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Mehr als ein Weltliterat Die Sonderrolle Stefan Heyms in der Ära Honecker

Tom Thieme

/ 17 Minuten zu lesen

Stefan Heym war der berühmteste Schriftsteller der DDR und einer ihrer lautesten Dissidenten. Ob im sozialistischen Alltag oder in seinen Werken – als Autor mit Weltruf besaß er eine Sonderstellung. Diese nutzte Heym konsequent, um zu kritisieren und anzuklagen. Eine Würdigung zum 10. Todestag des Literaten.

"Die Biographie eines Schriftstellers
sind seine Werke"


Konventioneller Würdigungen Stefan Heyms bedarf es längst nicht mehr. Bereits 1988 hatte der berühmteste Schriftsteller der DDR seine als "Nachruf" betitelten Memoiren veröffentlicht, ein einzigartig spannendes wie persönliches Dokument deutsch-deutscher Zeitgeschichte. Und als der in Chemnitz als Helmut Flieg geborene Autor am 16. Dezember 2001 88-jährig in Israel verstarb, war die Zahl der Nachrufe von Weggefährten und Kollegen Legion – von Wolf Biermann über Ralph Giordano, Günter Kunert und Johannes Mario Simmel bis zu Rolf Schneider. Heym war schon immer mehr als ein erfolgreicher DDR-Literat, und das sah er selbst genauso. Einem SED-Kulturfunktionär gegenüber äußerte er 1973, schon ein Weltautor gewesen zu sein, als es die DDR noch gar nicht gab. Man möchte ergänzen: Und er war es noch, als es sie schon nicht mehr gab. In über 60 Jahren literarischen Schaffens schrieb er mehr als 30 Romane, die in fast 30 Sprachen übersetzt wurden, über 1.000 (zum Teil bis heute unveröffentlichte) Novellen und Erzählungen sowie zahlreiche Beiträge und Essays für namhafte in- und ausländische Zeitungen und Zeitschriften.

Doch nicht der außergewöhnliche Umfang seines literarischen Schaffens und die Zahl seiner Leser und Bewunderer sind es, die Stefan Heym auch im zehnten Jahr nach seinem Tod interessant machen. Es war sein lebenslanges gesellschaftliches Interesse, seine Einsatz- und Kritikbereitschaft in und an den politischen Verhältnissen, in denen er lebte, sowie deren Rezeption und Reflexion in seinen Romanen und Erzählungen. Das wusste niemand besser als Heym selbst, der in seinem "Nachruf" schrieb: "Man sagt, die eigentliche Biographie eines Schriftstellers seien seine Werke. Das stimmt insofern, als die Erfahrungen seines Lebens, seine Ängste, seine Freuden in seine Schriften eingehen, und diese wiederum, durch eine Art Rückkopplung, auf dem Umweg über ihre Wirkung auf seine Zeitgenossen die Haltungen und Handlungen des Autors beeinflussen". Daher wird im folgenden Beitrag versucht, die besondere Rolle Stefan Heyms in den letzten beiden DDR-Jahrzehnten aus sowohl politischer als auch literarischer Perspektive zu beleuchten. Zum einen geht es um Heyms Verhältnis zum DDR-Sozialismus dieser Zeit, darum, welche Probleme und Auseinandersetzungen er mit der Staatsführung hatte, wie er sich dieser widersetzte und welche Konsequenzen dies hatte. Zum anderen soll Heyms Gesellschaftskritik in seinem künstlerischen Werk dargestellt werden. Da es notwendig ist, einige Vorbemerkungen der Situation von Literaten und Intellektuellen in der SED-Diktatur zu widmen, kann dies nur knapp und exemplarisch geschehen. Die Rezeption beschränkt sich deswegen auf zwei der wichtigsten Romane Stefan Heyms – den "König-David-Bericht" für die 1970er- und "Schwarzenberg" für die 1980er-Jahre. Es gilt, versteckte Botschaften in den Büchern, Verbindungen zwischen politischer Realität und literarischer Fiktion sowie deren Wirkung und gesellschaftliche Bedeutung für das deutsch-deutsche Verhältnis aufzuzeigen.

