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Beleuchteter Reichstag

3.11.2020 | Von:
Lala Süsskind

Die Unbestechliche, die Unermüdliche - Lala Süsskind

Engagement für Frauen und Israel, gegen Antisemitismus und Homophobie

Lala Süsskind gilt als die Unbestechliche, als die quirlige kleine Frau mit großem Herz und ebenso großer Klappe. Sie mischt sich ein und macht öffentlich auf Missstände aufmerksam: Ob auf dem Bebelplatz zur Kundgebung gegen das geplante Verbot der Brit Mila (der Beschneidung von neugeborenen Söhnen am achten Tag nach der Geburt) im Jahr 2012, regelmäßig auf dem Ku'damm gegen den antiisraelischen Al Quds-Tag oder gegen Homophobie und Antisemitismus.

Das Foto zeigt Lala Süsskind.Lala Süsskind (© Sharon Adler)

Die Journalistin und Fotografin Sharon Adler hat für das Deutschland Archiv ein Interview mit Lala Süsskind geführt. Beide kennen sich seit vielen Jahren durch zahlreiche Begegnungen im Rahmen ihres Engagements für Frauen, Israel und jüdisches Leben in Berlin. Für dieses Gespräch trafen sie sich im Sommer im Garten von Lala Süsskind in Berlin.

Erinnerungen: DP-Camp in Berlin, die erste Zeit danach - Das Leben nach dem Überleben

Sharon Adler: Lala, Du kamst im Alter von einem Jahr mit deiner Familie nach Berlin.[1], wo ihr mit vielen anderen Shoah-Überlebenden und Rückkehrer_innen aus dem Exil oder Versteck zuerst in einem Berliner DP-Camp gelebt habt. Welche persönlichen Erinnerungen hast Du an diese Zeit, oder was haben dir deine Eltern davon erzählt?

Lala Süsskind: Wir waren im DP-Camp in Wittenau am Eichborndamm[2] , aber ich erinnere mich kaum daran. Erst als Erwachsene bin ich an den Wohnblocks dort mal vorbeigefahren. Meine Eltern haben mir später davon erzählt: Wir wohnten dort mit der ganzen Familie in einem Zimmerchen. Es war ziemlich desolat das Ganze, aber man war froh, dass man aus Polen raus war, um sich hier wieder zu finden – selbstverständlich, um aus Deutschland weg zu gehen.

In dem DP-Camp waren wir bis zur Berlin-Blockade. Erzählungen zufolge sind wir mit einem Kohleflugzeug nach Ulm an der Donau ausgeflogen worden. Als sie überstanden war, sind wir wieder zurückgekommen; die DP Camps in Berlin sind dann auch aufgelöst worden. Nicht so wie Föhrenwald oder andere DP-Lager in Deutschland, die existierten bis circa 1956.
Das Foto zeigt die Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Lala Süsskind. Sie spricht bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarsch anlässlich des 31. Todestages von Rudolf Heß am 18.8.2019 vor dem Rathaus in Berlin-Spandau. Zu der Kundgebung „Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen – für Gegenwart und Zukunft“ wurde vom „Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ aufgerufen.Die Vorsitzende des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus, Lala Süsskind,spricht bei der Gegendemonstration zum Neonazi-Aufmarsch anlässlich des 31. Todestages von Rudolf Heß am 18.8.2019 vor dem Rathaus in Berlin-Spandau. Zu der Kundgebung „Verantwortung für die Vergangenheit übernehmen – für Gegenwart und Zukunft“ wurde vom „Bündnis für ein weltoffenes und tolerantes Berlin“ aufgerufen. (© picture-alliance/dpa)


Sharon Adler: In den DP-Camps wurden sehr viele Kinder geboren. Was meinst Du, wie wichtig war das für die Überlebenden der Konzentrationslager und für die, die aus dem Exil oder dem Versteck zurückgekommen sind?

Lala Süsskind: Das Motto lautete: "Jetzt erst recht: Wir haben überlebt und fangen ein neues Leben an. Wir, die Überlebenden, schaffen neues jüdisches Leben." Das kannst Du nur durch Kinder. Eine großartige Einstellung! Es betraf alle, ob die Leute nun in Deutschland bleiben wollten oder nicht. Ich finde es viel erstaunlicher, dass Leute im Krieg Kinder bekommen haben. Mein Bruder wurde '44 geboren und ich habe meine Mutter später gefragt: „Wart ihr total bescheuert oder konntet ihr nicht verhüten?“ Meine Mama meinte damals: "Wir haben gehofft, dass das Leben weitergeht".

Sharon Adler: Deine Eltern lda und Joseph Rubin sind in Bialystok und in der Nähe von Warschau geboren. Was weißt Du darüber, wie deine Familie überlebt hat?

Lala Süsskind: Wo und wie meine Eltern überlebt haben, weiß ich nicht genau. Meine Eltern haben nicht darüber gesprochen, und ich fand es damals nicht nötig, zu fragen. Den Namen Hitler habe ich tatsächlich erst in der Schule kennengelernt. Aus den Familien meiner Eltern haben alle überlebt bis auf eine Schwester meines Vaters. Überlebt haben meine Eltern nur, weil sie 1943 und jung verheiratet, ins tiefste Russland gegangen sind.

Sharon Adler: Es gab also auch in eurer Familie ein Schweigen über die Shoah?

Lala Süsskind: Das Jüdische war überhaupt kein Thema für mich damals. Berlin hat mir schon Angst eingejagt, hier war es ja echt schrecklich, trotzdem war es selbstverständlich für mich. Erst als ich so zehn, elf Jahre alt war, habe ich meinen Papa mit der Frage konfrontiert: "Wie kannst Du im Land der Mörder leben?"

Sharon Adler: Die meisten der Shoah-Überlebenden wollten in die USA oder nach Israel auswandern. Nur weg aus Deutschland. Ihr seid in Berlin geblieben. Wie kam das?

