Aus dem Klappentext zum Buch von Petra Weber: Als Hildegard Hamm-Brücher am 7. Dezember 2016 starb, galt sie als Grande Dame und moralische Instanz der Bundesrepublik. Als mutige Einzelkämpferin wurde sie für viele Frauen und Männer ein Vorbild. Als Tochter aus einem großbürgerlichen Elternhaus agierte nach 1945 in einer von Männern dominierten Politik, in der sie sich als Verfechterin einer grundlegenden Bildungsreform, einer innovativen Auswärtigen Kulturpolitik sowie als Kritikerin der herrschenden politischen Kultur und Parteiendemokratie einen Namen machte. Die Historikerin Petra Weber beschreibt in ihrer auf Grundlage vieler neuer Quellen geschriebenen Biografie eine liberale Politikerin, die für eine lebendige Demokratie und Zivilgesellschaft eintrat, charmant und liebenswürdig sein konnte, aber auch unerbittlich, wenn sie ihre politischen Ziele in Gefahr sah. Von 1976 bis 1982 war Hildegard Hamm-Brücher Staatsministerin im Auswärtigen Amt. 1994 kandidierte sie bei der Wahl des deutschen Bundespräsidenten. Bis 2002 war Hamm-Brücher Mitglied der FDP.
Ab 1956 war sie mit dem CSU-Kommunalpolitiker und Juristen Erwin Hamm verheiratet. Gemeinsam hatte das Ehepaar einen Sohn und eine Tochter.
Von Petra Weber erschien im März 2026 im Berliner Metropol Verlag: "Hildegard Hamm-Brücher. Eine Biographie". Das Buch hat 720 Seiten und 50 Abbildungen. (© Metropol Verlag)
Von Petra Weber erschien im März 2026 im Berliner Metropol Verlag: "Hildegard Hamm-Brücher. Eine Biographie". Das Buch hat 720 Seiten und 50 Abbildungen. (© Metropol Verlag)
Ein paar Ergänzungen zu ihrer Vita: Hildegard Hamm-Brücher wurde am 11. Mai 1921 als Hildegard Brücher in Essen geboren und wuchs mit vier Geschwistern im Berliner Ortsteil Dahlem auf. Nachdem ihr Vater, der Jurist Paul Brücher, 1931 früh verstorben war und auch ihre Mutter Lilly, geborene Pick, 1932 den Tod fand, zogen ihre Geschwister und sie nach Dresden zur Großmutter. Ab 1933 besuchte Hildegard Brücher dort das Mädchengymnasium. Von 1937 bis 1938 während der NS-Zeit war sie Schülerin auf dem Internat Salem, das sie verlassen musste, weil ihre Großmutter Jüdin war. Sie ging fortan auf das Mädchengymnasium Friedrich-Luisen-Schule in Konstanz, wo sie 1939 ihr Abitur ablegte.
Es folgte während des Zweiten Weltkriegs ein Chemiestudium in München. Dort lernte sie Mitglieder der Weißen Rose kennen, ohne zu wissen, was deren Arbeit im Untergrund war. Mit einer Arbeit von Untersuchungen an den Hefemutterlaugen der technischen Ergosterin-Gewinnung promovierte sie 1945 zum Dr. rer. nat. Nach Kriegsende wurde sie Wissenschaftsredakteurin bei der Neuen Zeitung. Schon bald danach begann ihr Einstieg in die Politik. Ihre ersten Erfahrungen sammelte Hamm-Brücher als junge Frau für die Freien Demokraten in der Stadtverordneten Versammlung von München. Zudem erhielt sie von 1949 bis 1950 ein Stipendium der Politischen Wissenschaften an der Harvard University.
Davon handelt das von der DA-Redaktion ausgewählte 2. Kapitel "Politischer Anfang als Stadträtin, Erziehungsprojekte und ein USA-Aufenthalt". Es ist der von Petra Weber geschriebenen, 720 Seiten umfassenden Monografie Externer Link: "Hildegard Hamm-Brücher. Eine Biografie" entnommen, die im März 2026 im Berliner Metropol Verlag erschienen ist. Wir haben das Kapitel in zwei Teile aufgeteilt.
