Beleuchteter Reichstag

12.10.2021

Ablauf der Ereignisse (II)

Bericht der Arbeitsgruppe „Rekonstruktion“ der Zeitweiligen Untersuchungskommission zu den Ereignissen vom 7./8. Oktober 1989 in Berlin (Auszüge)

8. Oktober 1989

Die Erfahrungen der letzten 24 Stunden, insbesondere die Konfrontation mit der Gewaltlosigkeit der Demonstranten und ihrem alles andere als kriminellen Verhalten … macht (die Sicherheitskräfte) nervös und unsicher. Die Verantwortlichen planen, an diesem Tag nichts mehr dem Zufall zu überlassen. MfS-Minister Mielke konferiert u.a. mit Krenz, Schabowski und Schwanitz. Bereits am Vormittag, zum Zeitpunkt des sonntäglichen 10-Uhr-Gottesdienstes, umstellen etwa 50 Schutzpolizisten in Doppelposten das Gelände der Gethsemanekirche und behindern vereinzelt Bürger und Gemeindemitglieder, die Zutritt suchen. Mindestens zwanzig Zivilkräfte des MfS halten sich in der Nähe des Haupteingangs auf. Am Alexanderplatz (werden) im Laufe des Tages ungefähr 50 Personen ergriffen und zugeführt. Wieder holen MfS-Kräfte im Zusammenspiel mit der Volkspolizei Bürger aus der Menge, die ihnen durch Kleidung, Accessoires und Körperhaltung verdächtig erscheinen. …

An der Gethsemanekirche spitzt sich aus Sicht der Polizei- und Sicherheitskräfte die Situation gegen 18 Uhr zu, als etwa 2000 Personen die Fürbitt-Andacht besuchen. Noch während der Andacht beginnen Volkspolizisten und Kräfte des MfS mit der Sperrung der Straßeneinmündungen der Stargarder Straße in den Bereichen Schönhauser Allee und Pappelallee. … Um 20 Uhr stellen Demonstranten … an der Kreuzung Stargarder Straße/Pappelallee eine Kette brennender Kerzen auf. …

Gegen Ende des Fürbitt-Gottesdienstes wird die Kirche von Sicherheitskräften umstellt. Als sich unter den Heraustretenden die Nachricht verbreitet, dass Besucher der Andacht nach Verlassen des Kirchgeländes polizeilich zugeführt worden sind, bleiben zwei- bis dreitausend Menschen auf dem umzäunten Kirchgelände. … Immer wieder rufen sie „Keine Gewalt, keine Gewalt“. … Die zahllosen Versuche etlicher Bürger, (an den Absperrungen) mit den Polizisten ins Gespräch zu kommen, scheitern an einem wie anbefohlenen Schweigen. Immer mehr Kerzen werden auf die Straße gestellt. … Gegen 22 Uhr wächst die Spannung. Die … angeforderten (Polizei-)Reserven treffen ein. Über Megaphon ergeht die Aufforderung zum Räumen der Straße. … Diese Auflösung (wird) durch die Führungsgruppe im Haus des Lehrers gesteuert. … An allen Absperrungen finden sich jeweils etwa 50 Zivilkräfte aus den Anti-Terror-Einheiten des MfS ein. Im Rücken der Demonstranten und Passanten werden Busse und Lkw aufgefahren. Die herangeführten Reservekräfte versperren auf der Höhe Lychener/Stargarder Straße die Rückzugsmöglichkeit. …

