Ein erster Überblick
Nach Beginn des sowjetisch-chinesischen Zerwürfnisses in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren
Maos China war der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und der Stasi viel zu „revolutionär“. Sympathien für Maos kategorische Ablehnung des sowjetischen Führungsanspruchs innerhalb des „sozialistischen Weltsystems“ sollten in der DDR um jeden Preis unterbunden werden. Denn der Führungsanspruch der UdSSR sollte nicht infrage gestellt werden. Intellektuelle und selbst deklarierte „wahre Kommunisten der ersten Stunde“ und/oder „alte Genossen“ in der DDR sahen das mitunter gänzlich anders und bewunderten Mao Zedongs vermeintlichen Mut, sich gegen sowjetische Dominanz und Unterdrückung aufzulehnen. Das MfS investierte daraufhin und in den 1960er-Jahren erhebliche Energie und Ressourcen, um die vermuteten konspirativen Aktivitäten ostdeutscher China-Sympathisant/-innen und „Verschwörer“ überall und mit aller Gründlichkeit im Keim zu ersticken. Das MfS leistete bezogen auf China in den 1950er- und 1960er-Jahre mitunter mehr als nur das Erstellen von Listen potenzieller Verschwörer oder das Zählen von ost-und westdeutschen Studierenden, die sich Maos Kleines Rotes Buch (auch Mao-Bibel genannt)
Die Stasi demonstrierte – auch mit Hilfe der zur Zusammenarbeit angeworbenen (oder gezwungenen) China-Wissenschaftler/-innen in der DDR –in den 1960er-Jahren durchaus die Fähigkeit, ernsthafte Analysen chinesischer Innen-und Außenpolitik zu produzieren. Und wenn diese Analysen und Berichte über das hinausgingen, was die SED zu Propagandazwecken und zum „China-Bashing“ hören wollte, waren einige (zugegebenermaßen wenige) dieser Analysen durchaus lesenswert und trugen zum Verständnis der seinerzeit von Mao vom Zaun gebrochenen chaotischen und gewaltsamen Innen- und Außenpolitik bei. Viele andere vom Autor eingesehene Stasi-Berichte und Analysen zur VR China der 1950er- und 1960er-Jahre taten das jedoch nicht und bissen sich in absurden Schlussfolgerungen fest. So hieß es beispielsweise, dass Maos „Großer Sprung nach Vorn“ der späten 1950er- und die Kulturrevolution der 1960/1970er-Jahre in erster Linie als eine Kampfansage an die von der aus Sicht Pekings „revisionistischen“ Sowjetunion geführte Gemeinschaft sozialistisch-kommunistischer Staaten zu verstehen seien. Die bis zu 45 bis 55 Millionen Chinesen, die diesen beiden Kampagnen zum Opfer fielen, würden – wenn sie könnten –diesem als Analyse verkauften Unsinn wohl entschieden widersprechen.
Die Volksrepublik China und die DDR: Nur kurze Flitterwochen
Bevor das MfS ab den frühen 1960er-Jahren viel Energie in das Abfangen und die Beschlagnahme von chinesischem Propagandamaterial und das eifrig-obsessive Zählen west-und ostdeutscher Besucher/-innen in der chinesischen Botschaft in Ost-Berlin investierte, war in den 1950er-Jahren Freundschaft und Solidarität mit China von Moskau und folglich auch in Ost-Berlin befohlen. Das Interesse und die Begeisterung der breiten ostdeutschen Bevölkerung für das von Mao Zedong regierte und von ihm mit einer Terrorkampagne nach der anderen überzogene China der 1950er-Jahre war jedoch in der DDR eher begrenzt. DDR-Bürger/-innen hatten, salopp gesagt, ihre eigene Diktatur und einen Staatssicherheitsdienst, der ihnen auf Schritt und Tritt folgte. Zu jener Zeit glaubten in der DDR wohl nur die Wenigsten, dass China das Land des sozialistischen Himmels auf Erden war.
