Kalisalz wird in der Landwirtschaft seit mehr als 120 Jahren als Dünger für das Pflanzenwachstum eingesetzt. Der Abbau erfolgt in mehr als 500 Metern Tiefe, bevor das Rohsalz an der Oberfläche weiterverarbeitet wird. Trotz der globalen Verbreitung der Produkte ist die Bedeutung des Kalibergbaus vielen Menschen kaum bewusst. In der öffentlichen Wahrnehmung stand er stets im Schatten der Kohle aus dem Ruhrgebiet. Im Gegensatz dazu wird aber bis heute Kalisalz in Deutschland im Bergbau gefördert.
Das Werra-Revier erstreckt sich vom thüringischen Bad Salzungen bis ins rund 30 Kilometer entfernte Heringen in Hessen. Die ersten Schächte entstanden in den 1880er-Jahren. Der aus Kalisalz gewonnene Dünger wurde weltweit exportiert, auch in die deutschen Kolonien. Während der Weimarer Republik bildeten sich große Kali-Syndikate, die den Weltmarkt dominierten. Für die nationalsozialistischen Machthaber besaß das als Dünger eingesetzte Salz eine herausgehobene Bedeutung: Staatlich subventioniertes Kalisalz sicherte die Zustimmung der Landwirtschaft zum NS-Regime. Nach 1945 lag der größere Teil des Reviers in der sowjetisch besetzten Zone, der späteren Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Im Westen entstand 1971 die bis heute bestehende Kali und Salz AG (K+S). Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden auf östlicher Seite zahlreiche Werke geschlossen. Die deutsche Teilung sowie die besondere Rolle des Kalibergbaus während der NS-Zeit machen das Revier auch zu einem politischen Untersuchungsfeld. Hier lässt sich auf engem Raum nachvollziehen, wie sich die deutsch-deutsche Grenzziehung auf die Aufarbeitung einer komplexen NS-Vergangenheit in einer eng verflochtenen Region ausgewirkt hat.
Herausgehobene Stellung für das NS-Regime
Die Untersuchung der Jahre 1933 bis 1945 im Kalirevier lässt sich in drei zentrale Felder unterteilen: handelnde Akteur/-innen, die Rolle des Kalidüngers für das NS-Regime sowie die Bedeutung der Region als Rüstungsstandort während des Zweiten Weltkriegs. Von herausragender Bedeutung war August Rosterg (1870–1945). Als Generaldirektor der Wintershall AG, dem größten deutschen Unternehmen im Bereich der Förderung und Verarbeitung von Kalidünger vor 1945, prägte er die Entwicklung der gesamten deutschen Kaliindustrie maßgeblich. Er vertrat konservative wirtschaftspolitische Positionen und lehnte die demokratischen Entwicklungen der Weimarer Republik ab. Rosterg unterstützte früh das nationalsozialistische Regime und förderte die NSDAP bereits ab 1931 finanziell und politisch. Ab 1932 gehörte er dem Keppler-Kreis, später dem „Freundeskreis Reichsführer SS“ um Heinrich Himmler an. Dieser informelle Zusammenschluss von Industriellen verschaffte sich Zugang zur Staatsführung und unterstützte im Gegenzug die NSDAP finanziell. Während Rostergs Haltung zum NS-Regime zunächst auf einer ideologischen Nähe beruhte, vollzog sich später eine schrittweise Entfremdung. Seit Kriegsbeginn war seine Position vor allem von ökonomischem Pragmatismus geprägt. Rosterg verstarb 1945 in Stockholm, wohin er sich kurz vor Kriegsende abgesetzt hatte.
Das Kalirevier an der Werra gewann zudem als Standort der Rüstungsproduktion an Bedeutung. Während industrielle Zentren und Großstädte zunehmend während des Kriegs zerstört wurden, blieb das ländlich geprägte Werratal weitgehend verschont. Stillgelegte Schächte des Kalibergbaus – rund 15 Stück im Umkreis von etwa 20 Kilometern um den Hauptstandort der Wintershall AG in Heringen – boten ideale Voraussetzungen für die Verlagerung von Rüstungsproduktion unter Tage. Die Salzstollen in 500 bis 700 Metern Tiefe waren stabil und gut ausgebaut. Sie boten Schutz vor alliierten Bomben. Sowohl in der Rüstungsproduktion als auch im Kalibergbau und der angeschlossenen Zulieferindustrie wurden zwischen 1939 und 1945 etwa 10.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus ganz Europa im Werratal eingesetzt. In der Region existierten zudem drei Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Buchenwald mit insgesamt rund 2.000 inhaftierten Personen.