Lala Süsskind: Man saß auf gepackten Koffern, meine Eltern wollten nach Argentinien. Später dachte ich mir, wollten die zu den alten Nazis oder was haben sie vermisst? (lacht…) Für mich war das total unverständlich, nach Argentinien auszuwandern. Zwei Brüder meines Vaters und meine Großmutter sind ja in die USA ausgewandert. Die Auswanderung hat schließlich nicht geklappt, weil "diese ungepackten Koffer natürlich viel zu schwer geworden sind", wie mein Papa erzählte.

Nach dem DP-Camp haben wir uns privat die erste Wohnung gesucht. Daran erinnere ich mich noch ganz dunkel. Die fand ich spannend. Das war in Halensee. Zur Untermiete hatten wir ein ganzes Zimmer. Mein Bruder und ich haben uns ein Bett geteilt – ein Himmelbett. Das ist das einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist. Ich habe mich gefühlt wie eine Prinzessin. Die nächste Wohnung war an der Kantstraße (in Charlottenburg, Anm. d. Red,) und gehörte einem russischen Ehepaar. Das unten im Haus eine Bar betrieb, die Masurka Bar (oder Mazurka Bar). Die war bekannt in ganz Berlin. Wenn man Geld vom Schwarzmarkt hatte, konnte man da feiern und wenn man keins hatte, hat man trotzdem einen Drink gekriegt. Das waren nichtjüdische Russen, aber da verkehrten und feierten Juden. Das war mir damals gar nicht bewusst. Und das Ehepaar wurde mir als das liebenswürdigste überhaupt beschrieben. Dort wurden auch Geburtstage gefeiert. Mein Bruder und ich natürlich mittenmang. Damals war ich vier, fünf Jahre alt. So bin ich zu Bar-Besuchen gekommen (lacht)!

Sharon Adler: Wie (schwer) war es für die Menschen, beruflich, finanziell, emotional an die Zeit vor der Shoah anzuknüpfen?

Lala Süsskind: Weil viele der Juden der deutschen Sprache nicht mächtig waren, konnten sie nicht als Angestellte oder Arbeiter Geld verdienen. Alle haben versucht, sich selber etwas aufzubauen. Sei es durch den Schwarzmarkt oder später mit etwas Grundkapital, ein kleines Geschäftchen. Sie haben mit nichts angefangen. Ich persönlich kenne bis heute keinen Juden im Angestelltenverhältnis und nur wenige jüdische Beamte. Damals gab es eine große Bereitschaft, etwas zu schaffen, weil es gar nicht anders ging. Sie mussten ihre Familien am Leben erhalten.

Wir hatten damals nicht viel. Ich musste mich als Kind entscheiden, ob ich lieber Tomaten essen wollte oder mit Papa S-Bahn fahren. Ich habe mich natürlich fürs S-Bahn-Fahren entschieden. Tomaten liebte ich zwar heiß und innig, aber Papa liebte ich noch mehr!

Wenn ich das heute meinen Kindern erzähle, gucken die mich mit großen Kinderaugen an, obwohl sie erwachsen sind. Als ich Kind war und wir im Grunewald spazieren gegangen sind, habe ich mir gewünscht, wenn ich mal groß bin, will ich hier in der Gegend wohnen. Hey, heute wohnen wir hier! 43 Jahre sind wir schon hier. Ist das nicht schön? Das Haus hatte übrigens jüdische Vorbesitzer, Fred Jay[3], ein bekannter Schnulzentexter, der kaum mehr in Berlin war und das Haus verkaufte. Die ersten die das Haus gesehen haben, waren Mama und Papa. Wir saßen in dem leeren Haus und haben mit Champagner angestoßen, den uns Fred Jay dagelassen hatte. Papa sagte: "Meine Tochter wird jetzt in so einem schönen Haus wohnen." Wenn ich daran denke, kommen mir die Tränen vor Rührung.

Sharon Adler: Das verstehe ich gut. Denn für deine Eltern waren die ersten Jahre waren mit Sicherheit hart. Dein Vater war Konditor, deine Mutter hatte keinen Beruf gelernt.

Lala Süsskind: Ja, genau, sie kamen ja mit nichts, außer uns Kindern und zwei Windeln ... Meine Mama hatte keinen Beruf und ist die beste Köchin in Berlin geworden – für die Familie! Man hat sich durchgekämpft, aber wir hatten immer zu essen. Wenn wir Drei Mark fuffzig in der Tasche hatten, gab es trotzdem keinen Schabbat für uns alleine. Das, was wir hatten, wurde geteilt. Später hatten wir ein Einzelhandelsgeschäft, mit vielen Kompagnons, man hat das Geld zusammengetan. Allmählich ging es weiter. Keiner von denen ist mit dem goldenen Löffel nach oben geboren worden. So wie unsere Kinder und Enkelkinder. Man hat sich über alles gefreut. Die erste Reise, die wir gemacht haben, ging mit einem kleinen VW nach Jugoslawien. Und wir haben noch jemand mitgenommen…

Sharon Adler: Wenn wir uns heute vorstellen, wir müssten weg und alles zurücklassen. Maximal ein Buch könnten wir mitnehmen, keine Erinnerungsstücke wie Familienalben. Wurde darüber gesprochen?

Lala Süsskind: Nein. Man hatte nichts. Aber es wurde darüber nicht gesprochen. Das Leben begann, als man in Berlin angefangen hat, egal wie der Anfang war. Alles andere hat man verdrängt. Dann hat man eben bei Null angefangen. Alles was dazukam, hat man sich hart erarbeitet. Und man konnte sich über jede Sache freuen. Heute leben wir leider in einer Überflussgesellschaft.

Jüdische Kindheit in Deutschland: Schule, Tischtennis und Jüdische Gemeinde

Sharon Adler: Hattest Du als Kind auch nicht-jüdische Freundinnen?

Lala Süsskind: Bei uns Zuhause wurde nur Russisch, Jiddisch und Polnisch gesprochen, Deutsch habe ich erst auf der Straße gelernt. Wir hatten hauptsächlich Kontakt mit Juden. Erst als ich mal in einer Kirche war, merkte ich, dass nicht alle Menschen Juden sind. Ich hatte mit anderen Religionen überhaupt nichts zu tun. Ich habe aber nie eine ablehnende Haltung oder Scheu von Familien meiner Klassenkameraden erfahren, bei denen ich zu Besuch war. Und bei uns zuhause wurde nicht nach Katholiken, Juden etc. entschieden, wer eingeladen wird. Sondern es kamen die, die ich mochte. Das war immer sehr offen.

