Beleuchteter Reichstag

15.7.2011 | Von:
Cornelia Jabs

Maßnahmen der Verwaltung für Staatssicherheit Groß-Berlin zur Grenzsicherung nach dem Mauerbau

Neu aufgefundene Dokumente zeigen, wie das Ministerium für Staatssicherheit bereits wenige Monate nach der Sperrung der Grenze zu West-Berlin versuchte, Fluchten über die neu errichtete Mauer zu verhindern.

I.


Propagandatafel im Todesstreifen: "Wer die Staatsgrenze mit Gewalt einrennen will, wer an der Mauer provoziert, macht alles nur schlimmer!", Mitte der 1960er-Jahre. Vorn eine Gedenkstätte für eines der Maueropfer.Propagandatafel im Todesstreifen: "Wer die Staatsgrenze mit Gewalt einrennen will, wer an der Mauer provoziert, macht alles nur schlimmer!", Mitte der 1960er-Jahre. Vorn eine Gedenkstätte für eines der Maueropfer. (© BStU, MfS, ZOS 4043, Bild 8/11)
Mit dem Bau der Berliner Mauer konnte in Berlin die staatsgefährdende Fluchtbewegung von Ost nach West zwar massiv eingedämmt, aber entgegen den Hoffnungen der DDR-Machthaber nicht vollständig gestoppt werden. Vom 13. August 1961 bis Ende 1964 registrierte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) insgesamt 21.488 Personen, die aus der DDR geflohen waren. Weitere 16.299 Fluchtversuche seien gescheitert.[1] Diese Zahlen veranschaulichen, weshalb für das MfS die Verhinderung von sogenannten "Republikfluchten" selbst nach dem Mauerbau eine zentrale und dauerhafte Aufgabe blieb. Die fortgesetzten sogenannten "Angriffe auf die Staatsgrenze" durch DDR-Flüchtlinge stellten trotz Mauer und verschärftem Schießbefehl die DDR-Führung weiterhin vor ernste Probleme.

Allerdings waren durch die Schließung der innerstädtischen Grenze und den anderen Zugängen zu West-Berlin die Bedingungen radikal geändert, unter denen das MfS den fortdauernden Menschenverlust des SED-Regimes zu verhindern suchte. Insbesondere die innerstädtische Grenze stellte eine vollkommen neuartige Herausforderung dar. Die Mauer konnte den Willen zur Flucht vorerst nicht eindämmen, ja sie steigerte eher noch die Verzweiflung, aus der heraus manche Versuche, sie zu überwinden, unternommen wurden. Die Energie jener, die das Land verlassen wollten, und die intime Ortskenntnis der Anwohner warfen Probleme auf, denen vorerst nur durch die unmittelbare Brutalisierung des Grenzregimes entgegengewirkt werden konnte. Mehr als die Hälfte der im Zeitraum von 1961–1989 mindestens 136 Todesopfer kam in den ersten fünf Jahren nach dem Mauerbau an der Grenze zu West-Berlin ums Leben, davon allein 34 Menschen bis Ende 1962.[2] Wer durch eine Stadt eine Mauer baut, so musste das SED-Politbüro rasch feststellen, muss auch bereit sein, Menschen zu erschießen, die sie überwinden wollen. Der Leiter des Zentralen Einsatzstabes, Erich Honecker, legte dementsprechend in einer Lagebesprechung am 20. September 1961 unmissverständlich fest, dass gegen "Verräter" und "Grenzverletzer" die Schusswaffe anzuwenden sei.[3] In den nächsten Monaten wurden die Bestimmungen über den Gebrauch von Schusswaffen der grenzsichernden Einheiten mit Blick auf eine wirksamere Fluchtverhinderung verschärft.[4]

Je gefährlicher die Versuche, die Grenze in direktem Anlauf zu passieren, wurden, desto einfallsreicher und logistisch aufwändiger wurden die gesuchten und gefundenen Alternativen. Die ersten Monate und Jahre nach dem 13. August 1961 stellten sich so gewissermaßen als ein wechselseitiger Lernprozess dar, bei dem die von Freiheitssehnsucht getriebenen Flüchtlinge die Schwachstellen der Absperrung suchten und mit teilweise großem Erfolg nutzten, bis diese vom MfS ausgemacht und beseitigt wurden. Große Unterstützung erhielten sie dabei von Helfern aus dem Westen der Stadt: eine Hilfe, die das MfS als "Menschenhandel" definierte, der von "imperialistischen Geheimdiensten" und "gegnerischen Verbrecherorganisationen" zum Schaden der DDR organisiert worden sei.


Fußnoten

1.
Vgl. ZAIG, Bericht [...] über festgestellte Ursachen, Bedingungen und Motive des illegalen Verlassens der DDR, 2.4.1965, BStU, MfS, ZAIG Nr. 1018, Bl. 1. Dort finden sich weitere Analysen und Statistiken über das Fluchtgeschehen 1961–1964, deren Belastbarkeit jedoch noch zu prüfen ist.
2.
Hans-Hermann Hertle/Maria Nooke, Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961–1989. Ein biographisches Handbuch, Berlin 2009, S. 20.
3.
Vgl. Werner Filmer/Heribert Schwan, Opfer der Mauer. Die geheimen Protokolle des Todes, München 1991, S. 379.
4.
Vgl. Befehl Nr. 76/61 des Ministers für Nationale Verteidigung [...] v. 6.10.1961 sowie Bestimmung über Schusswaffengebrauch für die 1. und 2. Grenzbrigade Berlin des Ministers des Innern [...] v. 19.3.1962, in: Klaus Marxen (Hg.), Gewalttaten an der deutsch-deutschen Grenze, Berlin 2002, Dok. 10 u. 9d, S. 982–985.

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