Helmut Kohls Schulterzucken
Was Ost und West noch immer trennt. Eine Betrachtung.
Thomas Bärsch
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Bald 36 Jahre nach der Einheit tickt (und wählt) der Osten noch immer anders. Dabei läge es nahe, dass sich die Deutschen in Ost und West eigentlich alljährlich am 3. Oktober einander jubelnd in die Arme fallen. Tun sie aber nicht. Über die Langzeitfolgen eines Beitritts, der als Vereinigung gefeiert wird - und der die Stimmung im Land bis heute mit prägt.
Beim nächsten Jahrestag der Deutschen Einheit, im Oktober 2026 wird sich das Gesicht der Bundesrepublik womöglich dramatisch gewandelt haben. Dann könnte in gleich zwei ostdeutschen Bundesländern eine Partei regieren, die – obgleich demokratisch gewählt – wegen mutmaßlicher Verfassungsfeindlichkeit unter Beobachtung steht. Die für sich „Mut zur Wahrheit“ reklamiert, genauso wie den Slogan „Wir sind das Volk“ okkupiert. Eine Partei, die von sich sagt, die Wende von 1989 „vollenden“ zu wollen – und die mit all dem in Umfragen im Osten tatsächlich in die Nähe parlamentarischer Mehrheiten rückt.
Diese Partei kultiviert auch die Missstimmung, den Verdruss, der durch das Land wabert. Denn weiterhin fühlen sich nicht wenige Ostdeutsche zweitklassig, und die Diskussion um die Vereinigung erlebt immer wieder eine merkwürdige Renaissance. Beispiele: Der Osten sei eine „westdeutsche Erfindung“, titelte vor drei Jahren der Literaturprofessor Dirk Oschmann und verkaufte mit seinen Interner Link: umstrittenen Thesen weit über 100.000 Bücher. Drei Viertel davon im Osten. Der westdeutsch sozialisierte ehemalige Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linkspartei wärmte kürzlich die Diskussion um die Notwendigkeit einer neuen gesamtdeutsche Nationalhymne auf, während Tagesthemen-Moderatorin Jessy Wellmer, 1979 im mecklenburgischen Güstrow geboren, den Ost- und Westdeutschen eine „neue Entfremdung“ attestierte. Dazu zeichnen bunte Landkarten immer noch anhand von unterschiedlichen Löhnen, Immobilienbesitz oder Erbschaften fast exakt die alte Grenze nach.
Mitten in den Boden dieses Verdrusses pflanzte Mitte Februar 2026 der Berliner Verleger Holger Friedrich eine neue Zeitung, die sich demonstrativ „Ostdeutsche Allgemeine“ nennt und eine „ostdeutsche Perspektive im gesamtdeutschen Diskurs“ liefern soll – zumindest nach eigenem Redaktionsstatut. In einem Interview erläuterte er, dass er die Zeitung als „Fuck you-Geste“ in Richtung eines west-deutsch geprägten Establishments verstehe, das Ostdeutsche bis heute stigmatisiere. (Doch by the way: stigmatisiert Friedrich mit solchen Verallgemeinerungsformen nicht Westdeutsche auch?)
Ein anderes Mosaikteil: Im Mai 2026 kandidierte im sächsischen Aue / Bad Schlema mit Stefan Hartung ein früheres NPD-Mitglied für das Amt des Oberbürgermeisters. Hartung trat für die „Freien Sachsen“ an, eine Kleinstpartei, die „notfalls“ aus der Bundesrepublik austreten möchte und in ihrem Programm fordert, „Verwaltungsleute, Richter und Journalisten aus dem Westen, die gezielt in Schlüsselstellungen installiert wurden, wieder geregelt in ihre Heimatländer zurückzuführen“ . Stefan Hartung gewann den ersten Wahlgang im Mai und kam in der Stichwahl Anfang Juni auf gut 47 Prozent – letztlich trennten ihn vom CDU-Wahlsieger nur 508 Stimmen.
Was ist los mit diesem Teil des Volkes, der offenbar lieber Trennendes beklagt, als Einigendes zu feiern? Das so stolz auf seine Einheit und seine Staatsform der freiheitlichen, parlamentarischen Demokratie blicken könnte. Wo liegen die Wurzeln dafür? Oder ist was schiefgelaufen damals, 1989/90? Eine Spurensuche mit vielen Fragen.