Im April 1945 endeten im Kalirevier an der Werra die Kampfhandlungen des Zweiten Weltkriegs. Truppen der US-Armee befreiten das Gebiet von Westen her und rückten weiter in Richtung Eisenach vor. Nach ihrem Abzug besetzten sowjetische Truppen den thüringischen Teil des Reviers. Bereits im Sommer 1945 lagen damit sieben von neun Produktionsstandorten für Kalidünger in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ). Bis 1955 wurden in der US-Zone auf hessischer Seite, später in der Bundesrepublik Deutschland, zwei zuvor stillgelegte Schächte wieder in Betrieb genommen, um die Versorgung der westlichen Werke mit Rohmaterial sicherzustellen.
Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen, dahinter die Abraumhalde vom Kalibergbau im Werratal. (© picture-alliance, imageBROKER, Roland Marske)
Ein Beobachtungsturm der DDR-Grenztruppen, dahinter die Abraumhalde vom Kalibergbau im Werratal. (© picture-alliance, imageBROKER, Roland Marske)
Das Revier wurde durch die Demarkationslinie und die sich entwickelnde innerdeutsche Grenze geteilt. Transportwege zwischen Ost und West kamen nahezu vollständig zum Erliegen. Nur vereinzelt verkehrten Güterzüge aus der DDR auf ihrem Weg zwischen Werken über westdeutsches Territorium – unter strengen Auflagen. Fast alle Standorte im Osten lagen im fünf Kilometer breiten Sperrgebiet entlang der Grenze. Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen entwickelte sich die Kalisalzförderung und Düngemittelproduktion in der DDR zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig. Mitte der 1970er-Jahre war das Land in diesem Bereich sogar Weltmarktführer. Im grenznahen Merkers befand sich zeitweise der größte Produktionsstandort für Kalidünger weltweit.
Für die junge Bundesrepublik besaß die Branche ebenfalls eine relevante volkswirtschaftliche Bedeutung, stand jedoch stets im Schatten der dominierenden Steinkohleförderung im Ruhrgebiet. Die ostdeutschen Betriebe wurden zu einem großen Kombinat zusammengeführt. Im Westen markierte die Gründung der K+S AG im Jahr 1971 die entscheidende unternehmerische Weichenstellung der Nachkriegszeit: Der Konzern entwickelte sich schrittweise zum Eigentümer nahezu aller Kaliproduktionsstandorte in Westdeutschland.
Aufarbeitung mit ideologischen Schranken
Die Beschäftigung mit den Hinterlassenschaften und Folgen der NS-Zeit im Kalirevier begann bereits vor der Kapitulation des Deutschen Reichs im Mai 1945. Am 4. April 1945 wurde der Ort Merkers von US-Truppen eingenommen. Durch Verhöre von Zwangsarbeiter/-innen aus den befreiten Lagern der Region, Displaced Persons sowie deutschen Funktionär/-innen erhärtete sich kurz darauf der Verdacht, dass im örtlichen Schacht Goldreserven der Reichsbank, Kunstwerke und weitere Wertgegenstände eingelagert worden waren. Die US-Armee entdeckte wenig später enorme Bestände an Gold, Devisen, Reichsmark sowie von der SS geraubtes Eigentum von inhaftierten Personen aus Konzentrationslagern. Zudem fanden sie bedeutende Kunstschätze aus Berliner Museen, die im März 1945 zum Schutz vor Bombenangriffen unter Tage verbracht worden waren. Sofort begann die US-Armee damit, die Funde zu dokumentieren und zügig abzutransportieren. Vorrangig sollte das Vermögen der Reichsbank gesichert werden, bevor sowjetische Truppen das Gebiet übernehmen konnten. In Kisten verpackt wurden die Bestände zunächst nach Frankfurt am Main und später in die USA gebracht. Dort wurden sie teilweise restituiert und für Entschädigungsleistungen verwendet.
