Wenn ich durch meine Sammlung alter Magazin-Zeitschriften blättere, staune ich. Die Ausgaben des ostdeutschen Kultur- und Unterhaltungsblattes wirken auch heute vielleicht nicht gerade modern, aber trotz ihres Alters unverstaubt und stilvoll. Auf dünnem Papier gibt es Gedichte von Oscar Wilde, einen Artikel über die Beatles, werden Londons berühmte Märkte in der Petticoat Lane vorgestellt, die Lesenden zu einem Parisbesuch mitgenommen. Ein aus dem New Yorker nachgedruckter Cartoon, Rezepte für italienische Gnocchi und französische Quiche Lorraine finde ich. Wie war das möglich? Natürlich gab es auch den wohlwollenden Gruß zum Republikgeburtstag, und in Paris war das Ziel Lenins Wohnung. Aber dennoch – die von 1956 bis 1976 leitende Chefredakteurin Hilde Eisler Zeitschrift hinterlässt das Zeugnis einer DDR-Kultur, das zu groß war, um noch als Nische zu gelten. Ihre Biografie als jüdische Kommunistin, deren Widerstand sie erst nach Frankreich und dann in die USA geführt hat, hatte einen maßgeblichen Anteil daran. Hilde Eisler stand in der DDR für das Magazin und das Magazin für Hilde Eisler. Auch ihrem Erfolg ist es zu verdanken, dass die Zeitschrift die „Wende“ überlebt hat.
Das, was ich hier über sie schreibe, stammt zum großen Teil aus Interviews,
Eine Kindheit voll Liebe in Frankfurt am Main
Hilde Eisler wurde am 28. Januar 1912 als Brunhilde Vogel-Rothstein in Tarnopol
Hilde Eisler erzählte von ihrer Kindheit mit Liebe und Wehmut. Ihre Mutter Amalie kam aus einer orthodoxen galizischen Familie, und Hilde liebte ihre jüdischen Traditionen, der Großvater trug Schläfenlocken
Deutsch war die Muttersprache der klugen Heranwachsenden, das sie in hessischem Dialekt sprach, doch sie blieb polnische Staatsbürgerin, und ihr entgingen die Ressentiments gegenüber den aus Galizien stammenden Juden, den sogenannten Ostjuden, nicht.
Doch sah sie sich in ihren Träumen als Schauspielerin auf der Bühne, nicht in der Politik. Mit Inbrunst trug sie ihre Aufsätze vor, und weil die so gut waren, half ihr ihre Lehrerin, eine Lehrstelle als Buchhändlerin zu finden. Denn aus ihrem Abitur wurde nichts – die Weltwirtschaftskrise durchkreuzte ihre Pläne. Die Lehre in einer sozialdemokratischen Buchhandlung brachte sie näher an die Ideen linker Intellektueller, schon damals war sie eine Bewunderin der jüdischen Schriftstellerin Anna Seghers, deren Erfolg gerade begann. Da wünschte sie sich eine eigene Buchhandlung, vielleicht sogar mit einem schönen Lesecafé.
Dass sie schon im darauffolgenden Jahr, 1930, nach Berlin ging, war keine politische, sondern eine Vernunftentscheidung. Ein Freund der Familie, Hans Jäger, bot ihr eine Stelle an. Er war Leiter des Marx-Engels-Verlages, der die MEGA, die Marx-Engels-Gesamtausgabe herausbrachte. Die Anstellung war für sie angesichts der wirtschaftlich angespannten Lage ein Volltreffer. Mit einem Schnellkurs in Buchhaltung, Schreibmaschine und Stenografie beendete sie vorzeitig ihre Lehre. Sie war achtzehn, als sie im turbulenten Berlin ankam und hatte Heimweh. Wenn es ihr schlecht ging, nahm sie den Doppeldeckerbus zum Ku’damm und beobachte das bunte Treiben von oben – und sah die Hauptstadt der Weimarer Republik mit wachen Augen. Kulturinteressiert und ein bisschen schwärmerisch ließ sie keinen Auftritt von Hanns Eisler und Ernst Busch aus. Ihr Charme, ihre Chuzpe, ihr Können, ihre klare Haltung zogen sie in ihren Bann. Nach einem halben Jahr trat sie in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein – sie nannte es: Gegen-Hitler-sein.
