Beleuchteter Reichstag

30.7.2020

West-Ost-Gespräch mit Egon Bahr und Peter Ensikat

Kritischer Rückblick auf den Prozess der Deutschen Einheit

2006 führten der frühere SPD-Politiker Egon Bahr und der Kabarettist Peter Ensikat an zwei Tagen ein Gespräch vor laufender Kamera über ihre Ansichten zur Deutschen Einheit. Daraus werden hier zwei Passagen gezeigt.

Das Foto zeigt Egon Bahr und Peter Ensikat, die  vor der Kamera über den Prozess der Deutschen Einheit sprechen.Egon Bahr und Peter Ensikat sprechen vor der Kamera über den Prozess der Deutschen Einheit. (© bpb)

Der Berliner Filmemacher Thomas Grimm hatte den früheren westdeutschen SPD-Politiker Egon Bahr (geboren 1922) und den bekannten ostdeutschen Kabarettisten Peter Ensikat (geboren 1941) im April 2006 für zwei Tage in ein Fernsehstudio eingeladen. Dort sollten die beiden einander ihr Leben erzählen. Die Lektüre von Peter Ensikats Buch „Das Schönste am Gedächtnis sind die Lücken“ stiftete die Idee dazu, einige dieser Lücken zur deutsch-deutschen Geschichte in einem Doppelinterview zu schließen. Das Spannende an diesem biographischen Dialog war nicht nur die Ost-West-Besetzung, sondern auch der Altersunterschied. Mit Egon Bahr und Peter Ensikat, saßen sich zwei Generationen gegenüber, die vieles eben nicht gemeinsam erlebt und erfahren hatten. So entstand auf beiden Seiten Neugier auf das Leben des anderen.

In den beiden Passagen aus ihrem Gespräch, die das Deutschland Archiv zeigt, diskutieren Ensikat und Bahr, was sie jeweils über die erste und letzte freie Wahl zur DDR-Volkskammer, ihren Ausgang, den Prozess zur Deutschen Einheit und das bis 2006 Erreichte denken. Es ist ein lebhaftes Gespräch, in dem beide ihre Sicht auf den Weg zur Einheit formulieren und auch über vergebene Chancen sprechen. Sich einander nach vier Jahrzehnten Teilung wirklich zu verstehen kann schnell zu einem Lippenbekenntnis werden, wenn man nicht die spezielle ostdeutsche Lebenserfahrung mit einbezieht, da sind sich beide einig. Und da die Diskutanten dem Humor nicht abgeneigt sind und gern zuspitzen, liefern sie eine bemerkenswerte Bewertung der politischen Abläufe der 1990er Jahre zum Beispiel auch zum Umgang mit den Stasi-Akten, zur Erinnerungskultur und zur „Abwicklung“ von DDR-Wissenschaftlern.

Teil I des Gespräches



Teil II des Gespräches



Das Filmgespräch wurde 2012 im Aufbau Verlag als Buch „Gedächtnislücken – Zwei Deutsche erinnern sich“ publiziert. Im Vorwort schreibt Peter Ensikat: „Willy Brandt und Egon Bahr hatten sich nicht abgefunden mit der Teilung Deutschlands, Europas und der Welt in zwei feindliche Lager. Der schlaue Strippenzieher (EB) imponierte mir, wie er beharrlich das betrieb, was die SED „Aggression auf Filzlatschen“ nannte. Nach Jahrzehnten der Politik der großen Reden, die nichts gebracht hatte als wachsende Entfremdung, begann nun im Auftrag von Willy Brandt die „Politik der kleinen Schritte“, die den Vorteil hatte, dass ihre Ergebnisse spürbar wurden. Das Politik etwas Gutes für die kleinen Leute bringen konnte, war damals eine neue Erfahrung.“ Peter Ensikat meint damit, dass die Ostdeutschen durch diese Politik Hoffnung schöpften, jenseits der Mauer nicht vergessen zu werden.

Peter Ensikat, 1941 in Finsterwalde geboren, war Schauspieler und schrieb Texte, in den siebziger und achtziger Jahren war er der meistgespielte Kabarettautor der DDR. Von 1999 bis 2004 war er künstlerischer Leiter der Berliner „Distel“. Er starb 2013.

Egon Bahr, 1922 in Treffurt/Thüringen geboren, arbeitete nach dem Krieg bei verschiedenen Berliner Tageszeitungen und beim RIAS-Berlin (Rundfunk im amerikanischen Sektor). Als Willy Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin war, leitete Bahr das Presse- und Informationsamt des Landes Berlin, er folgte Brandt ins Auswärtige Amt und war dort unter anderem Leiter des Planungsstabs und schließlich wurde er Brandts engster Berater im Bundeskanzleramt. Bahr starb 2015.

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