Ein Schulterzucken….
Es war irgendwann Mitte 1990. Das Land marschierte mit Riesenschritten auf die Deutsche Einheit zu, als Helmut Kohl (CDU), seit Oktober 1982 Bundeskanzler, ein Fernsehinterview gab. Ich selbst, 22-jährig, war ein halbes Jahr vorher über Ungarn in die Bundesrepublik gekommen, saß seit Oktober 1989 im Daimler-Benz-Werk Bremen auf einem Gabelstapler und verdiente Westgeld. Ich war angekommen, hatte Job, Wohnung, Studienpläne, und das Kapitel DDR praktisch abgehakt. Damals war schon absehbar, dass die DDR über den Artikel 23 des Grundgesetzes der Bundesrepublik beitreten würde. Ich war glücklich darüber, denn wie anders hätte es sonst gehen sollen? Gedankenspielen um eine Art deutsch-deutsche Konföderation, den sogenannten „dritten Weg“, widmete ich damals keine einzige Sekunde meiner Aufmerksamkeit.
An diesem Nachmittag aber, Mitte 1990, wurde Helmut Kohl im Fernsehen gefragt, wie das neue deutsche Land ab Herbst denn heißen solle. Helmut Kohl schien für eine Sekunde irritiert, dann meinte er schulterzuckend und mit der größten nur vorstellbaren Selbstverständlichkeit: „Bundesrepublik Deutschland“. Ich weiß noch, wie mir diese Selbstverständlichkeit, dieses Schulterzucken, einen kleinen Stich gegeben hat. Und wie überrascht ich darüber war, dass es diesen Stich gab.
Ich hatte die DDR im September 1989 verlassen, weil ich deren Mief nicht ausgehalten habe, die Verlogenheit, die tölpelhafte Propaganda. Die Lächerlichkeit, mit der Funktionäre immer noch versuchten, die DDR als leuchtendes Zukunftsprojekt zu verkaufen, wo doch jeder wahrnehmen musste, wie das Land Tag für Tag ein kleines bisschen mehr in sich zusammenfiel. Und ich war auch gegangen wegen der Gefahr, die von diesem Staat für seine Bürgerinnen und Bürger ausging.
Was mich an diesem Tag im Sommer 1990 so unerwartet verstörte, war aber weniger das Wissen, dass die DDR in der BRD aufgehen würde, als vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit der Helmut Kohl genau das vorbrachte – seine offensive Verweigerung, wenigstens darüber nachzudenken, ein ganz neues Kapitel aufzuschlagen. Stattdessen machte dieses Schulterzucken unmissverständlich klar, dass die DDR nicht nur in der BRD aufgehen, sondern dass sie verschwinden würde. Verschwinden samt ihrem Namen, ihrer Flagge, ihrer Hymne, ihrer Verfassung. Dass Kohl die DDR selbst vermutlich nur für einen Irrtum der Geschichte hielt, den nun die BRD korrigierte. Jenes Schulterzucken des Kanzlers brachte mir die DDR emotional näher, als es die plumpen Propagandisten in meiner zwölfjährigen Schulzeit vermocht haben. Es fühlte sich nicht „richtig“ an, ohne dass ich damals sagen konnte, warum – gerade angesichts meines blendenden Starts im Westen.
… mit Spätfolgen?
Es hat mich damals nicht aus der Bahn geworfen, und ich habe jahrzehntelang nicht mehr an diesen winzigen Moment gedacht. Aber er wurde vor einigen Jahren wieder hochgespült, als die Diskussionen rund um die wachsende Unzufriedenheit im Osten begannen, um das auffällig andere Wahlverhalten oder das Empfinden vieler Menschen im Osten, weiterhin nur "Interner Link: Bürger zweiter Klasse" zu sein.
„Integriert doch erstmal uns!“, schrien 2015 wütende ostdeutsche Rentner in der sogenannten Flüchtlingskrise Sachsens SPD-Sozialministerin so laut entgegen, dass Petra Köpping 2019 ihrem Buch zum Thema den gleichlautenden Titel gab. Wo kommt es her, dieses Gefühl des Nicht-Aufgenommenwordenseins? Diese wuchernde Unzufriedenheit, den bunten Einfamilienhäuschen mit den funkelnden Autos vor den Türen in den sanierten Landstrichen zum Trotz?