Die Gestapo half das Inventar des Marx-Engels-Verlages einzupacken
Dessen Machtergreifung 1933 bedeutete das Ende des Verlages. Zunächst wurden die Verlagsräume nur versiegelt, denn darin befand sich schließlich sowjetisches Eigentum. Als am 27. Februar der Reichstag brannte, war der Verlagsleiter gerade in Leipzig und emigrierte direkt nach Prag, auch die anderen beiden Mitarbeiter waren weg. Eilig fotografierte Hilde in der Staatsbibliothek am Boulevard Unter den Linden kostbare Ausgaben der Neuen Rheinischen Zeitung, bis ihr diese „Unanständigkeiten“ vom Direktor untersagt wurden. Als sie von der sowjetischen Botschaft den Auftrag erhielt, Buchbestände und Geschäftsbücher nach Moskau zu schicken, ging die kommunistische Jüdin in das Gestapo-Hauptquartier und erklärte, sie brauche Hilfe beim Kisten packen. So überführte sie das Verlagsinventar – Satztypen, Matrizen und Druckbögen für den Druck der ersten MEGA – nach Moskau.
Das Gegen-Hitler-sein bedeutete für Hilde Vogel-Rothstein den Schritt in die illegale Arbeit. Sie half mit ihrer Verlagserfahrung, antifaschistische Broschüren herzustellen, brachte die Gepäckscheine dafür von Basel nach Berlin. Elfmal ging das gut. Dann, im Frühjahr 1935, wartete die Gestapo bei ihrem Klavierlehrer, der keiner war – sie waren aufgeflogen. Sie sagte später, sie hätte getan, was sie konnte, damit Hitler nicht an die Macht käme. „Ist aber zur Macht gekommen“, so ihr lakonisches Fazit. Ihre Mutter konnte sie während des Prozesses besuchen, unterstützt von der Jüdischen Gemeinde, denn die Familie war mittlerweile mittellos. Sie bat um Fotos von Mutter, Vater und Schwester und sollte sie in allen Zeiten, die kamen, bewahren. Da sie Polin war, plädierte der Pflichtverteidiger für ihre Abschiebung mit den Worten: „Was sollen wir die durchfüttern?“ Vom Untersuchungsgefängnis am Berliner Alexanderplatz in einem Raum voller Frauen kam sie ein Jahr nach Moabit in Einzelhaft. Dann musste sie Deutschland in einem verplombten Zug verlassen. Was sie sich da für die Zukunft wünschte, war: zu überleben: „Das war alles“. Und das blieb so für die nächsten Jahre.
Abschiebung nach Polen und die Flucht nach Paris
In Polen fühlte sie sich fremd. Sie lebte ein halbes Jahr bei Verwandten in ihrer Geburtsstadt, dann floh sie. Sie trickste sich mit einem Kuraufenthalt in die Tschechoslowakei und von da als Studentin auf Sprachreise zur Weltausstellung nach Paris. Dort lebte ihre Tante, die schon 1933 emigriert war und die sie unterstützen konnte. Sie arbeitete im Auftrag der kommunistischen Partei für den Deutschen Freiheitssender 29,8, der allabendlich aus Spanien nach Deutschland sendete, der erste antifaschistische Sender, der nach der Gleichschaltung des Rundfunks nach Deutschland ausstrahlte. Auf Grundlage von Material, das illegal aus Deutschland kam, schrieb sie Texte, die nach Spanien geschickt über die Stimmung im Land berichteten, als wäre man nicht hunderte Kilometer entfernt. Zu Wort kamen Bertolt Brecht, Albert Einstein, Lion Feuchtwanger, Ernest Hemingway, Egon Erwin Kisch, Heinrich und Thomas Mann und viele mehr. Eines Tages erschien im Büro ein Genosse, unordentlich, laut und etwas vermessen. Suspekt war er ihr, doch sollten sie einander bald viel bedeuten. Es war der Journalist und äußerst engagierte KPD- und Komintern
Währenddessen war ihre Familie in Deutschland betroffen von der sogenannten Polenaktion, in der 17.000 Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft abgeschoben wurden. Hilde schickte Geld, schrieb Briefe. Als ein Jahr später der Krieg ausbrach, war das nicht mehr möglich.
In Frankreich wurden die Deutschen mit Kriegsbeginn als „étrangers indésirables“ – unerwünschte Ausländer – in Lagern interniert, darunter Gerhart Eisler, schwer krank. Als Polin betraf es Hilde nicht. Die französischen Genossen, erzählte sie, brachten sie durch und gaben ihr Arbeit: Bonbons einpacken und Deutschunterricht für Kinder geben. Essen gab es bei ihrer Tante. Mit ihr rettete sie sich vor der deutschen Besatzung in einem LKW nach Marseille. Dort ist sie wie Hunderttausende gestrandet, auf der verzweifelten Suche nach einem Weg raus aus der Falle, die Europa geworden war. Und dort war auch, mit vielen anderen Künstlern und Intellektuellen, Gerhart Eisler, nunmehr im Internierungslager Les Milles. Sie wohnte in der überfüllten Stadt in einem, wie es die feine Hilde später ausdrücken sollte, sehr obskuren Hotel. Doch anders als Anna Seghers, die ihre Freundin geworden war und mit der sie so gerne im Mainzer Dialekt sprach, hatte sie einen kleinen Gaskocher. Auf dem kochte sie Kichererbsen für Annas Kinder.
Dann eben ein Leben in den USA
Gerhart gelang es, vom mexikanischen Konsul ein Visum für die Ausreise nach Übersee zu erlangen. Er bat darum, auch Hilde als seine Verlobte, Quasi-Ehefrau, „als irgendsowas“ mit einzutragen, sie sei sonst, als jüdische Kommunistin, „ein Kind des Todes“. Sie verließen Marseille im Mai 1941, mit ihnen auf dem Schiff der Wiener Journalist Bruno Frei, der später für Das Magazin schreiben sollte, und Albert Norden, späteres Mitglied des Politbüros. Die Frauen waren im Rumpf des Frachtschiffes untergebracht, Hilde war wochenlang seekrank und wünschte sich, unterzugehen. Als das Schiff in den Kriegswirren statt in Mexiko in Trinidad landete, in britischem Hoheitsgebiet, kamen sie Wochen später nach New York. Obwohl sie Transitvisa besaßen – ein neuer Erlass untersagte Deutschen die Ausreise nach Lateinamerika –, wurden sie für Monate in Ellis Island interniert (wo Hilde Anna Seghers wiedertraf), bevor sie mit Besuchervisa entlassen wurden.
Dann eben ein Leben in den USA, Hilde war darüber nicht unglücklich. Sie hatte dort entfernte Verwandte, und sie liebte New York. Sie wohnte mit Gerhart in Queens an der Subway-Station, arbeitete im Kindergarten, für die Gewerkschaft der Näherinnen, stellte Brillenrahmen in einer Fabrik her und unterstützte Gerhart bei seiner Zeitschrift The German American, die über die Nazis auch in den USA aufklären sollte. Für ihre Schwester Charlotte hatten sie ein Affidavit
1942 heirateten Hilde und Gerhart, die so viel miteinander durchgestanden hatten, sie hieß nun schlicht Hilde Eisler. Es ist eine Heirat in sehr komplizierte Familienverhältnisse – Gerhart und seine Geschwister Hanns Eisler, für dessen Musik Hilde schon in frühen Jugendjahren schwärmte, und Ruth Fischer, die Trotzkistin,
Dann endlich! Der 8. Mai 1945, Deutschland war befreit. Doch Hilde erfuhr, was sie gefürchtet hatte. Ihre Familie ist tot. Der Vater wurde bei der Zwangsarbeit zu Tode geprügelt, die Mutter und Charlotte wurden in Auschwitz ermordet. Antwort auf die Frage, wie sie ihr eigenes Überleben ertragen soll, wird sie ihr Leben lang suchen, der Schmerz war ein Teil von ihr.
