Viel ist über die Geschichte der bundesdeutschen Nationalmannschaft und ihre 12 Nationaltrainer bekannt. Aber über die 13 in der DDR? Wie parteinah mussten sie sein? Mussten sie der Stasi helfen? Und wie verlief insgesamt die Geschichte der Nationalmannschaft der DDR? Ein Überblick.
293 Spiele, 138 Siege, 69 Unentschieden, 86 Niederlagen, 501:345 Tore – so weit die nackten Zahlen aus 38 Jahren DDR-Nationalmannschaft. Zahlen, die sich gut lesen und von Siegen künden – wenngleich das DDR-Team im Vergleich zu den „Brüdern“ aus dem kapitalistischen Westen verhältnismäßig wenige greifbare Erfolge vorzuweisen hat. Größter Triumph war der Olympiasieg von 1976, gefolgt vom ausgezeichneten Abschneiden bei der einzigen WM-Teilnahme (1974, Platz 6) sowie dem Gewinn der Silbermedaille bei den „halben“ Olympischen Spielen von 1980 in Moskau. Diese insgesamt eher magere Bilanz hing eng mit den politischen Rahmenbedingungen zusammen, denen der Fußball in der DDR unterlag.
„Entwicklung von bewussten Trainern“
Als der Deutsche Sportausschuss, die oberste Sportbehörde der DDR, am 6. Februar 1951 einen Antrag auf Aufnahme in die FIFA stellte, erntete er einen Aufschrei der Empörung. Vor allem der „Westen“, sonst immer dabei, wenn es um die Betonung der politischen Neutralität des Sports ging, erhob Einspruch. Der damalige DFB-Chef Peco Bauwens beispielsweise meinte:
„Der DFB musste (…) in der Zeit des Naziregimes die schmerzliche Erfahrung machen, dass eine Führung des Sports durch politische Kräfte dem Sport nicht dient. Er ist infolgedessen fest entschlossen, innerhalb seines Wirkungsbereiches das nochmalige Eindringen politischer Kräfte in den Sport zu verhindern. Der Deutsche Fußball-Bund möchte daher, ohne damit die Entscheidung der FIFA beeinflussen zu wollen, immerhin doch erklären, dass es für seine Bestrebungen, wenigstens in der Deutschen Bundesrepublik (Westdeutschland) den Sport frei von politischen Tendenzen zu halten, sehr wenig dienlich wäre, wenn die eindeutig politisch geführte Fußballsportbewegung der Ostzone die Mitgliedschaft in der FIFA erwerben würde.“
Bauwens’ Forderung, die Politik aus dem Sport herauszuhalten, war allerdings selbst politisch motiviert: Die Kontinuitäten aus der NS-Zeit, die den DFB nach 1945 prägten, wären bei einer politischen Betrachtung unangenehm aufgefallen. Allerdings gab es tatsächlich schon in der Frühphase des DDR-Fußballs unmittelbare Eingriffe der Sportführung, die bestimmt waren von Profilierungssucht, Missgunst und Pöstchengerangel. Und generell galt im System des realen Sozialismus: Das Primat der Politik war auch im Fußball unantastbar. Wie sozialistischer Sport auszusehen habe, wurde letztlich in der SED-Parteispitze entschieden, gelegentliche ideologische Kehrtwendungen eingeschlossen.
Somit wurde die korrekte politische Einstellung wichtiger als fachliche Kompetenz, und zumeist bestimmten Funktionäre, die von Fußball gar keine Ahnung hatten, was im Fußball zu geschehen habe. Bereits der erste Cheftrainer der DDR-Auswahl, der später so erfolgreiche DFB-Bundestrainer Helmut Schön, wurde nach kurzer Amtszeit am 1. April 1950 vom Sportausschuss aus politischen Gründen abgesetzt: Sein Verhalten habe die „Entwicklung von bewussten Trainern“ nicht gewährleistet, sprich: von politisch konformen Trainern. Schön ging kurz darauf in den Westen, „bevor man mich als Reaktionär oder Saboteur fallen lässt“, wie er damals an Sepp Herberger schrieb. Sein Nachfolger wurde mit Alfred Kunze ein Mann, dessen politische Anpassungsfähigkeit erwiesen schien: 1936 wurde er NSDAP-Mitglied, 1946 konvertierte er zur SED.
Bis auf eine Ausnahme besaßen fortan alle 13 DDR-Nationaltrainer entweder das SED-Parteibuch oder, was zwei Ungarn auf diesem Posten betraf, den Mitgliedsausweis ihrer kommunistischen Partei. Konformes Verhalten war damit allerdings nicht in jedem Fall garantiert. Schon den erwähnten Alfred Kunze befielen – nach seiner Zeit als Auswahltrainer – ideologische Zweifel, nachdem am 17. Juni 1953 Polizei und sowjetische Panzer die Massenproteste in der DDR niedergewalzt hatten. Kunzes Nachfolger Willi Oelgardt setzte sich nach dem Ende seiner kurzen Amtszeit sogar wie Helmut Schön nach Westberlin ab. Eine breit angelegte Studie von Otto Altendorfer dokumentiert das politische Misstrauen, das die DDR-Staatsorgane ihren Nationaltrainern entgegenbrachten. Wenig Probleme sah man bei Leuten wie Fritz Gödicke, Nationaltrainer 1958-61, der zugleich eifriger SED-Funktionär war. Ansonsten ist für die allermeisten belegt, dass sie intensiv von der Stasi beobachtet wurden – selbst dann, wenn sie selbst als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) für die „Staatssicherheit“ tätig waren.
„Auferstanden aus Ruinen“
Beim ersten Auftritt der DDR-Nationalelf am 21. September 1952 – seit zwei Monaten war ihr Verband vollwertiges FIFA-Mitglied – kam allerdings eine andere politische Komponente ins Spiel: Man war sich der verbrecherischen deutschen Vergangenheit bewusst. Zumal es beim sozialistischen „Bruderduell“ gegen ein Land ging, das unter NS-Deutschland besonders schwer gelitten hatte: Polen.
„Wir wussten, dass wir durch einfühlsames Verhalten und faires, anständiges Auftreten versuchen mussten, uns als Freunde aus einem neuen Deutschland zu zeigen. Allen war klar, dass die Polen noch längst nicht vergessen hatten“, erinnerte Kapitän Horst „Schere“ Scherbaum später. Im Warschauer Armeestadion, in dem vor rund 35.000 Zuschauern erstmals die DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ erklang, unterlag die DDR-Elf den Polen deutlich mit 0:3 (siehe Titelfoto).
Wie groß das Interesse der DDR-Bürger an ihrer Auswahlmannschaft war, stellte sich schon beim ersten Heimauftritt heraus. Am 14. Juni 1953 kamen rund 55.000 Fans ins Dresdner Heinz-Steyer-Stadion, um ein torloses Unentschieden gegen Bulgarien zu sehen. Drei Tage später geriet der Fußball durch die politischen Unruhen um den 17. Juni in den Hintergrund, und es verging annähernd ein Jahr, ehe die DDR-Elf erneut auflaufen konnte. Anlässlich der Ankunft der Radfahrer der Rundfahrt „Warschau-Berlin-Prag“ unterlag sie am 8. Mai 1954 im Berliner Walter-Ulbricht-Stadion, dem (inzwischen abgerissenen) späteren „Stadion der Weltjugend“, vor 70.000 Zuschauern Rumänien mit 0:1.
Die Entwicklung blieb weiterhin überschattet von internen Auseinandersetzungen, die zumeist politisch begründet waren. Es ging nicht um herausragende sportliche Leistungen, sondern um „korrekte Einstellung“ und „vorbildliche Repräsentation“ der jungen DDR in der Welt – wobei der Begriff „Welt“ mit Vorsicht zu genießen ist. In ihren elf Länderspielen zwischen 1952 und 1956 traf die DDR nämlich lediglich auf vier Gegner: die „Bruderländer“ Polen, Rumänien und Bulgarien sowie das sportlich bestenfalls drittklassige Indonesien. Nicht einmal die unwiderstehlichen Ungarn standen zu einem Leistungsvergleich zur Verfügung.
Das ZK der SED übernimmt
Erste Hoffnung auf ein Ende der selbst gewählten Isolation gab es 1957, als die DDR überraschend an der Qualifikation zur WM 1958 teilnahm. Hintergrund war der Erfolg der Bundesrepublik bei der WM 1954. Rahns Tor zum 3:2 sowie die daraufhin auch in Ostdeutschland spürbare Euphorie hatten der DDR-Führung die Massenwirkung des Fußballs demonstriert und sie veranlasst, ihre herablassende Haltung dem unberechenbaren Spiel gegenüber ein wenig zu hinterfragen. Sportlich ging die DDR als krasser Außenseiter ins Qualifikationsrennen. Die Fans standen dennoch Kopf. Für das Auftaktspiel am 19. Mai 1957 gegen Wales gingen rund 500.000 Kartenwünsche bei der Sportführung ein. Im offiziell mit 100.000 Besuchern ausverkauften, tatsächlich aber mit rund 120.000 Menschen hoffnungslos überfüllten Leipziger Zentralstadion überzeugte das DDR-Team und lieferte seine bis dato beste Vorstellung ab. Am Ende stand ein sensationeller 2:1-Sieg zu Buche. Die Elf hatte jedoch weit über ihrem eigentlichen Leistungsvermögen gespielt und vermochte diesen Kraftakt nicht zu wiederholen. Sie belegte schließlich den letzten Platz der Qualifikationsgruppe.
Zwischenzeitlich hatte es administrative Veränderungen gegeben, die sich auch auf die Auswahlmannschaft auswirkten. Ein Jahr nach Bildung des Sportausschuss-Nachfolgers Deutscher Turn- und Sportbund (DTSB) war im Mai 1958 die Fußballsektion als Deutscher Fußball- Verband der DDR (DFV) ausgegliedert worden. Schon auf der Gründungsfeier fand DFV-Präsident Heinz Schöbel deutliche Worte: „Das Präsidium der bisherigen Sektion Fußball hat die politische Bedeutung des Leistungssports und seine Möglichkeiten zur Stärkung der DDR nicht voll erkannt und dementsprechend die politisch-ideologische und fachliche Arbeit auf der Bezirks- und Kreisebene und in den Sportclubs nicht genügend angeleitet und kontrolliert.“
Erfolge blieben weiterhin aus, weshalb sich sogar das ZK der SED mit der Misere beschäftigte. Am 18. Dezember 1969 stellte das Politgremium fest, dass die Beschlüsse des Sekretariats des ZK der SED und des DTSB „zur Steigerung der sportlichen Leistungen im Fußballsport der DDR (…) bisher nicht realisiert“ wurden. Während es in vielen Disziplinen durch Erziehungsprogramme, Rahmentrainingspläne und Nachwuchsförderung „einen erfreulichen Leistungsaufschwung“ gegeben habe, seien im Fußballsport „keine Fortschritte bei der Leistungsentwicklung erreicht“ worden. Die Mannschaften in der Oberliga seien der Führung des DTSB praktisch entglitten, da sie ökonomisch vollständig durch große volkseigene Betriebe und Kombinate gesteuert würden. Um eine Verbesserung zu erreichen, wurden neben Aspekten wie einer „strafferen Führung im Leistungsbereich“ und der „wissenschaftlichen Durchdringung des Trainingsprozesses“ erleichterte Spieler- und Trainerwechsel angemahnt.
Der DTSB wurde beauftragt, bis Februar 1970 „einen umfassenden Maßnahmeplan zur Durchführung dieses Beschlusses“ zu erarbeiten. Am 1. Juni 1970 trat der sogenannte „Erste Fußballbeschluss“ schließlich in Kraft. Er war flankiert von veränderten finanziellen Rahmenbedingungen. Der Finanzminister wurde angewiesen, von 1970 an zusätzlich zum Haushaltsplan rund fünf Millionen Mark für die Fußballclubs zur Verfügung zu stellen. Weitere zwei Millionen sollten den Betrieben zur Erstattung des Lohnausfalles für Fußballspieler ausgezahlt werden.
Buschner kommt
Begünstigt von dieser Reform begann nun die Blütezeit des DDR-Fußballs. Trainer wie Georg Buschner (Jena), Walter Fritzsch (Dresden) und Heinz Krügel (Magdeburg) nutzten die deutlich verbesserten Rahmenbedingungen und führten moderne Trainingsmethoden ein. Der Einfluss der Politik war in jenen Jahren erfreulich gering, so dass sich in gewissem Umfang ein Spiel der freien Kräfte ausbreiten konnte.
Auch zahlte sich allmählich jene Nachwuchsarbeit aus, für die die DDR später so berühmt wurde. Ein Fußballclub fungierte in seinem Bezirk als Leistungszentrum, und nur bei Fußballclubs durfte es daher schulische Fußballausbildung geben. Zu diesem Zweck war ihnen jeweils eine sogenannte Kinder- und Jugendschule (KJS) angeschlossen, in der schon Kinder systematisch gefördert wurden. Tauchte irgendwo im Bezirk ein halbwegs begabter Kicker auf, so landete er über kurz oder lang bei der KJS und damit beim FC des Bezirks. Magdeburg beispielsweise rekrutierte seine „goldene“ Elf, die 1974 den Europapokal der Pokalsieger gewann und auch den Stamm der WM-Elf 1974 stellte, aus Burg, Halberstadt, Wolmirstedt und natürlich Magdeburg. Ende der 1960er hatte Georg Buschner Carl Zeiss Jena zur ersten europatauglichen Mannschaft der DDR geformt. Buschner war dies gelungen, weil er sich nach modernen westlichen Trainingsmethoden richtete und nicht auf das in der DDR übliche „wissenschaftlich abgesicherte“ Training zurückgriff, das viel zu häufig an den Bedürfnissen des Fußballs vorbeiging. Der „Graf“, wie Buschner genannt wurde, setzte dabei eher auf solide Handwerker denn Supertechniker.
Unter ihm wurde Fußball gearbeitet, nicht zelebriert. Der unbequeme und mitunter starrköpfige Buschner war fast während seiner gesamten Amtszeit umstritten – vor allem bei den Funktionären. „Ich habe mir nie in meine Arbeit reinreden lassen. Es hat sich überhaupt gar keiner getraut“, erklärte Buschner rückblickend. Und er behauptete: „Mein einziger Kontakt mit der Stasi war der, als ich Mielke aus der Kabine hab‘ rausschmeißen lassen beim Spiel in Berlin.“ Das allerdings war nicht die Wahrheit. Das Verhältnis des SED-Mitglieds Buschner zum Machtapparat der DDR war durchaus schwankend. Mal war er selbst Objekt einer Stasi-Beobachtung, mal kooperierte er eng mit der Staatssicherheit.
Aus Stasi-Archiven dokumentiert ist seine wiederholte Bereitschaft, über die Haltung seiner Nationalspieler ausführlich zu berichten oder von der Stasi Beurteilungen über die Spieler entgegenzunehmen. Sportlich trug Buschners Kompetenz Früchte. Nach seiner Ernennung zum Nationaltrainer 1970 baute er mit nie zuvor erlebter Akribie ein Team auf, das sogar die zu jener Zeit ziemlich reservierten Fans begeisterte. Zuvor musste Buschner aber Widerstände aus Funktionärskreisen brechen. Diesbezüglich zählte Manfred Ewald, der Präsident des DTSB und kein ausgewiesener Fußballfreund, zu seinen größten Widersachern.
Für Ewald war Fußball nicht sonderlich wichtig, weil er zu wenig berechenbar und medaillenträchtig war. Ihn interessierte nicht, dass der Ballsport auch in der DDR die mit Abstand beliebteste Sportart war, sowohl bei den politischen Verantwortlichen als auch beim Volk. Immerhin bewahrte diese Popularität den Fußball vor einem ähnlichen Schicksal wie das Eishockey, dessen Clubs in der DDR bis auf zwei Ausnahmen aufgelöst wurden, woraufhin die Landesmeisterschaft jahrzehntelang nur noch zwischen Berlin und Weißwasser ausgespielt wurde. „Ohne die ,Kraft der Straße‘ hätten die Strolche mit dem Fußball das Gleiche wie mit dem Eishockey gemacht“, meinte Buschner später einmal. Zumindest galt dies noch für die 1970er Jahre.
Buschner gab als Ziel die Qualifikation zur WM 1974 aus. Darin unterschied er sich von seinen Vorgängern, denn eigentlich war es DDR-Doktrin, die Olympischen Spiele als das höchste zu erreichende Sportereignis anzusehen. Im Gegensatz zur WM bzw. EM spielten dort Amateure und keine Profifußballer, die es im DDR-Sport offiziell ja nicht gab und die als Ausdruck des Kapitalismus verpönt waren („Profiligen: Sport, Stars, Show, Geld“, lautete der Titel eines seinerzeit kursierenden Büchleins).
Nach Buschners Ansicht gab es für seine Staatsamateure aber nur bei WM- bzw. EM-Turnieren etwas zu lernen, denn nur dort trafen sie auf die besten Fußballer der Welt. Zugleich existierten im Übrigen auch bezüglich der Olympischen Spiele Behinderungen: 1972 beschloss der DTSB, fortan nur noch medaillenträchtige Sportarten zu fördern – und dazu gehörte der Fußball nicht.
Einzige WM-Teilnahme 1974
Doch kurz darauf reichte es zum großen Wurf: Die DDR-Elf überstand die WM-Qualifikation. Bei der Gruppenauslosung zur Vorrunde sorgte ein elfjähriger Schöneberger Sängerknabe für das brisante Duell zwischen Deutschland-Ost und Deutschland-West – und löste damit auf beiden Seiten eine turbulente Debatte aus. DFV-Generalsekretär Günter Schneider beispielsweise musste sich nach seiner Rückkehr von der Auslosung von DTSB-Chef Ewald fragen lassen, warum er das „nicht verhindert“ habe. Ewald überlegte allen Ernstes, aus Angst vor einer Blamage auf die WM zu verzichten, ließ dies aber aus Furcht vor etwaigen Sanktionen der FIFA bleiben.
Die innerdeutsche Begegnung war nicht die einzige politische Pikanterie für die DDR. Kopfzerbrechen bereitete auch der Vorrundengegner Chile. Die Südamerikaner hatten sich nur deshalb für die WM qualifiziert, weil sich Gegner Sowjetunion nach dem Militärputsch in Chile 1973 geweigert hatte, im dortigen Nationalstadion anzutreten – dort waren nach dem Putsch tausende Junta-Gegner gefangen gehalten und gefoltert worden. Die Sowjetunion wurde dafür von der FIFA disqualifiziert, Chile durfte zur WM und sollte zu allem Übel ausgerechnet in Westberlin auf die DDR treffen, in jener Stadt also, deren Zugehörigkeit zur BRD man in Ostberlin stets geleugnet hatte. Dass aus all diesen politischen Stolpersteinen kein WM-Verzicht der DDR resultierte, ist wohl nur durch die große Euphorie über die erstmals gelungene Qualifikation erklärbar.
Am 14. Juni 1974 trat die DDR zu ihrem ersten WM-Spiel an. Gegner im Hamburger Volksparkstadion war Australien. Lediglich 17.000 wollten live dabei sein – die Fangemeinde West interessierte sich offenbar nicht sonderlich für das Abschneiden der Fußballbrüder aus dem Osten. Unter den Zuschauern war auch eine kleine, lediglich 1.500 Köpfe zählende Gruppe von DDR-Fans – im DDR-Sprachgebrauch „Touristen“ genannt. Sie war auf Beschluss des Sekretariats des ZK der SED gen Bundesrepublik geschickt worden, um „unsere Politik des Friedens würdig und offensiv“ zu vertreten sowie „die Fußballmannschaft der DDR politisch und moralisch im Wettkampf aktiv zu unterstützen“.
Die Auswahl der WM-„Touristen“ für die Fahrt ins westdeutsche Bruderland hatte der SED-Führung einiges Kopfzerbrechen bereitet. Akribisch regelte eine ZK-Direktive, wer überhaupt – dank seiner politischen Zuverlässigkeit – dafür in Frage kam; letztlich waren es nur Parteimitglieder. Wer engere Westverwandt105 schaft hatte, fiel übrigens ebenso durch wie alle Ledigen. Ein klares Indiz für die Angst der DDR-Oberen vor einer Absetzbewegung. Über alle Bewerber wurden Fragebögen ausgewertet, und wer schließlich fahren durfte, dem wurden klare Handlungsanweisungen mit auf den Weg gegeben, wie er im Stadion zu jubeln habe: „Die DDR-Touristen verwenden bei ihrer Unterstützung der Sportler den bekannten Zuruf der sportbegeisterten Bürger der DDR: 7-8-9-10-Klasse, und spenden kräftig Beifall.“
Mit einem 2:0-Sieg gegen Australien starteten die Buschner-Schützlinge erfolgreich in die Vorrunde. Vier Tage später konnten sie mit einem 1:1 über Chile vorzeitig den Einzug in die zweite Runde feiern, wodurch das abschließende Gruppenspiel gegen die ebenfalls in Runde zwei stehende Bundesrepublik bedeutungslos geworden war. Das Hamburger Volksparkstadion war mit 62.000 Fans bis auf den letzten Platz gefüllt, als sich eine deutlich motiviertere DDR-Elf gegen die pomadig auftretenden West-Stars mit 1:0 durchsetzte. Für Jürgen Sparwasser, den Schützen des goldenen Tores, hatte die 78. Minute jedoch nicht nur gute Seiten, denn „weil mein Tor im Fernsehen bei jeder passenden, aber eben auch unpassenden Gelegenheit immer wieder gezeigt wurde, haben mich die Menschen plötzlich mit einer Kampagne identifiziert, für die ich nun wirklich nichts konnte“. Während die unterlegenen West-Kollegen in der leichteren Finalgruppe B das Endspiel erreichten, war für die Buschner-Schützlinge in der Finalgruppe A gegen den amtierenden Weltmeister Brasilien, den designierten Vizeweltmeister Niederlande und die aufstrebenden Argentinier vorzeitig Schluss.
Bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal verbuchte eine mit der A-Auswahl nahezu personalgleiche DDR-Mannschaft (die Profiländer hingegen mussten weiterhin Amateurmannschaften stellen) ihren größten Erfolg der Verbandsgeschichte. Im Finale trafen die DDRKicker auf den WM-Dritten Polen. In der von sintflutartigen Regenfällen beeinträchtigten Finalpartie zogen die ganz in Weiß auflaufenden DDR-Kicker noch einmal alle Register ihres Könnens und verließen das Spielfeld als hochverdiente 3:1-Sieger. Es war ihr letzter großer Erfolg. Anschließend scheiterte die DDR-Auswahl sowohl in der Qualifikation zur WM 1978 wie zur EM 1980.
Während die Lebensverhältnisse Mitte der 1970er Jahre durchaus noch zufriedenstellend gewesen waren, hatte sich zwischenzeitlich vieles zum Negativen verändert: Wirtschaftliche Nöte, Versorgungsengpässe, politische Drangsalierung und eine immer mächtiger werdende Stasi trübten die allgemeine Stimmung. Folge im Fußball waren unter anderem geglückte – aber auch fehlgeschlagene – Fluchtversuche von Auswahlkandidaten. Im November 1977 beispielsweise setzten sich die Nachwuchsakteure Norbert Nachtweih und Jürgen Pahl beim Länderspiel in der Türkei ab. Gut drei Jahre später, am 22. Januar 1981, wurden die Dresdner Nationalspieler Gerd Weber, Peter Kotte und Matthias Müller hingegen kurz vor dem Abflug mit der DDR-Nationalmannschaft nach Südamerika wegen Verdachts auf Republikflucht verhaftet und gesperrt.
Auch Lutz Eigendorf, sechsfacher Nationalspieler und Hoffnungsträger vom BFC Dynamo, setzte sich 1979 ab, als sein Verein zu einem Freundschaftsspiel in Kaiserslautern antrat. Er spielte zunächst für die Lauterer, dann für Eintracht Braunschweig und kam am 5. März 1983 bei einem Unfall ums Leben, als sein Auto scheinbar grundlos gegen einen Straßenbaum raste. Bis heute wird gemunkelt, die Stasi habe dabei nachgeholfen. Auch andere politische Umstände wirkten für die DDR-Auswahl als Handicap. Bei allen möglichen Gelegenheiten musste das Team ran, um den Ruhm der DDR zu mehren. Gegner waren neben Länderauswahlen auch Clubmannschaften. Beim heimischen Publikum rutschten die derart benutzten Männer in den blauen Jerseys in der Beliebtheitsskala allmählich ab. Insbesondere in Leipzig, Dresden und Magdeburg wurde häufig schon beim Einlauf der Mannschaft gepfiffen – die Auswahl wurde immer öfter zur gefügigen Repräsentantin des zunehmend verhassteren Regimes abgestempelt.
Die 1980er Jahre avancierten zur wohl tristesten Epoche in 38 Jahren Nationalelf-Geschichte. Die staatliche Förderung konzent107 rierte sich zunehmend auf die Vereinsebene; dazu kam die sportlich ungesunde, einseitige Dominanz des vom Stasi-Chef Erich Mielke protegierten BFC Dynamo, der zum verhassten Serienmeister wurde: Zwischen 1979 und 1988 gewann er zehnmal hintereinander den Titel. Allenfalls die Nachwuchspflege machte noch Hoffnung und zeitigte Erfolge: 1965 und 1970 hatte die Juniorenauswahl bereits das renommierte UEFA-Turnier gewonnen; 1969 und 1973 war sie Zweiter geworden. 1986 schließlich sollte erneut der Europatitel und 1987 Platz drei bei der WM in Chile folgen.
Hintergrund war das weiterhin bis ins kleinste Detail ausgeklügelte Förderungssystem. Talente wurden schon in sehr jungen Jahren in spezielle Trainingszentren geschickt, wo sich rund 150 hauptamtliche Trainer sowie 800 ehrenamtliche Übungsleiter um ihre systematische Förderung bemühten. So umfassend die Schulung dort war – sie warf auch Probleme auf. Durch die exzessive Planung und Überwachung wurden den Jugendlichen beispielsweise keine Möglichkeiten für die Entwicklung einer eigenen Individualität eingeräumt, was sich später höchst negativ im Seniorenbereich auswirkte. Viele Talente blieben dadurch ewige Talente. Was in technisch orientierten Sportarten wie Gewichtheben, Turnen oder manchen Leichtathletik-Disziplinen erfolgreich war, musste im Teamsport Fußball zwangsläufig scheitern.
Mit reichlich Turbulenzen endete derweil die Ära Buschner. Der mit Herzproblemen gesundheitlich angeschlagene Coach hatte für das im November 1981 geplante WM-Qualifikationsspiel gegen Malta seinen Abschied angekündigt, als ihm die DFV-Funktionäre zuvorkamen. 48 Stunden nach der 2:3-Heimniederlage gegen Polen am 10. Oktober 1981 wurde Buschner aus „gesundheitlichen Gründen beurlaubt“. Sein Resümee nach über elf Jahren Auswahlcoach fiel ernüchternd aus: „In der Öffentlichkeit mussten wir stets die Rolle als Repräsentanten der DDR betonen. Dabei wussten wir ganz genau, dass dadurch unser Ansehen beim Publikum sank. Wir waren eine ungeliebte Nationalmannschaft.“
Treuer sportlicher Begleiter der Auswahlelf blieb aber der Misserfolg. In der Qualifikation zur EM 1984 kam das Aus durch zwei 1:2-Niederlagen gegen Belgien (Kommentar des Belgiers Jan Ceulemans: „Die DDR-Mannschaft wirkte in ihrer Spielauffassung geradezu altmodisch“), und bald schon drohte die DDR gar in die Drittklassigkeit abzurutschen. Auch für die folgenden Turniere – WM 1986 und EM 1988 – konnte sie sich nicht qualifizieren. Dazu kamen diverse Enttäuschungen außersportlicher Art. Kaum hatte sich die Olympiaauswahl beispielsweise für die 1984er-Spiele von Los Angeles qualifiziert, musste sie sich gezwungenermaßen dem Olympiaboykott der Sowjetunion anschließen und statt in die USA zu einer Gastspielreise ans Schwarze Meer fahren.
Das Ende
Ende der 1980er Jahre wurden die Defizite des DDR-Fußballs auf internationaler Ebene immer deutlicher. Abonnementsmeister BFC Dynamo flog im Europapokal regelmäßig frühzeitig raus, das Auswahlteam blieb schwach, und die Eingriffe der DDR-Sportführung häuften sich. Das hatte vor allem mit einem Mann zu tun: Wolfgang Spitzner. 1987 hatte der Militärwissenschaftler den Posten des verstorbenen DFV-Generalsekretärs Karl Zimmermann übernommen und eine Rückkehr zur eher chaotischen Verbandspolitik eingeleitet. So auch im Nationalteam.
Nach der peinlichen 0:5-Schlappe des BFC Dynamo im Europapokal bei Werder Bremen beispielsweise wurde Auswahlcoach Bernd Stange aufgetragen, beim Länderspiel gegen Island auf die BFC-Akteure zu verzichten, was jener entrüstet zurückgewiesen hatte: „Ich verzichte doch nicht freiwillig auf Stammspieler.“
Daraus eine politisch widerborstige Haltung zu schließen, wäre falsch. Stange berichtete, wie Fußballhistoriker Altendorfer dokumentiert, als „IM Kurt Wegner“ eifrig an die Stasi. Unter anderem wurde er beauftragt, den 1979 in den Westen geflohenen Trainerkollegen Jörg Berger auszuhorchen; die Stasi schnitt das Telefongespräch mit. Berger über die Affäre: „Stange hatte denunziert und verraten, Menschen, die ihm nahestanden, möglicherweise in Gefahr gebracht, um daraus persönliche Vorteile zu ziehen. Dadurch war er wohl auch Nationaltrainer geworden.“
Absurd wird die Angelegenheit dadurch, dass Stange selbst bespitzelt wurde – durch seinen späteren Nachfolger Manfred „Zappel“ Zapf, seines Zeichens SED-Funktionär und Informeller Mitarbeiter der Stasi. Als Auswahl-Coach war Zapf fachlich jedoch ein fataler Fehlgriff. „Er sprach uns mit ,Genosse‘ an. Für uns war er ein Anti-Trainer, der selbst kaum in einen Trainingsanzug passte“, erinnerte sich Matthias Döschner. Das Interesse der Spieler, unter Zapf im Auswahlteam zu spielen, ging spürbar zurück. Viele Akteure meldeten sich kurz vor den Länderspielen krank, und sportlich ging es weiter steil bergab. Im April 1989 beispielsweise handelte sich Zapf vor dem WM-Qualifikationsspiel in der UdSSR gleich acht krankheitsbedingte Absagen ein und kassierte mit seinem Team in Kiew eine 0:3-Pleite.
Mahnende und warnende Worte konnten, wie in vielen Bereichen in der DDR jener Tage, böse Folgen haben. So wurde etwa der Berliner Nationalspieler Frank Rohde gerügt, weil er gefordert hatte: „Die guten und sehr guten Spieler unserer Republik müssen in den europäischen Spitzenclubs spielen, will die DDR auf Auswahlebene Erfolge erringen.“
Als man sechs Monate später zum Rückspiel gegen die Sowjetunion antrat, hatte sich die Welt verändert. Nach dem Debakel von Kiew war Dynamo Dresdens Erfolgstrainer Eduard Geyer als Auswahlcoach installiert worden. Zwei Jahre zuvor hatte Geyer seine jahrelange Stasi- Mitarbeit als „IM Jahn“ beendet. Die Staatsorgane hatten ihn anwerben können, nachdem sie ihn 1971 als Dynamo-Dresden-Spieler bei einem „Fehltritt“ erwischt hatten: Bei einer Europapokal-Begegnung in Amsterdam hatte es Geyer zusammen mit dem deutschen Ajax-Spieler Horst Blankenburg feuchtfröhlich krachen lassen und war erst gegen drei Uhr früh ins Mannschaftshotel getaumelt. Diese Art Völkerverständigung war nichts für die Stasi. Sie drohte dem Spieler mit einem Ende seiner Karriere und „überzeugte“ ihn so von der Kooperation.
Karriere machte Geyer dann vor allem als gestrenger Trainer. Auch als Nationalcoach ließ er seine berüchtigte „eiserne Hand“ walten. Erfolgreich, denn einem 1:1 gegen Österreich war ein 3:0 in Island gefolgt, das die WM-Hoffnungen wiederbelebt hatte. Dann jedoch geriet der Fußball zur Nebensache, verdrängten die berühmten Mon110 tagsdemos alle bisherigen Sorgen und Hoffnungen und öffneten schlussendlich Spielern wie Fans die Mauer.
Während die Geyer-Schützlinge in Karl-Marx-Stadt einen glücklichen 2:1-Sieg über die Sowjetunion errangen (Thom in der 80. und Sammer in der 82. Minute drehten den zwischenzeitlichen 0:1-Rückstand), erläuterte Günter Schabowski via TV die neue Ausreiseregelung und löste damit einen Reiseboom aus. Während die Spitzenspieler sofort von Westvereinen umgarnt wurden, nutzten die Fans die Gelegenheit und schauten sich im westlichen Ausland um.
Beinah noch eine deutsch-deutsche Revanche
Zum nächsten und zugleich letzten Qualifikationsspiel am 15. November 1989 gegen Österreich reisten Tausende von DDR-Fans ungehindert in ihren Trabis und Wartburgs nach Wien und demonstrierten eindrucksvoll, dass ihnen doch etwas an „ihrem“ Kollektiv lag. Die fröhliche Stimmung auf den Tribünen des Wiener Praterstadions wurde aber bald getrübt. Schon nach zwei Minuten versetzte Toni Polster seinen Gegenspieler Ernst Lindner und erzielte das 1:0 für die Österreicher, die schließlich als 3:0-Sieger vom Platz gingen und damit das WM-Ticket buchten. Es war das letzte Pflichtspiel einer DDR-Nationalmannschaft.
Dass ihre Geschichte mit einer Niederlage endete, hatte wohl auch mit dem plötzlichen Umbruch der politischen Verhältnisse zu tun. Eine Fokussierung auf den Sport war da schwierig. Für Nationalspieler Matthias Sammer waren „diese gedanklichen Veränderungen einfach zu viel. Wir haben uns gefragt, was das bedeutet. Die Geschichte hat damals etwas so Gewaltiges getan, das lässt sich nicht mit einem Fußballspiel lösen.“
Zum Ende hätte es beinahe noch ein denkwürdiges Abschiedsspiel gegeben: Für die Qualifikation zur EM 1992 wurden im Februar 1990 Bundesrepublik und DDR in eine Gruppe gelost. „Wir gegen uns – so ein Quatsch“, zeterte die Bild empört und konnte sich wenig später beruhigen, denn es kam nicht mehr zur Revanche von 1974. Am 21. November 1990 löste sich der DFV auf und trat als „Nordostdeutscher Fußball-Verband“ dem DFB bei.
bpb Buchcover Politik im Spiel
Der bpb-Schriftenreiheband "Politik im Spiel" von Dietrich Schulze Marmeling und Bernd-M. Beyer, dem der nebenstehende Text entnommen ist (SR 11382).
Der bpb-Schriftenreiheband "Politik im Spiel" von Dietrich Schulze Marmeling und Bernd-M. Beyer, dem der nebenstehende Text entnommen ist (SR 11382).
Zitierweise: Hardy Grüne, „Die Trainer der SED. Die politische Geschichte der DDR-Nationalmannschaft", in: Deutschland Archiv vom 4.7.2026. Link: www.bpb.de/579368. Dieser Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung des Verlags "edition einwurf" in Rastede dem 2026 in der bpb-Schriftenreihe erschienenen Buch von Dietrich Schulz-Marmeling und Bernd-M. Beyer entnommen Interner Link: „Politik im Spiel“ (SR 11382). Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Reiner Schneider: Interner Link: 2:2 gegen den Bundestag. Als 1990 erstmals Volkskammer- und Bundestagsabgeordnete gegeneinander kickten, DA vom 17.7.2020.
Hardy Grüne, Jahrgang 1962, freier Autor und Publizist, lebt in der Nähe von Göttingen. Der Fußballexperte hat sich mit zahlreichen Veröffentlichungen einen Namen gemacht als Koryphäe insbesondere für die Geschichte des deutschen Fußballs und seiner Vereine. Außerdem ist er Mitherausgeber von „Zeitspiel“, dem „Magazin für Fußball-Zeitgeschichte“.