Vielleicht müssen wir ein weiteres Mal zurückspringen in dieses Jahr 1990, als Helmut Kohl ein Nachdenken über einen neuen Namen für das vereinigte Deutschland so vehement von sich wies. Denn fast mantraartig hatte er noch etwas anderes verneint: Dass die deutsche Einheit höhere Steuern oder Sonderabgaben nach sich ziehen würde.
Das hielt ich schon damals für Unsinn. Ich wusste ja, wie es im Osten aussah. Für mich war es unvorstellbar, wie man diese 100.000 geschundenen Quadratkilometer wiederbeleben wollte, ohne beträchtliche Geldsummen in die Hand zu nehmen. Warum also verneinte Kohl das so prominent? Weil gerade der Wahlkampf anlief für die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl im Dezember 1990 und Kohl noch einmal Bundeskanzler werden wollte? Hatte er Angst, die Deutschen würden ihm von der Fahne gehen, wenn er einräumte, dass das Projekt „Einheit“ Milliarden kosten und die Deutschen in West und Ost mit dem Solidaritätszuschlag jahrzehntelang auf dem Lohnzettel begleiten würde?
Wenn ja – wäre diese Angst denn berechtigt gewesen? Hatte Willy Brandt (SPD und Bundeskanzler a. D.) nicht in der Euphorie des Mauerfalls geschwärmt, jetzt wachse zusammen, was zusammengehöre? War das nicht so? Aber Zusammenwachsen ist ein längerer Prozess, Kohl dagegen versprach zügig blühende Landschaften, die nichts kosten. Hatte er Recht mit seinem politischen Gespür? Wollte er Diskussionen im Keim ersticken? Wie war es tatsächlich bestellt um den Einheitswillen der Deutschen?
Im Osten
Wir müssen einen Umweg in die Siebziger- und Achtzigerjahre nach Leipzig machen. In die Jahre meiner Kindheit und Jugend. Ich wuchs in einem Land auf, in das mich das Schicksal hineingeboren hatte, und das war nun mal die DDR.
Aus meinen Kinderaugen blickte ich auf die BRD wie auf ein anderes Land, in dem eben auch Deutsch gesprochen wurde. Wie in Österreich und in der Schweiz. Ein Land, das zudem noch einem feindlichen Militärbündnis angehörte. Ich wusste, dass ich nie dorthin kommen würde. Bestimmt war es schön dort, aber ich würde es nicht sehen. Ich hatte mich schon als Kind damit abgefunden und vermutlich auch getröstet, zwar im ärmeren, aber vermeintlich besseren Deutschland aufzuwachsen. Ohne Obdachlose, ohne Drogen, ohne Arbeitslosigkeit und Neonazis (dachte ich). Den Wohlstand im Westen verfolgte ich ohne Neid, ich wusste ja von seiner Schattenseite.
Die Werbung für Schmidt-Spiele im Fernsehen ab Anfang November erinnerte mich jedes Jahr nur daran, dass Weihnachten vor der Tür stand und ich noch keine Geschenke für meine Eltern hatte. Die bunten Kataloge, die Westverwandte manchmal mitbrachten, habe ich neugierig, aber neidfrei studiert. Schon als Kind sah ich mich als Bürger der DDR. Einen Westonkel nannte ich einmal „Ausländer“, und ich war immer verwirrt, wenn mein Großvater Fußball schaute und von „Unseren“ sprach, wenn die BRD spielte. Kurz: Die Teilung war für mich in Stein gemeißelt, eine unumstößliche Tatsache. Die beiden Wirtschaftssysteme Sozialismus und Kapitalismus lagen so weit auseinander, dass eine deutsche Einheit einfach nicht im Bereich des Vorstellbaren lag. Wie sollte das auch funktionieren?
… und im Westen?
So. Nun ein Gedanke: Wenn ich – in meiner armen DDR, mit dem leuchtenden Westen vor Augen – nun keinen Träumen von einer deutschen Einheit nachhing und sie deshalb auch nicht vermisste … Wie mag es wohl den Deutschen tief im Westen gegangen sein? In Saarbrücken oder Freiburg zum Beispiel, wo Paris geografisch näher liegt als Berlin oder das Mittelmeer näher als die Ostsee?