Original-Bildunterschrift: „Gerhart Eisler, der angeblich führende Kommunist in diesem Land, und seine Frau Hilde gehen zum District Federal Court in Washington, wo Eisler am 26. Juni 1947 wegen Missachtung des Kongresses zu einem Jahr Gefängnis und einer Geldstrafe von 1.000 Dollar verurteilt wurde.“ (© picture-alliance/AP)
Original-Bildunterschrift: „Gerhart Eisler, der angeblich führende Kommunist in diesem Land, und seine Frau Hilde gehen zum District Federal Court in Washington, wo Eisler am 26. Juni 1947 wegen Missachtung des Kongresses zu einem Jahr Gefängnis und einer Geldstrafe von 1.000 Dollar verurteilt wurde.“ (© picture-alliance/AP)
Im Oktober 1946, kurz vor ihrer Ausreise nach Europa auf einem sowjetischen Schiff, ihre Habe schon an Bord, erschien in den Medien die Schlagzeile: „Sowjetischer Spion in Amerika gefasst“. Nun galt ihr Mann als Staatsfeind, ihre Visa erloschen. Gerharts Schwester Ruth hatte ausgesagt, bezeichnete ihn als „gefährlichsten Terroristen“. Er musste vor dem berüchtigten HUAC,
Zurück im verhassten Deutschland sind die Hoffnung auf ein neues Land groß Zurück in Berlin hatte sie Angst. Wochenlang verließ sie ihre Wohnung nicht. Sie fürchtete sich vor den Deutschen, spürte „Verachtung, Abscheu, Hass gegenüber dem, was sie geduldet hatten“. Wie um alles in der Welt würde sie hier leben können? Ihre Familie war tot, auch von ihren Freunden lebte niemand mehr in Berlin. Sie würde mit 37 Jahren ganz neu anfangen müssen. Sie lernte andere Rückkehrer/-innen wie Arnold Zweig kennen, traf Anna Seghers, Bertolt Brecht, Hanns Eisler und Bruno Frei wieder – wenn sie das schafften, war es möglich. Wenn es möglich war, dann schaffte sie es.
7. Oktober 1949 – die DDR wurde gegründet
Die Schriftstellerin Anna Seghers (r.) und Hilde Eisler während der zweiten Jahrestagung der "Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur" in der Berliner Staatsoper. (© Bundesarchiv, Bild 183-N1113-0336, ADN-ZB, Otto Donath)
Die Schriftstellerin Anna Seghers (r.) und Hilde Eisler während der zweiten Jahrestagung der "Gesellschaft zum Studium der Sowjetkultur" in der Berliner Staatsoper. (© Bundesarchiv, Bild 183-N1113-0336, ADN-ZB, Otto Donath)
Hier durfte Hilde Eisler zum ersten Mal wählen, war eine Staatsbürgerin mit gleichen, einforderbaren Rechten. Sie wollte glauben, aus diesem sozialistischen Staat seien „die Nazis von alleine weggelaufen“.
Vier beispielhafte gezeichnete Titel der DDR-Zeitschrift "Das Magazin". (© privat)
Vier beispielhafte gezeichnete Titel der DDR-Zeitschrift "Das Magazin". (© privat)
Obwohl sie sich etwas anderes vorgestellt hatte, als Chefredakteurin einer Unterhaltungszeitschrift zu sein, wurde es für sie „die schönste journalistische Arbeit, die man in der DDR machen konnte“. Freude sollte die Zeitschrift machen und dabei motivieren, den Sozialismus aufzubauen. Ein paar Jahre zuvor hatte sie mit Gerhart geholfen, die Trümmer in der Frankfurter Allee wegzuräumen (die Stempelkarten davon hatte sie noch), die Trümmer nun aus den Köpfen zu bekommen, war die weit schwierigere Aufgabe. Das Magazin, war sie überzeugt, konnte dabei helfen.
Die schönste journalistische Arbeit in der DDR
Die Zeitschrift war ein Zugeständnis des Zentralkomitee der SED nach dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953, der die junge Republik in den Grundfesten erschütterte. Eine Produktionssteigerung von Konsumgütern sollte das angeschlagene Verhältnis von Volk und Staat reparieren. Darunter: Das Magazin, für eine Mark der DDR im Handel zu erhalten. Das heißt: mit viel Glück und Beziehungen, denn es war immer knapp. Dieses neue Blatt, bald „Hildes Magazin“ genannt, machte sie zu etwas Einzigartigem, nicht nur in der DDR. Die Perfektionistin und Ästhetin brachte dafür alles mit: Weltgewandtheit, Wissen, den Chic aus der Westemigration – und eine Vergangenheit, die ihr mehr Spielräume verschaffte als anderen. Es wurde eine unterhaltsame, anspruchsvolle Mischung aus Reportagen über Kunst und Kultur, literarischen Texten, Karikaturen, Modeseiten, Kochrezepten und Annoncen. Der New Yorker der DDR
Mit Treffsicherheit fand sie die richtigen Künstlerinnen und Künstler für ihr Projekt, Arnold Zweig, Anna Seghers, Christa Wolf, Herbert Sandberg, Arno Fischer, Helga Paris, Horst Hussel und viele andere mehr. Das Titelblatt gestaltete fast von Beginn an Werner Klemke, es war das zwinkernde Gesicht ihres Magazins. Auf seinen hunderten vor fröhlich-charmanter Doppelbödigkeit sprühenden Titeln gab es Erotik und Humor, nichts Abgedroschenes. Elisabeth Shaw, eine Irin mit viel Humor, und die jüdische Schriftstellerin Berta Waterstradt lieferten ihr beliebte Bildergeschichten. Hilde kannte sie von früher – sie hatten 1933 zusammen im Frauengefängnis eingesessen. Der zweite Mann meiner Großmutter, Alan Winnington, steuerte englische Krimis bei.
