Das erste Bild, das ich von Núria Quevedo kennengelernt habe, war das einer stillenden Frau – es hing im Schlafzimmer meiner Eltern. Ich fand es tröstlich, etwas darin war von einem unerschütterlichen Halt. Später fand ich heraus, dass es die Grafik zu einem Gedicht war, verfasst von einem inhaftierten Lyriker im spanischen Bürgerkrieg.
Quevedo, die Katalanin, selbst Tochter eines Kämpfers aufseiten der spanischen Republik, brachte nicht nur ihre Exilerfahrung mit in die DDR, sondern auch einen in der DDR unbekannten inneren Fundus von Bildern und Eindrücken. Sie entwickelte damit ihre eigene, unverwechselbare Handschrift. Wie blickte sie auf das Land, das ihrer Familie Asyl gewährt hatte? Wie passten ihre Bilder und Grafiken in die kulturpolitisch gewollte Ästhetik des sozialistischen Realismus? Und wie erlebte sie mit dieser besonderen Perspektive die Nachwendezeit?
Núria Quevedos Leben erzählt von Entwurzelung, Ankommen und der Kraft der Kunst. Sie gab ihr den nötigen Halt, um die Fremdheit zu überwinden, und malend hat sie sich das neue Land zu eigen gemacht, seine Widersprüche aufgespürt. Ihre feinfühligen, ausdrucksstarken, oft düster-melancholischen Bilder sind immer wieder aktuell, die Themen universell – im endlosen Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit, Begegnung und Einsamkeit, Exil und Heimat, Hoffnung und Ernüchterung findet sich in ihnen ein Echo.
Geburt im Luftschutzkeller unter Bombenhagel
Am 18. März 1937, die Parks in Barcelona schimmerten in zartem Grün, wurde Núria Quevedo als Tochter einer katalanischen Klavierlehrerin und eines andalusischen Flugzeugmechanikers geboren. Eine Geburt unter den dramatischen Umständen des Spanischen Bürgerkrieges.
Die Eltern waren der spanischen Republik treu geblieben, der Vater in der kommunistischen Partei. Einige Monate später, als Franco mit Hilfe Adolf Hitlers und Mussolinis den Krieg gewonnen hatte, mussten sie fliehen – die Republik war verloren. Die Mutter Amelie ging mit Núria über die Pyrenäen nach Frankreich, aus Flugzeugen heraus wurde der Flüchtlingstross beschossen. Ihr Vater José hatte mit seinen Kameraden dasselbe Ziel.
Die Malerin und Grafikerin Núria Quevedo sprach auf einer Festveranstaltung der Akademie der Künste der DDR im Konrad-Wolf-Saal in der Ost-Berliner Hermann-Matern-Straße (heutige Luisenstraße in Berlin-Mitte), aufgenommen am 18.11.1987. (© picture-alliance/akg, akg-images)
Die Malerin und Grafikerin Núria Quevedo sprach auf einer Festveranstaltung der Akademie der Künste der DDR im Konrad-Wolf-Saal in der Ost-Berliner Hermann-Matern-Straße (heutige Luisenstraße in Berlin-Mitte), aufgenommen am 18.11.1987. (© picture-alliance/akg, akg-images)
In Frankreich blieb die Familie getrennt in Internierungslagern untergebracht. Als Núria schwer erkrankte, nahm die Mutter in ihrer Verzweiflung die Hilfe spanischer, francistischer Nonnen an, die das kleine Mädchen in einem Kloster gesund pflegten. Als Preis für ihre Rettung sollte die Mutter, „antifrancistisch bis ins Knochenmark“,
Dass Núrias erste Erinnerungen aus Berlin stammten – Fensterkreuze und ein grauer Luftschutzkeller –, ergab sich, weil der Vater von Frankreich aus als Flugzeugmechaniker zur Luftwaffe nach Deutschland ging. Sie hatte später Schwierigkeiten, diese Entscheidung zu verstehen, es war von beabsichtigter Sabotage die Rede. Sie versuchte auch nachzuvollziehen, warum ihre Mutter ihm nach Deutschland folgte. Im Winter 1942 landete die vierjährige Núria mitten im Krieg in Berlin, es lag Schnee. Sie wohnten kurze Zeit bei einer jüdischen Familie zur Untermiete, bis diese deportiert wurde. Als die Mutter längere Zeit im Krankenhaus war, der Vater arbeitete, blieb sie allein zu Haus. Die geschmierten Brote schmiss sie aus Protest unter den Küchenschrank.
