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Margot Honecker – Die Frau an seiner Seite

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Hoffen auf einen russischen „Nürnberger Prozess“ Russische Kriegskontinuitäten Wurzeln einer unabhängigen Ukraine Der erschütterte Fortschritts-Optimismus "Leider haben wir uns alle geirrt" Die Hoffnung auf eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsarchitektur nicht aufgeben „Ihr Völker der Welt“ Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit China und die „Taiwanfrage“ Transformation und Deutsche Einheit Geheimdienste, „Zürcher Modell“ und „Länderspiel“ 50 Jahre Grundlagenvertrag Drei Kanzler und die DDR Populismus in Ost und West Akzeptanz der repräsentativen Demokratie in Ostdeutschland Zusammen in Feindseligkeit? Neuauflage "(Ost)Deutschlands Weg" Ostdeutsche Frakturen Geschichtspolitik von oben? Anpassungsprozess der ostdeutschen Landwirtschaft Daniela Dahn: TAMTAM und TABU Wege, die wir gingen „Der Ort, aus dem ich komme, heißt Dunkeldeutschland” Unternehmerischer Habitus von Ostdeutschen Teuer erkauftes Alltagswissen Trotz allem im Zeitplan Revolution ohne souveränen historischen Träger Mehr Frauenrechte und Parität Lange Geschichte der „Wende“ Eine Generation nach der ersten freien Volkskammerwahl Unter ostdeutschen Dächern Die de Maizières: Arbeit für die Einheit Schulzeit während der „Wende” Deutschland – Namibia Im Gespräch: Bahr und Ensikat Gorbatschows Friedliche Revolution "Der Schlüssel lag bei uns" "Vereinigungsbedingte Inventur" "Es gab kein Drehbuch" "Mensch sein, Mensch bleiben" Antrag auf Staatsferne Alt im Westen - Neu im Osten Die Deutsche Zweiheit „Ein echtes Arbeitsparlament“ Corona zeigt gesellschaftliche Schwächen Widersprüchliche Vereinigungsbilanz Schule der Demokratie Warten auf das Abschlusszeugnis Brief an meine Enkel Putins Dienstausweis im Stasi-Archiv Preis der Einheit Glücksstunde mit Makeln Emotional aufgeladenes Parlament Geht alle Macht vom Volke aus? Deutschland einig Vaterland 2:2 gegen den Bundestag "Nicht förderungswürdig" Demokratie offen halten Standpunkte bewahren - trotz Brüchen Die ostdeutsche Erfahrung Kaum Posten für den Osten Braune Wurzeln Wer beherrscht den Osten „Nicht mehr mitspielen zu dürfen, ist hart.“ Ein Ost-West-Dialog in Briefen Stadtumbau Ost Ostdeutschland bei der Regierungsbildung 2017 Die neue Zweiklassengesellschaft DDR-Eishockey im Wiedervereinigungsprozess Die SPD (West) und die deutsche Einheit Die Runden Tische 1989/90 in der DDR Die Wandlung der VdgB zum Bauernverband 1990 Transatlantische Medienperspektiven auf die Treuhandanstalt Transformation ostdeutscher Genossenschaftsbanken Demografische Entwicklung in Deutschland seit 1990 Parteien und Parteienwettbewerb in West- und Ostdeutschland Hertha BSC und der 1. FC Union vor und nach 1990 25 Jahre nach der Wiedervereinigung Ostdeutsches Industriedesign im Transformationsprozess Wende und Vereinigung im deutschen Radsport Wende und Vereinigung im deutschen Radsport (II) Kuratorium für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder Europäische Union als Voraussetzung für deutschen Gesamtstaat Welche Zukunft braucht Deutschlands Zukunftszentrum? Ein Plädoyer. Erinnern, Gedenken, Aufarbeiten Geschichtsklitterungen „Hat Putin Kinder?“, fragt meine Tochter Wolf Biermann über Putin: Am ersten Tag des Dritten Weltkrieges Der Philosoph hinter Putin „Putin verwandelt alles in Scheiße“ Das Verhängnis des Imperiums in den Köpfen Ilse Spittmann-Rühle ist gestorben Was bedeutet die Liquidierung von Teilen Memorials? Rückfall Russlands in finsterste Zeiten Memorial - Diffamiert als "ausländische Agenten" Die Verteidigung des Erinnerns Russlands Attacken auf "Memorial" Der Fall Schalck-Golodkowski Ende des NSU vor zehn Jahren 7. Oktober 1989 als Schlüsseltag der Friedlichen Revolution Die Geschichte von "Kennzeichen D" Nachruf auf Reinhard Schult Leningrad: "Niemand ist vergessen" Verfolgung von Sinti und Roma Zuchthausaufarbeitung in der DDR - Cottbus Sowjetische Sonderhaftanstalten Tage der Ohnmacht "Emotionale Schockerlebnisse" Ein