Aus konkreter Politik hielt sie ihr Magazin heraus. Das galt besonders für Großereignisse wie den Mauerbau. Sie kannte ihre Grenzen, und ihre Hoffnung auf diesen deutschen Staat war groß, die Kompromissfähigkeit dehnbar. Sie erreichte trotzdem, dass es „von der Welt außerhalb unserer Grenzen nicht abgeschlossen“ war, wie Arnold Zweig dem Blatt zum 10. Geburtstag hoch anrechnete. Würdigung kam sogar von der ZEIT: „Es ist kess und sexy ohne anstößig zu sein. Es ist literarisch anspruchsvoll und voller Witz. Eine bunte Blume in einem sonst eintönigen Garten.“
Zwischen Weltstars und fehlenden Polsterstoffen
Das gelang ihr auch, weil viele Kontakte aus Eislers Exilzeit, namhafte Autorinnen, Grafiker und Fotografinnen, auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zur Weltläufigkeit des Magazin beitrugen. Von den Beatles und der von Ulbricht so verhassten „Je-Je-Je-Musik“ erfuhren die Leser/-innen aus erster Hand von einer Journalistin aus London. Bruno Frei, zurück in Wien, berichtete von dort, Cartoons aus dem New Yorker brachten ein Stück weite Welt, Fotos von Gina Lollobrigida und Sophia Loren internationale Filmstars. Von der Länge der seinerzeitigen Röcke bei Dior und Yves Saint Laurent schrieb Hilde Eisler, dazu gab es Fotos von französischen Models und Pariser Boutiquen, Worte über deren Unerreichbarkeit unnötig. Die Mode war ihr Gebiet, den Herren vom ZK, vom Zentralkomitee, begegnete die kultivierte, stets gut gekleidete Dame mit einem resoluten: „Davon versteht ihr nichts.“ Sie hatte den Mut und die Privilegien. Sie wohnte in einer ästhetisch vollendeten Wohnung in der Karl-Marx-Allee und gab auch dafür Tipps: „Ärgert Sie die Monotonie der angebotenen Möbelstoffe? Dann wählen Sie ganz einfach den hellsten Mantelstoff von sehr fester Bindung. Lassen Sie ihn bei VEB Rewatex einfärben. Die machen’s großartig.“
Das Schwarzweiß-Foto von Marlene Dietrich (1964) aus Moskau des Fotografen Arno Fischer wurde im November 2009 in Bonn ausgestellt. In einer Retrospektive zeigte die Bundeskunsthalle in Bonn das Lebenswerk des Fotografen Arno Fischer. Der 1927 in Berlin geborene Fischer zählt zu den bedeutendsten Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rund 170 Fotografien, darunter zahlreiche Vintage-Prints, wurden zu den verschiedenen Schaffensphasen präsentiert. Fischers Schwarzweiß-Bilder gelten für Generationen von Fotografen, nicht nur im Osten Deutschlands, als stilprägend. (© picture-alliance, dpa / Kunsthalle/Fischer)
Das Schwarzweiß-Foto von Marlene Dietrich (1964) aus Moskau des Fotografen Arno Fischer wurde im November 2009 in Bonn ausgestellt. In einer Retrospektive zeigte die Bundeskunsthalle in Bonn das Lebenswerk des Fotografen Arno Fischer. Der 1927 in Berlin geborene Fischer zählt zu den bedeutendsten Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rund 170 Fotografien, darunter zahlreiche Vintage-Prints, wurden zu den verschiedenen Schaffensphasen präsentiert. Fischers Schwarzweiß-Bilder gelten für Generationen von Fotografen, nicht nur im Osten Deutschlands, als stilprägend. (© picture-alliance, dpa / Kunsthalle/Fischer)
1964 fuhr Hilde Eisler mit dem renommierten Fotografen Arno Fischer nach Moskau. Sie wollten eine Reportage über die sowjetische Modeszene machen. Was dabei herauskommen sollte, war weit spektakulärer. Denn es stellte sich heraus: Marlene Dietrich war in der Stadt und gab ein Konzert. Die Chefredakteurin setzte alle Hebel ihrer glänzenden Kontakte in Bewegung, und Fischer schoss die bis heute ikonischen Bilder der weltberühmten Sängerin. Sie bekam von Eisler nonchalant ein Belegexemplar nach Paris geschickt und antwortete postwendend: „Koennen Sie mir helfen, diese Bilder zu bekommen? … Das Bild der Haende finde ich wunderschoen und auch das wo ich mich verbeuge. Bitte helfen sie mir. Kann man Negative erwerben??????"