War für die Menschen dort die DDR nicht genauso weit weg (nicht nur geografisch) wie für mich „der Westen“? Ich könnte es verstehen. Und wenn ja: Wo sollte plötzlich der Enthusiasmus herkommen für ein so kostspieliges Projekt, das jetzt plötzlich in den Bereich des Denkbaren gerückt war?
Wie war es damals, im Westen? Ich weiß es nicht, ich war nicht dabei. Aber ich erinnere mich an warnende Stimmen wie die des SPD-Spitzenkandidaten Oskar Lafontaine im Bundestagswahlkampf 1990, der keine schnell blühenden Landschaften, sondern Arbeitslose und explodierende Kosten heraufziehen sah. Lafontaine war skeptisch und hatte auf die Karte Ehrlichkeit und Realismus gesetzt – er sollte die Wahl verlieren.
Helmut Kohl hingegen hielt dem sein Ausmalen von einer fast kostenlosen deutschen Einheit entgegen und siegte triumphal, hatte damit aber auch Bedenkenträger mundtot gemacht. Denn falls es damals eine Diskussion um die Vereinigung gab, war sie damit erledigt – wer wollte schon gegen die deutsche Einheit sein, wenn sie umsonst zu haben war und im Handumdrehen gelingen sollte? Wie die Deutschen auf eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede reagiert hätten, weiß ich nicht. Oder auf eine Volksabstimmung über die Bereitschaft, die nächsten drei Jahrzehnte einen Solizuschlag als Ergänzungsabgabe zur Einkommenssteuer zu zahlen.
Und ich weiß nicht, ob Helmut Kohl selbst glaubte, was er sagte. Mit seiner These von einer billigen Wiedervereinigung hatte er jedenfalls jede Debatte darüber im Keim erstickt und vielleicht auch die Saat gelegt für die gärende Unzufriedenheit, die uns bis heute umtreibt und Rätsel aufgibt. Wir kennen alle das geflügelte Wort: „Was nichts kostet, ist nichts wert.“ Hatte Kohl mit seinem Mantra die DDR auf den Grabbeltisch gelegt – jene DDR, die wenig später dem Geltungsbereich des Grundgesetzes „beitreten“ sollte?
Es sollte also ein Land zur Bundesrepublik dazukommen. Und würde nichts kosten. Und nichts würde sich verändern. Das neue Deutschland würde das alte sein, nur erweitert um fünf Bundesländer. Die DDR hingegen würde „nur“ zu einem abgeschlossenes Kapitel Nachkriegsgeschichte werden. Und mit ihm die Geschichten von rund 17 Millionen Menschen, die nun plötzlich im neuen Deutschland – in der Bundesrepublik – lebten.
Vielleicht hat dieser „Beitritt“ 1990, der staatsorganisationsrechtliche Akt, der eher als Formalie gelesen wurde, im Laufe der Jahrzehnte vor allem psychologische Wirkung entfaltet. Es war nun mal ein Beitritt mit all seinen Konsequenzen, den wir bis heute als „Vereinigung“ weichzeichnen, auch wenn er nachlesbar in Artikel 1 des Einigungsvertrags aufrichtig benannt worden ist:
„Mit dem Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes am 3. Oktober 1990 werden die Länder Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Länder der Bundesrepublik Deutschland.“
Müssten wir also alljährlich am 3. Oktober ehrlicherweise den „Tag des Beitritts“ feiern, auch wenn das nicht mehr ganz so schön klingt? Es würde uns zumindest alle ein wenig erden. Denn war mit dem „Beitritt“ nicht der Ton gesetzt, eine Erwartungshaltung etabliert? Wer irgendwo beitreten will, der weiß, worauf er sich einlässt. Und der Aufnehmende darf erwarten, dass der Dazukommende weiß, wem oder was er da beitreten will. War mit dem Beitritt also ein Maßstab gesetzt, der bis heute gilt? Dass sich der Erfolg der Einheit immer daran bemessen wird, wie sehr sich der Osten dem Westen angeglichen hat?