Neonazi aus der DDR Akten als Problem? Eine Behörde tritt ab Ostberlin und Chinas "Großer Sprung nach vorn" Matthias Domaschk - das abrupte Ende eines ungelebten Lebens Ein Wettbewerb für SchülerInnenzeitungen Totenschädel in Gotha Bürgerkomitees: Vom Aktionsbündnis zum Aufarbeitungsverein Westliche Leiharbeiter in der DDR Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (I) Hohenzollern und Demokratie nach 1918 (II) Auf dem Weg zu einem freien Belarus? Erstes deutsch-deutsches Gipfeltreffen im Visier des BND Neue Ostpolitik und der Moskauer Vertrag Grenze der Volksrepublik Bulgarien Die Logistik der Repression Schwarzenberg-Mythos Verschwundene Parteifinanzen China, die Berlin- und die Deutschlandfrage 8. Mai – ein deutscher Feiertag? China und die DDR in den 1980ern 1989 und sein Stellenwert in der europäischen Erinnerung Stasi-Ende Die ungewisse Republik Spuren und Lehren des Kalten Kriegs Einheitsrhetorik und Teilungspolitik Schweigen brechen - Straftaten aufklären Welche Zukunft hat die DDR-Geschichte? Die Deutschen und der 8. Mai 1945 Jehovas Zeugen und die DDR-Erinnerungspolitik Generation 1989 und deutsch-deutsche Vergangenheit Reformationsjubiläen während deutscher Teilung 25 Jahre Stasi-Unterlagen-Gesetz Kirchliche Vergangenheitspolitik in der Nachkriegszeit Zwischenbilanz Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung Der Umgang mit politischen Denkmälern der DDR Richard von Weizsäckers Rede zum Kriegsende 1985 Die Sowjetunion nach Holocaust und Krieg Nationale Mahn- und Gedenkstätten der DDR Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Die Entmilitarisierung des Kriegstotengedenkens in der SBZ Heldenkult, Opfermythos und Aussöhnung Durchhalteparolen und Falschinformationen aus Peking Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Grenzsicherung nach dem Mauerbau Einmal Beethoven-Haus und zurück Das Bild Walther Rathenaus in der DDR und der Bundesrepublik 1989/90 - Friedliche Revolution und Deutsche Einheit „Die Stunde ist gekommen aufzustehen vom Schlaf“ Mythos Montagsdemonstration Ossi? Wessi? 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Antisemitismus in der DDR Teil I Antisemitismus in der DDR Teil II Als ob wir nichts zu lernen hätten von den linken Juden der DDR ... Ostdeutscher Antisemitismus: Wie braun war die DDR? Die Shoah und die DDR Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil I Umgang mit jüdischen Friedhöfen und Friedhofsschändungen, Teil II Israel im Schwarzen Kanal Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, I Der Nahostkonflikt in Kinder- und Jugendzeitschriften der DDR, II Das Israelbild der DDR und dessen Folgen Buchenwald und seine fragwürdige Nachgeschichte Macht-Räume in der DDR Wirtschaftspläne im Politbüro 1989 "Macht-Räume in der DDR" Macht, Raum und Plattenbau in Nordost-Berlin Machträume und Eigen-Sinn der DDR-Gesellschaft Die "Eigenverantwortung" der örtlichen Organe der DDR Strategien und Grenzen der DDR-Erziehungsdiktatur Staatliche Einstufungspraxis bei Punk- und New-Wave-Bands Kommunalpolitische Kontroversen in der DDR (1965-1973) Schwarzwohnen 1968 – Ost und West Der Aufstand des 17. Juni 1953 Interview mit Roland Jahn Der 17. Juni 1953 und Europa Geschichtspolitische Aspekte des 17. Juni 17. 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Es gibt keinen Dritten Weg" Frauenbild der Frauenpresse der DDR und der PCI Regionales Hörfunkprogramm der DDR DDR-Zeitungen und Staatssicherheit Eine Chronik von Jugendradio DT64 Die "neue Frau": Frauenbilder der SED und PCI (1944-1950) Lager nach 1945 Ukrainische Displaced Persons in Deutschland Jugendauffanglager Westertimke Das Notaufnahmelager Gießen Die Gedenkstätte und Museum Trutzhain Die Barackenstadt: Wolfsburg und seine Lager nach 1945 Die Aufnahmelager für West-Ost-Migranten Die Berliner Luftbrücke und das Problem der SBZ-Flucht 1948/49 Migration Fortbildungen als Entwicklungshilfe Einfluss von Erinnerungskulturen auf den Umgang mit Geflüchteten Friedland international? 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Margot Honecker – Die Frau an seiner Seite