Politischer Anfang als Stadträtin
Hildegard Brücher wollte sich schon bald nicht mehr damit begnügen, mittels Zeitungsartikeln und Reportagen politisch Stellung zu beziehen und die öffentliche Meinung zu beeinflussen, wenngleich sie noch keine klaren Vorstellungen hatte, wie und wo sie sich aktiv in der Politik engagieren sollte. Im Januar 1948 fuhr sie zusammen mit Hans Werner Richter und Alfred Andersch zu einer Tagung nach Tremsbüttel bei Hamburg, wo der ehemalige Ministerpräsident Schleswig-Holsteins Theodor Steltzer sich bemühte, einen überparteilichen und überkonfessionellen Deutschen Arbeitskreis ins Leben zu rufen, der der geistigen Erneuerung Deutschlands, die Steltzer als grundlegend für die politische Neuordnung erachtete, Richtung und Ziel geben sollte. Hans Werner Richter hoffte recht euphorisch auf die Bildung einer „nationalen Repräsentation“, „die unabhängig von Organisationen, Regierungen und Parteien, allein infolge ihres geistigen Gewichts, die Stimme in Deutschlands erheben kann“.
Hildegard Brücher, deutsche FDP Politikerin, aufgenommen 1946 (© picture-alliance, SZ Photo, Juliette Lasserre)
Hildegard Brücher, deutsche FDP Politikerin, aufgenommen 1946 (© picture-alliance, SZ Photo, Juliette Lasserre)
Brücher fiel die Entscheidung zum Eintritt in eine Partei nicht leicht. Die SPD, die damals noch marxistischem Gedankengut anhing und von vielen mit der roten Ballonmütze der Proletarier assoziiert wurde, kam für die Tochter aus großbürgerlichem Haus nicht infrage. Mit Gründungsvätern der CSU wie Karl Scharnagl und Josef Müller stand sie hingegen in der frühen Nachkriegszeit durchaus in freundschaftlichem Kontakt. Scharnagl, der im Mai 1945 von der amerikanischen Militärregierung zum Oberbürgermeister von München ernannt worden war, lernte Brücher bereits Ende 1945 als Reporterin der „Neuen Zeitung“ kennen. Offensichtlich schätzte Scharnagl, der 1933 von den Nationalsozialisten als Oberbürgermeister abgesetzt und nach dem 20. Juli 1944 in Dachau interniert worden war, die junge Journalistin, denn sie erhielt auch private Einladungen zum Tee oder zu Hauskonzerten.
Hildegard Brücher, Stadträtin der FDP in München, aufgenommen 1949. (© picture-alliance, SZ Photo, Fosch)
Hildegard Brücher, Stadträtin der FDP in München, aufgenommen 1949. (© picture-alliance, SZ Photo, Fosch)
Es war die Münchner Ortsgruppe der Liberalen gewesen, die einige Tage vor der Gründung des FDP-Landesverbands am 15. Mai 1946 den Bamberger Generalstaatsanwalt Thomas Dehler als Parteivorsitzenden vorschlug. Ebenso wie die meisten Münchner Liberalen hatte auch Dehler vor 1933 der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) angehört, die linksliberale Grundsätze verfochten hatte. Während des „Dritten Reichs“ hatte er sich der Robinsohn-Strassmann-Gruppe angeschlossen, die dem NS-Regime „geistigen Widerstand“ entgegenzusetzen versuchte und über ein „republikanisch-demokratisches Nachfolgesystem“ nachdachte, aber einen gewaltsamen Umsturz ablehnte. Wegen seiner jüdischen Ehefrau, von der er sich trotz politischen Drucks nicht trennte, wurde er zum Arbeitseinsatz in der Organisation Todt zwangsverpflichtet, den er im selben Arbeitslager in Rositz ableistete wie Brüchers Brüder Ditmar und Ernst.
