Eine Rückerinnerung des Schauspielers Matthias Brandt an die deutsche Vergangenheit und ein Plädoyer für die Gegenwart. Ein Buchauszug als Diskussionsbeitrag.
Meine Generation hatte das Glück, weitgehend in Frieden aufzuwachsen. Mir hatte das den Luxus verschafft, mich aus der Politik heraushalten zu können. Jetzt ist allerdings Vieles anders. Mein Eindruck ist, es bleibt nur die Wahl, sich entweder zurückzuziehen, in Resignation zu verfallen oder sich mit den eigenen bescheidenen Möglichkeiten dagegenzustellen, dass autoritäre Kräfte das zerstören, was nach Krieg und Naziherrschaft unter Mühen aufgebaut wurde. Sollte man damit scheitern, was gerade keineswegs ausgeschlossen scheint, hat man es jedenfalls versucht.
Seit einigen Jahren haben wir nicht mehr die stabile politische Lage, in der wir uns über Jahrzehnte befunden haben. Grundsätzliche politisch-moralische Werte und Prinzipien, die ich bei allen möglichen Meinungsunterschieden für unabänderlich hielt, scheinen nicht mehr zu gelten. Klar wurde mir das am Abend der Bundestagswahl 2017. Ich erinnere mich genau an die Bilder: der damalige AfD-Vorsitzende Alexander Gauland auf der Bühne, unter dem Gejohle seiner Anhänger, in Tweedsakko und mit Hundekrawatte, scheinbar harmlos, wie der Prototyp des schlecht gelaunten Nachbarn aus einer Hugh-Grant-Komödie, der einem das Leben schwer macht. Für mich war dieser Mann bis dahin eher eine Witzfigur gewesen. Und dann diese Sätze: »Da wir ja nun offensichtlich drittstärkste Partei sind, kann sich diese Bundesregierung (…) warm anziehen. Wir werden sie jagen, wir werden Frau Merkel oder wen auch immer jagen – und wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.«
Das war – jenseits des entlarvenden Besitzanspruchs – nicht einfach ein zugespitztes Bild für parlamentarische Auseinandersetzung, das war SA-Rhetorik. Es klang etwas heraus, das mehr meinte: nämlich, wie man jene, die anders denken, anders fühlen, die anders sind, die widersprechen, die nicht ins eigene Weltbild passen, zu behandeln gedenke, sobald man selbst erst die Zügel in Händen halte. Und in diesem Moment, zu Hause vor dem Fernseher, hat mich das erschüttert. Ich dachte: Et-was verschiebt sich. Politisch, rhetorisch und vor allem emotional.
Was mich in der Folge an diesen Rechtspopulisten am meisten wütend machte, war etwas, das es in dieser Form in unserem Land so noch nicht gegeben hatte: Was wissenschaftlich gesichert ist, was auf überprüfbaren Fakten beruht, wurde einfach nicht mehr als Tatsache anerkannt. Gesicherte Erkenntnisse über Klima, Geschichte, Medizin – es spielt keine Rolle, worum es geht: Wenn es nicht passt, wird es zur Lüge erklärt und dies dann über die sogenannten sozialen Medien in die Welt posaunt.
Das war mehr als ein Streit um Meinungen. Es war ein Angriff auf das, worauf wir uns bisher verlassen konnten: dass es so etwas wie überprüfbare Wirklichkeit überhaupt gibt. Es war, als würde man das Einmaleins abschaffen und das Alphabet gleich dazu. Denn wenn selbst Rechnen und Schreiben keine bindende Kraft mehr haben, wenn alles nur noch Ansichtssache ist, dann verliert jede Debatte, jede demokratische Diskussion ihren Boden.
Diese Methode ist nicht nur destruktiv, sie ist für unser Zusammenleben existenziell bedrohlich, weil sie alles so ins Rutschen bringen will, dass am Ende jede Verständigung unmöglich wird.
