Beleuchteter Reichstag

11.8.2020

Wer war Opfer des DDR-Grenzregimes?

Ansichten zu einem umstrittenen Thema

Eine Studie des Forschungsverbunds SED-Staat hat eine Kontroverse ausgelöst. Wer war Opfer des DDR-Grenzregimes? Nur Flüchtlinge, die nach dem Mauerbau am 13. August 1961 aus dem Osten in den Westen Deutschlands fliehen wollten und auf ihrer Flucht tödlich verunglückten, ins Minenfeld gerieten oder von DDR-Grenzern erschossen wurden? Eine neu ergänzte Debatte im Deutschland Archiv.

Schema der Grenzsperranlagen der DDR, technischer Stand ab 1979.Schema der Grenzsperranlagen der DDR, technischer Stand ab 1979. (© Bundesgrenzschutz)

Wissenschaftler*innen streiten, ob auch Menschen, die schon vor dem Mauerbau beim Passieren der innerdeutschen Grenze aus unterschiedlichen Gründen gewaltsam zu Tode kamen, "Opfer des DDR-Grenzregimes" sind? Und wie ist der Tod von Grenzern zu bewerten, die im direkten oder indirekten Zusammenhang mit ihrem Dienst an der Grenze ihr Leben verloren oder sich das Leben nahmen?

Daher gibt es bislang keine abschließende Berechnung, wie viele Menschen durch das Grenzregime zu Tode gekommen sind, zumal auch viele Todesfälle von SED und Stasi vertuscht oder verschleiert wurden oder die Quellenlage unzureichend ist. Derzeit wird laut Bundesregierung von "mindestens 260" Todesopfern an der innerdeutschen Grenze und "mindestens 140" an der Berliner Mauer ausgegangen, die mit eindeutigem Bezug zum Grenzregime ihr Leben verloren, hinzuzurechnen sind etwa 200 weitere DDR-Flüchtlinge, die bei Fluchtversuchen in der Ostsee starben.

Gibt es aber noch mehr Fallkategorien, die diskutiert werden müssten? Davon geht ein Autorenteam aus dem Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität (FU) Berlin aus, das in seiner Zählung auf nicht 260, sondern 327 Todesopfer kommt, die im Zusammenhang mit dem innerdeutschen Grenzregime ums Leben kamen. Professor Klaus Schröder und Dr. Jochen Staadt veröffentlichten dazu mit dem Recherchestand vom 1. Januar 2017 eine Studie unter dem Titel "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989". Dieses 684-seitige Buch des Forschungsverbundes mit seinen 327 Fallbeispielen erschien 2017, es wurde finanziell unterstützt durch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien und mehrere Bundesländer, und wurde auch in das Diskussionsangebot der bpb zu diesem Thema aufgenommen.

Die wesentlichen Inhalte fassten im August 2019 als Auftakt zu dieser Debatte im Deutschland Archiv Dr. Jochen Staadt und Dr. Jan Kostka zusammen, sie geben darin einen Überblick, wer aus Sicht des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Universität Berlin Aufnahme in die Studie "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989" fand.

Buchcover der Studie "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989".Kontrovers diskutierte Studie: "Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes an der innerdeutschen Grenze 1949-1989". Das Handbuch erschien 2017 zunächst als Studie des Forschungsverbunds SED-Staat der Freien Universität Berlin im Wissenschaftsverlag Peter Lang, später auch in der Schriftenreihe der bpb (Band 10119).
Doch die Zählweise weckte Widerspruch, denn ein Teil der aufgeführten Fallbeispiele ist aus Sicht anderer Wissenschaftler umstritten. Zunächst begannen aber rbb-Journalist*innen mit Recherchen. Sie wollten wissen, ob in der Zeit von 1949 bis 1989 wirklich 327 Menschen im Zusammenhang mit dem Grenzregime der DDR gestorben sind, wie es in der Studie hieß. Diese Recherchen mündeten im November 2018 in einem Beitrag des ARD-Mittagsmagazins "DDR-Grenztote: Muss Zahl nach unten korrigiert werden?". Ein Folge-Beitrag wurde im April 2019 ausgestrahlt. Er berichtete von einer Veranstaltung mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters zu der Studie.

Wissenschaftliche Kritik formulierte im August 2019 Dr. Michael Kubina im Deutschland Archiv, der anfangs kurzzeitig an der Erarbeitung der Studie beteiligt war. Auf dessen Kritik folgte im November 2019 eine Entgegnung des Kritisierten, Dr. Jochen Staadt ("Nicht nur Heldengeschichten beschreiben"). Daraufhin erfolgte im April 2020 eine weitere Kritik Dr. Kubinas ("Begriffliche Unklarheiten") und im Mai 2020 eine erneute Reaktion von Dr. Staadt, der diese Kritik zurückwies ("Es geht um Schicksale, nicht Begriffe").

Beide Ansichten greift nun der Historiker Dr. Gerhard Sälter aus der Gedenkstätte Berliner Mauer auf und gibt (online ab 12.8.2020) einen ausführlichen Überblick, wie Zählung und Gedenken zukünftig angemessen gehandhabt werden könnten. Die Redaktion des Deutschland Archivs setzt diese Debatte fort.

Hier die Links zu den bislang vorliegenden Beiträgen:

  • NEU: Die Todesopfer des DDR-Grenzregimes, ihre Aufarbeitung und die Erinnerungskultur. Ein Überblick und ein Denkanstoß von Dr. Gerhard Sälter zu einer ausgebliebenen Debatte (online ab 12. Augst 2020)
Ausschnitt aus dem "Fenster der Erinnerung" der Stiftung Berliner Mauer. Es erinnert mit Portraits an die mindestens 140 Todesopfer in Berlin, die bei Fluchtversuchen über die Mauer oder anderweitig im Bereich der Berliner Mauer ums Leben kamen.Ausschnitt aus dem "Fenster der Erinnerung" der Stiftung Berliner Mauer. Es erinnert mit Portraits an die mindestens 140 Todesopfer in Berlin, die bei Fluchtversuchen über die Mauer oder anderweitig im Bereich der Berliner Mauer ums Leben kamen. Über die Zahl der insgesamt an der innerdeutschen Grenze getöteten Menschen wird noch gestritten. Die Aufnahme entstand am 13. August 2019. (© bpb / Kulick)

Ergänzend zum Thema:

- Verschwiegene Maueropfer. Eine Recherche von Christian Booß.

- bpb-Film: Stasi-Videos und Fotos von Mauer und innerdeutscher Grenze

- In der Hand des MfS: Der Dienst an der Grenze. Von Peter Joachim Lapp.

- Die Chronik der Mauer- eine multimediale Übersicht

- 30 Jahre Mauerfall. Ein bpb-Dossier

- Nachts vor Ort beim Mauerbau? Ein Fotoalbum Erich Mielkes. Aus dem DA vom 19.7.2011.

- Die Maueröffner. Ein Dokumentarfilm aus dem Grenzübergang Bornholmer Straßeam Abend des 9. November 1989.

- Die Todesopfer an der Berliner Mauer. Ein neues Buch zum Thema im Angebot der bpb.


Deutschland Archiv

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

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