Im Dezember 1943 wurde Núrias Schwester geboren. Als es in Berlin immer gefährlicher wurde, schickte der Vater Frau und Kinder nach Barcelona zurück, er selbst blieb in Berlin. In Spanien hatte er 30 Jahre Gefängnis oder den Tod zu befürchten. Er würde kommen, wenn es gelänge, Franco zu stürzen. Dass sein Exil 45 Jahre dauern würde, ahnte er damals nicht.
Sonne, Liebe und strahlende Farben in Barcelona
Die Kindheit in Katalonien genoss Núria – die große Familie, Trubel, Feste, Gesang, Licht. Ein Häuschen am Strand, Krebse fangen in der aufgehenden Sonne. Strahlende Farben überall. Ihre Mutter kam aus einer streng katholischen Familie, Núria lernte die Bildsprache der Kirche kennen, war künstlerisch begabt, zeichnete und malte viel. Eine Mädchenschule in Barcelona förderte diese Begabung und lehrte zwar keine Biologie, Chemie oder Physik, durfte auch nicht in Katalanisch
„Eine Frau gehört zu ihrem Mann“, sagte ihre Mutter, als der Vater nach Kriegsende nicht nach Barcelona zurückkehren konnte. Trotz der Untreue und Sprunghaftigkeit ihres Mannes reiste sie mit beiden Mädchen 1952 zu ihm nach Berlin in die DDR. Diesen Lebensentwurf, wusste Núria schon früh, mochte sie später nicht wiederholen.
Aus der Kindheit exiliert
„In Spanien dachte man, das Überschreiten des Eisernen Vorhangs sei etwas Furchterregendes. Ich dachte also, wir würden zur Hölle des Dante hinunterfahren.“
Grafik von Núria Quevedo zur Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf, entstanden 1983 (Privat). (© Privat, Lilly Böhm)
Grafik von Núria Quevedo zur Erzählung "Kassandra" von Christa Wolf, entstanden 1983 (Privat). (© Privat, Lilly Böhm)
Der Vater, der eine große Liebe zu Büchern und Literatur empfand, betrieb die Bibliothek „Internationale Leihbücherei Quevedo“. Dort sollte Núria von nun an drei Jahre im Laden stehen, „der übrigens unerhört dunkel war“, und den Menschen Liebesromane, Abenteuerromane und Krimis ausleihen. Mit nur ein paar Vokabeln Deutsch empfahl sie unbekannte Bücher: „Dieses hier ist sehr gut, sehr spannend!“ Die Bücher waren ein Schatz für Berliner/-innen. Ein Schatz auch für sie. Denn ohne Schule, ohne Gleichaltrige, sehr einsam, immer fataler ihr mentaler Zustand, grollte sie den Eltern zu sehr, um mit ihnen überhaupt noch zu reden. In dieser sprachlosen Wut war Literatur ihre Rettung. Die spanische, um die Schmerzen zu lindern, die deutsche als Tür zu der unbekannten und unverständlichen Mentalität dieser Menschen. Der Vater hingegen war gut vernetzt, Freunde der Eltern gingen ein und aus, spanische Exilant/-innen und ehemalige Emigrant/-innen, auch der renommierte Romanist Werner Krauss. Durch ihn konnte der Vater an der Humboldt-Universität Spanisch unterrichten.
