Eineinhalb Jahre nach der russischen Kampagne gegen das neue Marine-Operation-Center (MOC) an der Warnow in Rostock, zu dem das Commander Task Force Baltic (CTF Baltic) gehört,
Der Kreml trägt hierbei jüngst vor allem eigene nachrichtendienstliche Erkenntnisse vor, wonach angeblich mehrere EU-Staaten, angeführt von der Bundesrepublik, im Geheimen waffenfähiges Kernmaterial entwickeln. Konkret werden mehre deutsche zivile Anreicherungsanlagen verdächtigt. Dahinter stehe das Ziel, Russland zu bedrohen und überdies unabhängiger vom US-Nuklearschirm zu werden.
Angestoßen wurden atompolitische Überlegungen aber auch von Bundeskanzler Friedrich Merz, etwa anlässlich der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz. Angesichts des andauernden russischen Krieges gegen die Ukraine, multipler Krisen und nicht zuletzt durch die Folgen der US-amerikanischen Führungsschwäche in der Welt verlautbarte der CDU-Politiker im Februar 2026, dass er „mit dem französischen Präsidenten (…) vertrauliche Gespräche über europäische nukleare Abschreckung aufgenommen“ habe.
Ziel dieser Anstrengungen sei vor allem mehr Verteidigungsautonomie in Anbetracht einer wankenden amerikanischen Sicherheitszusage unter US-Präsident Donald Trump. Allzu konkret wurde Merz jedoch nicht, schließlich stehe man am Anfang einer neuen, selbstbewussteren Strategie, die Merz Ende April 2026 im Spiegel untermauerte: "Deswegen gehe ich auf die Franzosen zu und sage: Lasst uns darüber reden, wie wir Europa schützen". Gegenfrage des Spiegel: "Sie meinen über einen europäischen Nuklearschirm?" Antwort Merz: "Auch darüber. Über alles, was es für ein sicheres Europa braucht".
Russlands Vorwürfe konterkarieren jedoch eine ernsthafte Beschäftigung mit der Frage, wie die Europäer ihre Sicherheit in Zukunft begreifen und ausgestalten wollen. Großbritannien und Frankreich sind seit den 1950er- beziehungsweise 1960er-Jahren Atommächte und haben ihre Arsenale und Mechanismen mit der NATO-Doktrin verzahnt. Beide Nationen planen überdies eine neue Generation strategischer Atom-U-Boote, die zu Beginn des kommenden Jahrzehnts die jetzige "Vanguard"- und "Triomphant"-Klasse ersetzen sollen.
"Nukleare Teilhabe"
Innerhalb der westlichen Verteidigungsorganisation übernimmt Deutschland – ähnlich wie Italien – schon seit Jahren durch die sogenannte nukleare Teilhabe Verantwortung. Das bedeutet, dass sich US-Kernwaffen auf dem Territorium der jeweiligen Staaten befinden, die Entscheidungsgewalt über ihren Einsatz jedoch ausschließlich bei Washington im Rahmen der gemeinsamen NATO-Nukleardoktrin verbleibt. Im Kriegsfall würden deutsche Luftwaffenpiloten mit dem Abwurf von US-Kernwaffen beauftragt werden.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte über eine stärkere europäische Autonomie erscheint am ehesten eine Erweiterung dieser Teilhabe denkbar. So könnte eine deutsch-französische Kooperation etwa vorsehen, dass Bundeswehr-Kampfjets vom Typ F-4 oder F-35 mit französischen Atomwaffen ausgerüstet werden.
Allerdings ist zu betonen, dass sich derartige Überlegungen nicht gegen die bestehenden Vereinbarungen mit den USA richten. Vielmehr zielen sie angesichts einer verschärften sicherheitspolitischen Lage, insbesondere durch Russlands Krieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Drohgebärden gegenüber dem Westen, auf eine Ergänzung und Stärkung nichtkonventioneller Fähigkeiten im Bündnis, so die Bundesregierung.
Mögliche deutsche Atombewaffnung wurde bereits in der Einheitsdiplomatie ausgeschlossen
Als die Regierungen beider deutscher Staaten und der Siegermächte 1990 über die außen- und sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen der Vereinigung von Bundesrepublik und DDR verhandelten, stand auch die Frage einer möglichen deutschen Atomrüstung im Raum. Neben historisch begründeten Sorgen vor erneuten Großmachtbestrebungen befürchteten die internationalen Kritiker der Einheit, dass Deutschland den Weg der eingebundenen militärischen Strukturen verlassen könnte. Bonn schloss hingegen von Beginn an jegliche Ambitionen aus, die über die bereits bestehende nukleare Teilhabe hinausgingen und bekannte sich zur Truppenreduktion im Sinne der späteren KSE-Vereinbarung
Zwar wurde bis in die Schlussphase der Verhandlungen hart und unnachgiebig über den künftigen NATO-Status gerungen, doch der Verzicht auf Massenvernichtungswaffen stand zu keinem Zeitpunkt zur Disposition. Es ist kaum vorstellbar, dass eine deutsche Forderung nach eigenen Kernwaffen die Chancen auf eine Einigung mit den Verbündeten und der UdSSR nicht massiv beeinträchtigt, wenn nicht sogar zunichtegemacht hätte.
Zu Beginn der 1990er-Jahre erreichten die Abrüstungsbemühungen zwischen Ost und West ihren Höhepunkt. Kaum eine Waffenkategorie blieb von Verhandlungen ausgenommen. Ziel war es, durch weitreichende Vereinbarungen gegenseitiges Vertrauen zu schaffen und den Übergang zu einer stabilen Friedensordnung nach dem Ende des Kalten Krieges in Europa gemeinsam zu gestalten. Die nicht abebbenden russischen Desinformationskampagnen im Zusammenhang mit der Unterstützung der Ukraine verfolgen hingegen weiterhin ein zweigeteiltes Kalkül.
Zum einen sollen gezielte Falschdarstellungen die politischen Debatten in europäischen Staaten unterlaufen und im Sinne russischer Interessen beeinflussen. An willfährigen Multiplikatoren mangelt es nicht. Zum anderen dient die staatliche Propaganda auch der innenpolitischen Rechtfertigung. Indem ein Schreckensbild des Westens aufrechterhalten wird, schafft die russische Führung Rechtfertigungen für die enormen militärischen Anstrengungen in der Ukraine und die kostspieligen Rüstungsprogramme.
Zitierweise: Alexander Litvinenko, „Russlands neuer Vorwurf: Greift Berlin nach der Atombombe?“, in: Deutschlandarchiv 5.5.2026, www.bpb.de/577725, Teil I siehe unter www.bpb.de/555731, Teil II www.bpb.de/555750. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
HIER Teil I vom 5.5.2026
HIER Teil IIDie zugehörige Chronologie im Detail:
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