Ich bin meinen Eltern dankbar, dass sie mich nicht von Anfang an mit der Shoa konfrontiert und beschützt haben. Heute weiß ich, dass die meisten der Bekannten meiner Eltern ihre Kinder schützten. Aber es gab auch Eltern, die ihre Kinder mit Erzählungen traumatisierten. Ich habe selbst ein Mädchen kennengelernt, das von ihrer Mutter heimgesucht wurde mit deren Erzählungen. Sie durfte keine (nichtjüdischen, Anm. d. Red.) Klassenkameraden mit nachhause bringen. Ich habe die Frau angeschrien: "Was machst du mit deiner Tochter? Dann hau doch ab aus Deutschland! Du machst deinem Kind ein schlechtes Gewissen, du solltest eins haben." So etwas verstehe ich überhaupt nicht: seinem Kind ein schlechtes Gewissen machen, weil es in Deutschland lebt.

In der zweiten Klasse hatte ich meinen ersten antisemitischen Zwischenfall. Ein Mädchen aus der Nebenklasse hat mir "Du Sau-Jüdin" hinterhergerufen; ich habe das ignoriert, aber andere haben das gemeldet. Im Jahre '55 war das. Es gab kein Gespräch mit mir. Sie wurde einfach der Schule verwiesen.

Sharon Adler: Berlin hatte damals einen jüdischen Kindergarten, aber noch keine jüdische Schule. Gab es einen regulären jüdischen Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen?

Lala Süsskind: Dadurch, dass zehn von 30 Schülern in meiner Grundschulklasse jüdisch waren, hatten wir natürlich auch jüdischen Religionsunterricht. Das war etwas sehr Schönes und ein großes Glück. Wir gingen ja in die Synagoge, aber dort brachten sie uns noch mehr bei. Das war eine Initiative der Jüdischen Gemeinde. Auch später auf dem Friedrich-Ebert-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf hatten wir jüdischen Religionsunterricht, weil wir wieder so viele jüdische Kinder in der Klasse waren. Später gab es das nicht mehr. Den jüdischen Religionsunterricht gab es dann im Gemeindehaus in der Fasanenstraße.

Sharon Adler: Was fand statt in der West-Berliner Jüdischen Gemeinde?

Lala Süsskind: Ich war natürlich im Jugendzentrum, das wurde damals von Hanna und Fredy[4] geleitet. Fredy ist leider schon lange verstorben. Ob Hannah noch lebt, weiß ich nicht. Jeden Sonntag sind wir dorthin gegangen. Damals wurden wir noch mit Bussen abgeholt. Es gab Treffpunkte, wo man aufgelesen wurde. Wir haben uns auf diesen Sonntag immer gefreut. Da kamen Gott und die Welt zusammen.

Und wir sind auch zusammen verreist, auf Machane.

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Machane

Machane bezeichnet ein Jugendlager beziehungsweise Ferienfreizeitcamp, das regelmäßig im Jahr für Jungen und Mädchen von den Jüdischen Gemeinden bzw. der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. (ZWST) durchgeführt wird.
Da konnte man sich gerade noch leisten. Hat 16 D-Mark gekostet. Diese Jugendlager waren wunderschön. Das waren meine Kontakte zur Gemeinde: die Synagoge und das Jugendzentrum. Und es gab die Feiern, es wurde zum Beispiel Purim gefeiert.

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Purim

Purim erinnert an die Rettung des jüdischen Volkes in der persischen Diaspora durch Königin Esther. Es ist ein fröhliches Fest, das mit Spielen und Verkleidungen begangen wird. Außerdem werden traditionell Körbe, mit Speisen und Getränken gefüllt, an Angehörige, Nachbar_innen, Freund-innen oder arme Leute verschenkt. Hier gibt es mehr Informationen >>, zuletzt abgerufen am 22.10.2020

Für mich war es selbstverständlich, dass es die Gemeinde gab. Es war mein Treffpunkt mit jüdischen Freunden. Es gab ja auch die Jugendfreizeitheime, hauptsächlich mit nicht-jüdischen Kindern. Da haben wir immer Tischtennis gespielt. Ich war eine Tischtennisfanatikerin.
Lala Süsskind bei der Kundgebung „Solidarität mit Israel – Stoppt den Terror der Hamas“ am 11.01.2009 auf dem Breitscheidplatz in Berlin.Lala Süsskind bei der Kundgebung „Solidarität mit Israel – Stoppt den Terror der Hamas“ am 11.01.2009 auf dem Breitscheidplatz in Berlin. (© Sharon Adler)


Sharon Adler: Hast Du später nochmal Antisemitismus erlebt?

Lala Süsskind: Ich hatte immer das große Glück, dass ich höchst selten an Menschen geraten bin, die Antisemiten oder Rassisten waren. Als wir (Älteren, Anm. der Red.) eine Jugendgruppe der Jüdischen Gemeinde zum Wintersport in die Schweiz begleitet haben, wohnten wir in einer Pension und die Schüler im Schulwohnheim. Als ich aus der Pension kam, kam mir eine alte Frau entgegen, die mich nicht als Jüdin erkannt hatte. Sie sagte so etwas wie: „Finden Sie es nicht furchtbar, dass diese jüdischen Bälger jetzt hier zu uns in die Schweiz kommen?“ Die Frau hatte Glück, dass es einen halben Meter Neuschnee gab: Ich habe sie geschüttelt und in den Schnee geworfen und ihr erklärt „Wissen Sie was, ich bin Jüdin, habe aber keine Lust mit Ihnen darüber zu diskutieren“. Damit habe ich sie liegenlassen.

Umwege zum österreichischen Pass und die Liebe zu Berlin und Israel

Sharon Adler: Du hast bis heute nicht die deutsche Staatsbürger_innenschaft angenommen. Warum nicht?