Literatur und Schriftsteller in der DDR


Mit der Gründung der DDR begann in der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone eine offene Instrumentalisierung der Literatur durch die Politik der SED. Literaten und Künstler waren zwar im "Leseland" hoch angesehen, jedoch bei den meisten Kulturfunktionären nur dann, wenn sie ihre Arbeit in den Dienst des Sozialismus stellten. So erklärte Otto Grotewohl 1951 in einer Rede mit dem bezeichnenden Titel "Die Kunst im Kampf für Deutschlands Zukunft": "Literatur und bildende Künste sind der Politik untergeordnet. [...] Die Idee in der Kunst muss der Marschrichtung des politischen Kampfes folgen. Denn nur auf der Ebene der Politik können die Bedürfnisse der Werktätigen richtig erkannt und erfüllt werden." Die neue Phase der "Aufbauliteratur" sollte nicht nur frei sein von Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg, sondern vor allem die Errungenschaften und die Entwicklung des Sozialismus darstellen. Viele Literaten folgten, teilweise aus politischer Naivität, teilweise aus Angst vor Repressalien, einige aber auch aus innerer Überzeugung den Ansprüchen der Staatsführung. Der "Bitterfelder Weg" (benannt nach einer Konferenz im dortigen Kulturpalast im Mai 1959) bezeichnete die Idee Walter Ulbrichts, Arbeiter und Schriftsteller in den Fabriken zusammenzuführen und diese selbst zum Schreiben zu inspirieren. Zudem versprach sich die SED-Spitze davon eine Umerziehung der Schriftsteller als Teil des Produktionsprozesses. Die Ergebnisse waren indes kontraproduktiv. Neben einer Unmenge von literarisch wertlosen, dafür stark ideologisch aufgeladenen Produktions- und Werktätigenromanen entstand ein zunehmend kritisches Gedankengut bei zahlreichen DDR-Autoren.

Denn viele Literaten und Intellektuelle ließen sich nicht auf die ideologische Linie der Partei bringen. Sie bewahrten sich ihre Kritikfähigkeit – gegenüber der SED-Propaganda und trotz der kulturellen Isolation im Ostblock. Da es nach den Vorstellungen der Ost-Berliner Führung keinerlei Kritik an der Richtigkeit des Sozialismus geben konnte, reagierte sie mit Unverständnis auf Publikationen, die nicht im DDR-Kontext verfasst waren. Offen kritische bzw. systemfeindliche Autoren wurden zu Haftstrafen verurteilt oder nach Westdeutschland abgeschoben, vorsichtigere Kritiker mit Zensur und Veröffentlichungsverboten bestraft. Als Zäsur in die DDR-Kulturgeschichte ging das 11. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 mit seinem kulturpolitischen Kahlschlag ein. Immer wieder forderten namhafte Schriftsteller wie Stefan Heym und Christa Wolf im Rahmen von Schriftstellerbegegnungen und internationalen Symposien die Abkehr vom sozialistischen Dogmatismus in der Literatur. Die SED reagierte darauf mit einschneidenden Maßnahmen. Zahlreichen Autoren wurde die Veröffentlichung ihrer Romane untersagt, unter anderem auch Heyms Roman über den Arbeiteraufstand 1953 "Der Tag X" – 1974 erstmalig im Westen mit dem Titel "5 Tage im Juni" veröffentlicht. Literatur galt als zulässig, solange die Darstellung der Realität in keinerlei Widerspruch zu den ideologischen Vorgaben des Realsozialismus stand. Die Folge war, dass in den Jahren nach dem "Kahlschlag-Plenum" kaum ein auch nur ansatzweise kritisches Buch ohne staatliche Zensur erschien.