Zu diesen „Wenigsten“, so entschied Ost-Berlin in den 1950er-Jahren, hatten aber ostdeutsche Intellektuelle und Schriftsteller zu gehören, die zwecks unbedingt positiver Berichterstattung nach China entsandt wurden. Befehl war Befehl, und so machten sich ostdeutsche Schriftsteller/-innen und Intellektuelle wie Anna Seghers, Bode Uhse und Willi Bredel daran, ein Land zu besuchen, das sich die größte Mühe gab, die ostdeutschen Besucher/-innen vor Ort zu täuschen.
Schlimmer noch: Aus Furcht vor Bestrafung durch Peking für das Nichterreichen von Produktionszielen jubelten Parteioffizielle in den Provinzen, dass die Produktionsziele nicht nur erreicht, sondern übertroffen wurden. Der Unsinn nahm so weiter seinen Lauf und führte dazu, dass Mao die Produktionsziele erneut erhöhte, was Nahrungsmittelknappheit und Hungersnot in ganz China noch viel dramatischer verschärfte. Insbesondere Bodo Uhses Chinareisebericht aus dem Jahr 1956 war mindestens grotesk, als er das chinesische Volk, seine Kultur und die Volksbefreiungsarmee lobte, die seiner Ansicht nach von 1950 bis 1953 erfolgreich in Korea Widerstand gegen die Versuche der Wall Street geleistet hatte, die „Weltherrschaft“ zu erlangen.
Die DDR hat China nie wirklich getraut
Trotz der offiziell propagierten hervorragenden Beziehungen während der 1950er-Jahre machten sich die DDR-Behörden nicht erst in den 1960er-Jahren und im Zuge des chinesisch-sowjetischen Zerwürfnisses daran, die Kontakte und den Austausch zwischen ostdeutschen und chinesischen Bürger/-innen zu kontrollieren und zu unterbinden. SED-Funktionäre zeigten sich bereits in den frühen 1950ern besorgt über das Interesse bestimmter Teile der ostdeutschen Bevölkerung – insbesondere von Akademiker/-innen und Intellektuellen, die Beziehungen und Austausch mit chinesischen Kolleg/-innen suchten.
Dies geschah auch, um zu verhindern, dass DDR-Bürger/-innen gegenüber chinesischen Gesprächspartner/-innen über Lebensbedingungen, politische Repression oder andere von Ost-Berlin definierte Tabuthemen sprechen und/oder sich darüber beschweren konnten. So lehnte die SED beispielsweise 1952 Anträge auf Gründung einer Deutsch-Chinesischen Freundschaftsgesellschaft ab und ordnete die Auflösung anderer chinesischer Vereinigungen an, die bereits in den 1940er-Jahren von in Deutschland lebenden Chines/-innen gegründet worden waren.
Natürlich hatte die Stasi auch chinesische Studierende in der DDR und ostdeutsche Studierende in China auf dem Radar. Die DDR-Botschaft in Peking wurde beispielsweise 1960 angewiesen, darauf zu achten, dass die in China studierenden Ostdeutschen durch ihre Kontakte in China nicht mit der „falschen Version“ vom Marxismus-Leninismus „kontaminiert“ würden.
Tschu En-lai (M), Vorsitzender des Staatsrates China und Außenminister seines Landes, 1954 auf Besuch in der DDR. Hier verlässt er die Humboldt-Universität, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen hat. Links neben Tschu: DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, rechts der Universitäts-Rektor, Dr. Neye. (© picture-alliance, Sammlung Richter)
Tschu En-lai (M), Vorsitzender des Staatsrates China und Außenminister seines Landes, 1954 auf Besuch in der DDR. Hier verlässt er die Humboldt-Universität, die ihm die Ehrendoktorwürde verliehen hat. Links neben Tschu: DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl, rechts der Universitäts-Rektor, Dr. Neye. (© picture-alliance, Sammlung Richter)
Über weitere Kontakte mit anderen ausländischen Studierenden in chinesischen Wohnheimen machte die DDR-Botschaft keine Angaben. An der Heimatfront entschieden SED und Stasi derweil darüber, was ostdeutsche Kommiliton/-innen mit chinesischen Studierenden in der DDR besprechen durften – beziehungsweise vor allem: was nicht. Dass das erfolgreich war, darf bezweifelt werden, nicht zuletzt, weil es selbst der Stasi schwergefallen sein muss, die Mitte der 1950er-Jahre in der DDR lebenden rund 170 chinesischen Studierenden und deren Alltag und Kontakte an ostdeutschen Universitäten lückenlos zu überwachen.