Noch etwas könnte dabei eine Rolle spielen. Hat uns der Beitritt nach Artikel 23 GG womöglich ein Stück weit von der Diskussion entlastet, was wir eigentlich für ein Land sein wollten? Eine Diskussion, für die im hektischen Jahr 1990 einfach keine Zeit blieb?
Hatte man damals – wenn auch vielleicht unbewusst – erwartet, dass der Osten sich nahtlos einfügt? Und lag das nicht auch nahe? Schließlich hatten sich die Ostdeutschen einer Diktatur entledigt, freie Wahlen gefordert und dann der Bundesrepublik beitreten wollen. Durfte man da nicht erwarten, dass sich die vielen Millionen, die so sehr nach Westen strebten, auch wussten, wie die repräsentative Demokratie angelegt war, in welches Wirtschafts- und Sozialsystem sie eintreten wollten? Verschloss man hier die Augen vor einer Diskussion, die hätte geführt werden müssen?
Denn als Helden gefeiert wurden die paar Tausend, die im Sommer und im Herbst 1989 wirklich Leib und Leben in Gefahr brachten. Verschwiegen wurden die Millionen, die hinter den Gardinen standen und warteten, wie das wohl ausgehen würde. Die sich erst hervortrauten, als es gar nicht mehr um Demokratie und Meinungsfreiheit ging, sondern darum, „visafrei nach Hawaii“ zu verreisen. Mit einer Währung, die man bald nach dem Mauerfall frech einforderte: „Kommt die D-Mark – bleiben wir. Kommt sie nicht, geh`n wir zu ihr!“ Es ging der Masse vorrangig um Westgeld und Reisefreiheit – war die Gesellschaftsform dahinter nur Beiwerk?
Und durfte man nicht annehmen, dass die Ostdeutschen wussten, worauf sie sich bei diesem Beiwerk einließen? Weil man dachte, dass sie die Bundesrepublik ja aus dem Westfernsehen kannten? Womöglich nicht. Als ich selbst 1989 im Westen ankam, merkte ich schnell, wie wenig ich dieses Land wirklich kannte, in dem ich nun lebte. Föderalismus, Wahlrecht, Gewaltenteilung, Unschuldsvermutung… Mir, seit zehn Jahren Tagesschau-Stammzuschauer, fehlten zentrale Begriffe des Fundaments, auf dem die BRD gründete, obschon die Eingangsformel des Einheitsvertrags dessen Notwenigkeit formulierte:
„… ausgehend von dem Wunsch der Menschen in beiden Teilen Deutschlands, gemeinsam in Frieden und Freiheit in einem rechtsstaatlich geordneten, demokratischen und sozialen Bundesstaat zu leben“.
Aber was hieß das alles im Detail?
Hätte das Westfernsehen das Wesen der parlamentarischen Demokratie in seiner alltäglichen Berichterstattung und vor allem in politischen Magazinsendungen und Wissensformaten intensiver erklären müssen? Mit den 17 Millionen Ostdeutschen klopften zudem Menschen an die Tür, die seit zwei Generationen nur Diktaturen erlebt hatten. Verschloss man die Augen davor, dass hier zwei unterschiedlich politisch „trainierte“ Bevölkerungen aufeinandertrafen? Oder warum erntete Springerchef Mathias Döpfner vor ein paar Jahren einen Sturm der Entrüstung wegen bekannt gewordener Äußerungen, der Weg der Ostdeutschen habe von "Kaiser Wilhelm zu Hitler zu Honecker ohne zwischenzeitliche Umerziehung direkt zur Alternative für Deutschland (AfD) geführt“ … war es der Gedanke nicht wert, einmal aufgegriffen zu werden?
Wollte man damals nicht sehen, dass man sich Millionen Ostdeutscher ins Land holte, die Jahrzehnte der Indoktrination hinter sich hatten? Die den Westen vor allem aus der Propaganda kannten, die lehrte, dass der Kapitalismus faulend sei und sterbend? Dass „Massenmedien“ angeblich „Klassenmedien“ seien, in den Händen der herrschenden Klasse, die sie lediglich zum Machterhalt benutzte?
Wollte man nicht sehen, dass die Millionen Menschen 14-jährig bei ihrer Jugendweihe gelobt hatten, als „wahre Patrioten die feste Freundschaft mit der Sowjetunion weiter zu vertiefen (…) und den Sozialismus gegen jeden imperialistischen Angriff zu verteidigen“ ?