Lala Süsskind: Meine Eltern haben zwar hier gelebt, wollten aber nie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, weil sie sich mit den Deutschen so nicht identifizieren konnten. Obwohl ich die deutsche Staatsbürgerschaft ohne Probleme bekommen hätte, wollte ich meine Eltern nicht beleidigen, indem ich als einzige die deutsche Staatsbürgerschaft annehme. Alle haben mich für verrückt erklärt, aber für mich war das okay – ich war ja nicht geduldet, hatte ja die gleichen Rechte wie alle anderen, durfte nur nicht wählen. Das hat mich zwar ab und zu geärgert, aber ich habe trotzdem mitgemischt und allen immer gute Ratschläge gegeben, wen man wählen könnte. Ich habe immer rumposaunt, ich würde mal einen Schweizer heiraten, das ist doch ein toller Pass!

Gefunden habe ich einen Österreicher, nämlich meinen Mann. Der ist ja genauso "Österreicher" wie ich, er ist ja in Polen geboren. Er ist damals '49 aus Polen raus nach Wien, und seine Mama hat es geschafft, mit legalen österreichischen Papieren, wo auch immer sie sie herhatte, nach Österreich zu kommen. Dann haben wir geheiratet und ich habe nur gesagt, bevor ich gar nüscht habe, bin ich eben Österreicherin (lacht). So einfach. Meine Kinder sind demzufolge auch Österreicher! Heute bin ich froh, in Berlin [geblieben] zu sein. Ich werde nie sagen: "Ich liebe Deutschland". Aber immer: "Ich liebe Berlin".

Gleichzeitig habe ich angefangen, Israel zu lieben. Das erste Mal, als ich im Jahr '59 in Israel war, fand ich es nur in Ordnung. Ich bin mit meinen Eltern hingefahren. Wir sind mit dem Schiff gereist, weil es die preiswerteste Fahrt war, und wir sind in Haifa gelandet. Da sah alles noch sehr desolat aus. Da hatte ich meinen ersten Schock weg, denn ich hatte ganz andere Vorstellungen. Ich hatte zwar Fotos gesehen, hatte mir aber schöne Strandpromenaden und so etwas ausgemalt. Und das sollte nun das gelobte Land sein? Wir haben bei Verwandten gewohnt, in Shikun Vatikim in der Nähe von Netanya, das waren bessere Hütten. Am zweiten, dritten und vierten Tag habe ich aber gemerkt, dass es eigentlich toll ist: Da waren die Bauarbeiter jüdisch, selbst auf dem Feld war man jüdisch, überall war man jüdisch. Da wurde ich ganz allmählich warm mit dem Land. Ich dachte mir, das ist ja irre, was die hier in den paar Jahren, in denen das Land existiert, alles schon gemacht haben.

Das nächste Mal bin ich erst wieder 1966 hin. Nach dem Abitur, als ich mich gefragt habe, ob das hier mein Ding ist. In Israel habe ich erkannt, wie sehr ich Berlin liebe. Meine Eltern hatten mir erlaubt in Israel zu studieren, aber ich habe meine Familie, meine Freunde und meine Feinde hier zurückgelassen. Ich bin als große Zionistin für ein halbes Jahr ins Kibbuz gegangen. Das war wunderbar, obwohl ich mir darunter Anderes gedacht hatte. Ich habe aber gelernt, Israel zu lieben. Seitdem habe ich einen Teil meines Herzens dort gelassen und immer versucht Israel zu unterstützen.

Als Studierende in Berlin, die 68er-Bewegung und deren Hinwendung zur PLO

Sharon Adler: Wie hast Du die 68er-Jahre in Deutschland erlebt? Gab es einen Austausch zwischen jüdischen und nichtjüdischen Student_innen? Und wie hast Du die „Liebe“ in West und Ost zur PLO wahrgenommen?

Lala Süsskind: Ich habe zu der Zeit studiert, und in den 68er Jahren waren wir in der jüdischen Studentengruppe und haben demonstriert, wie es sich gehörte. Da waren wir richtig mit dabei. Was mich ärgerte, waren diese Friedensbewegten, die dann auch gegen Amerika vorgingen. Dafür hatte ich kein Verständnis. Ich meine: „Schaut doch einfach, was bei euch im Land passiert, was kümmert ihr euch um andere Länder.“ Was mich heute genauso ärgert, ist zwar eigentlich kein Vergleich, aber: Hey ihr Deutschen, kümmert euch doch um euer Land und kümmert euch nicht um Israel. Das Engstirnige, wenn Menschen nur in eine Richtung denken, das hat mich schon damals aufgeregt. Nur heute sind es andere Themen.

Sharon Adler: Wie hast Du die Ohrfeige von Beate Klarsfeld – sie selbst ist ja keine Jüdin –, für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen seiner früheren NSDAP-Mitgliedschaft wahrgenommen?

Lala Süsskind: Ich fand die Reaktion dieser Frau großartig. Es ist unglaublich, was Beate Klarsfeld getan hat und wie sie sich danach engagiert hat. Es wurde hier viel darüber gesprochen, aber nie negativ. Aber an eingehende Diskussionen kann mich nicht erinnern.

Die Ämter: Vorsitzende und Präsidentin der WIZO in Deutschland. Austausch der Frauenbewegung(en) in West und Ost. Die Zeit als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Lala Süsskind war seit 1986 die Vorsitzende WIZO-Gruppe Berlin und von 1991 bis 2003 Präsidentin der WIZO Deutschland. WIZO steht für Women’s International Zionist Organisation.