Jedes Heft sollte das schönste sein, der Februar, weil Fasching ist, der Mai für die Liebe, im Juni beginnt der Sommer, im Oktober hat die Republik Geburtstag. Jeden Monat gab es einen Grund. Von ihren Mitarbeitenden forderte sie viel, Mittelmaß akzeptierte sie nicht. Neben ihrer überaus charmanten Seite stand eine mitunter gefürchtete Personalführung – ihr Ton konnte verletzend sein, und Diskussionen wurden mit einem unverhandelbaren – „Ich bestehe drauf!“ – beendet. Dafür schrieb sie die Grußbotschaften zum Republikgeburtstag und ähnlichen Anlässen selbst. Für die Frau von Gerhart Eisler, Leiter des Staatlichen Rundfunkkomitees, war das vielleicht unverfänglicher. Und schließlich verantwortete Hilde als Chefredakteurin jede Zeile im Magazin. Es gab zwar keine Vorzensur, doch nachdem es gedruckt war, ging es an die Presseabteilung des ZK, mit dem Recht, „die ganz Ausgabe zu stoppen, zu verbieten und einzustampfen“,
Zu Vielem schwieg ihr Blatt, denn so, wie es gefordert wurde, wollte sie nicht darüber schreiben lassen. Für Starrsinn in Stilfragen hatte Hilde Eisler nichts übrig. Sie wollte in ihrem Blatt keine holzschnittartigen Worthülsen und betonschweren Satzbausteine des Sozialismus, eine leichte Sprache sollte es sein, doppelbödig, elegant. Sophisticated, wie sie es nannte. War etwas unverständlich, sagte sie ihrem Team: „Kinder, denkt an unsere Leser in Australien!“ Das Magazin erreichte nach Schätzungen zwei Millionen
Jüdische Kultur im Magazin
Besonders pflegte sie den Kontakt zu jüdischen Künstler/-innen wie Arnold Zweig, Berta Waterstradt, Stefan Heym, Walter Kaufmann, Lea Grundig
Auf einer Reise nach Jerewan (heute Armenien) starb am 21. März 1968 Gerhard Eisler mit 71 Jahren. So schmerzhaft der Verlust für sie gewesen sein musste, sie wahrte unnahbare Contenance. Doch als sie das erste Mal nach seinem Tod in die Redaktion kam, berührten den stellvertretenden Chefredakteur Manfred Gebhardt ihre Worte: „Jetzt seid ihr meine Familie.“ Der Tragweite dieses Satzes war man sich in der Redaktion wohl bewusst. Und diese Familie hielt sie zusammen. Sie stellte sich hinter sie, wenn es sein musste – und sie feierte. Jedes Magazin-Jubiläum war ein rauschendes Fest, von dem man sprach und zu dem man ging „to see and to be seen“, wie sie sagte.