War man sich bewusst, dass fast alle der über 20-jährigen Männer beim NVA-Grundwehrdienst mit dem Fahneneid geschworen hatten, die DDR „auf Befehl der Arbeiter-und-Bauern-Regierung gegen jeden Feind zu schützen“, und „den Sozialismus zu verteidigen und „sein Leben zur Erringung des Sieges einzusetzen“? Vermutlich nicht. Denn wie hätte man den Bedenken auch entgegenwirken wollen? Mit Volkshochschulkursen? Fairerweise muss man hier einräumen, dass jemand, der damals flächendeckende „Demokratiekurse für Ossis“ angeregt hätte, wohl in Bausch und Bogen vom Hof gejagt worden wäre.
Also?
Haben wir also alle zu wenig nachgedacht darüber, wie wir die Einheit gestalten wollten, bevor wir sie gestalteten? Sind wir hineingestolpert und reiben uns nun die Augen? Und empfinden wir uns eigentlich heute als ein Land, wirklich, aus tiefstem Herzen? Oder zelebrieren wir durch die Betonung der Unterschiede und durch den Fokus auf Ostdeutschland weiter das Trennende?
Man könnte jetzt lange schreiben über „Zonen-Gaby“, die im November 1989 auf dem Titel der westdeutschen Satirezeitschrift Titanic mit einer Gurke in ihrer Hand ihre erste Banane feierte. Oder über den Nazi mit der vollgenässten Hose in der taz 1992, hitlergrüßend in Rostock-Lichtenhagen. Oder über die arme Regina Zindler mit ihrem gesächselten „Maschendrahtzaun“, die der Fernsehmodeator Stefan Raab 1999 in seiner Sendung „TV-Total“ zu zweifelhafter Prominenz brachte. Oder über den Spiegel-Titel „So isser, der Ossi“ im August 2019. Doch um all das geht es weniger als um die Themen und den Duktus der Alltagsberichte, vor allem rund um die Jahrestage der deutschen Einheit.
Anfangs standen im Fokus der Aufmerksamkeit Stasi, Mauer und SED, dann die rapide anwachsende Arbeitslosigkeit, die Treuhand, Schalck-Golodkowski, die Mauerschützenprozesse, Zwangsadoptionen und die Rentenanerkennung. Später ging es um den (ausbleibenden) wirtschaftlichen Fortschritt, danach um die Lebens- und Besitzverhältnisse, die sich einfach nicht angleichen wollten, um demografische Daten und Umfragen zur Zufriedenheit mit der Demokratie. Oder um den Elitenwechsel ab 1990 und die Tatsache, dass die meisten Führungskräfte im Osten aus dem Westen stammen. Letztlich läuft es immer auf dasselbe hinaus: Berichte über den Stand der deutschen Einheit sind Berichte über das Beitrittsgebiet.
Warum nur blicken wir bei solchen Jubiläen nicht auf die gemeinsame Vereinigungsgeschichte? Auf das spannende Jahr zwischen Mauerfall und der Vereinigungsfeuerwerk in Berlin? Auf die Stimmen im Westen, die die finanziellen Belastungen realistisch einschätzten? Auf das diplomatische Meisterstück, den Alliierten und vor allem der Sowjetunion die Zustimmung zur Einheit abverhandelt zu haben? Auf die Entwicklung der Strukturen im ehemaligen Zonenrandgebiet? Auf die Befürworter einer Konföderation, des „Dritten Weges“? Oder eben auf die Diskussionen über eine neue Hymne für ein geeintes neues Deutschland, die seitdem immer mal wieder aufflammt?
Nein, nach wie vor tun wir das alles nicht. Stattdessen leuchten wir fast zwanghaft immer und immer wieder das Beitrittsgebiet aus. Es ist ja auch fast folgerichtig, wenn sich in dem einen Landesteil fast nichts ändert, im anderen aber alles … Natürlich berichten die Medien dann über den neuen, den anderen Teil. Allerdings zu einem hohen Preis: Berichte über die Einheit bleiben dann eben Berichte vor allem aus dem Blickwinkel des Westens auf das, was neu hinzugekommen ist. Als ob eine Familie ein Pflegekind adoptiert hat, und einmal im Jahr kommt die Verwandtschaft und staunt, wie sich das Kleine entwickelt hat und welche Probleme es noch macht.