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Women’s International Zionist Organisation (WIZO)

Die am 11. Juli 1920 in London ins Leben gerufene WIZO hatte sich zuvor 1907 in Deutschland nach dem Zionistischen Kongress in Den Haag unter dem Namen “Jüdischer Frauenverein für kulturelle Arbeit in Palästina” zusammengeschlossen, um die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Frauen in Palästina zu verbessern. Die erste Präsidentin der WIZO Deutschland war Jenny Blumenfeld (1889-1962). Recha Freier (1892-1984), die frühere Präsidentin von WIZO Bulgarien und Mitglied der WIZO-Exekutive, erkannte gleich zu Beginn der NS-Zeit die drohende Gefahr für die Jüd_innen in Deutschland und entwickelte trotz immenser Schwierigkeiten ein “Jugend Alliah-Programm”. Damit gelang es ihr, tausende jüdischer Kinder aus Deutschland herauszubringen und sie vor dem sicheren Tod durch die Nationalsozialisten zu bewahren. 1935 übernahm Henrietta Szold (1860-1945) ihre Arbeit und setzte diese fort, so lange es möglich war.

1946 gründeten sich in Deutschland wieder erste WIZO-Gruppen in den Lagern für “Displaced Persons” - die Überlebenden des Holocaust. Schon im ersten Jahr gab es etwa 3.000 Mitglieder in 30 verschiedenen Lagern. Die Arbeit der WIZO konzentrierte sich hier zuerst auf die Organisation von Kindergärten und Sozialstationen, die sich um schwangere Frauen und stillende Mütter kümmerten. Später wurden verschiedene Aktivitäten wie Nähen und Stricken sowie Kurse in Hebräisch und Englisch angeboten. 1947 wurde die erste WIZO-Gruppe außerhalb eines DP-Lagers in Hamburg mit Hilfe der Mutterföderation WIZO England gegründet. In den folgenden Jahren bildeten sich weitere Gruppen in Berlin, Frankfurt und München. 1949 zog die WIZO Zentrale von England nach Israel um. Derzeit gibt es in Deutschland neun WIZO Gruppen. Die WIZO als international tätige, karitative Frauenorganisation ist heute mit Verbänden in 50 Ländern, 800 Institutionen und rund 250.000 Mitgliedern eine der größten internationalen Frauenorganisationen weltweit.
Die 1920 in London ins Leben gerufene zionistische karitative Frauenorganisation ist heute eine der größten internationalen Frauenorganisationen weltweit. Auf der Website der WIZO findet sich folgendes Zitat von Lala Süsskind: "Israel ohne die WIZO – kaum vorstellbar!"

Sharon Adler: Was wolltest in deiner Arbeit für die WIZO bewirken, z.B. auch beim Ost-West-Austausch?

Lala Süsskind: Da ich ja schon vor dem Mauerfall Vorsitzende war und mit meinem österreichischen Ausweis nach Ost-Berlin konnte, habe ich dort natürlich Kontakte zur jüdischen Frauenbewegung gesucht. Irene Runge[5] engagierte sich damals für die Gruppe „Wir für uns“. Sie hat mich dort als WIZO-Aktivistin vorgestellt. Ich liebte dieses Wort - Aktivistin. Immer hatte ich ein paar Süßigkeiten und WIZO-Zeitschriften dabei, wenn ich zur Frauengruppe ging - zum Glück wurde ich nie erwischt. So baute ich einen sehr guten Kontakt zur Frauenbewegung in Ost-Berlin auf und lernte dort viele Frauen kennen, die später auch zur WIZO kamen und mitmachten. Diese Frauen haben ganz selbstverständlich und gleichberechtigt mitangepackt, wie alle anderen. Es gab keine Trennung zwischen West und Ost. Das war ein nahtloser Übergang.


Sharon Adler: Was waren eure Themen?

Lala Süsskind: Politik stand nicht im Mittelpunkt unserer Arbeit. Schon gar nicht vor dem Mauerfall. Unser Thema war Israel. Es ging darum: „Was können wir gemeinsam für Israel tun.“ Die Frauen aus Ost-Berlin waren begeistert, dass Frauen in Israel so viel auf die Beine stellen. Und wir waren stolz darauf, dass wir als kleines Grüppchen dazu etwas beitragen konnten. Wir waren gleichwertig! Das war etwas ganz Tolles, dass uns das damals gelungen ist.

Wir hatten auch noch die WIZO-Basare, die waren berlinweit bekannt. Die Frauen aus Ost-Berlin sind Mitglieder bei uns geworden, weil man was tun konnte, nicht mit Geld, sondern mit Arbeit. Es war egal, ob du Geld gegeben oder gearbeitet hast. Ost und West haben für den gleichen Zweck gearbeitet und haben es mit Liebe getan. Die WIZO-Gruppe hat an etlichen Kindergärten und einem Frauenhaus in Israel mitgewirkt: Unser erstes Projekt war das Theodor-Heuss-Müttergenesungsheim. Es wurde an Heuss’ Geburtstag in Israel eingeweiht. Die WIZO-Weltvizepräsidentin hatte es durchgesetzt, dass ein öffentliches Gebäude nach einem deutschen Politiker [Bundespräsidenten] benannt wurde. Dafür hatte sie lange gekämpft. Heute ist es ein Familientherapiezentrum. Eine wunderbare Einrichtung. Außerdem sind auch Jugendclubs und Jugendheime entstanden. Zwölf oder 13 Projekte haben wir realisiert.

Durch unsere Basare konnten wir auch nicht-jüdische Menschen für Israel begeistern. Wenn wir zusammen in Israel waren, haben wir dort auch immer Politiker besucht – Land und Leute kennengelernt. Eine Nicht-Jüdin, die eine WIZO-Reise mitmachte, sagte plötzlich, als wir am Golan waren und in das wunderschöne Tal schauten: „Das geben wir nie wieder her“. Ich habe sie nur angesehen und gefragt: „Weißt du überhaupt was du gesagt hast?“ Und sie wiederholte es. Solche nicht-jüdischen Menschen wurden zu den besten Botschaftern für Israel. Das ist etwas, was uns stolz gemacht hat, die Menschen für Israel zu interessieren, die später auch ohne uns nach Israel gereist sind. Wir haben gemeinschaftlich tolle Sachen geleistet.

