Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem baut eine Zweigstelle in Sachsen auf – und trifft in Leipzig auf eine Stadt, die jüdische Erinnerung neu erlernt. Die Geschichte eines neuen Bildungsorts rund um jüdische Kultur und Gegenwart im Osten Deutschlands.
Die Entscheidung fiel Ende Mai 2026 und löste ein großes Echo aus: Externer Link: Yad Vashem, die zentrale israelische Gedenk- und Bildungsinstitution zur Erinnerung an die Shoah, wird zum ersten Mal außerhalb von Israel ein Holocaust-Bildungszentrum eröffnen und damit sein weltweites Engagement in der Holocaust-Bildung und Erinnerungsarbeit verstärken. Als Hauptstandort wurde in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung München ausgewählt, eine Stadt, die sich bis heute mit der historischen Last auseinandersetzt, einst von den Nationalsozialisten zur „Hauptstadt der Bewegung“ stilisiert worden zu sein.
Doch die Entscheidung hat eine zweite Pointe. Neben München soll auch Leipzig zu einem Standort werden, als Außenstelle in Sachsen. Nicht als Museum, sondern als Bildungsort rund um jüdische Geschichte und Gegenwart im Osten Deutschlands. Die Einrichtung soll interaktive Lernräume bereitstellen und richtet ihre Angebote an Pädagogen und Pädagoginnen in der gesamten Region sowie in deren Nachbarländern. Die Wahl Leipzigs ist weder Zufall noch allein das Ergebnis eines gelungenen Bewerbungsverfahrens. Sie ist eine bewusste Entscheidung für Sachsen, für Ostdeutschland, und stellt sich der Frage, wie Erinnerung nach dem Ende der Zeitzeug/-innenschaft aussehen kann. In einer Stadt, in der jüdische Geschichte lange verschüttet, jüdisches Leben fast ausgelöscht und jüdische Gegenwart nach 1989 neu sichtbar wurde.
Leipzig als ein naheliegender Standort
Ausgangspunkt war eine Bewerbung des Freistaats Sachsen. Unter Federführung des Sächsischen Kultus-Ministeriums wurde das Bewerbungsdossier erarbeitet. Es beschreibt, welchen Beitrag Yad Vashem für das Netzwerk politisch-historischer Bildung in Sachsen leisten könnte, welche Potenziale sich aus der Zusammenarbeit mit Polen und Tschechien ergeben und wie eine solche Einrichtung finanziell und personell unterlegt werden kann. Leipzig war dabei der logische Standort, das Externer Link: Ariowitsch-Haus der entscheidende Ort. Das Jüdische Kultur- und Begegnungszentrum besteht seit 2009 an einem historischen Ort, 1931 als jüdisches Altenheim eröffnet.
Für Dr. Sven Trautmann-Meincke, der im Referat Internationale Zusammenarbeit der Stadt Leipzig unter anderem für die Städtepartnerschaft mit Herzliya, die Beziehungen nach Israel und die internationale Erinnerungsarbeit zuständig ist, begann die Leipziger Dynamik dennoch schon früher. Anfang 2025, sagt er, habe man in Leipzig den Satz im Koalitionsvertrag der Bundesregierung zum geplanten Yad Vashem Education Center gesehen. Die Stadt habe danach Kontakt zu Yad Vashem aufgenommen. „Wir haben als Stadt Leipzig mehr oder weniger eine Initiativbewerbung geschickt“, sagt Trautmann-Meincke. Man habe gezeigt, was es in Leipzig bereits gebe: lokale Erinnerungskultur, internationale Beziehungen, das Besuchsprogramm für jüdische Nachfahren, zivilgesellschaftliche Initiativen, das Ariowitsch-Haus.
Als klar wurde, dass Yad Vashem ein Bundesland suche, das ein solches Zentrum beherbergt, stieg der Freistaat Sachsen engagiert in den Prozess ein. Danach, so beschreibt es Trautmann-Meincke, beantworteten Freistaat und Stadt gemeinsam mit weiteren Partnern die Fragenkataloge von Yad Vashem. Es ging um das, was Sachsen und Leipzig bieten können, um bestehende Strukturen, um Bildungsarbeit, um Netzwerke und um die Frage, wie Yad Vashem in Deutschland erfolgreich sein kann.