Ausweg?
Und nun? Gesetzt den Fall, die vielen Fragen sind berechtigt: Was machen wir jetzt mit all dem? Es sich einzugestehen, wäre schon mal ein Anfang. Dann könnte man sich vielleicht mal ehrlich machen. Sich Menschen aus dem anderen Teil des Landes suchen und sich austauschen.
In jedem Fall: Nicht reflexhaft Bodo Ramelow abtun, wenn er erneut Brechts Kinderhymne als Nationalhymne ins Spiel bringt. Warum nicht intensiver über sie diskutieren, wie das Wolf Biermann bereits 1986 angeregt hat, drei Jahre vor dem Sturz der Mauer? Warum nicht mal fragen, was an „Anmut sparet nicht noch Mühe“ besser oder schlechter sein soll als an „Einigkeit und Recht und Freiheit“, zumal die Melodie in etwa erhalten bliebe? Wenn eine Mehrheit der Deutschen weiter mit der Hoffmann-von-Fallersleben-Variante von 1841 leben möchte – was vermutlich der Fall sein dürfte –, dann wird die Minderheit das akzeptieren müssen. Aber warum nicht darüber debattieren? Zum Beispiel.
Oder Initiativen aufgreifen, die den Wert der Demokratie tiefer in unserem Bewusstsein verankern: Falls wir uns zum Beispiel einig sind, dass das Land durch die zeitversetzten Landtagswahlen praktisch dauerhaft im Wahlkampf steht, der die Bundespolitik ausbremst, weil diese den Wahlkämpfenden in den Ländern nicht mit unangenehmen Entscheidungen in den Rücken fallen will: Warum diskutieren wir dann nicht ernsthaft einmal eine Midterm-Wahlen-Variante, statt sie mit einem „das wird nur schwierig umzusetzen sein“ abwürgen?
Warum öffnen wir uns nicht im Osten für den Gedanken, dass der Vereinigung eben kein böswilliger Kolonialisierungswille zugrunde lag, sondern dass die Schieflage heute das Resultat genau jenes Beitritts ist, der damals so zügig gewollt war und zu dem es im kurzen Zeitfenster, das die Geschichte ließ, keine Alternative gab? Inklusive der Tatsache, dass der Beitritt auch zahlreiche West-Führungskräfte in den Osten spülte, die dann hier Fuß fassten – und andere Führungskräfte aus dem Westen nachzogen, aber damit Ostdeutsche ausbremsten? Warum gestehen wir uns nicht ein, wie voreingenommen wir selbst manchmal auf Deutschland blicken? Warum ziehen wir nicht mal Bilanz, erinnern uns an früher und schauen uns dann mal genauer um? Im besten Fall kämen wir zum Ergebnis, dass es ganz so schlecht mit der Einheit eigentlich nicht gelaufen sein kann – „Beitritt“ hin oder her.
Es gibt viele Möglichkeiten, die vielen hier aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Im überfälligen, gleichberechtigten und von Neugier geprägten Dialog. Intensiv damit anzufangen, wäre schon ein schöner erster Schritt.
Zitierweise: Thomas Bärsch, "Helmut Kohls Schulterzucken", in: Deutschland Archiv vom 10.07.2026. Link: www.bpb.de/579600. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Interner Link: Mehr Osten verstehen. 80 Autoren und Autorinnen über (Ost)Deutschlands Weg. Zwei e-books herausgegeben vom Deutschland Archiv, online seit 3.9.2024.
Der Journalist Thomas Bärsch, Jahrgang 1967, ist in Leipzig aufgewachsen und 1989 über Ungarn geflohen. Nach einem Jahr als Gabelstaplerfahrer in Bremen begann er 1990 ein Lehramtsstudium in Göttingen und arbeitete nebenbei für ARD-Hörfunkanstalten als Autor für Features, Reportagen und Dokumentationen. Über das ZDF in Mainz und RTL in Frankfurt kam er zum Fernsehen und arbeitet seit Januar 2000 als ZDF-Landeskorrespondent in Dresden, 2017 verfasste er das Buch „Das große Ganze im vielen Kleinen" über seine Kindheit in der DDR.