Helmut Müller-Enbergs

/ 7 Minuten zu lesen

Am 6. Mai 2016 starb die langjährige Bildungsministerin der DDR Margot Honecker. Auch nach der Herbstrevolution in der DDR hielt die Gattin des Generalsekretärs der SED Erich Honecker im chilenischen Exil an ihrer ideologischen Linie fest. Helmut Müller-Enbergs begibt sich auf eine Spurensuche dieser Frau und eines ebenso bekannten Gleichaltrigen aus Halle an der Saale.

Margot Honecker als Ministerin für Volksbildung mit Lehrern, Partei- und Schulfunktionären im August 1972 in Berlin (© Bundesarchiv, Bild 183-L0824-0028, Foto: Joachim Spremberg)

Zu seinen frühen politischen Erinnerungen zählte der langjährige Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, Hans-Dietrich Genscher, die Gründung des antifaschistischen Jugendausschusses in Halle an der Saale, dem Vorläufer der Jugendorganisation in der DDR namens Freie Deutsche Jugend (FDJ). Es handelte sich seinerzeit um eine Runde, in der auch die gleichaltrige Margot Feist saß. Man kannte sich. Sie war in Halle am 17. April 1927 geboren, er drei Wochen früher im nahen, später eingemeindeten Reideburg. Sie besuchte die Volksschule, er das Städtische Reformrealgymnasium in Halle. Ihre Eltern waren einfache Leute, Vater kommunistisch orientierter Schuhmacher, seine Eltern gehörten dagegen dem nationalkonservativen Bürgertum an, Vater war Syndikus des Landeswirtschaftsverbandes. Beide erhielten die zeitbedingte Braunfärbung. Sie gehörte während ihrer Ausbildung dem Bund Deutscher Mädels, er der Hitlerjugend, dann der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands an. Nun trafen sich die beiden 18-Jährigen in einer Landschaft der Rotfärbung beim antifaschistischen Jugendausschuss wieder. Sie nun bei der Kommunistischen Partei Deutschlands, er alsbald bei der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands. Margot war Angestellte, Hans-Dietrich arbeitete als Bauarbeiter, bis er das Abitur nachholte.

Ihre frühe Bekanntschaft ging ihnen wohl nur selten über die Lippen. Zumal sie Karriere im "Arbeiter- und Bauernstaat" im Osten machte, er in der parlamentarischen Demokratie im Westen. Zwischen beiden lag die Grenze schlechthin, namentlich die zwischen dem sowjetischen und dem amerikanischen Imperium, die nur er überwinden konnte, wenn er gelegentlich in seiner Heimatstadt auftauchte, während sie es bei der Hallenser Mundart bewenden ließ. Im Volksmund war von ihr, der First Lady der DDR als "lila Hexe" die Rede, bei ihm satirisch von "Genschman". Er machte Karriere bei der Freien Demokratischen Partei (FDP), sie in der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

I


Zunächst war es für beide jeweils eine Ochsentour. 19-jährig geschult in der FDJ, dann 1946 schon Mitglied des Sekretariats des FDJ-Kreisvorstandes in Halle. Zwei Jahre später leitete Margot die Abteilung Kultur und Erziehung im Landesvorstand Sachsen-Anhalt der FDJ, wo sie auch Sekretärin für Kultur und Erziehung war. Im gleichen Jahr brachte sie es zur Sekretärin des Zentralrates der FDJ und Vorsitzenden der Pionierorganisation Ernst Thälmann. Und dann kam der 70. Geburtstag des "Generalissimus", dem Herrscher des Sowjetimperiums, Josef W. Stalin. Sie reiste in ihrer Funktion nach Moskau – ebenso wie der Vorsitzende der FDJ, Erich Honecker. Mit ihm, dem 15 Jahre älteren und verheirateten Mann, ging die 22-Jährige eine zunächst geheim gehaltene Affäre ein. Im Dezember 1952 kam als uneheliches Kind die gemeinsame Tochter Sonja zur Welt. Der Vorgang entsprach in den Tagen des stalinschen Dogmas so gar nicht der proletarisch-ethischen Etikette. Honeckers zweite Ehefrau, Edith Baumann, vormals seine Stellvertreterin als FDJ-Vorsitzender, drückte darüber ihr Unbehagen gegenüber der Parteispitze aus. Es blieb dem 1. Sekretär der SED, Walter Ulbricht, nichts Anderes übrig, als dem Ehebrecher die Scheidung nahe zu legen, die dann erfolgte. Offenbar war Sonjas Vater nicht selbst darauf gekommen. 1953 ging der 40-jährige Erich Honecker seine dritte Ehe ein; aus der 26-jährigen Margot Feist wurde Margot Honecker. Die Phase des Honeymoons von Margot fiel in die Hochzeit des Stalinismus, ihrer eigentlichen politischen Gerbung während der SED-Diktatur, die Riefen in ihrer Denkstruktur von solch einer Tiefe hinterließen, die noch an ihrem Lebensabend zuverlässig erkennbar waren.