Eine lange und widersprüchliche jüdische Geschichte
Am Ende konnte Leipzig überzeugen. Für die Stadt habe gesprochen, so Trautmann-Meincke, dass es mit dem Ariowitsch-Haus bereits einen starken Partner gebe: einen authentischen Ort jüdischen Lebens heute, aber auch einen Ort der Verfolgung während des Holocaust, dazu etablierte Strukturen und Ansprechpartner. Vertreter von Yad Vashem hätten bei ihren Besuchen in Sachsen viele engagierte Menschen kennengelernt, „die schon ganz viel machen“, aber häufig aus nichtjüdischer Perspektive. Yad Vashem könne hier eine zusätzliche, jüdische Perspektive einbringen.
Auch Nora Pester, seit 2010 Verlegerin des Hentrich & Hentrich Verlags weist nachdrücklich darauf hin, dass es sich um eine Bewerbung des Freistaats mit dem Standort Leipzig handelte. Dass Leipzig nun nicht Hauptstandort wurde, sieht sie durchaus ambivalent. „Für mich bedeutet es in erster Hinsicht erst mal eine Enttäuschung“, sagt sie. Der Freistaat Sachsen habe sich mit Leipzig ja als Hauptstandort beworben, es sei aber dennoch „eine große Anerkennung der hier geleisteten Arbeit“. Dass Yad Vashem überhaupt einen zweiten Standort in Deutschland mitdenke, zeige, dass das sächsische Konzept Eindruck hinterlassen habe, erklärt die Verlegerin, deren Haus sich schon seit 1982 ausschließlich auf Veröffentlichungen zu jüdischer Kultur und Zeitgeschichte spezialisiert hat.
Die Frage ist also nicht nur: Warum Yad Vashem? Die Frage ist auch: Warum Sachsen? Und noch genauer: Warum Leipzig?
Leipzigs jüdische Geschichte ist lang, reich, widersprüchlich und nicht immer so präsent gewesen, wie sie es eigentlich sein müsste. In der Weimarer Republik gehörte die Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig zu den großen jüdischen Gemeinden Deutschlands. Nach der Volkszählung von 1925 zählte sie 12.594 Mitglieder und war damit die sechstgrößte jüdische Gemeinde im Land. Jüdische Leipzigerinnen und Leipziger prägten Handel, Verlagswesen, Wissenschaft, Medizin, Musik, Kultur und die bürgerliche Stadtgesellschaft. Leipzig war Messestadt, Buchstadt, Handelsstadt – und jüdische Familien waren daran in erheblichem Maße beteiligt. Die Shoah zerstörte dieses Leben. Nach 1945 existierte die jüdische Gemeinde in Leipzig nur noch rudimentär.
Die DDR brachte eigene Formen des Gedenkens hervor, doch der staatliche Antifaschismus setzte andere Akzente. Die Shoah stand nicht im Zentrum der offiziellen Erinnerung. Jüdische Opfer wurden häufig in eine allgemeine Erzählung vom antifaschistischen Widerstand eingeordnet; die spezifisch jüdische Verfolgungserfahrung trat zurück. Nach 1989 musste vieles neu erzählt und aufgebaut werden.
Aktive Zivilgesellschaft als Basis
Sven Trautmann-Meincke formuliert es so: Nach der Friedlichen Revolution habe es in Leipzig eine „unheimlich aktive Zivilgesellschaft“ gegeben und viele Menschen, die gesagt hätten, sie wollten Erinnerungskultur anders gestalten, als sie es 40 Jahre lang in der DDR erlebt hatten. Jüdische Opfer hätten in der verordneten Erinnerungskultur der DDR kaum eine Rolle gespielt. Viele Ostdeutsche, gerade die heute über 60-Jährigen, hätten zwar den obligatorischen Besuch einer KZ-Gedenkstätte während der Schulzeit erlebt, dort aber vor allem Informationen über antifaschistischen Widerstand erhalten und wenig über jüdische Perspektiven. Genau hier liege eine Herausforderung, aber auch eine besondere Aufgabe.