Der politische Literat Stefan Heym
in der Ära Honecker


Mit dem Amtsantritt Erich Honeckers als Generalsekretär des ZK der SED im Juni 1971 endete – zumindest vorübergehend – die Zeit massiver Repressalien für DDR-Schriftsteller. Die Ablösung Ulbrichts wurde von Künstlern und Literaten positiv aufgenommen. Sie hofften auf Verjüngung und Veränderung. Tatsächlich zeigte sich die neue SED-Führung offener als früher. Auf dem 8. Parteitag der SED erklärte Honecker: "Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben." Insbesondere Stefan Heym profitierte vom Kurswechsel der SED. Drei seiner Bücher, die in den Jahren zuvor indiziert worden waren, erschienen nach der Veröffentlichung im Westen nun auch in der DDR: "Der König-David-Bericht" (1973), "Lassalle" – für die Westveröffentlichung war Heym 1969 zu einer Geldstrafe verurteilt worden – und die "Schmähschrift" (1974). Die Anfangsjahre der Ära Honecker galten als die Blütezeit der DDR-Literatur.

Stefan Heym signiert am 7. März 1974 in Berlin seinen Roman "Lassalle". Fünf Jahre nachdem der Roman in der Bundesrepublik veröffentlicht worden war, erschien er nun auch endlich in der DDR. (© Bundesarchiv, Bild 183-N0307-0040, Foto: Hartmut Reiche)

Viele Schriftsteller nutzten die neuen politischen Freiräume. Allerdings unterschieden sich die Vorstellungen von "einer festen Position zum Sozialismus" der Kulturschaffenden und -funktionäre deutlich. Eine Konsequenz war die erneute Verschärfung von Zensur und Indizierung zahlreicher Veröffentlichungen. Bereits 1973 hatte sich Honecker besorgt über einige kritische Bücher geäußert, was zunächst folgenlos blieb. Das änderte sich ab 1974. Stefan Heyms Roman "5 Tage im Juni" erschien im Westen, im Osten dagegen "entspräche das Buch den geltenden Anschauungen über das Ereignis in keiner Weise und könne daher in der DDR nicht veröffentlicht werden". Den geforderten umfänglichen Änderungen kam Heym nicht nach, die Westveröffentlichung des Originaltextes ließ er unbeeindruckt laufen. Was hatte er zu befürchten? Mit starken Repressionen musste der weltbekannte Autor, von den Nationalsozialisten verfolgte Jude, alliierte Kriegsteilnehmer und remigrierte Ex-Amerikaner nicht rechnen. Er genoss nicht zuletzt in der Sowjetunion einen hervorragenden Ruf. Zudem stand er in keinerlei Anhängigkeitsverhältnis zur SED und besaß durch seine internationalen Veröffentlichungen finanzielle Spielräume. Dessen war Heym sich bewusst und entsprechend lakonisch kommentierte er rückblickend das Veröffentlichungsverbot der "5 Tage im Juni": "Man ist ihm [Heym] böse. Aber die totale Blockade über ihn zu verhängen, scheut man sich doch, der Skandal ist ohnehin groß genug [...]."

Die Rede von der Ausbürgerung Wolf Biermanns als dem "Anfang vom Ende der DDR" mag zugespitzt sein; mit Sicherheit war sie das Ende einer gewissen Entspannung in der DDR-Kulturpolitik. Nachdem das "Neue Deutschland" ("ND") über die Ausbürgerung berichtet hatte, kam es unter der Führung Stephan Hermlins zur schnellen Verständigung zahlreicher Schriftsteller, unter ihnen Christa Wolf, Sarah Kirsch, Rolf Schneider, Jurek Becker und natürlich Stefan Heym. Sie protestierten in einer Erklärung, der sich in den folgenden Tagen hunderte Künstler anschlossen, gegen die Ausbürgerung und forderten die SED-Führung auf, ihre Entscheidung zu überdenken. Die Folgen für viele der Unterzeichner waren weitreichend. Einige wurden aus der SED ausgeschlossen, einige – darunter Robert Havemann und Gernulf Pannach – unter Hausarrest gestellt, mit Auftritts- bzw. Veröffentlichungsverboten bestraft, und fast alle waren den Repressalien des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ausgesetzt. In der ersten Reihe agierte – wie immer – Stefan Heym. Die an das "ND" gereichte Biermann-Erklärung wurde nicht veröffentlicht, doch Heym gab die Petition an die Nachrichtenagentur Reuters weiter, worauf hin sie in den Westmedien erschien und großes Aufsehen sowie Unverständnis über die DDR-Kulturpolitik auslöste. Unerschrocken nutzte Heym seinen Sonderstatus. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die freiwillig oder unfreiwillig die DDR verließen, blieb Heym von den "Erziehungsmaßnahmen" der SED und Staatssicherheit verschont, wiewohl die Möglichkeit, einen weiteren Roman in der DDR veröffentlichen zu dürfen, in weite Ferne gerückt war.