II


Es folgte der beinahe schier unaufhaltsame Aufstieg von Margot und Erich Honecker. Aber ebenso beinahe wäre der schiefgegangen. Die Karriere ihres Mannes geriet im Vorfeld des 17. Juni 1953 in schwere Turbulenzen, als der während eines Führungskonfliktes in der SED-Spitze zunächst auf das falsche Pferd gesetzt zu haben schien – auf Walter Ulbricht. Doch diesen rettete der Arbeiteraufstand und auf wundersame Weise vermochte sich Erich Honecker im Politbüro als der Getreue schlechthin zu profilieren. Nur fehlte es noch beiden am entscheidenden ideologischen Ritterschlag, der üblicherweise nur an der Parteihochschule in Moskau zu erhalten war. Margot erarbeitete ihn sich 1953/54, Erich 1955/56 – die Ehe hatte folglich zeitweise wenig räumliche Nähe. Während sie anschließend im Ministerium für Volksbildung Abteilungsleiterin wurde, Erich eben Kandidat des Politbüros war, hatte es Hans-Dietrich Genscher 1954 gerade erst einmal zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der Jungdemokraten in Bremen gebracht.

Der eigentliche berufliche Schub setzte für Margot dann ein, als ihr Mann auch die ideologische Feuertaufe erfolgreich absolviert hatte. Die bestand darin, abermals erfundene Parteifeinde wie Karl Schirdewan oder Ernst Wollweber gebrandmarkt zu haben. Belohnt für die Nibelungentreue zu Walter Ulbricht stieg er nun als Mitglied des Politbüros zum zweitwichtigsten Mann der SED auf. In seinen Händen konzentrierte sich die Sicherheitskommission und – "Kader entscheiden alles" – die Kaderabteilung. Im Handgepäck dieser Karriere brachte es Margot im gleichen Jahr zur Stellvertreterin des Ministers für Volksbildung. Die Beziehung der Honeckers rechnete sich; sie hatten der Partei alles zu verdanken.

Hans-Dietrich Genscher hatte aufgeholt, war ab 1959 Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion. Als er dann Bundesgeschäftsführer der FDP wurde, hieß Margot Honecker bereits Ministerin für Volksbildung, eine Funktion, die sie über ein Vierteljahrhundert innehaben sollte und in der sie den Unterricht von über 300.000 Lehrern bestimmte. Doch auch Genscher wurde dann zunächst Innenminister und von 1974 bis 1992 18 Jahre lang Außenminister der Bundesrepublik Deutschland – mithin, wenn auch ein Jahrzehnt später und über eine kürzere Zeit Minister als Margot, dafür aber mit parlamentarischer Legitimation.

III


Was dem Außenminister Genscher der gelbe Pullover, waren der Volksbildungsministerin die lila schimmernden Haare, eine Art früher Frauenpunk – womit sie, wenn auch nur in diesem Punkt, ihrer Zeit voraus war. Ansonsten kristallisierte sich nun in der Bildungspolitik der ideologische Kanon aus, den sie implementiert bekommen hat. Wie anders lag da der Fall noch bei Else Zaisser, eine ihrer Vorgängerinnen als Volksbildungsministerin, die durch die innovative Schulbewegung nach dem Ersten Weltkrieg geprägt war. Der ohnehin enge politische Spielraum, den die Sowjetunion dem kleinen Bruder an der Elbe gönnte, erhielt durch sie ein besonders orthodoxes Gepräge. Es gelang wohl nur Margot Honecker, die an sich stets steuernde Abteilung (in diesem Fall für Volksbildung) des Zentralkomitees der SED gelassen zu ignorieren, begünstigt sicherlich dadurch, dass ihr Mann es durch eine sowjetischerseits geduldete Intrige gelang, im Mai 1971 zum ersten Mann im Staate DDR zu werden.