Studium an der Kunsthochschule Weißensee
Dem Vater schien es, als wollte seine Tochter Schauspielerin werden. Er nahm sie schließlich mit zum befreundeten Ernst Busch,
Doch ohne ordentlichen Schulabschluss war das nicht möglich. Deshalb holte sie auf der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF)
Der Moment, in dem sie von ihrer Zulassung erfuhr, war eine Sternstunde in ihrem Leben, ein Augenblick heftigen Glückes und strahlender Freude. Die Zulassung brachte ihr mit einem kleinen Stipendium die lang ersehnte Unabhängigkeit. Sie konnte ein Zimmer mieten, sich der Malerei widmen – „meine Zukunft war damit entschieden“. Werner Klemke,
Núria und Karlheinz heirateten. Während des Studiums, im Mai 1961, wurde ihre Tochter Ines geboren. Sie heilte etwas von ihrem Heimweh, ihrer Fremdheit, sagte sie. In ihrer ersten Wohnung in Friedrichshain, in einem kaputten Altbau hatten sie im Winter Minusgrade in der Küche, in der zweiten rumpelte die S-Bahn, aber sie war schön, hell und sie hatte ein eigenes Zimmer zum Malen. Als ein halbes Jahr später die Mauer stand, war Vieles an diesem deutschen Staat für sie eine Enttäuschung geworden, aber es bestand doch eine Chance, etwas aufzubauen.
Das Plakat für die "VIII. Weltfestspiele" von 1962 hat Núria Quevedo gestaltet. Es war eines von mehr als 100 Plakaten, die 2015 im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) in der Ausstellung "Plakate von Frauen - Made in GDR" zu sehen war. Die Ausstellung präsentierte Plakatarbeiten die von Grafikerinnen in der DDR zwischen 1949 und 2001 gestaltet worden sind. (© picture-alliance/dpa, Jens Büttner)
Das Plakat für die "VIII. Weltfestspiele" von 1962 hat Núria Quevedo gestaltet. Es war eines von mehr als 100 Plakaten, die 2015 im Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) in der Ausstellung "Plakate von Frauen - Made in GDR" zu sehen war. Die Ausstellung präsentierte Plakatarbeiten die von Grafikerinnen in der DDR zwischen 1949 und 2001 gestaltet worden sind. (© picture-alliance/dpa, Jens Büttner)
1962 gewann sie einen ersten Preis für ihr Plakat zu den VIII. Weltfestspielen in Helsinki, doch die folgenden Jahre waren schwer. Als männlich, herb und grotesk, von einem schwer ergründlichen Humor empfanden viele ihre Arbeiten,
Sie wandte sich erfolgreich an ihren ehemaligen Lehrer Werner Klemke mit dem Wunsch, Meisterschülerin zu werden. 1969 bis 1972 hatte sie deshalb an der Akademie der Künste, direkt am Brandenburger Tor an der Mauer, ein eigenes Atelier. Jetzt hatte sie Platz! Manchmal sprach sie beim Malen laut spanisch mit sich selbst, damit sie ihre Sprache nicht verlöre. Klemke als ihr Mentor unterstützte sie, obwohl er kein Maler war, auch auf dem Weg in die Malerei und in ihrer Arbeit für ihr erstes Gemälde – „30 Jahre Exil“.
30 Jahre Exil – die graue Farbpalette des Wartens
Sie malte die Gesichter neun spanischer Exilanten fast monochrom, provozierte mit einer Farbpalette des ohnmächtigen Wartens ihrer gestrandeten Landsleute auf das Ende der Franco-Zeit. Ihr Mann, der unterdessen an der Filmhochschule Babelsberg studiert hatte, war jetzt Dokumentarfilmer bei der DEFA und hatte einen Film über die spanischen Exilant/-innen in Dresden gemacht. Bis dahin wusste Núria nichts von dieser größten Gruppe republikanischer, kommunistischer Exilspanier/-innen. Untereinander zerstritten zwischen den Eurokommunisten, die einen demokratischeren Sozialismus wollten, und den Moskautreuen, die einen Kommunismus nach sowjetischem Vorbild anstrebten, lebten sie alle ein Leben auf gepackten Koffern, „el vivir con las maletas hechas“.