Es reicht jetzt (mit China)
Anfang der 1960er-Jahre machte die Stasi schließlich ernst mit ihren Plänen, der DDR-Bevölkerung den Zugang zu chinesischer Literatur und Propaganda zu verbieten. Im April 1963 veröffentlichte das MfS eine umfassende Liste chinesischer Publikationen (Artikel und Broschüren, Literatur et cetera), die seinerzeit auf unterschiedlichen Wegen in der DDR verbreitet wurden.
Das MfS wusste und schrieb aber noch mehr über die Verbreitung chinesischer Literatur und Propagandamaterial in der DDR. Im Juli 1963 berichtete das Ministerium, dass Familienangehörige von Mitarbeitenden der chinesischen Botschaft in Ost-Berlin offizielle chinesische Dokumente und Erklärungen an ostdeutsche Intellektuelle, Wissenschaftler/-innen, Journalist/-innen und lokale SED-Parteimitglieder auf dem Postweg versandten.
China wehrt sich wenigstens – so der Eindruck bei manchen in der DDR
Chinesische Jungingenieure praktizieren in der DDR, Aufnahme vom April 1958. Originalbildunterschrift: Zur Zeit absolvieren im Messgerätewerk "Karl Marx" in Magdeburg chinesische Jungingenieure ihr Praktikum. Es handelt sich hierbei um Absolventen chinesischer Fach- und Hochschulen, die in der im Aufbau befindlichen Messgerätefabrik in Sian leitende Funktion übernehmen sollen. Liu Huo aus Peking wird in der chinesischen Messgerätefabrik als Technologin für Galvanik und Oberflächenschutz arbeiten. Ingenieur-Technologe Max Hunger gibt ihr eine Einführung in sein Aufgabengebiet. (© Bundesarchiv, Zentralbild Wilhelm Biscan)
Chinesische Jungingenieure praktizieren in der DDR, Aufnahme vom April 1958. Originalbildunterschrift: Zur Zeit absolvieren im Messgerätewerk "Karl Marx" in Magdeburg chinesische Jungingenieure ihr Praktikum. Es handelt sich hierbei um Absolventen chinesischer Fach- und Hochschulen, die in der im Aufbau befindlichen Messgerätefabrik in Sian leitende Funktion übernehmen sollen. Liu Huo aus Peking wird in der chinesischen Messgerätefabrik als Technologin für Galvanik und Oberflächenschutz arbeiten. Ingenieur-Technologe Max Hunger gibt ihr eine Einführung in sein Aufgabengebiet. (© Bundesarchiv, Zentralbild Wilhelm Biscan)
Allerdings befanden nicht alle SED-Mitglieder, dass die sowjetische Version und Auslegung des Marxismus-Leninismus die richtige und jene Chinas die (völlig) falsche sei. Ein von Slobodian zitiertes SED-Parteimitglied verstand China Mitte der 1960er-Jahre als ein Land, das den Mut gehabt habe, sich der sowjetischen Dominanz und Bevormundung zu widersetzen: „Endlich gibt es jemanden, der Moskau seine Meinung sagt. Die Chinesen tanzen nicht nach Chruschtschows Pfeife und sind deswegen jetzt die Bösewichte.“
DDR-Bürger/-innen sind auf der SED-Linie – glaubt die Stasi
Links der ägyptische Student Wallas Henri, in der Mitte der chinesische Student Nei-Chiang Ma und rechts der vietnamesische Student Thao. Die drei verfolgen im Institut für Ausländerstudium der Karl-Marx-Universität Leipzig die Reise der Regierungsdelegation der DDR in den Nahen Osten und nach Asien, aufgenommen im Januar 1959. (© Bundesarchiv, Zentralbild Schmidt, 183-57591-0001)
Links der ägyptische Student Wallas Henri, in der Mitte der chinesische Student Nei-Chiang Ma und rechts der vietnamesische Student Thao. Die drei verfolgen im Institut für Ausländerstudium der Karl-Marx-Universität Leipzig die Reise der Regierungsdelegation der DDR in den Nahen Osten und nach Asien, aufgenommen im Januar 1959. (© Bundesarchiv, Zentralbild Schmidt, 183-57591-0001)
Das MfS spielte solchen Widerstand herunter und attestierte stattdessen den von ihr abgehörten und bespitzelten DDR-Bürger/-innen – trotz einiger (weniger) Abweichler –, mit der SED in Bezug auf China auf der gleichen Linie zu sein. Ein Stasibericht vom 7. August 1963 lobte den „weisen“ sowjetischen Führer Chruschtschow, der unermüdlich und (natürlich) mit großem Geschick daran arbeite, die Gesprächskanäle mit China offen zu halten.