Der Abkühlung des Verhältnisses zwischen SED-Spitze und kritischen Autoren folge eine kulturpolitische Eiszeit. Die gravierendste Folge war neben dem Exodus zahlreicher Künstler nach Westen der Ausschluss von neun Mitgliedern aus dem DDR-Schriftstellerverband am 7. Juni 1979. Heym, dessen drei neuen Bücher nicht in der DDR erscheinen durften, ließ im Frühjahr des Jahres den Roman "Collin" bei Bertelsmann in München verlegen. Ganz bewusst unterlief er eine Bestimmung, wonach unveröffentlichte Werke erst die DDR-Zensurbehörde passieren mussten. Wieder nutzte Heym seine besondere Rolle und trat mutiger als alle seine Kollegen hervor. Entschieden sprach er sich für Demokratie und Meinungsfreiheit aus und bekundete dies öffentlich. Heym war sich sicher: Je größer die Öffentlichkeit desto geringer die Folgen. Denn einen Strafprozess gegen ihn, den weltbekannten Antifaschisten und "DDR-Freiwilligen", konnte sich die DDR nicht leisten. So erklärte er während des Tribunals des Schriftstellerverbandes: "Es ist leider so, dass gewisse Probleme, die uns betreffen, in unseren Medien nicht debattiert werden. Und dass gewisse Bücher von unseren Verlagen nicht veröffentlicht werden. Obwohl der Artikel 27 der Verfassung allen Bürgern, also auch den Schriftstellern, das Recht auf freie Meinungsäußerung zusichert, gilt nur eine Meinung bei uns." Ein Interview mit dem westdeutschen Fernsehen, in dem Heym zu den Vorfällen um seine Person Stellung nahm, löste international einen Skandal um die Disziplinierungsversuche der SED aus. Als Folge wurde innerhalb der DDR das Strafgesetz so verschärft, dass hohe Gefängnisstrafen bei negativen Aussagen über die DDR drohten. Dieser am 1. August 1979 in Kraft getretene Paragraph wurde schon bald "Lex Heym" genannt.

Durch den Künstlerexodus Richtung Bundesrepublik war Stefan Heym (neben Christa Wolf) in den 1980er-Jahren zur am stärksten wahrgenommenen Stimme intellektueller Regimeskepsis mit internationalem Renommee geworden. Sein politischer Spielraum vergrößerte sich. Er hatte weitgehend unbeschadet die Querelen in den späten 1970er-Jahren überstanden. Wenn ihn die DDR-Führung doch noch Richtung Westen abschieben sollte, hatte er sowohl finanzielle Sicherheit als auch einen gesamtdeutsch derart hohen Stellenwert, dass er auch weiterhin im für ihn so wichtigen öffentlichen Interesse stehen würde. Heym, sich seiner telegenen Wirkung wohl bewusst, nutzte im letzten Jahrzehnt der DDR verstärkt das westdeutsche Fernsehen, um seine Meinung dem westdeutschen, aber vielmehr noch seinem ostdeutschen Publikum mitzuteilen. Seine Themenschwerpunkte hatten sich gewandelt. Zu Heyms zentralen Anliegen zählten die Befriedung internationaler Konflikte, atomare Abrüstung und die Zukunft des geteilten Deutschlands, wobei der Sozialist Heym trotz aller Kritik an der DDR nie einen Zweifel daran ließ, welches System er für das bessere hielt. Die Veränderungen in der UdSSR seit der Machtübernahme Michail Gorbatschows nutzte Heym konsequent, um mit indirekter sowjetischer Legitimation Missstände in der DDR noch schärfer anzuprangern, Veränderungen noch vehementer zu fordern und die Machthaber noch offensiver und offensichtlicher zu kritisieren.