Dehler war ein Feuerkopf, ein liebevoller Mensch voll ungebremster polarisierender Leidenschaften. Er konnte sensibel und fürsorglich sein, aber Gegner bekamen auch seinen „schwarzen Hass“ zu spüren.
Olzog hatte auf Betreiben Hundhammers bereits im Frühjahr 1947 seine Stelle als Hilfsreferent im bayerischen Kultusministerium aufgeben müssen und hatte seitdem keinerlei Hoffnung mehr, „als Preuße evangelischer Konfession“ im Haus am Salvatorplatz Karriere machen zu können.
Nein, es war nicht Theodor Heuss, der sie bei einem Gespräch im Oktober 1946 in Stuttgart mit den Worten „Mädle, Sie müsset in die Politik!“ dazu ermutigte, politisch aktiv zu werden.
Als Heuss Hamm-Brücher näher kennenlernte, konnte aber auch er sich ihrem Charme nicht mehr entziehen, zumal sie ihn geradezu anhimmelte. Als sie im Oktober 1960 im Bayerischen Rundfunk ein Fernsehinterview mit ihm über das Jahr 1949 führte, überschüttete sie ihn mit Komplimenten. Auf ihre lobend gemeinte Feststellung, die Deutschen hätten „Vertrauen in ihren Vater Heuss gesetzt“, reagierte er allerdings etwas unwirsch, weil er fürchtete, man wolle ihm wieder einmal das Klischee vom „Papa Heuss“ anheften, das er nicht ausstehen konnte.
Noch bevor sie am 2. Mai 1948 offiziell der FDP beitrat, war sie am 19. April als Kandidatin für den Stadtrat aufgestellt worden.
Dr. Hildegard Hamm-Brücher (hinten) als Beraterin für den Film 'Die ideale Frau', bei dem die Schauspielerin Ruth Leuwerik (mitte) eine Bürgermeisterin spielt. Rechts im Bild der ungarische Regisseur Josef von Baky, aufgenommen 1959. (© picture-alliance, SZ Photo, Hannes Betzler)
Dr. Hildegard Hamm-Brücher (hinten) als Beraterin für den Film 'Die ideale Frau', bei dem die Schauspielerin Ruth Leuwerik (mitte) eine Bürgermeisterin spielt. Rechts im Bild der ungarische Regisseur Josef von Baky, aufgenommen 1959. (© picture-alliance, SZ Photo, Hannes Betzler)
In ihrer Ende Mai vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlten zehnminütigen Wahlkampfrede sprach sie zunächst ein klassisches liberales Thema an: die Entlastung des „geplagten Bürgers“ von „staatlicher, städtischer und sonstiger Verwaltungsbürokratie“ wie auch von den „Folgen engstirniger und engherziger Kirchturmpolitik, von Umstandskrämerei, von anonymen Schikanen und unfreundlicher Vernachlässigung oder gar Missachtung des Individuums“. Die folgenden Wahlaussagen waren konkreter. Um die „Münchner Universität wieder zur ersten und besten Deutschlands“ zu machen, sollte die Stadt den berufenen Wissenschaftlern großzügig Wohnraum zur Verfügung stellen. Verelendete Jugendliche sollten nicht in eine Zelle mit „schweren Brüdern“ gesteckt werden, nur weil sie beim Schwarzhandel ertappt worden seien, in Kindergärten und Schulen galt es, „den Schmutz und die unhygienischen Verhältnisse, die aufgrund des Fehlens von Eimern, Besen und Putzlappen dort herrschten, zu beseitigen. Im Hinblick auf den Wohnungsbau wünschte sie, dass dort auch alleinstehende berufstätige Frauen Berücksichtigung fanden. Und schließlich durfte auch ihr politisches Herzensthema nicht fehlen: die politische Bildung. Zu ihr sollte auch beitragen, dass die Stadtratssitzungen in Zukunft häufiger öffentlich abgehalten wurden.