Ich habe lange für undenkbar gehalten, dass eine rechtsextreme Partei wie die AfD einmal drauf und dran sein könnte, stärkste politische Kraft zu werden. Das mag naiv gewesen sein, aber ich hielt es bei uns, mit unserer Geschichte, wirklich für ausgeschlossen. Da es nun doch so war, wuchs in mir also eine Mischung aus Zorn und dem Bedürfnis, etwas mir Mögliches zu tun, es nicht einfach stillschweigend hinzunehmen, allen erwähnten Vorbehalten zum Trotz. Für mein Gefühl stecken wir nämlich in einer Art Lähmung fest, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, mit solchen politischen Kräften umzugehen. Was ein entscheidender Unterschied zu Menschen wie meinen Eltern ist. Und so wurde mir klar, dass für mich möglicherweise der Schlüssel dazu, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte, näher als gedacht lag, nämlich in deren Lebensgeschichte. Sie kannten sich mit Rechtsextremen einfach besser aus, ich erinnere mich an die beiden als bemerkenswert unängstlich. Wenn ich an meinen Vater denke, denke ich an einen, zumindest was solche Auseinandersetzungen betrifft, angstfreien Menschen. Heute aber gibt es eine gewisse Angstdämonisierung des Rechtsradikalismus. Das ist verkehrt und vielleicht ebenso gefährlich wie der Rechtsradikalismus selbst, weil es ihn überhöht. Müsste es nicht eher darum gehen, seine Schlichtheit und Dämlichkeit zu entlarven?
Ich las Texte, die ich noch nie oder lange nicht mehr gelesen hatte und fragte mich auch, was es eigentlich bedeutet, heute eine öffentliche Person zu sein. Und ob damit nicht auch, ohne Gesinnungspathos und unabhängig vom konkreten Beruf, eine bürgerliche Verantwortung verbunden ist. Ein Land, dachte ich, in dem Rechtsextremisten wieder Wahlen gewinnen, in dem Erinnerung zum lästigen Ärgernis erklärt wird, in dem die Sprache verroht und der Ton immer schriller wird, ist ein Land, das möglicherweise unser aller Ge-schichten braucht, in ihrer ganzen Vielfalt.
Anfang Juli fuhr ich gemeinsam mit Elisabeth Ruge, die zu meiner wichtigsten Gesprächspartnerin in dieser Sache geworden war, zur Gedenkstätte nach Plötzensee, ich war noch nie dort gewesen. Von Zehlendorf aus nahmen wir die AVUS, dann am Funkturm vorbei Richtung Wedding, rechts der Westhafen, Beusselstraße raus, irgendwo ein Schild zum Strandbad Plötzensee. Die Gedenkstätte liegt fast versteckt in der Nähe eines Aldi-Marktes, Werkstätten sind dort, Lieferhöfe und Parkbuchten. Wenn man nicht wüsste, wonach man sucht, würde man vorbeifahren.
Es war einer der vielen Regentage dieses Sommers und menschenleer. Eine freundliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte erwartete uns, sie sprach leise. Ab und zu drangen ein paar Rufe vom nahe gelegenen Jugendgefängnis herüber, fast wie ein Erinnerungssplitter. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich hier bald sprechen sollte. Vor lauter Menschen, die im Zweifelsfall viel mehr wissen und noch mehr fühlen. Dann fiel mir ein, dass mein Vater hier einige Male geredet hatte, vor vielen Jahren. Dieses Wissen war einfach da, ohne sich aufzudrängen oder mich in irgendeiner Form zu belasten. Wir betraten den ehemaligen Hinrichtungsraum. Mein erster Eindruck: Ich war überrascht, wie klein er ist. Zu klein, schien mir, für all das Grauenhafte, das hier geschehen war. Als ob das eine Frage von Kubikmetern wäre, aber so war meine Empfindung. Man meinte fast, die Anwesenheit derer zu spüren, die hier zu Tode gekommen waren, es fühlte sich an wie komprimierte Stille. Nur wenige Schritte waren es vom Zellentrakt über den Hof hierher, hörte ich unsere Begleiterin sagen. Ich trat nach einer ganzen Weile wieder hinaus. Was hier geschehen war, überstieg mein Vorstellungsvermögen. Die beiden Frauen standen da, als hätten sie meinen Moment hier beschützt. Wir nickten uns zu, Worte gab es gerade keine. Als wir uns verabschiedeten, hoffte ich, dass ich in ein paar Wochen meiner selbst gestellten Aufgabe gerecht werden könnte. Nämlich so zu reden, dass dieser Ort mir nicht widerspräche.