Dass Stefan Heym in den letzten Wochen der DDR abermals eine bedeutende Rolle spielen würde, verstand sich für ihn selbstredend. Obwohl die Geschehnisse und Veränderungen im Herbst 1989 in seinem Sinne waren, enthielten die meisten seiner Aussagen vorausschauende Mahnungen. Heym beurteilte die Reformen zwar positiv, warnte allerdings vor den Gefahren einer verfrühten Wiedervereinigung – noch bevor die Mauer fiel. In zwei Essays, die im Oktober 1989 in der "Zeit" und im "Spiegel" erschienen, warb er für die Rettung der DDR unter neuer Führung und die Verwirklichung des "wahren" Sozialismus. Am 8. November unterzeichnete er mit zahlreichen DDR-Prominenten den Aufruf "Für unser Land". Die am folgenden Tag beginnende Öffnung der Grenzen und damit die Überwindung der 28-jährigen DDR-Isolation seit dem Bau der Mauer war für Stefan Heym zweifellos eine Stunde des Triumphes. Doch im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute verfiel Heym nicht in Euphorie. In einem Interview am Tag des Mauerfalls äußert er sich – typisch für das kritische, moralisierende, aber auch misstrauische Wesen Heyms – besorgt über die menschlichen und wirtschaftlichen Probleme, die nun folgen würden.

Dissidenz im literarischen Schaffen Stefan Heyms


Heyms politische Überzeugungen und sein Engagement gegen die Missstände in der DDR sowie seine offenen Kritikbekundungen gegenüber der SED finden sich in zahlreichen seiner Romane. So bezeichnete der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Heyms epische Formen als Verpackung für zeitkritische Befunde und polemische Diagnosen. Die Breitenwirkung, nicht die Kunstform seiner Bücher stelle Heym in den Vordergrund. Dies sei das Besondere, das Wesentliche seiner Werke, so Reich-Ranicki weiter. Die Qualität der Prosa nennt Reich-Ranicki gelegentlich etwas hausbacken, mit groben Mitteln agierend und daher in der Gefahr, seine Bücher in die Nähe der Kolportage geraten zu lassen. Die direkte und unterhaltsame Weise, wie Heym in seinen Romanen die Auseinandersetzung mit der DDR-Spitze sucht und aufklärerisch die Missstände des Landes offenbart, waren für Reich-Ranicki hingegen das besondere Verdienst um dessen Literatur.

Im "König-David-Bericht" erzählt Stefan Heym die biblische Geschichte um die Legende von David gegen Goliath weiter. Die Hauptfigur des Romans, Ethan, hat am Hof von König Salomo in Jerusalem die Aufgabe, die historischen Begebenheiten um den Sieg von Salomos Vater David über den Riesen Goliath niederzuschreiben. Während seiner Recherche erkennt Ethan, dass die Wahrheit jedoch nicht der glanzvolle Sieg Davids und seiner Leute ist, sondern eine umstrittene Geschichte voller Unklarheiten, Lügen und Intrigen. Die Offenlegung seiner Ermittlungen erregt den Hofstab Salomos derart, dass Ethan vor der Verkündung des Todesurteils steht. Nur das "salomonische" Urteil des Königs lässt ihn überleben, allerdings mit der Konsequenz, dass der Inhalt des König-David-Berichtes für alle Zeiten tot geschwiegen werden solle.