Als 1973 ein ganzseitiges Foto eines tanzenden Walther Ulbricht erschien, obwohl es eine Weisung des ZK an die Presse gab, zum 80. Geburtstag des Geschassten nichts zu drucken außer dem vorgegebenen kurzen Text, wurde sie einbestellt. Die Kollegen machten sich Sorgen. Doch nachdem sie eine Weile gestritten hatten, erzählte Hilde, verhandelte sie eine Reisegenehmigung für die Modenschauen in Paris. „An Hilde trauten sie sich nicht heran.“
Ab 1976 schrieb meine Großmutter Ursula Winnington, promovierte Landwirtin, die schon seit 1964 unterhaltsam über Errungenschaften der Landwirtschaft berichtet hatte, die Rubrik „Liebe, Phantasie und Kochkunst“, die das Magazin-Konzept für die eingeschränkten DDR-Feinschmecker abbilden sollte, denn, so sagte Eisler meiner Großmutter: „Nichts wird lieber getan als gegessen und geliebt.“ Auch hier bewies sie journalistischen Instinkt – die Leser liebten die Kolumne zu internationaler Kochkultur. Das Verteidigen und Streichen nicht vorhandener Zutaten bei ständigen „Engpässen“ aber war ein permanenter Drahtseilakt.
Ein Leben mit vielen Verlusten
ADN-ZB Donath (© privat, Aufnahme von Peter Söllner)
ADN-ZB Donath (© privat, Aufnahme von Peter Söllner)
„Manchmal ist es gar nicht zu glauben, dass es Euch so gibt, wie es Euch gibt“, schrieb der Schriftsteller Hermann Kant in seinem Geburtstagswunsch zum 25. Jubiläum, das zugleich auch Eislers letztes Jahr als Chefredakteurin einläutete. Ende 1979 ging sie nach knapp 300 Ausgaben unprätentiös in Rente. Das Wichtigste an ihrer Arbeit, meinte sie, war, dass diese sie „letzten Endes getröstet“ hat. Sie schrieb weiter für das Blatt über Mode, nahm die Leser/-innen mit auf Spaziergänge durch Paris und ließ ein bisschen von dessen Flair in den ostdeutschen Q3A-Plattenbau-Block wehen. Viele Jahre versuchte sie, das Ansehen ihres Mannes aufrecht zu erhalten, gab Lesungen in Schulen und Universitäten und engagierte sich weiter für jüdische Sichtbarkeit. Meiner Großmutter schenkte sie zum 60. Geburtstag ein kleines jüdisches Kochbuch mit dem Vorschlag, doch den Lesern des Magazins die jüdische Küche nahezubringen, was sie tat.
Hilde Eisler übergab Ursula Winnington das Heft mit dem Titel "Eine jüdische Gerichte" mit der Widmung, das dies dazu anregen könnte, einen Beitrag über die jüdischen Küche im Magazin zu veröffentlichen. Was Winnington dann auch realisierte. (© privat)
Hilde Eisler übergab Ursula Winnington das Heft mit dem Titel "Eine jüdische Gerichte" mit der Widmung, das dies dazu anregen könnte, einen Beitrag über die jüdischen Küche im Magazin zu veröffentlichen. Was Winnington dann auch realisierte. (© privat)
Als die ZEIT 1988 wieder bei ihr zu Besuch war, diesmal zuhause, staunte die Journalistin über die elegante 76Jährige, die sie stilvoll bewirtete und eingerichtet war, wie es „Schöner Wohnen nicht vollkommener vorschlagen könnte“.
Viele Jahre nach Gerharts Tod traf sie ihre Jugendliebe „für vierzehn schöne Jahre“ wieder, sie war jedoch gesundheitlich angeschlagen. Bis zuletzt blieb sie Mitglied der Jüdischen Gemeinde und der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS, heute Die Linke). Sie setzte sich für die Errichtung des Holocaust-Mahnmals ein und engagierte sich weiter für den Antifaschismus – und bestimmt blieb sie in ihrer schönen Wohnung eine kultivierte Gastgeberin und anspruchsvolle Gesprächspartnerin. Gut gekleidet, immer ein bisschen auf der Hut, bereit, Stellung zu beziehen, und stets formvollendet. Am 8. Oktober 2000 ist Hilde Eisler im Alter von 88 Jahren in Berlin verstorben.
Zitierweise: Lilly Böhm, „Hilde Eisler – ostdeutsche Kulturjournalistin mit West-Chic", in: Deutschland Archiv, 20.4.2026, Link: www.bpb.de/577294 (ali).