Eine umfassende Aufarbeitung der konkreten Ereignisse vor Ort – insbesondere der Schicksale der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – setzte zunächst nicht ein und erfolgte erst später schrittweise. In der SBZ und der jungen DDR konzentrierte sie sich vor allem auf das Schicksal der sowjetischen Opfer. Diese machten etwa ein Drittel der im Kalirevier eingesetzten Zwangsarbeitskräfte aus, schätzungsweise 3.000 Menschen. Auf den Friedhöfen in der SBZ wurden Gräberfelder und Ehrenmale angelegt. Bis 1989, teilweise auch darüber hinaus, fanden dort jährlich Gedenkfeiern und Kranzniederlegungen statt. Die Orte der Zwangsarbeit selbst verschwanden indes weitgehend – zumindest die baulichen Strukturen über Tage. Bereits in den ersten Nachkriegswochen wurden in Ost und West die Barackenlager, die zuvor der Unterbringung von Zwangsarbeitern und KZ-Insassen gedient hatten, zu Auffanglagern für Geflüchtete aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten umfunktioniert. Diese sogenannten Flüchtlingslager bestanden teilweise bis weit in die 1950er-Jahre fort.
Die Werra, Grenzfluss zwischen BRD und DDR, bei Vacha. Aus einer Fotoserie zum Kali-Bergbau in den beiden deutschen Staaten und der durch die DDR-Förderung hervorgerufene Belastung des Flusses. (© picture-alliance, SZ Photo, Manfred Vollmer)
Die Werra, Grenzfluss zwischen BRD und DDR, bei Vacha. Aus einer Fotoserie zum Kali-Bergbau in den beiden deutschen Staaten und der durch die DDR-Förderung hervorgerufene Belastung des Flusses. (© picture-alliance, SZ Photo, Manfred Vollmer)
Auch in Abteroda, einem kleinen Ort in Thüringen, rund zwei Kilometer von der späteren innerdeutschen Grenze entfernt, zogen bereits Ende 1945 Menschen in die ehemaligen Baracken ein. Der dortige Schacht war im Zweiten Weltkrieg zu einer unterirdischen Anlage ausgebaut und für die Rüstungsproduktion genutzt worden, insbesondere durch die Bayerischen Motorenwerke (BMW). Ab Sommer 1944 befand sich hier ein Außenlager des KZ Buchenwald. Der gesamte Gebäudekomplex erstreckte sich über mehrere Quadratkilometer und übertraf die Fläche des angrenzenden Dorfes um ein Vielfaches. Für Bau und Produktion wurden sowohl weibliche als auch männliche KZ-Häftlinge eingesetzt. Die Frauen stammten überwiegend aus Frankreich, Italien und Polen; viele von ihnen gehörten Widerstandsbewegungen an oder waren Jüdinnen. Im Zuge des Ausbaus der Grenzanlagen der innerdeutschen Grenze in etwa drei Kilometern Entfernung wurde das Gelände nahezu vollständig eingeebnet. Einige der verbliebenen Baracken dienten zeitweise als Stallungen für Vieh. Hier wird besonders deutlich: Die deutsche Teilung sorgte auf östlicher Seite für ein schnelles Verschwinden von baulichen Relikten der NS-Zeit. Und sie verhinderte über lange Zeit eine systematische Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken vor Ort. Da ein großer Teil der Opfer aus Westeuropa stammte, zeigten die Behörden der DDR nur begrenztes Interesse an der Geschichte des Lagers. Ähnliches galt für die Bundesrepublik. Obwohl es Opfer gab, die nun in Westdeutschland lebten, war das Außenlager praktisch unbekannt, auch weil es sich nun auf dem Gebiet der späteren DDR befand.
Gefährliches Erbe
Die offiziellen Stellen zeigten daran nach Lage der Quellen kein Interesse. Stattdessen rückte ein anderer Aspekt in den Vordergrund: die Relikte der nationalsozialistischen Rüstungsproduktion, die weiterhin in den Salzstollen lagerten. Nach der Besetzung der Heeresmunitionsanstalt Berka (Thüringen) im April 1945 übernahm eine sowjetische Einheit die nahegelegenen Kaliwerke Alexandershall und Abteroda. Dort stieß sie auf große Mengen an Munition, Sprengstoffe und chemischen Kampfstoffen. Letztere umfassten unter anderem arsenhaltige Substanzen sowie Pikrinsäure, die zur Herstellung von Sprengstoffen verwendet wurde. Zwischen 1945 und 1947 wurden die unterirdischen Anlagen durch die sowjetische Militäradministration nur unvollständig geräumt. Lediglich die Produktionsanlagen von BMW wurden vollständig demontiert. Ein Teil der Munition wurde gesprengt oder verbrannt, während chemische Kampfstoffe größtenteils in den Schächten verblieben. Im Jahr 1948 wurden größere Mengen dieser Stoffe in Eisenbahnwaggons verladen und vermutlich zur Versenkung abtransportiert. Andere Substanzen wurden vollkommen unsachgemäß vor Ort entsorgt, etwa durch Versenkungen in Tümpeln und Teichen. Am 3. September 1952 besichtigten Vertreter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Rahmen „besonderer Maßnahmen an der Zonengrenze“ die stillgelegten untertägigen Grubenanlagen. Auch die Volkspolizei stellte fest, dass weiterhin erhebliche Mengen an Kampfstoffen sowohl unter Tage als auch an der Oberfläche vorhanden waren. Dies führte zur Sperrung der betroffenen Bereiche, die vom aktiven Kalisalzabbau getrennt werden sollten. In den folgenden Jahren wurde die unzureichende Sicherung zwar wiederholt bemängelt, doch eine vollständige Räumung unterblieb aus Kostengründen. Stattdessen beschränkte man sich darauf, die betroffenen Stollen abzusperren und regelmäßig zu kontrollieren, ohne das Problem grundlegend zu lösen.