Gegen 23.30 Uhr … fordern Offiziere die Demonstranten… zum Verlassen der Kreuzung (Pappelallee/Stargarder Straße) auf. … Unmittelbar nach der Durchsage stürzen sich Volkspolizisten und MfS-Kräfte auf alle im Umfeld erreichbaren Personen. … Etliche der vermeintlichen Demonstranten erweisen sich als MfS-Angehörige und greifen sich nun gezielt Personen. … Wie am Vortag wird der Schlagstock unmotiviert und nahezu hemmungslos gebraucht. Auch Schlagringe und Reizgas kommen zum Einsatz. Manche der Zugeführten werden verprügelt, ehe sie in den bereitstehenden Bus gestoßen werden. Die größte Brutalität geht von den Anti-Terror-Einheiten des MfS aus. Bis spät in die Nacht durchkämmen Sicherheitskräfte die Straßen des Prenzlauer Bergs zwischen Schönhauser und Prenzlauer Allee. … Gegen 2.00 Uhr nachts erhalten die Reserve-Kräfte den Befehl zum Rückzug. Wie am Vortag solidarisierten sich viele Anwohner mit den Demonstranten. Aus den Fenstern gellen Pfiffe und Pfui-Rufe. Zuweilen fliegen Flaschen und auch Blumentöpfe. In vielen Fenstern und auf Balkonen stehen brennende Kerzen.

Resümee

Für den 8. Oktober lässt sich die Zahl der tatsächlich zum Einsatz gekommenen Sicherheitskräfte … an den Ereignisorten auf etwa 1.500 bis 2.000 Mann schätzen. Zugeführt wurden an diesem Tag 524 Bürgerinnen und Bürger.

Quelle: Andreas Förster, "Eine Sternstunde des demokratischen Aufbruchs - Die Untersuchungskommission zur Polizeigewalt am 7. und 8. Oktober 1989 in Ostberlin", Deutschland Archiv vom 12.10.2021


Deutschland Archiv

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 26. November 1966
    Einigung zwischen CDU/CSU und SPD über eine Große Koalition unter Kurt Georg Kiesinger als Bundeskanzler und Willy Brandt als Vizekanzler. - Das Angebot der FDP, mit allen ihren Bundestagsstimmen eine Kanzlerkandidatur Brandts zu unterstützen, hatte die... Weiter
  • 26. November 1980
    Interventionspläne: Honecker schlägt dem KPdSU-Generalsekretär Breschnew vor, »kollektive Hilfsmaßnahmen für die polnischen Freunde bei der Überwindung der Krise auszuarbeiten«. Sie seien heute »notwendig«, aber morgen vielleicht »verspätet« und sollten... Weiter
  • 26./27. Nov. 1983
    Die aus der CSU ausgetretenen Bundestagsabgeordneten Franz Handlos und Ekkehard Voigt gründen in München aus Opposition gegen Strauß die neue Partei »Die Republikaner« als »unabhängige, konservativ-liberale Volkspartei«. Hintergrund: 29. 6. 1983. Die... Weiter
  • 26. November 1989
    Namhafte Intellektuelle und Reformer treten mit dem Aufruf »Für unser Land« dafür ein, die Eigenständigkeit der DDR zu bewahren. Sie soll die »sozialistische Alternative zur Bundesrepublik« sein. Sonst drohe »ein Ausverkauf unserer materiellen und moralischen... Weiter
  • 26. November 1993
    Das Innenministerium verbietet die straff geführte marxistisch-leninistische Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) und ihre Nebenorganisationen in der BRD. Sie treten für einen autonomen kurdischen Staat ein, bekämpfen deshalb die Türkei und hatten Gewaltaktionen... Weiter
  • 26. November 1999
    Die geplante rotgrüne GKV-Gesundheitsreform 2000 scheitert im Bundesrat. Sie hatte vorgesehen, die Obergrenze für die Gesamtausgaben aller Krankenkassen durch ein Globalbudget, das nicht stärker als die Einkommen der Versicherten hätte steigen dürfen,... Weiter
  • 26. November 1999
    Der Bundestag verabschiedet mit der rotgrünen Mehrheit den Haushalt 2000 (Gesetz vom 22. 12. 1999). Der Etat hat ein Einsparvolumen von rund 28 Mrd. DM. Damit das umstrittene 30-Mrd.-DM-Steuer-Sparpaket der Bundesregierung (23. 6. 1999) nicht an der... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen