Michel FriedmanMoritz Baumstieger und Alexander Gorkow
/ 15 Minuten zu lesen
Link kopieren
Es war ein nachdenklich stimmendes Hin und Her. Am 26. August 2026 wird im Bayreuther Festspielhaus der Jurist und Publizist Michel Friedman bei einer Gedenkveranstaltung der Bayreuther Festspiele mit dem Titel "Verstummte Stimmen" einen Vortrag halten, einen Tag nach der Eröffnung der Jubiläumsausgabe zum 150-jährigen Festspiel-Bestehen. Friedman spricht laut Programm "Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse". Sein Anliegen beschrieb Friedman in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung im Juni 2026, nachstehend Auszüge daraus.
Michel Friedman war im Juni 2026 zunächst als Redner wieder ausgeladen worden, aus „Sicherheitsbedenken“ wurde sein ursprünglich geplanter Auftritt im Juni 2026 abgesagt – auf jenem Grünen Hügel, wo seit 1876 die Musik des bekennenden Antisemiten Richard Wagner und dann auch die NS-Ideologie und Adolf Hitler persönlich das Kraftfeld bildeten. Winifred Marjorie Wagner, die Schwiegertochter des Komponisten und Festspielleiterin während der NS-Jahre, bekannte noch 1975: „Wenn Hitler heute hier zur Tür reinkäme, ich wäre genauso fröhlich und so glücklich, ihn hier zu sehen und zu haben, als wie immer.“ Im Rahmenprogramm der Externer Link: Bayreuther Gedenkveranstaltung werden Kompositionen von Gustav Mahler und Richard Wagner gespielt, der ein offener Antisemit war, sowie von Pavel Haas, der tschechische Komponist wurde 1941 in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert, bevor er 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet wurde.
Das folgende (hier leicht eingekürzte) Gespräch mit Michel Friedman führten Moritz Baumstieger und Alexander Gorkow von der Süddeutschen Zeitung:
Moritz Baumstieger und Alexander Gorkow: Herr Friedman, wenn man die Schrift „Das Judenthum in der Musik“ von Richard Wagner kennt, wieso möchte man dann ...
Michel Friedman: ... wieso möchte ich dann als Jude auf dem Grünen Hügel reden?
Genau die Frage habe ich mir gestellt. Antwort: Damit die Antisemitismusgeschichte der Familie Wagner nicht das letzte Wort hat. Ich habe mich jahrzehntelang dagegen entschieden, an der ganzen Sache in Bayreuth teilzunehmen. Gar nicht wegen der Frage, inwieweit Wagner dem Vorgehen Hitlers Brücken gebaut hat, sondern ausschließlich wegen dieser Schrift, die Sie erwähnen. Es ist einer der antisemitischsten Texte, die je geschrieben wurden. Keine Frage, dass wir es hier mit einem Komponisten – vielleicht einem Komponistengenie – zu tun haben, der in seinem Innersten ein Judenhasser war, der gewalttätige Fantasien zur Lösung dieses „Problems“ entwickelt hat. Einem solchen Musiker die Ehre zu geben, an einem Ort, der sich jahrzehntelang kaum um Selbstaufklärung bei diesem Thema bemüht hat – das hat lange eine doppelte Verneinung bei mir hervorgerufen.
Die Musik hätte Sie nicht abgeschreckt? Die Jüdin Rachel Salamander sagte mal in Bezug auf die „Meistersinger“ und Wagner: „Wieso soll ich mich mit diesem Butzenscheibenantisemiten befassen, wenn ich Mendelssohn habe?“
Ich finde das, was Rachel Salamander sagt, sehr schön und nachvollziehbar. Diese Musik ohne diesen antisemitischen Hintergrund zu goutieren, als genial zu definieren, das wäre für mich eine Herausforderung wie bei jedem anderen Komponisten. Bei Wagner kommt hinzu, dass er mit seinen Schriften geistige Brandstiftung betrieben und das Verhältnis zum Judentum vergiftet hat.
Keine Trennung zwischen Werk und Autor also in diesem Fall.
Die Unterscheidung zwischen Künstlerinnen und Künstlern, ihren Biografien, ihren politischen Haltungen einerseits und den Werken, die sie in die Welt bringen und in denen diese Elemente nicht erkennbar sind andererseits, das ist etwas, das wir als liberale Gesellschaft ernst nehmen und verhandeln müssen. Meine Offenheit würde da enden, wo ein Theaterstück oder ein Libretto antisemitische Haltungen eins zu eins in Musik, Text oder Spiel sichtbar macht – wo die Kunst insgesamt zur Propaganda, zum Hass benutzt wird.
Wenn es etwa die Karikatur eines Juden gäbe, wie die Figur des Sixtus Beckmesser in den „Meistersingern“, wenn es wie in „Nathan der Weise“ …
… nein, so einfach ist es auch wieder nicht. Die Frage ist dann, wie geht man in einem Stück um mit einer Figur, die antisemitisch beschrieben wird? Wie wird dieser Antisemitismus künstlerisch gelebt, bespielt, dargestellt? Antisemitische Tropen stecken in unendlich vielen Werken der Kultur des christlichen Abendlandes, ganz einfach wegen dieses religiösen Ur-Narrativs: „Die Juden haben Jesus umgebracht.“ Der Anti-Judaismus des Christentums ist der Anfang vom Judenhass. Das sind die ersten globalen Fake News! Und durch ihre Bots – die Missionare – wurde sie in die ganze Welt getragen und ist sowohl in die religiöse antijudaistische Propaganda eingeflossen als auch dann in die kulturelle und gesellschaftliche Verinnerlichung. Adorno hat zu Recht beschrieben, dass der Judenhass „das Gerücht über die Juden“ ist. Wenn solche Phänomenologien dann künstlerisch bearbeitet werden, sollte es selbstverständlich sein, den Antisemitismus von der Bühne aus zu entlarven. Es gibt in vielen Stücken antisemitische Narrative.
„Der Kaufmann von Venedig“, „Nathan der Weise“ ...
Bei der großen Debatte 1985 um Rainer Werner Fassbinders „Der Müll, die Stadt und der Tod“ habe ich gesagt, das Stück darf nicht auf die Bühne. Warum? Alle Vorurteile und Gerüchte über Juden waren da versammelt, aber – und das war entscheidend – nie gab es im Stück Widerspruch gegen diese Erzählungen. Die Figur heißt bei Fassbinder „der reiche Jude“. Stereotypisiert. Was Theater machen muss, was Texte machen müssen, ist damals ausgeblieben: einen Konflikt dialektisch zu verhandeln, sich zu streiten und zu diskutieren.
In Bayreuth nun wäre es aber wohl kaum um Wagners Opern gegangen.
Richtig. Als ich im September 2025 für den Juli 2026 angefragt wurde, ging es um eine geplante konzertante Aufführung. Das gute Argument von Katharina Wagner: Wir wollen verstummte Stimmen in den Mittelpunkt stellen. Wir haben Künstlern und Künstlerinnen jüdischen Glaubens, die bei uns auf dem Hügel gewirkt haben und die umgebracht wurden, Denkmäler gesetzt. Dieser Teil unserer Geschichte hier in Bayreuth ist sichtbar geworden, seit 2015 auch in einer Dauerausstellung. Und um unsere Ernsthaftigkeit zu beweisen, wollen wir jetzt im Jubiläumsjahr, dass der Erlös des Konzertes israelischen Musikern und Musikerinnen zugutekommt. Das hat mich beeindruckt. Denn: Aus der Erfahrung der BDS-Dynamik der vergangenen Jahre – wo nicht nur Israelis, sondern bald generell Juden boykottiert wurden und werden – wäre das ein Signal gewesen. Und so habe ich eine Chance gesehen: mit einer Reflexion über solche Fragen zu reden – gerade dort, wo bisher solche Themen eher verdrängt wurden.[...]
Wagner war glühender Antisemit, aber vor allem seine Erben und die Bayreuther Gesellschaft auf dem Hügel besorgten anschließend den rasenden Einfluss auf den Nationalsozialismus ...
... eine wichtige Bemerkung.
Sie würden in Bayreuth also mehr über die Erben Wagners als über Wagner sprechen?
Ich hatte mir die Vorstellung von einem Ort gemacht, den Hitler liebte, an dem er geliebt wurde, an den er sich privat zur Erbauung und Erholung zurückzog, der hier sogenannte „Onkel Wolf“. Ein Ort, an dem der Komponist und seine Nachfahren gewalttätigen Judenhass transportierten, organisierten und salonfähig machten. Der Judenhass strahlt leuchtend hell bis in unsere deutsche Gegenwart hinein – es ist genau dieses deutsche Bürgertum, dieses deutsche Großbürgertum, das hier verantwortlich die moralischen Kategorien verändert. Ich wollte mich auf eine Konfrontation einlassen, um eine Reflexion zu ermöglichen. Gerade auch in Anbetracht der Zeit nach dem 7. Oktober 2023, in der ein Großteil des Bürgertums sich von seinen Floskeln „Nie wieder, wehret den Anfängen!“ noch schneller verabschiedet hatte, als man sich umdrehen kann.
Der jüdische, aus Kanada stammende Pianist Chilly Gonzales hat einen „F*ck Wagner“-Song aufgenommen und plädiert für eine Umbenennung der Kölner Richard-Wagner-Straße in Tina-Turner-Straße. Eher albern?
Nein, nicht albern. Ich plädiere zwar für die Trennung von Werk und Autor – aber das ändert nichts daran, dass Wagner kein Vorbild sein kann in Deutschland. Hier geht es nicht um eine „Parsifal“-Straße, sondern um eine Wagner-Straße. Ich finde es erschütternd, dass ein bekennender Antisemit, der seine Anschauung in Schriften niedergelegt hat, als Namenspate für Straßen überhaupt infrage kommt. Jetzt zu begründen: „Aber das ist gar nicht der Fall, wir haben das getan, um einen der größten deutschsprachigen Komponisten zu ehren“? Wer hat denn entschieden, wie diese Straßen, wie diese Universitäten benannt werden nach 1945? Menschen, die aus der nationalsozialistischen Zeit kamen. Die – im besten Fall – ein wenig zur Indifferenz neigten, wenn Sie mir die Ironie erlauben. Die nun sagten: „Den Wagner lassen wir uns nun nicht auch noch nehmen!“ Und siehe: Die Straßennamen halten bis heute. In München gleich hinter dem belasteten Königsplatz: die Richard-Wagner-Straße.
Auf die große Diskussion um staatlich geförderten Antisemitismus bei der Documenta Fifteen folgte 2023 kein Wort der Diskussion um die staatliche Förderung der Festspiele zu Ehren des Antisemiten Richard Wagner.
Bei der Documenta ging es um Künstler aus dem sogenannten Globalen Süden – gegen die tat man sich leicht, die Stimme zu erheben. Wagner aber gilt als deutsche Leitkultur. Die Festspiele waren zudem immer eine Veranstaltung der Eliten. Wenn ich das Thema wirklich ernst nehme, muss ich sagen: Meine Freunde, meine Generation, die haben hier in Bezug auf Wagner und Bayreuth versagt.
Den Umgang mit dem Erbe Wagners finden Sie so verstörend wie das Erbe selbst?
Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert. Wagner streute das Gift, in den Dreißigerjahren brachte man es in Bayreuth noch tiefer in den Boden ein, und mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist hier nichts aufgeräumt worden. Ich habe mir lange überlegt: Kannst du da die richtigen Worte finden?
Was hätten Sie denn nun gesagt in Ihrer Festrede?
Vieles, was ich an Gedanken habe, haben wir schon angesprochen. Und ich hätte die Frage gestellt: Wovor hatte die Familie Wagner eigentlich all die Jahrzehnte Angst, dass sie sich mit dem Thema Judenhass so schwergetan hat?
Noch 1975 vermisste Wagners Schwiegertochter Winifred den von ihr weiterhin geliebten Adolf Hitler, sie sagte damals, sie wäre „fröhlich und glücklich“, ihn noch mal zur Tür hereinkommen zu sehen.
Und allein deswegen kann sich ja niemand, der all diese Jahrzehnte – Winifred Wagner starb erst 1980! – die Festspiele rituell besuchte, heute exkulpieren. Man wusste, wessen Geistes Kind die Veranstalter waren, mit denen man sich gemein macht.
Katharina Wagner hat hier nun in Amtsführung und Äußerungen sehr konkret andere Akzente gesetzt.
Da gebe ich Ihnen vollkommen recht, das ist unbedingt zu würdigen. Umso mehr war die Anfrage im vergangenen Jahr für mich ein weiterer Baustein. Dass sich Bayreuth am Tag des Jubiläums mit dieser Veranstaltung positionieren möchte – gegen Judenhass, der am Ende der Geschichte immer Menschenhass war und ist. In Bayreuth trifft sich jedes Jahr die Crème de la Crème der deutschen Politik und Gesellschaft. Dieses Publikum hätte ich also gefragt: „Sie wissen, dass Sie auf einem vergifteten Boden die Opern eines menschenverachtenden Komponisten anhören. Dass Sie diese Opern genießen, was nicht schwer ist, denn dass Wagner ein musikalisches Genie war, wer würde das am Ende ernsthaft bezweifeln? Aber: Sie nehmen auch an einem exhibitionistischen Defilee teil, um genau hier abgelichtet und gesehen zu werden? Warum?“
Gab es inhaltliche Vorgaben aus Bayreuth?
Nein! Frau Wagner und ich haben uns nach ihrem sehr netten Anschreiben, ihrer Einladung im vergangenen Jahr darauf geeinigt: Ich sage, was ich sagen will.
Haben Sie den Eindruck, dass man sich in Bayreuth dem dann [zunächst] doch nicht stellen wollte?
Ich unterstelle niemandem nichts.
Wegen „Sicherheitsbedenken“ werden inzwischen etliche Veranstaltungen mit jüdischen oder eben israelischen Beteiligten abgesagt in Deutschland. Sie selbst wurden im September vergangenen Jahres in Klütz ausgeladen ...
... das alles ist der Offenbarungseid. Wenn Sicherheitsprobleme auftauchen, hat der Staat diese Sicherheitsprobleme zu lösen! Veranstaltungen deswegen abzusagen – das ist die Erosion unserer Demokratie. Je öfter du das machst, desto mehr hat der Druck der Straße gewonnen. Es ist aber auch ein Offenbarungseid seit Jahrzehnten, dass man Konflikte, die hart sind, vermeiden möchte. Und auf die, wie ich finde, sogar etwas anmaßende Befürchtung, dass etwa Linksextremisten, radikale Muslime oder sonst wer auf den Grünen Hügel in Bayreuth zumarschieren, um eine Veranstaltung zu sprengen, bei der Michel Friedman redet, gibt es eine ganz einfache Antwort: Dann sichert diese Veranstaltung. Und spart euch alle Sonntagsreden!
In Bayreuth befürchtet man im Zweifel wohl eher Protest aus dem linken als aus dem rechten Lager, der Wiener Autor Richard Schuberth beschreibt in seinem brillanten Essay „Vom Antisemitismus, der keiner sein will“ den gegenwärtigen Antisemitismus als einen, der „von den Rechten zu den Gerechten“ gewandert ist.
Sollen wir uns ihm, komme er von rechts oder links, also beugen?
Wissen Sie eigentlich, wie der erste künstlerische Leiter der Wagner-Festspiele hieß?
Nein.
Er hieß Hermann Levi, war Dirigent – und Jude. Er leitete auch die Uraufführung des „Parsifal“. Wagner drängte ihn, zum Katholizismus zu konvertieren.
Interessant, weil Wagner ja davon ausging in seiner Schrift, dass Juden die Tiefe der Musik gar nicht empfinden können. Und hier sind wir mitten in der Rassentheorie. Wagner war ein Avantgardist dessen, was mit „Mein Kampf“ dann verfeinert wurde, wenn man das Wort verfeinern gebrauchen möchte.
Wirklich in die Erinnerungskultur eingegangen ist das mit Hermann Levi nicht.
Erinnerungskultur ist schon als Begriff eine Nebelkerze, die uns entlasten soll. Wenn man ihn verwendet, muss man ihn sauber verwenden. Er ist definiert mit dem kommunikativen Gedächtnis – und vor allem auch: mit Inhalten, die erinnert werden. Aber die Nazigeneration hat kaum etwas erzählt, die Kinder haben kaum etwas gehört, den Enkelkindern wird auch nichts erzählt. Wenn es also eine deutsche Erinnerungskultur gäbe, dann ist sie ein schwarzes Loch. Mit Ausnahme von Millionen Menschen, die sich seit Jahrzehnten in der Erinnerungsarbeit engagieren! Deswegen: Es gibt eine Kultur des Erinnerns. Das ist aber was ganz anderes. Und ich behaupte auch, dass einer der Gründe, warum Empathie in unserem Land bei gestrandeten Walen vollkommen positiv eskaliert, dass aber die Menschen, die jetzt gerade im Mittelmeer sterben, überhaupt keine Empathie abbekommen – dass diese mangelnde Empathie damit zu tun hat, dass das Kellergeschoss der Familiengeschichten nie gebaut wurde. Man hat das Gefühl: Dieses deutsche Haus, von dem wir reden, es steht auf schwankendem Boden.
Hat die Indifferenz, die oft unverhohlene Freude auf Straßen und in Universitäten auch in Deutschland nach dem 7. Oktober mit diesem fehlenden Kellergeschoss zu tun?
Die Indifferenz hat damit sogar bestimmt zu tun. Fällt das Wort „Jude“, ist das wie ein elektrischer Schlag, der viele Deutsche bis heute daran erinnert, dass sie ihre emotionalen Hausaufgaben nie gemacht haben. Und ich frage Sie – wo sind auch hier die Eliten?
Inwiefern?
Wer von den großen, bekannten, etwa politischen Persönlichkeiten hat denn erzählt? Kennen Sie die Familiengeschichten unserer Kanzler? Nein. Schweigen.
Willy Brandt …
... Willy Brandt, ja, er und seine Familie waren im Widerstand in Norwegen, das war bekannt, und er und seine Familie bezahlten für ihre Offenheit damals mit dem sehr, sehr schlimmen Vorwurf aus Politik und Presse: „Vaterlandsverräter“! Und sonst: Was wissen wir denn über die Differenzen und Indifferenzen in den Familien unserer Kanzler? Und wieso erfahren wir erst so spät und plötzlich von Grass und der Waffen-SS? Denken Sie an den durch die Paulskirche schreienden Martin Walser: „Ich will diese Moralkeule nicht mehr!“ Der Jude ist ein ständiger Impuls: Freund, da ist noch etwas zu bearbeiten. Wir haben Wissen erworben, sind in Kinos gegangen, waren in Bibliotheken. Aber Geschichte ist am Ende auch Familiengeschichte. Und bei der wird dann deutlich, dass man sich kräftig belügt. Denn wenn ein Ereignis, eine Person, eine Provokation oder eine alte Nazi-Geschichte vor uns steht, merken wir, dass unsere eigentliche Haltung und wie wir uns dazu verhalten, nicht emotional und kognitiv synchron laufen.
Wie beurteilen Sie die nun veröffentlichten NSDAP-Mitgliedskarteien? Sie sagen wenig über den jeweiligen Kontext, belegen aber immerhin schwarz auf weiß, dass dieses Volk keines von Widerstandskämpfern war.
Im Jahre 2026 erfahren wir also: Der Urgroßvater, oder wer auch immer, war Mitglied der NSDAP. Nur: Der, der das jetzt erfährt, kann den Urgroßvater nicht mehr fragen. Ich bin glücklich über jeden Strohhalm – aber die Diskussion erreicht nun die meisten Familien zu einem Zeitpunkt, an dem fast alle tot sind. Einige von den jungen Menschen, die jetzt etwas über ihre Vorfahren lesen, werden vielleicht weiter forschen. Nur die wichtigste Frage – und jetzt sind wir bei der Empathie, bei der emotionalen Intelligenz: Solche Ereignisse in irgendeiner Form wirklich zu materialisieren, das ist einfach nicht möglich ohne das lebende Gegenüber.
Die Rechtspopulisten eilen von Umfragerekord zu Umfragerekord. Droht dem Haus ohne Kellergeschoss bald ein Sturm, der ihm auch das Dach abrasiert?
Wir haben 200.000 Jahre Menschheitsgeschichte, die Erfahrung von Freiheit, von Demokratie, von Rechtsstaat, von Emanzipation, von Selbstbestimmung ist gerade mal 250 Jahre lang – und das auch nicht überall.
Haben wir uns etwas überschätzt? Als Gattung?
Ja, vielleicht haben wir uns überschätzt, als wir behauptet haben, wir seien Demokraten? Die Frage ist legitim. Vielleicht ist diese Verwurzelung also gar nicht vorhanden? Vielleicht sind wir Hochstaplerdemokraten, die jetzt, wo wir angegriffen werden, merken, dass unser Wissen, dass unser Engagement gar nicht zu unserer Kernidentität geworden ist?
Und nun?
Genau: Und nun. Und nun dringt wieder der Gedanke „Autoritäres Leben ist sichereres Leben, ist besseres Leben“ ein. Auf den Spruch von Ernst Cassirer, „Die Kruste der Zivilisation ist dünn“, konnte ich bislang antworten: Die Bundesrepublik Deutschland hat demokratische Strukturen aufgebaut. Das ist die erste Voraussetzung, warum ich hier als Jude leben kann. Zuletzt frage ich mich aber, wie tief diese im kollektiven Bewusstsein verankert sind. Wer ist denn derzeit bereit, dafür zu kämpfen? Was meinen Sie?
Schwer zu sagen.
Exakt.
Konkret gefragt: Ab wie vielen AfD-Ministerpräsidenten wird Ihnen das Leben in Deutschland nicht mehr möglich sein?
Ich bin heute da und tue alles, damit die AfD – die die Republik und die Demokratie zerstören will – nicht an die Macht kommt. Der Judenhass ist ja immer nur ein kleiner Ausschnitt. Und ich nenne die auch übrigens nicht mehr Rechtsextreme, weil ich gelernt habe: Wenn ich von Rechtsextremen spreche, sagen alle, „es geht nur um die Minderheiten“. Ich nenne sie Antidemokraten. Sie vernichten die Verfassung und diese Republik. Das letzte Wort ist nicht gesprochen – das wäre es auch nicht, wenn die Partei mit einem Ministerpräsidenten erstmals Exekutivmacht erringt. Das letzte Wort spricht die Gesellschaft in der Bundestagswahl – nach heutigem Stand also Anfang 2029. Mindestens bis dahin sage ich: Freut euch darauf, dass ich mit meinem Vertreterköfferchen unterwegs bin und für eines der menschlichsten Bücher werbe, die geschrieben worden sind – das Deutsche Grundgesetz.
Sie und das Grundgesetz werden es allein nicht richten.
Aber wir sind nicht hilflos. Sage keiner: Wir haben es nicht gewusst. Die AfD ist ehrlich. Sie schreibt bereits jetzt alles auf, was sie zu tun gedenkt, sie schreit es durch alle Kanäle, sie bedroht die Leute, die ihr nicht passen, ins Gesicht. Alles liegt offen vor uns.
Wo leben Sie, wenn in ein paar Jahren die AfD ...
Diese Frage stelle ich mir heute nicht.
... heute?
Ja, heute! Weil diese Frage für mich den weiteren Erfolg der AfD antizipiert. Ich jedenfalls kann nur in einem freien, demokratischen Rechtsstaat leben. Nicht nur, weil ich Jude bin. Sondern, weil ich meine Klappe nicht halten kann und will. Diesen Schutzraum gibt mir nur die Demokratie. Haben Sie sich vor zehn Jahren eigentlich vorstellen können, dass man diese Frage, die Sie da eben stellten, mal wirklich ernsthaft stellen wird? Sie hätten mich für neurotisch gehalten, wenn ich Ihnen diese Frage gestellt hätte.
Ihr Vortrag in Bayreuth ist offenbar Geschichte. Das kommt uns gerade wie eine schwarze Pointe im Deutschland des Jahres 2026 vor. Mal so gefragt: Wie geht es Ihnen?
Ich bin traurig, aber nicht depressiv. Ich bin verzweifelt, aber nicht ohne Zuversicht. Man möchte aufgeben, oft. Und dann habe ich den Oskar Schindler im Rücken, der meine Familie gerettet hat ...
Und der war kein perfekter Mensch. Wer ist ein perfekter Mensch? Aber Schindler, der viele, viele Juden gerettet hat, ruft uns allen zu: „Aufgeben? Seid ihr verrückt?“ Jeder weiß, dass Schindler kein Heiliger war, aber er hat im entscheidenden Moment eine richtige Entscheidung getroffen. Diese Entscheidung hat die Welt verändert. Sehr sicher die Welt meiner Familie und von tausend weiteren Familien. Und deswegen verspüre ich so etwas wie die Unmöglichkeit, aufzugeben.
Okay.
Und erlauben Sie mir zum Schluss bitte eine Frage? An Sie beide, womöglich an Ihre Leserinnen und Leser.
Bitte.
Sie, was machen Sie, wenn die AfD zur nächsten Bundesregierung gehört? Bleiben Sie im Land mit Ihren Kindern?
Katharina Wagner, künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, lud Friedman nun doch nach Bayreuth ein. Zwar seien 150 Jahre Festspielgeschichte ein Grund zum Feiern. „Zugleich bin ich mir der kritischen Geschichte bewusst, die dieses Haus und die Familie Wagner mit sich bringen. Ich erwarte eine sehr kritische Rede von Herrn Friedman. Wenn ich es nur cosy haben wollte, hätte ich ihn nicht eingeladen.“ (Quelle: SZ).
Katharina Wagner, künstlerische Leiterin und Geschäftsführerin der Bayreuther Festspiele, lud Friedman nun doch nach Bayreuth ein. Zwar seien 150 Jahre Festspielgeschichte ein Grund zum Feiern. „Zugleich bin ich mir der kritischen Geschichte bewusst, die dieses Haus und die Familie Wagner mit sich bringen. Ich erwarte eine sehr kritische Rede von Herrn Friedman. Wenn ich es nur cosy haben wollte, hätte ich ihn nicht eingeladen.“ (Quelle: SZ).
Nachbemerkung der DA-Redaktion: Michel Friedmans Interview vom 16. Juni 2026 hatte Folgen. Schon zwei Tage später nahm die Intendantin und Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner seine Ausladung zurück und entschuldigte sich:Externer Link: "Eine reine Jubelfeier wäre für mich unerträglich". Am 3. Juli folgte ein Interview auch mit ihr in der Süddeutschen Zeitung: „Externer Link: Dass Hitler Wagner liebte, das bestreitet hier niemand“. Sie sehe es auch als ihre Aufgabe, "mit und über die Kunst einen Beitrag zur Aufarbeitung zu leisten.“ Seitdem steht Friedmans Name wieder im Externer Link: Festspiel-Programm: "Gedenkrede Prof. Dr. jur. Dr. phil. Michel Friedman: „Über Bayreuth, über Deutschland. Versuch einer Gesellschaftsanalyse“, angekündigt für Sonntag den 26. Juli 2026 im Festspielhaus Bayreuth.
Zitierweise: Michel Friedman interviewt von Moritz Baumstieger und Alexander Gorkow, „Der Boden in Bayreuth ist kontaminiert“, in: Deutschland Archiv, 20.07.2026. Link: www.bpb.de/579721. Erstveröffentlicht in der Externer Link: Süddeutschen Zeitung vom 16.6.2026 und dokumentiert im DA mit freundlicher Genehmigung der SZ. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.
Julien Michel Friedman ist ein deutsch-französischer Publizist, Jurist, Philosoph und früherer Unions-Politiker. Von 1994 bis 1996 gehörte er dem CDU-Bundesvorstand an. Er war von 2000 bis 2003 stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland und Herausgeber der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine. Kaum ein Mitglied seiner Familie überlebte unter den Nationalsozialisten den Holocaust; fast alle kamen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ums Leben. Einzig seine Eltern und seine Großmutter. die im Ghetto Krakau interniert wurden, konnten durch den sudetendeutschen Unternehmer Oskar Schindler über eine Liste als „Schindlerjuden“ gerettet werden.