Die Rede, die ich zu halten hatte, sollte nicht länger als 15 Minuten dauern. Viele Überlegungen musste ich deswegen auslassen, andere verkürzen. Das war für den Anlass richtig so. Auch einige Gedanken zur heutigen Situation hätten den Rahmen des Gedenkens gesprengt, gingen mir allerdings nach. In mir blieb das Bedürfnis, mich damit weiter auseinanderzusetzen. Das, was ich ursprünglich aufgeschrieben hatte und weglassen musste, und das, was erst danach entstand, hat schließlich seinen Weg in dieses kleine Buch gefunden. Die nun folgende Fassung meiner Rede ist durch diese Passagen erweitert, vertieft und ergänzt. Wenn man so will, ist es die in Form gebrachte Material-sammlung der Rede, die ich schließlich hielt.
Diese erweiterte Fassung gibt es nicht, um der Rede mehr Gewicht zu geben, sondern, weil ich gemerkt habe, dass sich das Nachdenken über diese Dinge nicht in einer Viertelstunde zusammenfassen ließ. Es ist der Zwischenstand eines inneren Dialogs, der mit der Arbeit an der Rede Anfang des Jahres 2025 begann und der immer noch weitergeht. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass, wenn ich ihn gegen alle Skrupel überhaupt veröffentlichen würde, dies jetzt geschehen sollte.
Das meiste dessen, worum es hier geht, ist natürlich schon einmal von anderen aufgeschrieben oder gesagt worden, die klüger und wortgewandter sind als ich. Aber ich hoffe – neben dem familiären und persönlichen Aspekt, den dies alles für mich zusätzlich hat – , die Tatsache, dass man sich zu diesem Thema gerade lieber einmal zu oft als zu selten zu Wort melden sollte, begründet eine Veröffentlichung ausreichend. Die Arbeit an der Rede war für mich wie ein privates Näherrücken an eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist und die stetig nachklingt. An meine Eltern und viele andere ihrer Generation, Menschen, die mir wichtig waren und es nach wie vor sind. An eine Gegenwart, die uns viele Fragen stellt, und an eine Zukunft, die von uns Antworten verlangt, und zwar heute. Nicht als moralische Belehrung – wie käme ich dazu –, sondern als Beitrag zu der Auseinandersetzung, in der wir uns jetzt be-finden und die von Tag zu Tag bösartiger wird.
Je weiter ich in die Geschichte meiner Eltern und ihrer Weggefährten eintauchte, desto verblüffter war ich, wie sich Lebens- und Gedankenspuren über die vielen Jahrzehnte hinweg immer wieder berührten, auch die von Menschen, die sich nie begegnet sind. Manchmal fängt eben alles damit an, dass man genau zuhört. Den anderen, selbst wenn sie schon lange tot sind, und auch sich selbst.[...]
Vom Näherrücken der Vergangenheit. Wie heute handeln?
Ich weiß nicht, wie ich mich damals verhalten hätte. Ob ich den Mut zum offenen Widerspruch gefunden hätte. Vieles in mir lässt mich zumindest daran zweifeln. Aber ich weiß, dass mich die Beispiele jener Menschen, die unter der nationalsozialistischen Diktatur aufstanden, gerade in der letzten Zeit verändert haben. Dass ich, angeregt durch ihre Geschichten, wenigstens das eine tun kann: mich zu Wort zu melden, und sei es dadurch, dass ich dies hier aufschreibe. Jetzt, wo wieder offen gehetzt wird und wo wieder Leute auf der Straße beschimpft, diskriminiert und bedroht werden, weil sie fremd oder anders sind. Eine solche Haltung ist alles andere als heroisch und nicht vergleichbar mit dem, was sie riskiert haben. Aber es ist das Mindeste, was ich mittlerweile von mir verlange. Und es ist die direkte Folge der Beschäftigung mit ihren Biografien.