Die Zeit als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Die größte Jüdische Gemeinde Deutschlands wurde von 2008 bis 2012 zum ersten Mal von einer Frau geführt. Lala Süsskind wurde von den Mitgliedern der neuen Repräsentantenversammlung (RV) am 30. Januar 2008 ohne Gegenstimme gewählt, nachdem die damals 61-Jährige bei den Wahlen zur RV im November 2007 mit ihrem Bündnis "Atid" (hebräisch: Zukunft) 13 von 21 Sitzen gewinnen konnte. Vor ihr war nur Charlotte Knobloch Vorsitzende einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland, seit 1982 leitete sie in München und Oberbayern die Israelitische Kultusgemeinde.

Das Foto zeigt Lala Süßkind nach ihrer Wahl zur Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde am 30.1.2008.Mit Lala Süsskind wurde am 30.1.2008 die erste Frau in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zur Vorsitzenden gewählt. (© picture-alliance/dpa)



Sharon Adler: Was hat deine Arbeit als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin geprägt? Was waren die großen Herausforderungen?

Lala Süsskind: Ich bin ja mit einem Team angetreten, um Dinge zu verbessern. Es herrschte in den Nullerjahren ein wenig Misstrauen zwischen den Mitarbeitern und dem Vorstand oder dem Vorsitzenden. Da dachte ich mir, wenn wir eine Jüdische Gemeinde haben, dann will ich auch, dass es hier friedlich zugeht. Meine Ambition war, alles zu befrieden, damit jeder seine Arbeit gern macht und auch die Mitgliedschaft in der Gemeinde etwas Positives ist. Ich glaube, das ist uns relativ gut gelungen. Wir hatten ein gutes Miteinander und den Vertrauensrat. Es war ein vertrauensvolles Verhältnis, und ich habe auch immer gesagt, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Mein Team und ich haben einige gute Dinge bewirkt: Zum Beispiel das gute Verhältnis zu den Leuten von der Jewish-Claims-Conference. So haben wir die Tucholskystraße zurückbekommen und haben erreicht, dass dort alles gut vermietet wurde.[6] Heute sind da die Galerie und die Lokale drin. Das lag ja vorher alles brach.

Wir haben versucht, alle zufrieden zu stellen: Auch die so genannten Kontingentflüchtlinge

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Kontingentflüchtlinge

Eine weitere einschneidende Erneuerung in der jüdischen Community Deutschlands war die zweite Welle der Einwanderung russischer Jüdinnen und Juden, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nach Deutschland gekommen sind. 1990, noch vor der Wiedervereinigung, hat die DDR Jüd_innen aus der früheren Sowjetunion aufgenommen. Maßgeblich beteiligt daran war die Ost-Berlinerin Anetta Kahane (geb. 1954), die 1998 die Amadeu Antonio Stiftung gründete. Die Tochter jüdischer Kommunist_innen, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, initiierte als Mitglied der Arbeitsgruppe "Ausländerfragen" am "Zentralen Runden Tisch" den Antrag "Aufruf zur Aufnahme sowjetischer Juden in der DDR", der am 12. Februar 1990 ohne Gegenstimmen angenommen wurde.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Einwanderung unter dem Begriff Kontingentflüchtlinge fortgesetzt. Dies stellte und stellt einerseits eine Herausforderung für die Jüdischen Gemeinden in Deutschland dar. Andererseits wurde und wird dies auch als Chance für die Zukunft jüdischen Lebens gesehen. Die aus der Ex-Sowjetunion nach Deutschland Gekommenen hatten anfangs häufig Probleme, in der jüdischen Community akzeptiert zu werden. Sie waren größtenteils nicht jüdisch sozialisiert und mussten mit dem Verlust von Sprache und ihrer Kultur zurechtkommen. Zudem wurden ihre Ausbildungs- und Universitätsabschlüsse in Deutschland oft nicht anerkannt, was sie zwang, Berufe auszuüben, die weit unter ihrem Niveau lagen. Eine weitere finanzielle Benachteiligung erfahren sie dadurch, dass sie bis heute anders als Spätaussiedler_innen keine Rentenansprüche aus ihrer beruflichen Tätigkeit in der ehemaligen Sowjetunion in Deutschland geltend machen können. Hier gibt es mehr Informationen >>
aus der Ex-Sowjetunion – ich hasse das Wort - mit ihren verschiedensten Vereinen. Für mich war es selbstverständlich dort hinzugehen und sie kennen zu lernen. Das war für mich sehr lehrreich, denn mir war vorher gar nicht so bewusst, was für eine Bedeutung der 8. Mai für diese Menschen hat. Ich war mit „meinen Veteranen“ in Treptow und auf der Straße des 17. Juni, wo wir Kränze an den sowjetischen Ehrenmalen niedergelegt haben. Sie waren stolz darauf, mit 16, 17 Jahren Berlin von den Nazis befreit zu haben. Ich habe nie vergessen mit welcher Haltung das geschah, da kriege ich heute noch Gänsehaut.

Sharon Adler: Worin bestand die politische Arbeit der Gemeinde und was waren eure Forderungen?

Lala Süsskind: Ich war zwar nur Repräsentantin der Gemeinde, aber mich haben die Politiker immer angerufen mit dem Wink "der antwortet nicht" (Gemeint ist Gideon Joffe, Anm. d. Red.). So hatten alle hatten nach einer Weile meine Handynummer. Weil ich ja immer gesagt habe: „Kinderchen, ruft mich bitte sofort an, wenn etwas ist - schieben wir das nicht auf die lange Bank.“ Wenn ich dann beim Regierenden angerufen habe, bei Klaus (Wowereit, Anm. d. Red.), hat er spätestens nach zwei Tagen zurückgerufen. Wir hatten ein herrliches Verhältnis zu unseren Politikern in Berlin und zum Senat, und das hatte nicht nur damit zu tun, dass ich die Vorsitzende war. Wir sind teilweise heute noch gut befreundet.

Sharon Adler: Haben sich damals auch andere Frauen in die Gemeinde-Politik eingebracht? Würdest du sagen, dass du ein Vorbild sein kannst für junge jüdische Frauen?