Die Leiterin des städtischen Leihamts Adelheid Ließmann, die neben Käthe Sand die KPD im Stadtrat vertrat, genoss in München eine große Popularität. Die gelernte Buchhalterin, die im „Dritten Reich“ Gefängnis- und Konzentrationslagerhaft erdulden musste, hatte über 100 000 Wählerstimmen erhalten.
Brüchers anfängliche Unsicherheit wäre wahrscheinlich gar nicht so aufgefallen, wenn ihr FDP-Kollege Hanns Sellmaier in den Stadtratssitzungen aktiv geworden wäre. Der ging aber als „Hanns der Schweigsame“ in die Geschichte des Münchner Stadtrats ein.
Sigi Sommers spöttischer Artikel scheint Brüchers Eifer und Ehrgeiz geweckt zu haben, denn sie meldete sich nun öfter und entschiedener zu Wort und traf sich auch mit den übrigen Stadträtinnen zum „Kaffeeklatsch“, um gemeinsame Anträge auszuformulieren.
So forderten die selbstsicheren Stadtmütter im Frühjahr 1949 nicht nur den Erhalt des Maßmannplatzes als Kinderspielplatz,
Brücher, die Mitscherlichs schon früh geäußerte Kritik an der traditionellen Fürsorgeerziehung immer geteilt hatte, bemühte sich, zumindest einen Zusatzantrag durchzubringen: Während des laufenden Verfahrens gegen den Anstaltsleiter sollten keine Münchner Kinder mehr in das Erziehungsheim Fassoldshof geschickt werden. Nach Unterstützung dieses Vorschlags durch Rosa Aschenbrenner und Centa Hafenbrädl stimmten auch die meisten Männer für dessen Annahme.
Wie Hundhammer banalisierte auch Schulrat Anton Tröndle im Schulausschuss des Stadtrats die Anwendung der Prügelstrafe. Mit einem „Stöckchen von 30 cm dürften lediglich sechs Schläge auf die flache Hand oder ‚hintendrauf‘“ gegeben werden. Für Brücher, die sich amerikanische Denkmuster zu eigen gemacht hatte, war die Prügelstrafe Ausdruck eines in Deutschland noch immer dominanten Autoritätsprinzips, das den Aufbau einer Demokratie gefährde: „Wenn es nicht gelingt, die Kinder unserer Stadt ohne Prügel und andere diktatorische Maßnahmen zu rechtschaffenen Menschen zu erziehen, so werden alle Bemühungen um eine demokratische Erneuerung umsonst sein und die Hoffnung auf freie, ihrer Verantwortung bewusste Menschen vergebens.“ Im Übrigen wusste sie zu berichten, dass an einer Münchner Schule Schüler sogar Schläge bekamen, wenn sie ihre Bleistifte nicht gespitzt hatten. In einer Zeit, in der die schwarze Pädagogik noch viele Unterstützer hatte, führte sie einen ziemlich einsamen Kampf. Im Schulausschuss stand ihr nur Paula Breitenbach bei.
Ansonsten waren viele Stadtratsmitglieder der Meinung, dass die junge Kollegin zu viel auf einmal wollte und die finanziellen Schranken zu wenig bedachte. Das von ihr geforderte Schulbauprogramm kommentierte Fingerle mit den Worten, dass man sich „keinen Illusionen hingeben“ solle. „Wir sind also mit kleinen Tropfen zufrieden.“
Hildegard Brücher, deutsche Politikerin (FDP). Die am 11.5.1921 geborene Hildegard Brücher studierte in München Chemie und promovierte 1945. Bis 1948 arbeitete sie als wissenschaftliche Redakteurin bei der 'Neuen Zeitung' in München und zog 1948 für die FDP, deren Mitglied sie im gleichen Jahr geworden war, in den Stadtrat der Stadt München ein, Aufnahmedatum: 1948. (© picture-alliance, SZ Photo, Hannes Betzler)
Hildegard Brücher, deutsche Politikerin (FDP). Die am 11.5.1921 geborene Hildegard Brücher studierte in München Chemie und promovierte 1945. Bis 1948 arbeitete sie als wissenschaftliche Redakteurin bei der 'Neuen Zeitung' in München und zog 1948 für die FDP, deren Mitglied sie im gleichen Jahr geworden war, in den Stadtrat der Stadt München ein, Aufnahmedatum: 1948. (© picture-alliance, SZ Photo, Hannes Betzler)
Als sie vehement beklagte, dass angesichts der Wohnungsnot – in München waren über 80 000 Wohnungen im Krieg zerstört, 100 000 schwerbeschädigt worden
Es waren allerdings nicht „konservative Kreise der Stadt“, wie Brücher argwöhnte, die verhinderten, dass Jochum die Leitung der Münchner Philharmoniker anvertraut wurde.