Der Bericht stellte außerdem fest, dass Diskussionen unter (wahrscheinlich abgehörten) DDR-Bürger/-innen ergeben hätten, dass sich die Beurteilung sowjetischer Chinapolitik durch die DDR-Bürger/-innen mit jener der Regierung in Ost-Berlin decke. Und wenn das nicht der Fall war, wusste die Stasi natürlich auch, wer daran schuld war: Die westlichen Medien — im Sprachgebrauch der DDR-Propaganda meist als „NATO-Sender“ bezeichnet — sprächen von China als der „gelben Gefahr“,
V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle: Der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter der Volksrepublik China in der DDR, Wang Kue-tschuan (links), und das Mitglied des ZK der KP Chinas und Abteilungsleiter für Organisation im ZK An Tse-wen im Präsidium des Parteitages. (© Bundesarchiv, Zentralbild Walter Heilig )
V. Parteitag der SED vom 10. bis 16. Juli 1958 in der Berliner Werner-Seelenbinder-Halle: Der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter der Volksrepublik China in der DDR, Wang Kue-tschuan (links), und das Mitglied des ZK der KP Chinas und Abteilungsleiter für Organisation im ZK An Tse-wen im Präsidium des Parteitages. (© Bundesarchiv, Zentralbild Walter Heilig )
Teile der ostdeutschen Öffentlichkeit, so war zu lesen, hätten hinsichtlich der „richtigen“ Auslegung und Anwendung des Marxismus-Leninismus eine abwartende Haltung eingenommen. Intellektuelle beklagten darüber hinaus den fehlenden Zugang zu belastbaren Informationen zur wirtschaftlichen und politischen Lage Chinas. Daher hätten sie, basierend auf den verfügbaren Informationen – also jenen, die die Stasikontrollen und Zensur passierten –, nicht die Möglichkeit, sich eingehend darüber zu informieren, ob Maos China unter den sozialistischen und kommunistischen Ländern als Freund oder Feind zu behandeln sei. Der Bericht zeigte sich abschließend zufrieden darüber, dass die Mehrheit der DDR-Bevölkerung „klug und rational genug“ sei, China nicht offen feindselig gegenüberzutreten, sondern vielmehr eine wohlbegründete Skepsis gegenüber Chinas politischen Entscheidungen und Politik zu äußern. So weit, so gut dann also?
China geht in Rostock vor Anker
Nicht ganz, denn die VR China ließ in den 1960er-Jahren trotz der Kontrollen und Zensur durch die Stasi nichts unversucht, seine Kulturrevolution in der DDR an den Mann (und die Frau) zu bringen. Im August 1967 nutzte China die Möglichkeit, die Häfen sozialistischer Bruderstaaten anzulaufen und ließ das Frachtschiff „Song Jiang“ in Rostock vor Anker gehen. Die Besatzung schmückte das Schiff mit Bannern, auf denen Mao-Zedong-Parolen auf Deutsch zu lesen waren, und versuchte, das „Kleine Rote Buch“ Maos unter der lokalen Bevölkerung zu verteilen. Die DDR-Behörden und die Staatssicherheit reagierten darauf, indem sie dem Kapitän des Schiffes die Weiterreise zur chinesischen Botschaft in Ost-Berlin untersagten. Bei der Durchsuchung des chinesischen Schiffes fanden die Stasimitarbeiter nicht nur Gedrucktes, sondern auch Flugabwehrkanonen, Maschinengewehre, Pistolen und Handgranaten.