Die statischen Set-Fotos, die der Kameramann Christian Lehmann von den Menschen machte, inspirierten sie. Das Gemälde wurde Aufreger der VII. Kunstausstellung der DDR 1972/73 in Dresden und machte sie schlagartig bekannt. Es hing zu ihrer Überraschung im „Saal der Prominenten“, zusammen mit namhaften Malern wie Wolfgang Mattheuer,
Eine Veränderung des kulturpolitischen Kurses war der Arbeit vorausgegangen: Mit der Losung „Weite und Vielfalt“
„Der Weg entsteht im Gehen“
„Der Weg entsteht im Gehen“
Literatur war für sie eine wichtige Inspiration, die Verbindung zur spanischen Literatur wie eine Nabelschnur zu ihrem Geburtsland.
Sie traf einen Nerv, und das war nicht nur angenehm. Liebe, Tod, Krieg, Hoffnung, Neubeginn – sie machte ihren eigenen zu einem allgemeingültigen Schmerz, dem des Lebens. Für viele Betrachter waren ihre Bilder befremdlich und unheimlich. Beides war im Wortsinne zutreffend – sie würde Fremdes zeigen und unbeheimatet bleiben. Sie wurde eine viel gefragte Grafikerin, anziehend der andere Blick und das intellektuelle Angebot. Sie radierte, ätzte, druckte selber. Gemälde verkaufte sie kaum. Nicht, weil es keine Käufer gegeben hätte. Es kam ihr nicht in den Sinn. Dafür malte sie nicht. Mitte der 70er-Jahre kaufte ihr Mann bei einem Dreh in Moskau ihr für 150 Rubel eine Kupferdruckpresse, eine Rarität. Sie war vier Zentner schwer, und es brauchte vier Mann, um sie anzuheben – Atelierumzüge waren eine Herausforderung.
1976 stellte sie in der engagierten Ost-Berliner Galerie Arkade aus.
Ein Lied von Wolf Biermann
Dann, eines Abends, stand Wolf Biermann vor der Tür. Er brachte Núria seine neueste Schallplatte vorbei und verabschiedete sich. Ob er wiederkommen würde, wüsste er nicht. Er hat darauf ihr 30-Jahre-Exil-Bild besungen: „Neunmal schwarz stehn Haare um ein Steingesicht, vom Warten grau, im Wartesaal der Weltrevolution.“
Als Funktionäre von Künstlerinstitut und Kulturministerium zu ihr kamen, um sie zur Zurücknahme der Unterschrift zu überreden, sah sie in den Blicken die Hoffnung, dass sie es eben nicht tue. Sie tat es nicht. Für sie hatte das keine schwerwiegenden Folgen, sie konnte nur vermuten, dass sie als Tochter eines Kämpfers im spanischen Bürgerkrieg ein Schutzschild hatte. Warum sie nicht nach Spanien zurückging, konnte sie selbst nicht sagen. Franco war tot, seine Militärdiktatur vorbei. War es die Familie, die sie nicht überzeugen konnte, oder die Entfaltung, die ihr in Spanien so nicht möglich gewesen wäre? Der Preis, den sie mit den ersten zehn traumatischen Jahren bezahlt hatte, war hoch, das schwer Erarbeitete wollte sie nicht aufgeben. Die DDR-Staatsbürgerschaft aber nahm sie nicht an – ihre Reisefreiheit war sie nicht bereit einzubüßen für ein System, das sie immer kritischer betrachtete. Dafür musste sie einmal im Jahr bis zum Ende der DDR bei der Meldestelle ihre Aufenthaltsdokumente verlängern.