Dieser ostdeutsche Kontext ist für die Leipziger Bewerbung wichtig. Yad Vashem kommt nicht in einen erinnerungspolitisch leeren Raum, aber in eine Region, in der zentrale Institutionen jüdischer Kultur und Erinnerung nach 1989 anders, später und oft zivilgesellschaftlicher entstanden sind als in westdeutschen Städten Nora Pester sieht darin einen besonderen Leipziger Charakter. Als sie 2018 den Hentrich & Hentrich Verlag von Berlin nach Leipzig holte, war die Entscheidung zunächst pragmatisch. Der Mietvertrag in Berlin endete, die neue Miete hätte eine Steigerung um 250 Prozent bedeutet. Also ging sie mit dem Verlag in ihre Heimatstadt. Erst danach, sagt sie, sei ihr in vollem Umfang bewusst geworden, was Leipzig als Standort bedeute. Es sei eine Buchstadt, eine Stadt mit langer jüdischer Geschichte, und als Verlagsstandort sei Leipzig ohnehin eine gute Wahl gewesen. Doch der Umzug habe den Verlag verändert. Hentrich & Hentrich verstehe sich weiterhin nicht als Leipziger oder sächsischer Verlag, sondern als Verlag mit bundesweiter und internationaler Ausstrahlung. Zugleich sei der Anteil von Büchern über jüdisches Leben in Leipzig und Sachsen gewachsen. Mehr noch: In Leipzig sei der Verlag „nicht mehr einfach nur ein Verlag, sondern ein zivilgesellschaftlicher Akteur“.
Pro Jahr erscheinen nach Angaben des Verlags rund 60 neue Titel, mehr als 800 Titel sind lieferbar. Pester selbst beschreibt den Auftrag so: Der Verlag wolle „das gesamte Spektrum jüdischen Lebens abbilden“. Das bedeute, nicht in der Zeit der Shoah zu verharren, sondern auch die Epochen davor, die Gegenwart und bestenfalls die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland, Europa und der Welt in den Blick zu nehmen. In Leipzig ist dieser Anspruch über das reine Verlegen hinausgewachsen. Der Verlag sitzt inzwischen im Capa-Haus, einem wichtigen Erinnerungsort an die Befreiung Leipzigs 1945, organisiert dort Veranstaltungen und Ausstellungen und wirkt in Netzwerken mit.
Für Pester ist Leipzig auch deshalb besonders, weil hier viel aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden ist. In Berlin, sagt sie sinngemäß, sei man als jüdischer Verlag einer unter vielen Akteuren in einer ohnehin dichten Erinnerungslandschaft. In Leipzig falle stärker auf, wie viel von Privatpersonen und kleinen Initiativen getragen werde. Ein Beispiel ist die Jüdische Woche. Normalerweise findet sie alle zwei Jahre statt. 2026 wurde sie wegen des sächsischen Themenjahres „Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur“ außerplanmäßig erneut veranstaltet. Mehr als 130 Veranstaltungen, getragen nicht von einer zentralen Intendanz, sondern von vielen Akteurinnen und Akteuren. Große Häuser wie Oper und Gewandhaus waren dabei, aber eben auch Vereine, Nachbarschaften, Initiativen, Einzelpersonen. Für Pester ist das ein Bekenntnis zu jüdischem Leben in der Mitte der Gesellschaft.
