Beleuchteter Reichstag

15.7.2011 | Von:
Cornelia Jabs

Maßnahmen der Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin zur Grenzsicherung nach dem Mauerbau

III.


Das Wirken des MfS bei der Sicherung der Grenze bis hin zur Strafverfolgung der Flüchtlinge wurde in den folgenden Jahren zunehmend differenzierter organisiert und perfektioniert. Chefsache blieb die innerdeutsche Grenze bis zum Ende der DDR – vor allem dann, wenn die zivilen Opfer des Grenzregimes und belastende Informationen über Tötungen zu verheimlichen waren. Denn auch in puncto "Leichensachen" musste das MfS einen makabren Lernprozess vollziehen, der anhand der neu erschlossenen Dokumente nun bereits für die Frühphase nach dem Mauerbau auf Leitungsebene nachvollzogen werden kann. Bislang konnte das Wirken der Staatsicherheit hauptsächlich aus den wenigen erhalten geblieben Opferakten heraus rekonstruiert werden.

Die brutalen Tötungen unbewaffneter Flüchtlinge und Zivilisten verlangten nach raschen Regelungen und koordiniertem Vorgehen, denn sie riefen nicht nur auf höchsten diplomatischen Ebenen Proteste hervor, sondern auch Zorn und Wut in der Bevölkerung. Der Tod Peter Fechters ist ein weltbekanntes Beispiel hierfür. Das MfS übernahm daher regelmäßig und frühzeitig die Bearbeitung derartiger "politisch-operativ relevanter besonderer Vorkommnisse" und zog sämtliche Kompetenzen an sich.[18] Wie Opferakten zeigen, hatten die federführenden Diensteinheiten der Abteilungen IX der Verwaltung Groß-Berlin und der Bezirksverwaltung Potsdam konspirierende Maßnahmen auch mit der AG Staatsgrenze und später mit der Linie XX/5 direkt abzusprechen, bevor diese dann auf höchster Leitungsebene bestätigt wurden.[19]

Eine auf Leitungsebene beschlossene gemeinsame Arbeitsrichtlinie der HA I und der Verwaltung Groß-Berlin gibt neben zahlreichen Maßnahmen zur Grenzsicherung erstmals auch Aufschluss über die spätestens im August 1964 administrativ festgelegten Grundsatzbestimmungen im Umgang mit verletzten und getöteten Flüchtlingen.[20] Während unverletzt Festgenommene mit allen Unterlagen innerhalb von drei Stunden durch die in den grenzsichernden Einheiten eingesetzten MfS-Sicherungsoffiziere an den Vernehmerstützpunkt der Abteilung IX im Präsidium der Volkspolizei zu übergeben waren, mussten demnach bei der gewaltsamen Verhinderung von Fluchten sofort umfangreiche, konspirative Meldungen vorgenommen werden. Die weitere Bearbeitung oblag ausnahmslos dem MfS. Gegenüber der Zivilbevölkerung und westlichen Stellen waren das Geschehen und die eingeleiteten wie unterlassenen Maßnahmen, worunter auch unterlassene Hilfeleistungen fallen, abzuschirmen.

Wie neu erschlossene Richtlinien zeigen, galten ab Mai 1963 vergleichbare Festlegungen zwischen der HA I und dem Leiter der BV Potsdam auch für die Sicherung des Außenrings um West-Berlin.[21]

Die hier nur knapp umrissenen Verfahrensweisen und Organisationsstrukturen des MfS geben einen Ausblick auf das dichte aber bei Weitem nicht erschöpfend befragte Quellenmaterial zu diesem Thema. Mit der jüngst vorgelegten Edition der Berichte der Zentralen Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des MfS an die SED- und Staatsführung der DDR aus dem Jahr 1961[22] wurde der Öffentlichkeit eine erste, den Mauerbau wesentlich betreffende Quellensammlung zur Verfügung gestellt. Die Publikation weiterer Grundsatzdokumente, besonders zur Rolle des MfS bei der Grenzsicherung, ist in Vorbereitung.


Fußnoten

18.
Vgl. Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke, Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989: Ein biographisches Handbuch, Berlin 2009, S. 21–23.
19.
Vgl. z.B. BStU, MfS, AS 754/70, insb. Bd. II, Nr. 1, 2 und 4.
20.
Vgl. Gemeinsame Arbeitsrichtlinie zur [...] offensiven Zusammenarbeit und Koordinierung der politisch-operativen Aufgaben und zur allseitigen Absicherung der Staatsgrenze – demokratisches Berlin/Westberlin v. 12.8.1964, BStU, MfS, HA I Nr. 15618, Bl. 1–7.
21.
Vgl. Arbeitsrichtlinie zur [...] offensiven und engen Zusammenarbeit bei der Sicherung der Staatsgrenze nach Westberlin v. 28.5.1963 sowie Arbeitsrichtlinie Nr. 2/64 zur [...] offensiven Zusammenarbeit und Koordinierung der politisch-operativen Aufgaben und zur allseitigen Absicherung der Staatsgrenze – Bezirk Potsdam und Westberlin, BStU, MfS, HA I Nr. 16169, Bl. 1–8 u. 9–15.
22.
Daniela Münkel (Bearb.), Die DDR im Blick der Stasi 1961. Die geheimen Berichte an die SED-Führung, Göttingen 2011.

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