Offenkundig handelt es sich bei Heyms Roman nicht um ein historisches Werk, sondern um die verschlüsselte Schilderung des Schriftstellerdaseins in einer Diktatur. Heym selbst ist durch die Betonung persönlicher Eigenschaften deutlich als Hauptfigur Ethan auszumachen. Aber auch andere Charaktere sind erkennbar an die DDR-Realität angelehnt. So erscheinen im Roman neben dem Hofstab als dem Heer sozialistischer Funktionäre die Tempelwächter Krethi und Plethi als Angehörige der Staatssicherheit, aber auch mutige Bürger als Oppositionelle der DDR. Zudem belegen nicht nur personelle, sondern auch sprachliche Parallelen, dass die historische Kulisse nur als Stilmittel dient. Heyms Duktus ist nicht altertümlich, sondern im DDR-Jargon geschrieben. Spöttisch nennt er den Schriftsteller Ethan einen "behördlich zugelassenen Erzähler von Geschichten und Legenden". Eine im Buch enthaltene Preisliste ist in sächsischer Mundart geschrieben und ein Verhör mit Ethan im typisch repressiven Stil der Staatssicherheitsrhetorik abgefasst. Reich-Ranicki urteilte, eben dieser Witz und diese Ironie seien die Stärke des Buches, während er Schwachstellen dort sieht, wo Heym versuche, dramatisch und feierlich zu werden. Heinrich Böll hingegen äußerte sich 1972 hochlobend über den Roman, nannte ihn phantasievoll, witzig, frech, verbunden mit dem Wunsch, Heym ständig zitieren zu wollen. Beide unterstrichen den enormen – auch gesamtdeutschen – Stellenwert des "König-David-Berichts" aufgrund der politischen Brisanz des Buches. Wegen der Auseinandersetzungen mit dem Führer- und Personenkult im Sozialismus, den Propagandamethoden der SED, der trotz aller Offensichtlichkeit gewählten Vergleiche mit der DDR, des Mutes, diese zu äußern und sich damit vor allem den DDR-Bürgern mitzuteilen, gilt der "König-David-Bericht" als eines der Schlüsselwerke Stefan Heyms.

Zu den Autoren, die im Zuge der "Biermann-Affäre" die DDR verließen, gehörte auch Günter Kunert, hier mit Stefan Heym auf einem Empfang des Bertelsmann Verlages anlässlich der Veröffentlichung von Heyms "Schwarzenberg" in Hamburg, 15. März 1984. (© AP, Foto: Helmut Lohmann)

1984 erschien der Roman "Schwarzenberg" im Bertelsmann-Verlag. Es war das erste Mal, dass Heym im Westen nicht zunächst in englischer Sprache veröffentlichte. Er wählte dieses Mittel gern, um Angriffe und Kritik gegen die DDR-Führung weniger eindeutig und stärker interpretierbar zu formulieren. Dass "Schwarzenberg" gleich in deutscher Sprache verlegt wurde, zeigt deutlich, wie machtlos die SED in ihrer Endphase gegenüber Heyms politischer Einflussnahme und literarischen Äußerungsmöglichkeiten war. Das Buch handelt von der historischen Begebenheit des Gebietes um die erzgebirische Stadt Schwarzenberg, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für sieben Wochen weder von sowjetischen noch von amerikanischen Truppen besetzt wurde. Diese zeitgeschichtliche Vorlage nutzt Heym, um die Illusion einer freien sozialistischen Demokratie in Deutschland darzustellen. Doch seine Utopie einer "Republik Schwarzenberg" ist nichts anderes als eine Generalabrechnung mit den realen Entwicklungen in der DDR. Er beschreibt nicht nur die Greultaten und Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten sowie deren Unfähigkeit zur Vergangenheitsbewältigung, sondern auch die heiklen Verhandlungen mit den Siegermächten und die Verbrechen der amerikanischen und sowjetischen Armeen während der Besatzungszeit. Aber nicht nur den Alltag der Nachkriegszeit benutzt er, um zu kritisieren. Vielmehr zeichnet er das Bild von einer freien Entwicklung und Verwirklichung des Sozialismus ohne Bevormundung. Am Ende des Romans scheitert Heyms Vision wie in der Realität an der Besetzung Schwarzenbergs durch die Sowjetunion und deren Interesse am Uran im Erzgebirge.

Wie alle (zeit-)historischen Romane Heyms beruht "Schwarzenberg" auf Originalquellen. Im Gegensatz zu anderen Büchern war er hierbei sehr eingeschränkt. Heym selbst recherchierte einen Großteil des Materials über die Enklave im Süden der sowjetischen Besatzungszone. Dies prägt den Stil des Buches. Heym schreibt stark journalistisch, durch die umfassende Anreicherung mit vermeintlichen Fakten wirkt der Text beinahe dokumentarisch. Doch wie die meisten Heym-Romane gewinnt auch "Schwarzenberg" seine besondere Bedeutung nicht aus sprachlich-stilistischen Mitteln, sondern aus der politischen Brisanz des Stoffes. Sowohl Heyms Vision vom "wahren" Sozialismus als auch die Negativdarstellung der Besatzungsmacht Sowjetunion, welche er ironisch als "die Freunde" und "die große ruhmreiche Sowjetarmee" bezeichnet, machen "Schwarzenberg" zu einem der kritischsten DDR-Romane überhaupt.