Jüdisches Leben von heute sichtbar machen
Ähnlich beschreibt es Gisela Kallenbach, Vorsitzende des Fördervereins Synagoge und Begegnungszentrum Leipzig. Sie spricht weniger von Erinnerungskultur im engen Sinn als von jüdischem Leben in Gegenwart und Zukunft. Es gehe ihrem Verein darum, jüdisches Leben in Leipzig heute zu begrüßen, zu unterstützen und als selbstverständlichen Teil der Stadtgesellschaft anzusehen. Der Ausgangspunkt für ihr Engagement war um das Jahr 2000 eine konkrete Auseinandersetzung: Die jüdische Gemeinde war durch die Zuwanderung von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion gewachsen; das Ariowitsch-Haus als ehemaliges jüdisches Altenheim sollte als Begegnungszentrum erweitert werden. In der Nachbarschaft gab es Widerstand und eine gerichtliche Klage. Menschen fühlten sich beeinträchtigt durch jüdische Nachbarn und den möglicherweise notwendigen Polizeischutz.
Für Kallenbach war das der Moment, Mitglied im damals neu gegründeten Förderverein zu werden. Ihr Credo: „Das darf in meiner Stadt nicht noch mal passieren, dass jemand sagt, ich möchte keine jüdischen Nachbarn haben.“ 2009 wurde das Ariowitsch-Haus als jüdisches Kultur- und Begegnungszentrum auch dank der Unterstützung des Fördervereins eingeweiht. Für den Bau wurden nach Kallenbachs Erinnerung rund 450.000 Euro gesammelt. Eigentlich wäre der Vereinszweck damit erfüllt gewesen. Doch der Verein blieb. Heute zählt er 57 Mitglieder, viel zu wenig, wie Kallenbach sagt, in einer Stadt mit mehr als 600.000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
Aber die Mitglieder wollten weitermachen, um jüdische Kultur und Religion in Leipzig weiter sichtbar zu machen. Gerade Kallenbach benennt die Ambivalenz besonders deutlich. Auf der einen Seite sieht sie eine großartige Zivilgesellschaft in Leipzig, die sich um jüdisches Leben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft engagiert. Sie nennt die Universität, das Dubnow-Institut, die jüdisch-christliche Arbeitsgemeinschaft, die Carlebach-Stiftung, Nachbarschaftsvereine im Waldstraßenviertel und Kolonnadenviertel und viele Einzelpersonen. Auf der anderen Seite bleibe Leipzig nicht von antisemitischen Angriffen verschont. Es bewege und betrübe sie, dass Jüdinnen und Juden sagten, sie wagten sich nicht mehr als jüdisch erkennbare Menschen in der Stadt zu zeigen. Seit dem Angriff eines Rechtsextremisten auf die Jüdische Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 stehen auch Leipziger jüdische Einrichtungen wieder unter Polizeischutz.
Aufklärung in einer polarisierten Gesellschaft
Leipzig ist ein Ort, an dem jüdisches Leben wieder sichtbarer geworden ist, aber eben unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Es gibt die Jüdische Woche, Begegnungsprogramme mit Nachfahren ehemaliger jüdischer Leipzigerinnen und Leipziger, ein Kulturzentrum, eine Synagoge, einen Verlag, zivilgesellschaftliche Initiativen. Zugleich patrouilliert die Polizei vor jüdischen Einrichtungen. Viele Menschen fragen sich, ob sie als jüdisch erkennbar auftreten können. Nach dem 7. Oktober 2023, dem brutalen Angriff der Hamas auf zahlreiche Menschen in Israel, hat sich diese Lage weiter verschärft.
Raja-Léon Lange, Leiter des Bildungsbereichs im Ariowitsch-Haus, beschreibt als größte Herausforderung gegenwärtiger Bildungsarbeit den Wunsch nach einfachen Antworten, „die es in den meisten Fällen schlicht und ergreifend nicht gibt“. Aus genau dieser Reduktion von Komplexität entstünden antisemitische Narrative, die Jüdinnen und Juden kollektiv die Schuld für negative Entwicklungen auf der Welt zuschrieben. Die Aufgabe politischer Bildung sieht Lange darin, sich Reduktion und Polarisierung zu verwehren und stattdessen die Fähigkeit zu fördern, gesellschaftliche Entwicklungen differenziert zu betrachten.