Lala Süsskind: Ich war da ziemlich alleine auf weiter Flur, aber es hat ja geklappt. Ich selber habe mich nie so gesehen, aber ich wurde als Vorbild bewertet. In gewisser Weise bin ich schon stolz darauf. Irgendwie muss ich es verstanden haben, Menschen zu motivieren, für etwas, was nicht so in ihrem normalen Tagesablauf ist. Interesse zu wecken, und das reicht eigentlich schon. Dann kann man ja das herausziehen, was für einen persönlich ja auch gut oder machbar ist.
Lala Süsskind spricht bei der Kundgebung "Auf Messers Schneide: Religionsfreiheit. Für Religionsfreiheit, gegen Kriminalisierung und Bevormundung" am 9. September 2012 auf dem Berliner BebelplatzLala Süsskind spricht bei der Kundgebung "Auf Messers Schneide: Religionsfreiheit. Für Religionsfreiheit, gegen Kriminalisierung und Bevormundung" am 9. September 2012 auf dem Berliner Bebelplatz (© Sharon Adler)


"Zedaka" und "Tikkun Olam" als Antrieb für Soziales Engagement

Sharon Adler: Was bedeuten die jüdischen Prinzipien von "Zedaka" (Hebräisch: "Gerechtigkeit") und "Tikkun Olam" (Hebräisch: Vervollkommnung der Welt) für dich persönlich und für die jüdische Gemeinschaft?

Lala Süsskind: Für mich sind Zedaka und Tikkun Olam etwas, was jeder leben sollte und zwar so, wie er es versteht und weitergeben kann. Und das habe ich immer unbewusst gemacht, denn das wurde mir in die Wiege gelegt und ich trage es in mir.

Ich finde es zum Beispiel ganz entsetzlich, dass unsere Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion anders behandelt werden als die Wolgadeutschen oder die sogenannten Spätaussiedler. Deshalb unterstütze ich auch die Organisation „Zedek. Gerechtigkeit durch Gleichbehandlung“. Ich möchte jetzt nicht über die Bundesrepublik herziehen, aber häufig wird nicht verstanden, welches große Glück wir haben, dass unsere Kontingentflüchtlinge hier sind. Dass sie anders behandelt werden ärgert mich immer noch, und ich verstehe es auch nicht.

Sharon Adler: Unter deinem Vorsitz ist die Jüdische Gemeinde zu Berlin 2009 dem Bündnis gegen Homophobie als Gründungsmitglied beigetreten. Was ist dein Motor und dein Motto für dein Engagement?

Lala Süsskind: Ganz einfach: Ich hasse es, wenn Menschen ausgegrenzt werden. Als es damals bei uns einen Mitarbeiter gab, der homosexuell ist und der das angesprochen hat, war für mich klar, dass es für die jüdische Gemeinschaft selbstverständlich sein muss, mit Homosexuellen gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Deshalb bin ich heute noch als Aktivistin dabei.

Die Öffnung der innerdeutschen Grenzen aus jüdischer Perspektive

Sharon Adler: Wie hast du als West-Berliner Jüdin die Öffnung der innerdeutschen Grenzen erlebt?

Lala Süsskind: Arthur (der Ehemann von Lala Süsskind, Anm. d. Red.) war gerade in Israel. Er rief mich an und sagte: "Ich habe gerade Nachrichten gehört, aber mein Iwrith ist nicht so gut – was ist mit der Mauer?" Darauf ich: "Wovon redest du überhaupt?" Ich habe dann den Fernseher und das Radio angemacht und kriege eine Krise! Die Mauer ist offen…

… ich war begeistert! Ich durfte positive Geschichte erleben! Meine Tochter kam irgendwann nachhause und erzählte mir, sie sei gerade in der Stadt unterwegs gewesen und ich solle mir keine Sorgen machen. Was ich überhaupt nicht verstand.

Aber was mich aufgeregt hat, war eine Situation in einem Supermarkt: Zwei alte Damen, die sich gerade Bananen ausgesucht hatten, beschwerten sich: "Es ist ja furchtbar mit den Ossis…" Da habe ich sie angebrüllt: "Geht's Ihnen noch gut? Wo haben Sie denn damals den Krieg überlebt? Sind Sie vielleicht auch hierhergekommen und dann aufgenommen worden? Das sind Ihre Deutschen!" Das war morgens um kurz nach 8:00 Uhr. Plötzlich standen ganz viele Menschen um mich herum. Ein junger Mann meinte: "Gott sei Dank haben Sie was gesagt." Die jüdischen Leute aus meinem Bekanntenkreis haben mich gefragt, ob ich keine Angst habe, weil Deutschland doch wieder größer wird. Die habe ich dann nur gefragt, ob sie keine Deutschen sind? Das hat mich auch empört. Ich habe nicht verstanden, wie man sowas Positives nicht gutheißen kann.

Sharon Adler: Jüd_innen leben 2021 seit 1.700 Jahren in Deutschland. Trotzdem sind jüdische Feiertage, deutsch-jüdische Kultur und jüdisches Leben im Alltag oft unsichtbar. Wie beurteilst du die Sichtbarkeit von Jüd_innen im 21. Jahrhundert in der Öffentlichkeit und ihre Darstellung in den Medien? Was fällt dir zu diesem Spiegel-Cover[7] ein, auf dem zwei osteuropäische, orthodoxe, Juden abgebildet sind?

Lala Süsskind: Ich war entsetzt und empört, eine Unverschämtheit! Es hätte so viele andere wunderbare Bilder gegeben, zum Beispiel jüdische Soldaten mit einer Chanukkia auf dem Feld im Ersten Weltkrieg. So etwas hätten sie bringen können, aber nicht die Shtetl-Juden. Ich kann den Spiegel eh schon nicht leiden, aber das hat mir den Rest gegeben. Ich war nur zu faul einen Leserbrief zu schreiben, aber das hätte auch nichts geändert. Ich hätte mir ein positives Bild gewünscht.