Widerstand und Zukunftsglaube derjenigen, die sich den Nationalsozialisten entgegenstellten, darunter auch meine Eltern, haben mich in einer freieren Gesellschaft aufwachsen lassen als der ihrigen. Ich konnte im Großen und Ganzen tun und werden, was ich wollte. In einem Land, in dem kurz zuvor noch das schlimmste Terrorsystem der Menschheitsgeschichte geherrscht hatte. Und doch: Ich höre wieder Töne, die ich für überwunden hielt. Ich kenne sie, solange ich denken kann. Eine kurze Weile schienen sie verschwunden zu sein. Oder habe ich mich zu sehr in Sicherheit gewiegt? Vielleicht wollte ich sie nicht hören. Jetzt kommen sie zurück. Zuerst leise. Und dann unüberhörbar immer lauter.
Es beginnt immer mit der Sprache. Formuliert wird bewusst provokativ, aber oft nur in Andeutungen und Halbsätzen. So wird die Tür geöffnet für reaktionäres Gedankengut, ohne dass man selbst die Schwelle zum offenen Gesetzesbruch überschreitet.
Man redet von »Bevölkerungsaustausch«. Ge-meint ist damit die Behauptung, es gebe einen planmäßig gesteuerten Austausch der einheimischen deutschen Bevölkerung gegen Migrantinnen und Migranten, der angeblich von politischen oder wirtschaftlichen Eliten bewusst betrieben werde. Oft wird dies mit antisemitisch codierten Andeutungen verbunden, mit der Vorstellung, »globale Eliten« oder »Finanzmächte« steckten dahinter. Das Muster ist immer dasselbe: Angst schüren, eine Bedrohung von außen beschwören. Oder der bekannte Satz von Alexander Gauland, dem heutigen »Ehrenvorsitzenden« der rechtsextremen Partei: »Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.« Ein Satz, der so tut, als ließe sich Schuld kleinrechnen, als könnte man das Unermessliche mit einer abfälligen Geste wegwischen.
Und dann das »Denkmal der Schande«. So hat der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in Berlin genannt: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.« Die Erinnerung, die den Opfern gewidmet ist, wird in ihr Gegenteil verkehrt, relativiert und herabgewürdigt. Das ist keine Unachtsamkeit, sondern Absicht.
Auch andere alte Kampfbegriffe kehren zurück. »Systemparteien« zum Beispiel. Schon in der Weimarer Republik wurde er benutzt, um die parlamentarische Demokratie zu diskreditieren. Heute hallt das nach und meint: alle anderen außer uns sind korrupt, verlogen, nicht legitim. Oder »Volksverräter«: Ein Wort, mit dem einst Menschen wie auch mein Vater belegt wurden, bevor man sie einkerkern, verschleppen und in vielen Fällen auch ermorden wollte. Heute wird es wieder gegrölt, gegen Politiker, Journalisten, Helfende.
Aus Geflüchteten werden »Messermänner«, aus Schutzsuchenden »Asyltouristen«, »Invasoren« oder »Parasiten«. Worte, die nicht beschreiben, sondern abwerten, entindividualisieren, die den Menschen eliminieren und nur noch das Feindbild übrig lassen. So, wie es die Nazis mit den Juden und anderen Minderheiten machten.
Es ist die Sprache des kalten Herzens.