Widersprüche auf die Leinwand bringen
Als 1977 ihr Bild „Das Paar“ – zwei Menschen, monochrom, in inniger Umarmung, der Körper der Frau hingebungsvoll und jenseits gängiger Schönheitsideale – auf der VIII. Kunstausstellung gezeigt wurde, polarisierte es. Núrias Bewunderer Franz Fühmann
Fritz Cremers Prophezeiung bewahrheitete sich. Malend bewegte sie sich durch ihre innere Exillandschaft. Ihr Bild „Erinnerung“ war ein persönlicher Abschied von der Kindheit, dem Zimmer der Großmutter, dem Tisch, unter dem Núria mit ihren Cousinen gespielt hatte. Die Menschen mochten ihr Bild. Sie sahen darin etwas ganz anderes: eine Kneipe. Fliesen im Wohnzimmer, das kannte man nicht. Auch ihr Diptychon „Eine Art, den Regen zu beschreiben. Für Hanns Eisler“, eines ihrer wenigen Auftragswerke,
Ihre Bildsprache wurde reduzierter, mit Anleihen aus spanischer Literatur, Mythologie und christlicher Ikonografie, zeitlos und konkret zugleich – keine Brigadisten und Helden des Sozialismus. Von großer Beachtung und der „unergründlichen Klarheit des Orakels“
Sie probierte, reflektierte, verdichtete, bis sie zum Kern ihrer Frage kam, eine Autorin mit Pinsel, eine Philosophin der Leinwand. Christa Wolf sollte später sagen: „Nuria Quevedo und die Literatur – das wäre eine Untersuchung für sich.“
Mittlerweile hatte sie ein eigenes Atelier in der Ost-Berliner Karl-Marx-Allee. Es roch nach Leim und Farbe und war Treffpunkt spanischer Eurokommunist/-innen. Als sich Ende der 1980er-Jahre für alle spürbar eine gesellschaftliche und politische Starre übers Land legte, malte sie dort 1987 den „Geher“ auf dem Meer. Ein Mann, knietief im Wasser mit einer ungewissen Handbewegung, um ihn herum nur Meer. Geht er auf dem Grund, wandelt er? Gab es ein rettendes Ufer? „Das habe ich ganz bewusst gemalt, als für mich klar war, dass die Utopie nicht mehr realisierbar ist.“
Kopf und Hände
Grafik von Núria Quevedo aus der Mappe zu Volker Brauns "Der Eisenwagen" von 1988. (© Privat, Lilly Böhm)
Grafik von Núria Quevedo aus der Mappe zu Volker Brauns "Der Eisenwagen" von 1988. (© Privat, Lilly Böhm)
Für eine Arbeit mit Volker Braun erschien ihre erste Kopf-Hand-Folge, ein Thema, das eine weitere Stufe der Reduzierung bedeutete. Sie schuf in ihren Radierungen einen dunklen Schelm, ein unheilvolles Narrengesicht, einen holzschnittartigen Kasperle. Der darf mehr Wahrheit wagen. Ein Kopf, seitlich, meist sehr ernsthaft, eine Hand. Große, leere Augen, die unlesbar sind, staunen, starren, feixen. In dieser Reduzierung hatten kleine Veränderungen große Wirkung und zeigten Existenzielles – Freiheitssehnsucht, Einsamkeit, Ratlosigkeit, Tatendrang, ein Auf-sich-selbst-Zurückgeworfensein.
Was machen die Hände, was der Kopf? Wie handelt, was erkennt der Mensch, die Gesellschaft? Sie irritierte mit dieser dunklen Melancholie, sagt ihre Freundin, die Bildhauerin Emerita Pansowová:
„Der Weg nach Haus aus dem Exil“ – eine Fremde in der Heimat
Im Mai 1989 hatte Núria eine Studienreise nach Barcelona für Emerita, eine weitere Künstlerin und sich errungen. Sie verließen die geforderte Route und fuhren heimlich nach Paris. Das durften sie nicht, aber wer würde davon erfahren? Die Kommunalwahl in der DDR, die als Beginn der Friedlichen Revolution gilt, verfolgten die drei Frauen von Madrid aus. Wieder sollten 99 Prozent der Menschen die SED gewählt haben.