Engagement gegen Antisemitismus und für Solidarität und Toleranz

Sharon Adler: 2008 hast du mit Levi Salomon das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) gegründet, dessen Vorsitzende du bis 2020 warst. Heute engagierst du dich bei »Jehi ʼOr« . Das Jüdische Bildungswerk für Demokratie – gegen Antisemitismus gUG (haftungsbeschränkt) ist ein jüdischer Träger für politische Bildung, Prozessbegleitung, Beratung und Information. Was sind Deine persönlichen Strategien gegen Antisemitismus, was wären deine Empfehlungen an Politik und Zivilgesellschaft?

Lala Süsskind: Mit dem Jüdischen Bildungswerk Jehi ʼOrversuchen wir, Menschen das Judentum näher zu bringen. Wir bauen dabei nicht auf der Shoa auf. Wir wollen Juden aus dem Hier und Heute, Positives vom Judentum und von jüdischen Menschen vermitteln. Wir versuchen die Shoa erstmal auszuklammern, um nicht gleich mit Schuld anzufangen. Wir sind hier, weil wir sagen: "Wir sind genauso deutsche Bürger wie ihr, wir geben unser Bestes, wir versuchen diesem Land etwas Gutes zu geben. Akzeptiert uns ganz einfach als solche! Das ist es."

Sharon Adler: Im Jahr 2014 hast du mit Frauen verschiedener Religionen an der "Mahnwache für Menschenrechte und gegen religiösen Fanatismus" in Berlin am Brandenburger Tor teilgenommen. Was bedeutet dir die Solidarität mit anderen Minderheiten und wie können wir diese Solidarität weiter ausbauen?

Lala Süsskind: Dadurch, dass wir auch im Runden Tisch der Religionen vertreten sind, haben wir es zwar mit allen Religionen dieser Stadt zu tun. Jedoch ist ein Austausch eine Sache, aber Gemeinschaftliches eine andere. Seyran Ateş und ich haben gedacht, wir müssen etwas Öffentliches machen. Deshalb haben wir diese Mahnwache abgehalten: Mit der Christin Ulrike Trautwein, der Alevitin Gülşan Çakal der Muslima Seyran Ateş, und mit mir als Jüdin. Uns war wichtig, dass man einfach zeigt, hier sind Frauen verschiedener Religionen, die sich verstehen, nehmt euch verdammt noch mal einfach ein Beispiel daran!"

Das Interview führte Sharon Adler für das Deutschland Archiv. Das Interview ist keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Für die inhaltlichen Aussagen trägt die Interviewte die Verantwortung. Lebenslauf von Lala Süsskind >>

Zitierweise: "Die Unbestechliche, die Unermüdliche - Lala Süsskind", Interview mit Lala Süsskind in: Deutschland Archiv, 28.10.2020, Link: www.bpb.de/317886

Fußnoten

1.
Die Familie floh aus Polen. Dort wurden 1946, kurz nach dem Ende der Shoah, landesweit Pogrome gegen Jüd_innen verübt, 100.000 –120.000 von ihnen verließen das Land. Siehe auch Juliane Wetzel, Jüdische Displaced Persons - Holocaustüberlebende zwischen Flucht und Neubeginn, in: Deutschland Archiv, 6.9.2017, www.bpb.de/131259
2.
Vgl. Judith Kessler, "Majn stetele Schlachtensee", jüdisches berlin (Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin), 10-04.10.2009, S. 10, www.jg-berlin.org/beitraege/details/majn-stetele-schlachtensee-i196d-2009-10-04.html, zuletzt abgerufen am 04.10.2020
3.
Fred Jay, Friedrich Alex Jacobson (1914-1988), Schlagertexter und Komponist, RIAS-Programmdirektor in den 1960er Jahren. Zum Gedenken an ihren Mann rief seine Frau Mary Jay-Jacobson den Fred Jay Preis ins Leben. Dieser mit 15.000 Euro dotierte Preis erinnert an sein Schaffen. Der Preis wird seit 1989 jährlich unter der Schirmherrschaft der GEMA-Stiftung vergeben. Mittlerweile wird diese Tradition von Fred Jays und Mary Jay-Jacobsons Sohn, Michael Jacobson, fortgeführt. Siehe auch Lars Christiansen, „What I’m living for“ – 25 Jahre Fredy-Lay-Preis, in: virtuos 03-2013, S. 10-15, www.gema.de/fileadmin/user_upload/virtuos/Archiv/virtuos_2013_03.pdf, zuletzt aufgerufen 30.10.2020.
4.
Es handelt sich um Hanna Schulze, geborene Rosenthal, die in der Sozialabteilung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin arbeitete, und um Fredy Gross, der Schuldezernent der Gemeinde war und später ihr Finanzdezernent; zu Letzterem vgl. "Wirtschaftsplan beschlossen", in: Jüdische Allgemeine Nr. 13/04, 1.04.2004, S. 23.
5.
Die Jüdische Gemeinde in Ost-Berlin war sehr klein (1989 etwa 200 Mitglieder), aber in der DDR die größte. In den 1980er Jahren rief Irene Runge (geb. 1942) den Verein "Wir für uns" ins Leben, in dem sich Interessierte der mittlerweile erwachsenen Kinder aus den Emigrant_innen-Familien engagierten und sich mit ihrem Jüdischsein auseinandersetzen, was ihnen in ihren kommunistischen Elternhäusern meist versagt war; vgl. Sharon Adler, "Jüdinnen in Deutschland nach 1945. Erinnerungen, Brüche, Perspektiven - Teil II", in: Deutschland Archiv, 18.09.2020, Kapitel: Bewusstes Zurückkehren kommunistischer Jüd_innen in die DDR, www.bpb.de/315715, zuletzt abgerufen am 30.10.2020.
6.
Ehemalige Mädchenschule in der Auguststraße hat Investor gefunden - Umbau zum kulturellen Treffpunkt für 2012 geplant, in: AVIVA-Berlin, 27.12.2010, www.aviva-berlin.de/aviva/content_Kunst%20+%20Kultur.php?id=1429909, zuletzt abgerufen am 30.10.2020.
7.
Das Sonderheft von Spiegel Geschichte (Ausgabe 4/2019) trug den Titel "Jüdisches Leben in Deutschland – Eine unbekannte Welt nebenan".
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