Trotz allem, ich träume weiter davon, in einem europäischen, weltoffenen, humanen Deutschland als freier Mensch unter anderen freien Menschen zu leben und zu wachsen. Ob diese nun schon immer hier waren – aber wer ist das schon? – oder erst seit ein paar Jahr-zehnten oder seit Kurzem. In einem Land, in dem Menschen frei von Angst vor Ausgrenzung leben können. Und, bei allen Hindernissen, frustrierenden Rückschlägen und Widrigkeiten – manchmal fühlt es sich immer noch so an, als könnte das sogar gelingen. Lassen Sie mich Ihnen am Ende noch kurz von ein paar jungen Menschen erzählen, Schülerinnen und Schülern des Einstein-Gymnasiums in Potsdam. Vor einiger Zeit kamen sie auf mich zu und fragten, ob ich sie unterstützen könnte, als Pate bei ihrer Be-werbung als »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«. Das sind beeindruckende junge Leute, klug, wach und engagiert. Sie machen nächstes Jahr Abitur und scheinen, vollkommen zu Recht, die Welt nicht unbedingt so akzeptieren zu wollen, wie wir sie ihnen übergeben. Diese Schülerinnen und Schüler, die freundlichsten Unruhestifterinnen übrigens, die man sich denken kann, wollen für andere einstehen, Haltung zeigen, sich engagieren gegen Ausgrenzung, gegen Diskriminierung und für eine offene Gesellschaft.
Manche von ihnen entdecken, wenn sie sich mit der Vergangenheit beschäftigen, in den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern Risse und schmerzhafte Widersprüche. Das ist nicht immer leicht zu ertragen, aber es ist notwendig. Denn es hilft zu verstehen, woher wir kommen, und es besser zu machen. Und das heißt eben auch, nicht wegzuschauen, wenn heute Ausgrenzung, Hass oder Antisemitismus wieder auftauchen. Ich hörte ihnen zu – ich sah dabei in ihnen auch mein Kind, unsere Kinder – und dachte plötzlich: Ihr seid das. Ihr seid der nachträgliche Sieg, von dem mein Vater damals vor 70 Jahren hier an dieser Stelle sprach. Als ich nach unserem ersten Treffen das Schulgebäude verließ, nachdenklich und froh, blieb mein Blick an einer Gedenktafel hängen. Sie erinnert an Helmuth James Graf von Moltke, der ein Jahrhundert zuvor genau hier zur Schule gegangen war.
Und wieder schien es, als würden sich Lebens- und Gedankenwege für eine Sekunde berühren. Die Menschen aus dem Widerstand damals einte etwas: Sie haben sich nicht entzogen. Sie haben sich nicht zurückgezogen. Nicht in die Bequemlichkeit, nicht in die Ausrede, dass einer allein ja nichts ändern könne. Sie haben ihre Verantwortung wahrgenommen. Weil sie Menschen waren in einer Welt, die immer unmenschlicher wurde. Viele von ihnen hatten keine Macht, keine Ämter, keine Titel, keinen Schutz. Sie hatten Familien, Berufe, Verpflichtungen, waren eingebunden in ihr ganz normales Leben. Aber sie hatten in diesem Leben einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr wegsehen konnten. Es gab für sie keinen Platz außerhalb des Geschehens, an dem sie einfach hätten weitermachen können, als beträfe sie das alles nicht. Sie waren nicht von Anfang an Helden und wollten es wahrscheinlich auch nie sein. Aber sie haben etwas getan, das einfacher klingt, aber möglicherweise schwerer ist als jede Heldentat. Sie haben sich verantwortlich gefühlt. Für andere und für das, was ihr Schweigen würde anrichten können. Das macht sie besonders. Sie haben nicht darauf gewartet, dass jemand ihnen einen Auftrag gibt, sondern ihn sich selbst gegeben.
Noch einmal: Ich bin kein Historiker und kein Politiker. Ich bin Schauspieler. Und als solcher schaue ich auf die Menschen und auf die Welt. Mich interessieren Gesichter mehr als Akten. Blicke. Pausen, die Art, wie jemand geht oder wie er schweigt, wenn er eigentlich etwas sagen sollte. Ich beschäftige mich nicht mit Zahlen. Was mich interessiert, sind die Risse, die Zwischenräume. Das, was nicht gesagt wird. Was sich hinter dem Offensichtlichen verbirgt. Was es heißt, wenn jemand Angst hat. Oder Schuld empfindet. Oder Hoffnung, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Ich glaube, dass mich dies mit den Menschen in Verbindung bringen kann, an die ich gerade denke, wie jetzt in diesem Moment an meine Eltern.