Seit dem 7. Oktober 2023, so Lange, hätten Nachfragen nach Workshops zu israelbezogenem Antisemitismus und zum Nahostkonflikt deutlich zugenommen. Gleichzeitig habe sich das Sicherheitsgefühl jüdischer Menschen und Institutionen massiv verringert. Damit benennt er eine Erfahrung, die auch Pester aus dem Kulturbereich kennt. Seit dem 7. Oktober gehe es bei jüdischen Veranstaltungen sehr viel häufiger um Sicherheit. Nicht nur bei politischen Themen, sondern auch dann, wenn die Referentin oder der Referent jüdisch sei oder einen israelischen Pass besitze. Doch die Antwort dürfe nicht sein, jüdische Veranstaltungen abzusagen. Pester beobachtet auch, dass Sicherheitsargumente gelegentlich als Vorwand dienen, bestimmte Veranstaltungen gar nicht erst stattfinden zu lassen.
Hier wird deutlich, warum Yad Vashem in Leipzig nicht nur als Erinnerungssymbol betrachtet werden kann. Vielmehr geht es um das Heute: um Antisemitismus, um Sicherheitsfragen, um jüdische Sichtbarkeit, um Bildungsarbeit in einer polarisierten Gesellschaft.
Das Ariowitsch-Haus steht im Zentrum dieser Entwicklung, weil es selbst ein Ort mit mehrfacher Geschichte ist. 1931 wurde es als jüdisches Altenheim eröffnet, gestiftet von der Familie Ariowitsch. Während der NS-Zeit nahm es unter dem Druck der Verfolgung eine wichtige soziale Funktion innerhalb der jüdischen Gemeinde ein. Im September 1942 wurden Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende nach Theresienstadt deportiert. Nach 1945 wurde das Haus der jüdischen Gemeinde zurückgegeben, später als Alten- und Pflegeheim genutzt und 2009 als Kultur- und Begegnungszentrum neu eröffnet. Heute ist es ein Ort jüdischer Kultur, des Gemeindelebens und steht für aktive Bildungsarbeit und Begegnung.
Für Lange ist diese „lange und wechselvolle Vergangenheit“ ein entscheidender Grund dafür, dass das Ariowitsch-Haus als Standort gewählt wurde. Seine Geschichte umfasse jüdisches Leben vor, während und nach dem Holocaust, aber auch eine Periode der Tätergeschichte. Das biete enormes Potenzial für den Bildungsansatz von Yad Vashem, der sich zentral um jüdische Perspektiven und Biografien drehe. Die Entscheidung für Leipzig sei „eine große Ehre und ein Zeichen der Anerkennung der bereits stattfindenden Arbeit“ im Ariowitsch-Haus, in der Stadt Leipzig und in Sachsen, sowie innerhalb der erinnerungskulturellen, historisch-politischen und antisemitismuskritischen Bildung.
Wichtig ist Lange dabei auch die Abgrenzung: Die Integrität des Ariowitsch-Haus e.V. solle erhalten bleiben, die bisherige Arbeit fortgeführt werden. Die Errichtung eines Yad Vashem Bildungszentrums bedeute vor allem eine Erweiterung und Ergänzung der Bildungsarbeit. Das Ariowitsch-Haus selbst konzentriere sich stärker auf gegenwärtige Erscheinungsformen des Antisemitismus, während Yad Vashem die historisch-politische Bildung aus jüdischer Perspektive ergänzen könne.
Genau hier liegt die inhaltliche Stärke des Projekts. Sachsen hat eine umfangreiche Gedenkstättenlandschaft. Aber, so Lange, bei keiner dieser Einrichtungen handele es sich um einen Ort, der primär der Shoah gedenke. Auch in der historisch-politischen Bildung gebe es keinen Ansatz, der derart entschieden von jüdischen Perspektiven ausgehe wie Yad Vashem. Hinzu komme der translokale und transnationale Ansatz: Yad Vashem betrachtet jüdische Geschichte und die Geschichte des Holocaust über nationale und regionale Grenzen hinweg.