Erziehungsprojekte und ein USA-Aufenthalt
So befand sie sich bereits auf der Reise in die „Neue Welt“, als am 14. September 1949 in der Kaulbachstraße 11a in Schwabing die Internationale Jugendbibliothek feierlich eröffnet wurde, in der Kinder in rund 8000 Büchern schmökern, malen, Musik hören und Theaterspielen konnten. Brücher hatte dieses idealistisch-ehrgeizige Projekt, das Jella Lepman ein Herzensliegen war, unterstützt, seit sie die deutsch-jüdische Journalistin in der Schellingstraße 39 kennengelernt hatte. Lepman war vor 1933 die erste Redakteurin des der DDP nahestehenden „Stuttgarter Neuen Tagblattes“ gewesen, 1936/37 über Italien nach Großbritannien geflohen, wo sie seit den 1940er Jahren zunächst als Adviser für Jugendfragen im Foreign Office und für den Deutschen Dienst der British Broadcasting Corporation, danach für die American Broadcasting Station in Europe arbeitete. 1945 hatte sie das Angebot der Amerikaner, als Beraterin für die kulturellen und erzieherischen Belange der Frauen und Kinder in der amerikanischen Besatzungszone in das US-Hauptquartier nach Bad Homburg mitzukommen, angenommen. Im Herbst 1946 zog sie als stellvertretende Chefredakteurin der vom Verlag der Neuen Zeitung herausgegebenen Illustrierten „Heute“, deren Redaktionsräume einen Stock über denen der Neuen Zeitung lagen, nach München.
Am 2. Mai 1948 begann die promovierte Chemikerin Dr. Hildegard Brücher (geb. 1921 in Essen, späterer Name Hildegard Hamm-Brücher) mit 27 Jahren als erfolgreiche FDP-Kandidatin und jüngste Stadträtin der US-Besatzungszone ihre politische Karriere in München. Als sie 1950 in den bayerischen Landtag einzog - unter Beibehaltung ihres Sitzes im Stadtrat bis 1956 - kümmerte sie sich vor allem um Frauen- und Schulpolitik, aufgenommen 1951. (© picture-alliance, SZ Photo, Fred Lindinger)
Am 2. Mai 1948 begann die promovierte Chemikerin Dr. Hildegard Brücher (geb. 1921 in Essen, späterer Name Hildegard Hamm-Brücher) mit 27 Jahren als erfolgreiche FDP-Kandidatin und jüngste Stadträtin der US-Besatzungszone ihre politische Karriere in München. Als sie 1950 in den bayerischen Landtag einzog - unter Beibehaltung ihres Sitzes im Stadtrat bis 1956 - kümmerte sie sich vor allem um Frauen- und Schulpolitik, aufgenommen 1951. (© picture-alliance, SZ Photo, Fred Lindinger)
Brücher und Lepman verbanden ihr pädagogischer Optimismus und ihr Glaube, dass die Zukunft Deutschlands von der Erziehung der Kinder und Jugendlichen abhänge. Lepman hielt Kinderbücher für „Friedensboten“ und war fest davon überzeugt: „Nur, wenn die Kinder der Welt einander jetzt verstehen lernen, dürfen wir auf jene friedliche und ungeteilte Welt hoffen, die wir alle ersehnen.“
Völlig enttäuscht war Hildegard Brücher bereits 1949 über die gescheiterte Schulreform, über die sie eher gequält als angriffslustig im Sommer zwei auf große Resonanz stoßende, aber folgenlos bleibende Artikel für die „Süddeutsche Zeitung“ verfasste.
Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher nimmt an einer Anti-Atom-Kundgebung vor der Münchner Universität teil, aufgenommen 1958. (© picture-alliance, SZ Photo, Alfred Strobel)
Die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher nimmt an einer Anti-Atom-Kundgebung vor der Münchner Universität teil, aufgenommen 1958. (© picture-alliance, SZ Photo, Alfred Strobel)
Brücher unterstützte nicht nur dieses Bestreben der Amerikaner, sondern auch deren Vorhaben, die Elternhäuser und die ganze Bevölkerung stärker mit den Problemen der Erziehung und den beabsichtigten Schulreformen vertraut zu machen. Mit einer von ihr seit Anfang 1949 konzipierten Zeitschrift, die den Namen „Lebendige Erziehung“ tragen sollte, wollte sie versuchen, den von den Amerikanern bereits eingeleiteten Initiativen durch ein deutsches pädagogisches Leitmedium mehr Nachdruck zu verschaffen. Als Herausgeberin für ihr Zeitschriftenprojekt hatte sie die „Deutsche Gesellschaft für Erziehung und Unterricht mit modernen Lehrmitteln“ gewinnen können – eine Ende 1948 gegründete Vereinigung „zur Förderung der pädagogischen Praxis und Forschung“, die alle an Erziehungsfragen interessierten Kreise, vor allem Lehrer und Eltern, aber auch Regierungsstellen, Jugendleiter, Rundfunkstationen und auch Filminstitutionen ansprechen und mit ihnen zusammenarbeiten wollte.
"Für eine freiheitliche deutsche Politik ohne Hass! Auch Deine Stimme für Dr. Hildegard Brücher und die Freie Demokratische Partei Liste 5" so lautet der Text auf dem Wahlplakat zur bayerischen Landtagswahl von 1954. (© Bundesarchiv, Plak 005-016-002, Kräh & Bergmiller, München, )
"Für eine freiheitliche deutsche Politik ohne Hass! Auch Deine Stimme für Dr. Hildegard Brücher und die Freie Demokratische Partei Liste 5" so lautet der Text auf dem Wahlplakat zur bayerischen Landtagswahl von 1954. (© Bundesarchiv, Plak 005-016-002, Kräh & Bergmiller, München, )
Der Brief war so herzzerreißend verfasst, dass der „liebe Shep“ – so redete sie ihn, wie auch alle anderen Deutschen, die ihn gut kannten und schätzten, an – stattliche Summen auftrieb und sie der monatlich erscheinenden Zeitschrift zukommen ließ,
Dass Brücher bei den Amerikanern als politische Hoffnungsträgerin galt, verdankte sie nicht zuletzt ihrem Studienaufenthalt in Harvard, der damaligen Kaderschmiede für politische Eliten. Bereits im Juni 1949 hatte sie bei der amerikanischen Militärregierung, deren Austauschprogramme auch die Frauenförderung zum Ziel hatten, einen Antrag auf einen einjährigen Studienaufenthalt in den USA gestellt.
Auch Brüchers Cousins Peter und Klaus Florey hatten Deutschland verlassen und waren in die USA ausgewandert, ihr Cousin Joachim E. Gaehde und seine Frau, die eine Zeit lang in ihrer Wohnung in der Hermann-Lingg-Straße Unterschlupf gefunden hatten, sahen für sich ebenfalls in Deutschland keine Zukunft mehr. Sie gingen zunächst nach Südafrika und emigrierten 1949 schließlich auch in die USA. Ob sie sich dort größere Karrieremöglichkeiten erhofften oder nach dem Leid, das ihnen und ihren Familien im „Dritten Reich“ widerfahren war, nicht mehr in einem Land der Mörder leben wollten, muss hier offenbleiben. Nach ihrer Heirat mit dem aus einer alteingesessenen amerikanischen Patrizierfamilie stammenden John Hall im März 1951, bei der Hildegard Brücher die Brautjungfer spielte, fand auch ihre Cousine Erika Pick in den USA eine neue Heimat, wo sie sich schon bald als Kulturmäzenatin hervortat. Deren Bruder Franz baute sich ebenfalls in den USA eine neue Existenz auf.