Ich habe in meinem Leben viele Phasen im Verhältnis zu meinem Vater durchlaufen, aber das geht sicher den meisten so. Zeiten der Nähe und Zeiten der Distanz, es war ein weiter Weg bis hierher. Er ist schon sehr lange tot, mittlerweile den größeren Teil meines Lebens. Heute kann ich sagen, dass ich mit ihm voll-kommen im Reinen bin, und wenn ich mich an ihn erinnere, tue ich es in Liebe. Ich habe ihm gegenüber Zuneigung, Bewunderung, Ärger, Wut, Unverständnis und Zärtlichkeit empfunden, manchmal sogar alles gleichzeitig. Er war ein komplizierter Mensch, oft blieb mir unklar, was in ihm vorging. Aber eines kann ich mit Sicherheit sagen: Angst hatte ich vor ihm nie.
Wenn ich an die große Wirkung, die er auf andere Menschen hatte, denke, dann frage ich mich, ob nicht gerade das, was ihn angreifbar machte, ihn auch so besonders machte. Seine Verletzlichkeit jedenfalls war Teil seiner Kraft, und was andere für eine Schwäche hielten, war vielleicht der Grund, warum man ihm vertraute. Dieses Nachdenkliche, vollkommen Unsoldatische als Gegenentwurf zum Naziideal des Menschen. Er war wirklich niemand, vor dem man sich fürchten musste. Ich glaube, das allein hat ihn schon unterschieden von den meisten anderen, die Macht hatten und haben. Und vielleicht haben ihn deswegen viele Menschen so respektiert, wenn nicht sogar geliebt. Er hat nicht so getan, als habe er keine Zweifel, er war oft erschöpft. Und manchmal auch traurig. Auch das hat er nicht versteckt. Oder, besser, er hatte keine Wahl. Denn er konnte es gar nicht verstecken. Sich über Befindlichkeiten auszutauschen, war eigentlich nicht seine Sache. All das hat er mir nie erklärt, aber ich habe es gespürt. Dass er sich nicht größer machte, als er war, aber eben auch nicht kleiner. Er hat viele Fehler gemacht, natürlich. Und er hat sich, zumindest was die politischen Fehler anging, an ihnen abgearbeitet, so öffentlich wie nur wenige.
Ich erinnere mich daran, dass sein Schweigen oft lauter war als seine Worte. Und dass ich besonders gut zuhörte, wenn er dann doch sprach. Gelernt habe ich von ihm, dass man nicht immer gewinnen muss. Dass man scheitern und an sich selbst zweifeln kann, ohne das Vertrauen der anderen zu verlieren. Dass man dünnhäutig sein darf und kompliziert. Dass nicht alles in einem zusammenpassen muss, man auch nicht alles im Griff haben muss. Und dass die anderen das auch wissen. Und dass es sich trotzdem lohnt weiterzumachen. Meine Mutter hatte, trotz allem, was sie in sehr jungen Jahren erlebt hat, trotz Flucht, Exil, Verlust, eine erstaunliche Fähigkeit, dem Leben zu vertrauen. Sie war neugierig, offen, voller Zuwendung zu den Menschen, die ihr begegneten.
Traurigkeit war ihr überhaupt nicht fremd, aber sie hatte sich dafür entschieden, das nicht nach außen zu tragen. Es überwog eine Wärme, eine Lebendigkeit, die ansteckend war. Sie lachte viel, sie nahm Menschen ernst und suchte das Gespräch. Das war vielleicht ihr größtes Talent, Menschen durch Zugewandtheit zu gewinnen.
Und sie hatte etwas, woran ich heute im Zusammenhang mit meinem Schauspielerberuf immer wieder denken muss, weil es das Größte ist, das man darin erreichen kann: die Fähigkeit, das Schwere leicht aussehen zu lassen, anstrengungslos.