Auch hier hat die sächsische Bewerbung einen Punkt gemacht: Die offizielle Mitteilung des Freistaats betont ausdrücklich die mögliche Zusammenarbeit mit Partnern in Polen und Tschechien. Von Leipzig aus könne die Arbeit in Richtung Mittelosteuropa ausstrahlen. Das hebe die Außenstelle vom Hauptstandort München ab.
Leipzig ist zudem durch eine besondere internationale Erinnerungsarbeit geprägt, die in westdeutschen Städten zwar früher begann, in Leipzig aber nach 1989 eine eigene Dynamik entwickelte. Trautmann-Meincke betreut das erst 1992 initiierte Besuchsprogramm für ehemalige jüdische Leipzigerinnen und Leipziger und deren Nachfahren. Da die DDR keine offiziellen Beziehungen zu Israel unterhielt, war es für jüdische Menschen aus Israel und anderen Ländern schwierig gewesen, in die DDR zu reisen und die Orte der eigenen Familiengeschichte zu besuchen.
Erinnerung, Versöhnung, Zukunft
1991 entschied Leipzig, eine Besucher/-innen-Gruppe aus Israel einzuladen. Der Verband ehemaliger Leipziger in Israel hatte das selbstbewusst eingefordert. Leipzig erkannte, dass ein solcher Besuch keine Wiedergutmachung sein konnte, aber ein Beitrag zu Versöhnung und Erinnerung. Über die Jahre öffnete sich das Programm auch für Kinder und Enkel. Heute kommen nicht mehr vor allem Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, sondern Familien über mehrere Generationen hinweg: vom Kleinkind bis zum Greis, wie Trautmann-Meincke sagt. Sie suchen Gräber auf jüdischen Friedhöfen, besuchen ehemalige Wohnorte, verlegen Stolpersteine, gehen in die Synagoge, feiern Gottesdienst und Kiddusch, besuchen das Dubnow-Institut, die Anne-Frank-Shoah-Bibliothek der Deutschen Nationalbibliothek, das Capa-Haus, das koschere Café Hamakom und Nachbarschaftsinitiativen.
Das Besuchsprogramm verbindet lokale Geschichte, persönliche Familiengeschichte, jüdische Gegenwart und internationale Beziehungen. Die Nachfahren fragen heute nicht nur nach der Vergangenheit. Sie wollen wissen, wie Leipzig heute ist, was die Zivilgesellschaft tut, wie jüdisches Leben sichtbar ist, wie die Stadt mit Antisemitismus umgeht. Nach dem 7. Oktober 2023 habe sich auch diese Arbeit verändert. Jüdische Gäste hätten mehr Angst. Die Stadt stimme sich intensiver mit der Polizei ab. Das Diskursklima sei vergifteter geworden, Polarisierung und Politisierung hätten zugenommen. Auch das, was im Bereich Antisemitismus und Revisionismus von rechts sagbar geworden sei, habe sich verschoben.
Gerade deshalb ist das Besuchsprogramm ein Schlüssel zum Verständnis der Leipziger Bewerbung. Es zeigt, dass Erinnerung nicht nur institutionell organisiert werden kann. Sie geschieht in Begegnungen. In Familiengeschichten. In Stadtgängen. In Momenten, in denen Nachfahren vor Häusern stehen, in denen ihre Großeltern lebten, vor Schulen, in die sie gingen, vor Orten, an denen Ausgrenzung begann. Trautmann-Meincke sagt, der Holocaust sei für diese Menschen nicht abstrakt. Er sei mit konkreten Straßen, Nachbarschaften, Geschäftspartner/innen, Freund/innen, Bekannten verbunden, die sich abgewendet hätten oder zu Täter/-innen geworden seien. Wer solche Begegnungen begleitet, geht anders durch die eigene Stadt.