Die Stasi schaltete sich 1976 erneut federführend in den Vorgang ein. Die Hauptabteilung XVIII (Volkswirtschaft), die vorrangig mit der Verhinderung und Aufdeckung von Sabotageakten befasst war, übernahm die Bearbeitung. Über die Informationen eines Zuträgers gelangte der Fall auf den Tisch des Abteilungsleiters Alfred Kleine sowie des stellvertretenden Ministers für Staatssicherheit, Rudi Mittig. Dies unterstreicht die Bedeutung, die dem Vorgang beigemessen wurde: In unmittelbarer Nähe zur Staatsgrenze sollten derart gefährliche Hinterlassenschaften keinesfalls in falsche Hände geraten.
Auch an anderer Stelle war das Ministerium aktiv: In den späten 1950er-Jahren hatte das MfS damit begonnen, Informationen über August Rosterg zu sammeln. Trotz seines Ablebens 1945 meinten die Verantwortlichen des MfS offenbar, dass Informationen zu Rosterg aus Presseartikeln, allesamt aus der Zeit vor 1945, nützlich sein konnten, um sie bei Gelegenheit propagandistisch zu nutzen.
Lange Nachgeschichte
Die historische deutsche Teilung verhindert bis heute eine umfassende Kontextualisierung der NS-Zeit im Kalirevier an der Werra – und das paradoxerweise noch rund 36 Jahre nach ihrer Überwindung. Denn die Teilung sorgte dafür, dass lokalhistorische Aufarbeitungen zumeist an den Ortsgrenzen endeten, wenn das Nachbardorf auf der anderen Seite des Zauns lag. So fand bis heute nur eine unzureichende Vernetzung unter den Initiativen statt. Es ist historisch herzuleiten, dass die Aufarbeitung auf Seiten der Bundesrepublik zumeist darauf verweisen konnte, dass die prominenten Orte des Unrechts, die Außenlager des KZ-Buchenwald, alle auf dem Staatsgebiet der DDR lagen. Die wiederum interessierte sich aus ideologischen Gründen kaum für das Schicksal der Opfer aus westeuropäischen Staaten. Da fast alle ehemaligen Lager im Sperrgebiet lagen, mussten sie weichen. Gedenksteine oder Mahnmale gab es allenfalls auf den örtlichen Friedhöfen und zumeist nur für sowjetische Soldaten, die als Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit gezwungen wurden und starben. Durch die deutsche Teilung gibt es zudem keinen geschlossenen Aktenbestand. Die Recherche nach Standorten, Opfern und Täter/-innen fällt bis heute schwer. Vor 1990 waren entsprechende Bestände in der DDR überhaupt nicht zugänglich. All das erschwert lokalen Initiativen die Aufarbeitung zusätzlich. Während sie bei Heimat- und Geschichtsvereinen in Thüringen zumeist auf die Standorte der Lager und Schächte konzentriert ist, betrachten hessische Initiativen stärker bestimmte Opfergruppen, vorrangig jüdische, die in der Aufarbeitung in der DDR nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Nicht zuletzt ist die Kaliindustrie bis heute der größte Arbeitgeber der Region. Es gibt vielfach nur wenig Eifer, unangenehme Fragen zur NS-Geschichte zu stellen, wobei sich diese Haltung in jüngerer Zeit zu wandeln beginnt.
Zitierweise: Maximilian Kutzner, „Verzögerte Aufarbeitung durch die deutsche Teilung - Die NS-Vergangenheit im Kalirevier an der Werra", in: Deutschland Archiv, 01.06.2026, Link: www.bpb.de/578469 (ali).