bergsteigerverband (DWBV, ab 1970 DWBO), zehn bis zwölf Bergsteiger bei der SG Dynamo Dresden zu konzentrieren, um diesen optimale Trainingsbedingungen zu ermöglichen.[2] Außerdem sollte ein hauptamtlicher Trainer angestellt werden, dessen Aufgabe insbesondere die Vorbereitung der Bergsteiger auf alpine Expeditionen war. Die Erfolge dieser Maßnahmen ließen nicht lange auf sich warten: Bereits im Sommer 1958 konnte die Auswahlmannschaft beide Gipfel des Elbrus besteigen – mit über 5.642 Metern der höchste Berg des Kaukasus.[3]

Trotzdem waren viele Leistungsträger nicht mit der Entwicklung zufrieden. Über zehn Spitzenkletterer, wie Fritz Eske und Herbert Richter, wandten sich daher in einem offenen Beschwerdebrief am 13. Februar 1960 an Walter Ulbricht, in dem sie unter anderem die schlechte Fachzeitschrift und die rückständige Ausrüstung beklagten: "Mit ausschlaggebend dafür ist die ungenügende Zusammensetzung der leitenden Organe im Deutschen Wander- und Bergsteigerverband."[4] Im folgenden Jahr wurde beim SC Einheit Dresden eine eigene "Leistungssektion" Bergsteigen gegründet. Der Trainer, Alfred Barth, setzte sich zum Ziel, eine Nationalmannschaft Alpinistik aufzubauen, "welche die DDR mit international bedeutenden Erfolgen repräsentieren soll."[5] Es wurde geplant, bis 1972 Expeditionen in sämtlichen Hochgebirgen der Welt durchzuführen – ein Ziel, das auch andere sozialistische Staaten verfolgten. Den talentiertesten Bergsteigern wurde eine sogenannte K-Stelle (Klub-Stelle) verschafft, durch die sie bei vollem Lohnausgleich weitgehend von ihrer beruflichen Tätigkeit freigestellt waren und sich ganz dem Klettern widmen konnten. Von den Kaderathleten wurden allerdings nicht nur sportliche Höchstleistungen, sondern auch ein vorbildliches sozialistisches Auftreten in der Öffentlichkeit verlangt. Einen Anlass dazu bot beispielsweise die Einführung der Wehrpflicht 1962, zu der sich die Auswahl-Bergsteiger unter der Überschrift "Für unsere Heimat immer bereit" in der Verbandszeitschrift "Der Tourist" bekennen mussten.[6] Es blieb jedoch stets schwierig, die "zumeist ausgeprägten Individualisten"[7] auf Linie zu halten.

Ein paar Erfolge konnte der DDR-Alpinismus verbuchen: Einige prestigeträchtige Gipfel, zum Beispiel 1967 im Pamir der Pik Lenin (7.134 m) und 1972 der Pik Kommunismus (7.495 m) – der höchste Berg der Sowjetunion –, wurden bestiegen, doch Expeditionen waren teuer und kosteten häufig Devisen, was bei der chronisch angespannten Finanzlage der DDR ein großes Hindernis war. Außerdem waren keine internationalen Medaillen zu gewinnen, sodass der Stellenwert der Nationalmannschaft Alpinistik gering blieb. Beschleunigt wurde ihr Bedeutungsverlust, als am 21. Juli 1967 vier Kader-Bergsteiger an der schweizerischen Eiger-Nordwand in den Tod stürzten. Die Medien hatten im Vorfeld über die Expedition berichtet, denn eine Fahrt in die Alpen war etwas Besonderes, und sahen sich nun in Erklärungsnot. In Dresden gab es ein Staatsbegräbnis, und die Toten wurden zu Helden erklärt.[8] Nachdem die offiziellen Trauerfeiern vorüber waren, wurde es jedoch still um die Nationalmannschaft.

Weitere Unglücke und der Beschluss von SED-Politbüro und Deutschem Turn- und Sportbund (DTSB) vom 19.März 1969, den Leistungssport nur noch in ausgewählten, medaillenintensiven Sportarten zu fördern,[9] besiegelten endgültig ihr Schicksal. Eine Kern-Mannschaft blieb zwar erhalten, doch deren Unterstützung wurde radikal zusammengestrichen. Die ehrgeizigen Ziele des DWBV ließen sich auf dieser Basis nicht verwirklichen, und im internationalen Bergsport spielte die DDR keine nennenswerte Rolle mehr. In der Sowjetunion verlief die Entwicklung ähnlich, und das Bergsteigen wurde zu einem Sport der Intellektuellen und Akademiker.[10] Dies entsprach durchaus einer Tradition des Bergsteigens, das sich schon früh gegen eine Versportlichung und eine Vereinnahmung durch den Staat gewehrt hatte.


Fußnoten

2.
Skisport und Touristik 2 (1958) 11, S. 13.
3.
DWBO, Zeittafel zur Geschichte des DWBO der DDR, seines historischen Erbes und seiner Sportarten. 1988, S. 34.
4.
Dok.: Kai Reinhart, "Wir wollten einfach unser Ding machen." DDR-Sportler zwischen Fremdbestimmung und Selbstverwirklichung, Frankfurt a. M./New York 2010, S. 406.
5.
Der Tourist 1 (1961) 6, S. 14.
6.
Der Tourist 1 (1962) 4, S. 13.
7.
Der Tourist 1 (1962) 4, S. 13.
8.
Der Tourist 6 (1967) 9, S. 10f.
9.
Hans Joachim Teichler (Hg.), Die Sportbeschlüsse des Politbüros. Eine Studie zum Verhältnis von SED und Sport mit einem Gesamtverzeichnis und einer Dokumentation ausgewählter Beschlüsse, Köln 2002, S. 567.
10.
Eva Maurer, Der sowjetische Alpinist auf Abwegen: Normvorstellungen, Kritik und Disziplinierung in der alpinistischen Gemeinschaft, 1931–1955, in: Arié Malz u.a. (Hg.), Sport zwischen Ost und West. Beiträge zur Sportgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert, Osnabrück 2007, S. 302.

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