Hildegard Brücher hatte indes nicht vor, für immer in den Vereinigten Staaten zu bleiben. Sie wollte die dortige Demokratie kennenlernen, deren Vorbildhaftigkeit für sie außer Frage stand. Ihre Bewerbung für das USA-Stipendium wurde schnell positiv beschieden. Ihre Arbeit bei der Neuen Zeitung und im Stadtrat, ihr großes Interesse an den amerikanischen Re-Education- und Re-Orientation-Programmen machten sie zur idealen Stipendiatin, der man offensichtlich auch zutraute, später Führungsaufgaben zu übernehmen. „She is known as a leader and an excellent speaker“, lautete unter anderem die Begründung für ihre Auswahl.
Selbstverständlich besichtigte sie auch Schulen. Sie fand es bemerkenswert, dass dort auch Werkunterricht sowie kaufmännische und technische Fächer angeboten wurden, und es selbst Lehrgänge gab, in denen Schülerinnen und Schüler das Diskutieren lernen konnten. An der Harvard University arbeitete sie in einem Workshop mit, in dem das Idealmodell einer Schule entworfen wurde.
Eng arbeitete sie auch mit der League of Women Voters zusammen, einem Zusammenschluss von rund 100 000 Frauen, die sich um den Bau von Wohnungen, Schulen und Krankenhäusern kümmerten, Einfluss auf die soziale Gesetzgebung nahmen oder sich für die Gleichberechtigung der Frauen bei der Übernahme öffentlicher Ämter einsetzten. Um bei einem deutschen Publikum keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, unterstrich Brücher ausdrücklich, dass die League keine Frauenpartei sei, sondern gemeinsam mit Männern nach den besten Lösungen suche.
Später scheint sie auch den Bürgerrechtler Ralph Bunche, der als erster Schwarzer 1950 den Friedensnobelpreis zuerkannt bekam und damals an der weiß und protestantisch geprägten Harvard University unterrichtete, getroffen zu haben.
Weihnachten 1949 verbrachte sie bei der Familie Jean Taylor Burgdorffs, die offensichtlich einer amerikanischen Patrizierfamilie entstammte, denn sie schwärmte von einer Weihnachtsparty, die ein „Mittelding zwischen einem Hofball und einer Schönheitskonkurrenz“ gewesen sei.
Nach ihrer Rückkehr warb sie erst einmal in vielen Zeitungsartikeln für die amerikanische Demokratie und das Austauschprogramm des amerikanischen Hochkommissars.
Hildegard Hamm-Brücher (FDP) gemeinsam mit Konrad Fruehwald (FDP), Max Klotz (BP), Joseph Baumgartner (BP) und Wilhelm Hoegner (SPD), aufgenommen 1954. (© picture-alliance, SZ Photo, Alfred Strobel)
Hildegard Hamm-Brücher (FDP) gemeinsam mit Konrad Fruehwald (FDP), Max Klotz (BP), Joseph Baumgartner (BP) und Wilhelm Hoegner (SPD), aufgenommen 1954. (© picture-alliance, SZ Photo, Alfred Strobel)
Auch für ihre Stadtratstätigkeit hatte sie Anregungen in den USA bekommen, die sie nun mit viel Schwung und Elan in München umzusetzen wünschte. In der ersten Stadtratssitzung nach ihrer Rückkehr fand sie auf ihrem Sitzungstisch als Willkommensgruß einen Strauß mit Rosen und Nelken.