In ihrem Buch »Freundesland« hat sie einmal geschrieben: »Meine Kinder waren das Schönste, was mir das Leben gegeben hat.« Und sie meinte das nicht als Floskel. Ihre Familie war für sie keine Begrenzung, für sie waren wir nicht nur Trost oder Ersatz, sondern diese Familie gab ihr erst die Kraft, in die Welt hinauszugehen. Ich habe von ihr gelernt – und während ich dies hier auf-schreibe, tue ich es wieder –, dass Widerstand nicht nur Kampf bedeutet, sondern auch die Fähigkeit, seine Hoffnung zu behalten. Dass man heiter sein kann, auch albern (denn das waren wir oft, sie und ich, wir fanden uns immer über das Lachen) und gleichzeitig stark. Dass man Menschen für sich gewinnen kann, indem man ihnen erst mal zuhört. Und dass man, selbst wenn das Leben manchmal alles andere als leicht ist, trotzdem dazu fähig sein kann, es zu lieben. Einer ihrer letzten Sätze, an die ich mich erinnere – ich sehe sie noch auf dem Sofa sitzen, traurig und verwundert angesichts der Krankheit, in die sie gefallen war, dieses fatale, immer größer werdende Durch-einander in ihrem Kopf, als würde sie jetzt ständig in die falsche Richtung geschickt werden, weil jemand in ihr über Nacht alle Straßenschilder vertauscht hatte – , war: »Das ging schnell«. Dabei lächelte sie ein wenig, und es war klar, dass sie nicht ihr Siechtum meinte, das dauerte ihr nämlich schon deutlich zu lange, sondern ihr ganzes Leben. Kein Zweifel, dass sie sich in diesem Moment von mir verabschiedete.
Jetzt, wo ich es aufschreibe, tröstet mich dieser kleine Satz. Denn schnell, denke ich, vergeht ja nur etwas, das gut war.
Meine Mutter war eine mutige Frau. Ich meine nicht den lauten, demonstrativen Mut, sondern den stillen. Die Gewissheit, handeln zu müssen, wenn andere zögerten. Den Mut, sich nicht wegzuducken. Die Fähigkeit, auch nach Niederlagen wieder aufzustehen. Möglich wurde ihr das durch eine Leichtigkeit, die ihr gegeben war, und die das, was sie tat, nie verbissen wirken ließ.
Von beiden Elternteilen habe ich etwas mitbekommen, das mir heute sehr kostbar erscheint: eine natürliche Skepsis gegenüber sogenannten Autoritäten. Meine Mutter kam aus Skandinavien, wo Hierarchien ohnehin flacher sind, wo alle sich duzen und man sowieso eher auf Augenhöhe miteinander spricht. Und mein Vater war selbst eine große Autorität, allerdings ohne sich darüber viele Gedanken gemacht zu haben. Ich habe einige Menschen erlebt, die später bekannt und »wichtig« wurden, die sich ihm gegenüber geradezu unterwürfig verhielten. Und ich erinnere mich noch genau, wie mich das schon als Kind eher befremdet hat. Bis heute interessieren mich Ämter und Titel wenig. So ist es mir beigebracht worden, ich sehe den Menschen und nicht die Position. Über dieses Erbe bin ich wirklich froh. Es schützt mich auch davor, mich kleiner zu machen, als ich bin, gerade jetzt, wo wir von vielen Wichtigtuern umgeben sind. Es hilft wirklich dabei, Dinge klarer zu sehen.