Mit ihrem Namen ist im Rückblick der geschlossene Jugendwerkhof in Torgau verbunden, der einer Strafvollzugsanstalt ähnelte, in der Jugendliche diszipliniert wurden. Gleichfalls mit ihrer Person verknüpft ist der Wehrunterricht für Schüler, wozu auch Waffenausbildung gehörte. Mithin war die First Lady nicht allein die Frau "an seiner Seite", sondern selbst an entscheidender Position für die Formung des Menschenbildes in der DDR. Ihr Ehemann selbst hielt zwar als Generalsekretär der SED und als Staatsratsvorsitzender alle Zügel in der Hand, nur war deren Länge vom Wohlgefallen aus der Sowjetunion bestimmt. Außenpolitisch definierte diese die Koordinaten, auch das Wirklichkeitwerden seiner Ambitionen, im westlichen Ausland seine Aufwartung zu machen, war genehmigungspflichtig. Im Inneren führte die Wirtschafts- und Sozialpolitik zunächst zum Schein des Wohlergehens, tatsächlich aber dann zu einem Desaster, das nur mit Finanzspritzen aus dem Westen aufzuhalten war. Die geringen ideologischen Lockerungsübungen – etwa durch das Lutherjahr 1983 – waren so übersichtlich, dass sie kaum bemerkt wurden.

IV


Ausgerechnet in der Sowjetunion tauchte mit Michail Gorbatschow ein Präsident auf, der das Imperium umbauen und modernisieren wollte. Sogar Momente von Pressefreiheit gab es. Auf diesen Kurs – Perestroika und Glasnost genannt – lenkte die Parteispitze unter dem Ehepaar Honecker nicht ein. Die Gesellschaft folgte den Honeckers nicht. Als am 7. Oktober 1989 auf der Tribüne Gorbatschow neben dem sichtlich gealterten Gatten von Margot stand, galt der Jubel der bestellten Demonstranten dem Sowjetführer, nicht dem ostdeutschen Generalsekretär. Der verzögerte Sturz Erich Honeckers während der Herbstrevolution, der Rücktritt der Regierung und des Zentralkomitees der SED bedeutete dann das politische Aus – für beide. Am 3. Dezember 1989 wurde ihr Mann aus der Partei ausgeschlossen, sie trat am 4. Februar 1990 aus. Nach seiner kurzzeitigen Verhaftung im Januar 1990 lebte das Ehepaar für zweieinhalb Monate in einem Pfarrhaus. Die Stimmung gegen die beiden war nicht gut. Im April fanden sie sich in der Obhut des sowjetischen Militärs, als der Staat, den sie zu gestalten suchten, der Bundesrepublik beigetreten war. Während die Honeckers in der Botschaft Chiles in Moskau für ein Dreivierteljahr Zuflucht fanden, er dann in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit saß, reiste sie 1992 nach Chile, wohin ihr Mann im Januar 1993 folgte. Eben in jenes Land, für dessen Bürger die DDR lange Zeit eine Heimstatt war.

V


Margots Mann starb im Mai 1994. Sie überlebte ihn über zwei Jahrzehnte, wie es scheint, ohne einen Abstrich an ihrem Weltbild vorzunehmen. Ein Beispiel: Das Menetekel des Sozialismus in den Farben der DDR schlechthin, die Mauer – vulgärideologisch der "antifaschistische Schutzwall" –, versuchte manch einer zu überwinden und zahlte dafür mit dem Leben. Margot Honecker: "Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen". Die Mauer wurde dennoch überwunden, noch ehe sie fiel.

Dazu trug Hans-Dietrich Genscher bei, als er am 30. September 1989 in der Prager Botschaft auf dem Balkon stand und verkündete, nahezu unhörbar unter dem lauten Beifall der 4000 wartenden DDR-Bürger, dass ihre Ausreise in den Westen genehmigt sei. Da hatte die Demokratie, die Genscher repräsentierte, die SED-Diktatur überholt. Hans-Dietrich starb vor ihr, am 31. März 2016 im vereinten Deutschland, sie fünf Wochen später am 6. Mai in einem Vorort von Santiago de Chile. Sie überlebte ihn zwar, dafür ist untergegangen, wofür sie einst stand: Die SED-Diktatur namens Deutsche Demokratische Republik.

Zitierweise: Helmut Müller-Enbergs, Margot Honecker – Die Frau an seiner Seite, in: Deutschland Archiv, 24.5.2016, Link: www.bpb.de/228204

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Dr. phil.; Studium der Politologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin, seit 1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen. Seit 2008 Prof. an der Syddansk Universitet (Dänemark). Schwerpunkte sind Grundlagenforschungen zu Inoffiziellen Mitarbeitern und der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A) des MfS sowie zu Spionage und Nachrichtendienstpsychologie.