Stefan Heym und die Überwindung der SED-Diktatur


Stefan Heym spricht auf der Kundgebung am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz. (© Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-039, Foto: Hubert Link)

1990 traf Stefan Heym das Schicksal vieler ostdeutscher Bürgerrechtler und Dissidenten: Was er wollte, bekam er nicht – eine demokratische und sozialistische DDR –, und was er bekam, wollte er nicht – den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik. Darum mutet es paradox an, dass gerade Heyms Verdienste um das Ende der SED-Herrschaft – politisch wie literarisch – herauszustellen sind. Kein anderer DDR-Schriftsteller wagte sich beim Widerstand gegen die SED-Herrschaftspraxis soweit hervor wie er, allerdings konnte auch niemand aus einer derart komfortablen Position schreiben wie er. Die meisten seiner Kollegen waren entweder überzeugte Sozialisten oder opportunistische Mitläufer. Kritische Autoren mussten dagegen häufig den Weg der Ausreise nach Westdeutschland wählen. Diese Option stellte sich für Heym nie ernsthaft. Erstens hielt er trotz aller Kritik den Sozialismus für das bessere System, zweitens fühlte er sich stets seinen Lesern in Ost und West verpflichtet und wollte seine Anhänger im Osten nicht im Stich lassen. Drittens war es nicht zuletzt eine gute Portion Eitelkeit, die "den Querulanten" der DDR zu einem stets gern gesehenem Gast in den Westmedien machte. Als ehemaliger Ost-Schriftsteller in der Bundesrepublik wäre er nur einer unter vielen gewesen, was ihn viertens nicht zuletzt aus finanziellen Gründen in der DDR hielt, wo er sich fünftens den Nimbus des Ausnahmeliteraten uneingeschränkt bewahren konnte.

Stefan Heyms literarisches Oeuvre zählt in Umfang und Bedeutung zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. Viele seiner Bücher wurden zu internationalen Bestsellern und seine verständlichen, häufig ironisch witzigen, wenn auch nicht immer bestechenden und brillanten Ausdrucksformen sind sein Markenzeichen. Doch Stefan Heym spielte unter den DDR-Schriftstellern nicht nur wegen seiner Biografie und seines Renommees eine herausragende Rolle – er nutzte diese auch bei vielen Gelegenheiten. Die gewaltige Wirkung von Heyms Belletristik hat zwei wesentliche Ursachen. Zum einen waren Heyms Bücher keine gesellschaftlich unbedeutenden Individualgeschichten, sondern stets zeitkritische Befunde über Probleme und Missstände in der DDR, die er in seinen Romanen aus literarischer Fiktion und politischer Realität geschickt verknüpfte. Zum anderen machte ihn diese für DDR-Verhältnisse kritische Schreibweise sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR zu einem vielbeachteten Autor. Da die meisten Westschriftsteller im Osten nicht veröffentlichen durften und es außer Heym und Christa Wolf keine DDR-Literaten gab, die es in der Bundesrepublik zu größerem Erfolg gebracht hatten, lässt sich die These aufstellen, dass Stefan Heym in der Zeit des Kalten Krieges der meistgelesene Gegenwartsautor in Gesamtdeutschland war und somit auf künstlerischem Gebiet einen entscheidenden Teil zum Zusammenhalt der beiden deutschen Staaten beigetragen hat. Konsequent zeichnete er ein kritisches Abbild der (real)sozialistischen Diktatur, offerierte somit seinen Lesern, aber auch Künstlerkollegen und Politikern im In- und Ausland die Fehlentwicklungen in seiner Heimat und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur inneren wie äußeren Destabilisierung der DDR. Dies erkannte der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll lange vor dem Ende des "sozialistischen Experimentes". 1972 schrieb er treffend wie vorausschauend über Stefan Heym und die DDR: "Was nutzen Verträge, Annäherungen, Normalisierung, Beteuerungen, wenn ein Autor nicht da erscheinen darf, wo die Sprache gesprochen und gelesen wird, in der er schreibt? Das wird letzten Endes nur peinlich und ist eines Staates unwürdig, der international anerkannt sein möchte, aber seine Literatur, die längst international anerkannt ist, selbst nicht anerkennt."