Ende 1967 begeisterte sich – wie auch in der BRD – tatsächlich ein Teil der ostdeutschen Jugend für Maos Kulturrevolution, was Peking seinerzeit ermutigt haben muss, seine Botschaft in Ost-Berlin auf dem Seeweg mit Propagandamaterial zu versorgen. Allerdings gingen Pekings Versuche, die ostdeutsche Öffentlichkeit für die opferreiche Kulturrevolutionzu begeistern, nach hinten los und hatte antichinesische Ressentiments in der DDR zur Folge. Innerhalb und außerhalb von SED-Parteikreisen war von der „gelben Gefahr“ die Rede, und es kursierten rassistische Äußerungen, die suggerierten, dass ein „Kampf der Kulturen“ zwischen der „weißen“ und der „gelben Rasse“ bevorstehe.
Das kleine rote Buch Maos: Indoktrination für Ost und West zum Nulltarif
1968 dann machte sich die Stasi daran, auch westdeutsche Studierende zu zählen, die die chinesische Botschaft in Ost-Berlin betraten. Selbstverständlich wurde darüber ein Bericht verfasst, in dem die Lesenden informiert wurden — der Minister für Staatssicherheit Erich Mielke schrieb direkt an den Genossen und Vorsitzenden des Staatrats der DDR Erich Honecker –, dass zwischen Januar und Juni 1968 insgesamt 220 westdeutsche Bürger/-innen und/oder Studierende die chinesische Botschaft in Ost-Berlin aufsuchten.
Die Stasi berichtete beziehungsweise spekulierte, dass die Studierenden in der Botschaft von Offiziellen empfangen und sowohl mündlich als auch schriftlich über den Maoismus und die (angeblichen) Errungenschaften der laufenden Kulturrevolution informiert worden seien. Der Bericht schloss mit der Behauptung, die Beweggründe der westdeutschen Studierenden für ihren Besuch in der chinesischen Botschaft zu kennen. Demnach wurden sie angeblich durch Abenteurertum und die in westdeutschen Massenmedien kursierende Propaganda aufgestachelt. Abschließend warnte der Bericht vor chinesischen Versuchen – diesmal durch das Büro der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua in der Bundesrepublik –, chinesische Propaganda in Westdeutschland zu verbreiten. Xinhua, berichtete die Stasi, kooperiere auf Anweisung der chinesischen Botschaft in Ost-Berlin mit dem in Hamburg ansässigen Verlag Scolaris, der eine Wochenzeitschrift mit dem Titel China herausgebe. Exemplare dieser Zeitschrift, so behauptete die Stasi, seien auch in Regierungskreisen in Bonn verteilt worden.
Ende des Jahres 1968 dann reichte es der Staatssicherheit offensichtlich, sich permanent zwecks Zählens west-und ostdeutscher Verschwörer vor der chinesischen Botschaft zu positionieren. Fortan wurde es nun DDR-Bürger/-innen unter Androhung von Strafe untersagt, die chinesische Botschaft ohne ausdrückliche Genehmigung der Behörden zu betreten. Die Stasi wahrte den Anschein von Rechtsstaatlichkeit, und interessierte Bürger/-innen konnten weiterhin eine Genehmigung für den Besuch der chinesischen Botschaft beantragen. Das Ablehnen von Anträgen war bekanntlich eine Spezialität des MfS, und es kann deswegen davon ausgegangen werden, dass die Ablehnungsquote deutlich höher als die Annahmequote solcher Anträge war. (Ost-)deutsche Ordnung musste sein.
Zitierweise: Axel Berkofsky, "Paranoia und Anzeichen akuter Panik. Die Stasi und China in den 1960er-Jahren“, in: Deutschland Archiv, 04.06.2026, Link: www.bpb.de/578555 (ali).