Als sie im September wieder in Spanien war, rief ihr Mann an: „Du sollst im Oktober in Berlin sein, weil du den Nationalpreis bekommst.“
Der Bilderstreit und die „Wende an den Wänden“
Originalbildunterschrift vom 7.2.1990 / Berlin: Ministerpräsident Hans Modrow (l.), und Kulturminister Dietmar Keller (2.v.l.), führten im Hause des Ministerrates ein Gespräch mit Künstlern der DDR, zu denen u.a. auch Christa Wolf (r.), Siegfried Matthus (2.v.r.), Nuria Quevedo (3.v.r.), und Christoph Hein (6.v.r.), sowie Klaus Peter Flor (vorne), gehörten. (© Bundesarchiv, 183-1990-0207-022, ADN-ZB, Peer Grimm)
Originalbildunterschrift vom 7.2.1990 / Berlin: Ministerpräsident Hans Modrow (l.), und Kulturminister Dietmar Keller (2.v.l.), führten im Hause des Ministerrates ein Gespräch mit Künstlern der DDR, zu denen u.a. auch Christa Wolf (r.), Siegfried Matthus (2.v.r.), Nuria Quevedo (3.v.r.), und Christoph Hein (6.v.r.), sowie Klaus Peter Flor (vorne), gehörten. (© Bundesarchiv, 183-1990-0207-022, ADN-ZB, Peer Grimm)
9. November 1989 – die Mauer war endlich weg, doch es war ein Moment der Widersprüche: eine große Freude und das Ende eines Traums. Schnell entbrannte der Streit um die Kunst in beiden deutschen Staaten. Kann das überhaupt Kunst gewesen sein, was da unter dem Sozialismus und seiner Kulturpolitik entstanden war?
Bunt, gleißend, strahlend
Nach der sogenannten Wende wurden ihre Bilder strahlend, gleißend bunt. Alle, die Núria kannten – so kannten sie sie nicht. Als es mit Ausstellungen schwierig blieb, gründete sie 1993 mit anderen ostdeutschen Künstlerinnen die Berliner Fraueninitiative Xanthippe e.V.,
Die Künstlerin Núria Quevedo steht vor ihrem Gemälde "Denn ich bin wie der gestürzte Baum, der von neuem treibt: weil in mir noch neues Leben ist" in der neu eingerichteten Dauerausstellung "Kunst des 20. Jahrhunderts" im Lindenau Museum in Altenburg (Thüringen) am 04.07.2017. (© picture-alliance/dpa, Zentralbild, Bodo Schackow)
Die Künstlerin Núria Quevedo steht vor ihrem Gemälde "Denn ich bin wie der gestürzte Baum, der von neuem treibt: weil in mir noch neues Leben ist" in der neu eingerichteten Dauerausstellung "Kunst des 20. Jahrhunderts" im Lindenau Museum in Altenburg (Thüringen) am 04.07.2017. (© picture-alliance/dpa, Zentralbild, Bodo Schackow)
Von 1994 bis 1996 war Núria Quevedo Gastprofessorin am Caspar-David-Friedrich-Institut der Universität Greifswald. Sie konnte sich mit ihrem Mann in einer kleinen Hafenstadt in Katalonien, in der kleinen Stadt Sant Feliu de Guíxols, eine Wohnung kaufen, konnte die vertraute Sprache hören. Dort wohnten sie einen Teil des Jahres. Ihr Fremdsein wurde für sie ein Privileg. „Ich bin keine Deutsche, aber ich bin auch keine Spanierin mehr.“
„Noch sehr jung in einem fremden Land“, schrieb sie in der 1980er-Jahren, „habe ich mit Zeichnung und Bild erreicht, was ich mit Worten nicht vermochte: Das Fremdsein zu durchbrechen.“
Núria Quevedo starb am 22. November 2025 in Berlin im Alter von 87 Jahren.
Zitierweise: Lilly Böhm, „Der fremde Blick: Núria Quevedo, eine katalanische Künstlerin in der DDR", in: Deutschland Archiv, 19.6.2026, Link: www.bpb.de/578936 (ali).