Ich habe oft darüber gestaunt, warum meine Eltern sich nach all dem, was sie erlebt hatten, nicht von Deutschland abgewandt haben. Dass sie nicht gesagt haben: Wühlt euch doch selbst aus den Trümmern heraus. Sie hätten allen Grund gehabt, sich fernzuhalten. Gut, mein Vater hatte in seiner ganzen Exilzeit da-rauf hingearbeitet, nach dem Krieg an einem neuen, demokratischen Deutschland mitzuwirken, er hatte auf unterschiedliche Weise für diesen Gedanken gekämpft. Dass er dann, kaum dass es möglich war, nach Deutschland zurückkehrte, entsprach dieser Linie. Es war sein erklärtes Ziel. Aber meine Mutter? Für sie muss das eine andere Entscheidung gewesen sein. Sie war Norwegerin. Für sie waren die Deutschen bis dahin vor allem die Besatzer, die Feinde gewesen. Ihre Jugend hatte im Schatten der deutschen Besatzung gestanden, und die Menschen, mit denen sie in dieser Zeit verbunden war, hatten unter den Deutschen gelitten. Trotzdem ging sie, als der Krieg vorbei war, mit meinem Vater nach Deutschland. Nicht mit Bitterkeit, sondern mit einer fast unbegreiflichen Zugewandtheit.
Ich habe mich oft gefragt, wie sie das gemacht hat. Wie man nach so einer Erfahrung nicht nur bereit sein kann, sich in einem zerstörten und bis vor Kurzem noch zerstörerischen Land ein neues Leben aufzubauen, sondern es sogar als eine Aufgabe zu sehen. Vielleicht war das genau der Unterschied zu uns heute: Sie sah nicht nur das, was gewesen war, sondern auch das, was möglich sein könnte.
Oft denke ich, dass ich von dieser Haltung etwas lernen könnte. Der ich heute so vieles so schnell für unvereinbar erkläre. Und Gräben ziehe, noch bevor ich herausgefunden habe, ob man sie überbrücken kann. Das Beispiel meiner Mutter zeigt mir, dass es manchmal nötig sein wird, den ersten Schritt auf Menschen zuzugehen, von denen mich eigentlich fast alles trennt. Und damit meine ich nicht die Ideologen der Ausgrenzung und des Überlegenheitsdenkens, die bewusst spalten und Hass säen. Aber vielleicht diejenigen, die keinen anderen Weg sehen, ihrem Protest Ausdruck zu verleihen, als die Rechtsextremisten zu wählen, selbst wenn sie mit deren Zielen möglicherweise nicht übereinstimmen oder sie gar nicht so genau kennen. Jemand, der wirklich das Gefühl hat, aufgegeben worden zu sein, kann schnell gefährlich werden. Nicht, weil er per se böse ist, sondern weil er glaubt, nichts mehr zu verlieren zu haben. Es mag ein naiver Gedanke sein, aber ich schreibe ihn trotzdem auf: Vielleicht wäre es ein Anfang, einander wieder mit dem Gedanken zu begegnen, dass wir alle hier dazugehören wollen. Vielleicht braucht es einen ersten Schritt, um zu zeigen, dass man einander noch nicht komplett aufgegeben hat.
Meine Mutter hat mir vieles beigebracht, sehr vieles. Auch dass man sich entscheiden muss – und dass es dazu manchmal keine zweite Gelegenheit gibt.
Und fast noch wichtiger, dass Nichtstun ebenfalls eine Entscheidung ist. Wie oft geht mir das in letzter Zeit durch den Kopf. Nämlich eine Entscheidung für das Wegschauen, für das Geschehenlassen. Sie sagte: »Man muss nicht laut sein, um standhaft zu sein. Es reicht, wenn man weiß, wer man ist – und auf welcher Seite man steht.«
Zitierweise: Matthias Brandt, „Nein sagen“, in: Deutschland Archiv vom 13.06.2026. Link: www.bpb.de/578884. Diese Redeauszüge sind mit freundlicher Genehmigung des Kölner Verlags Kiepenheuer & Witsch dem 2026 erschienenen Buch von Matthias Brandt entnommen „Nein sagen“ - Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Geboren 1961 in Berlin, ist Theater- und Filmschauspieler, sowie Autor. Er ist Sohn des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters von Berlin und Bundeskanzlers, Willy Brandt und dessen Frau Rut. Für seine Arbeit erhielt er mehrere Grimme-Preise, die Carl-Zuckmayer-Medaille und den Deutschen Sprachpreis 2025.