Fussnoten

Fußnoten

  1. Ein vollständiges Verzeichnis der Primär- und Sekundärliteratur von bzw. über Stefan Heym bietet die Stefan-Heym-Sammlung unter: http://www.stefan-heym-gesellschaft.de/werke/ [5.9.2011].

  2. Siehe ausführlich zu Heyms Nachlass: Peter Hutchinson, Das Stefan-Heym-Archiv an der Universitätsbibliothek Cambridge. Umfang und Bedeutung, in: DA 26 (1993) 10, S. 1192–1195, u. http://www.lib.cam.ac.uk/deptserv/manuskripts/heym.html [31.8.2011].

  3. Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 786.

  4. Zit.: Günther Rüther, Die deutsche Literatur – ein Bindeglied der geteilten Nation, in: Ders. (Hg.), Kulturbetrieb und Literatur in der DDR, 2. Aufl., Köln 1988, S. 7–35, hier 12.

  5. Siehe im Einzelnen Günter Agde (Hg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED, 2. Aufl., Berlin 2000, u. Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 229–239.

  6. Zit.: Beschlüsse und Dokumente des 8. Parteitages der SED, Berlin (O.) 1971.

  7. Vgl. Peter Hutchinson, Stefan Heym, Dissident auf Lebenszeit, Würzburg 1999.

  8. Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 792.

  9. Stefan Heym, Nachruf, München 1988, S. 792.

  10. Fritz Pleitgen (Hg.), Die Ausbürgerung. Wolf Biermann und andere Autoren. Anfang vom Ende der DDR, Berlin 2001.

  11. Zit.: Werner Mittenzwei, Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945–2000, Leipzig 2001, S. 312.

  12. Vgl. Johannes Raschka, Politische Hintergründe des Strafvollzugsgesetzes von 1977. Widersprüche der Rechtspolitik während der Amtszeit Erich Honeckers, in: Leonore Ansorg u.a. (Hg.), "Das Land ist still – noch!". Herrschaftswandel und politische Gegnerschaft in der DDR (1971–1989), Köln u.a. 2009, S. 57–72, hier 70.

  13. Vgl. Peter Hutchinson, Stefan Heym, Dissident auf Lebenszeit, Würzburg 1999, S. 170f.

  14. Vgl. hierzu u. i. Folgenden: Robert Grünbaum, Jenseits des Alltags. Die Schriftsteller der DDR und die Revolution von 1989/90, Baden-Baden 2000.

  15. Die beiden Essays "Neue Hoffnung für die DDR" ("Die Zeit") und "Zwischenbericht" ("Der Spiegel") in: Stefan Heym, Einmischung. Gespräche, Reden, Essays, München 1990, S. 239–244 u. 249–256.

  16. Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 69f.

  17. Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 72.

  18. Vgl. Heinrich Böll, Der Lorbeer ist immer noch bitter, in: Der Spiegel, 18.9.1972.

  19. Vgl. Marcel Reich-Ranicki, Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 71–73.

  20. Siehe im Einzelnen Stefan Heym, Schwarzenberg, ungekürzte Ausgabe, Frankfurt a. M. 1987. Vgl. dazu Lenore Lobeck, Schwarzenberg. Legende und Wirklichkeit, in: DA 38 (2005) 2, S. 244–249.

  21. Siehe Eckhard Jesse, Systemwechsel in Deutschland. 1918/19–1933–1945/49–1989/90, Köln u.a. 2010, S. 136–156.

  22. Heinrich Böll, Der Lorbeer ist immer noch bitter, in: Der Spiegel, 18.9.1972.

Dr., Habilitationsstipendiat der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Chemnitz.