Darin liegt eine weitere Antwort auf die Frage, warum Leipzig? Die Stadt hat nach 1989 nicht nur Institutionen aufgebaut, sondern auch intensive Beziehungen. Nach Israel, nach Herzliya, zu ehemaligen jüdischen Leipzigerinnen und Leipzigern, zu ihren Kindern und Enkeln. Die Städtepartnerschaft mit Herzliya ist Teil dieser Arbeit. Sie ist keine bloße symbolische Verbindung, sondern steht in einem größeren Zusammenhang: Israelbeziehungen, Holocaust Education, jüdische Familiengeschichten, lokale Erinnerungskultur. Trautmann-Meincke nennt das seinen zweiten Schwerpunkt: internationale Erinnerungsarbeit.
Gäste aus Israel und Leipziger Bürger und Bürgerinnen gedenken am 9.11.1994 in der sächsischen Messestadt der Opfer der Reichspogromnacht vom November 1938. Der Gedenkstein in der Innenstadt erinnert an die größte Synagoge Leipzigs, die in jener Nacht von den Nationalsozialisten in Brand gesteckt wurde. Aufnahmedatum
Wenn man all das zusammennimmt, entsteht ein Bild von Leipzig, das nicht glatt ist. Die Stadt ist kein perfekter Erinnerungsort. Sie ist kein Ort, an dem jüdisches Leben selbstverständlich genug sichtbar wäre. Kallenbach vermutet, dass viele Leipzigerinnen und Leipziger auf die Frage, wie viele jüdische Menschen in ihrer Stadt leben, wo sie sich treffen, ob sie je Kontakt hatten, keine sichere Antwort hätten. Es gebe Wahrnehmbarkeit, ja, durch die Jüdische Woche, durch das Besuchsprogramm, durch Veranstaltungen. Aber die Kenntnis in der Breite sei vermutlich ernüchternd.
Für Kallenbach beginnt gute Erinnerungskultur mit der Frage, was noch fehle. Kallenbach fordert eine stärkere Bündelung der vorhandenen Initiativen. Yad Vashem könne eine Chance sein, die vielen Akteure Leipzigs zusammenzubringen. Das Potenzial sei da, aber vielleicht brauche es einen runden Tisch oder ein breites Bündnis, sagt sie, um die bereits geleisteten Recherchen, Erfahrungen und Projekte zu bündeln. Denn so Kallenbach ein Yad Vashem Bildungszentrum darf nicht nur ein starkes Symbol sein. Dahinter muss eine Arbeitsstruktur entstehen, die in die Stadt und in das Land hineinwirkt. Sie will die neue Einrichtung nutzen für Demokratiebildung, für Respekt vor Menschenrechten und für das Widersetzen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Es dürfe kein nur rückwärtsgewandter Erinnerungsort sein, sagt sie, sondern müsse ein „Zukunftsort“ werden, ein Labor für das gemeinsame Zusammenleben. Andere religiöse Gruppierungen schließt sie dabei ausdrücklich ein.
Diese Sichtweise führt zu einer entscheidenden Frage: Was kann Holocaust-Bildung heute leisten, wenn die Zeitzeug/-innenschaft endet, digitale Desinformation zunimmt, Antisemitismus sichtbar wächst und junge Generationen die politischen Debatten um Israel und Gaza oft in anderen Deutungsräumen führen als die deutsche Nachkriegsgesellschaft?
Pester sieht die besondere Stärke von Yad Vashem in der jüdischen Perspektive. Dort werde die Shoah aus jüdischer Perspektive erzählt. Mit dem Ende der Zeitzeugenschaft in der Diaspora drohe diese Perspektive verloren zu gehen. Yad Vashem könne sie aktiv in die Bildungsarbeit einbringen, in Ergänzung zu den bestehenden Akteuren. Das Ende der Zeitzeugenschaft sei nicht nur Herausforderung, sondern auch Chance: Es gehe nun stärker um die Einbindung der zweiten und dritten Generation.
Trautmann-Meincke formuliert es ähnlich. Von Israel und Yad Vashem könne man lernen, die jüdische Perspektive noch stärkereinzubringen: Was bedeutet das Gedenken in Deutschland für die letzten Überlebenden? Was bedeutet es für die Nachfahren? Was sind geeignete Wege des Erinnerns? Was ist für kommende Generationen überhaupt von Bedeutung? Yad Vashem habe einen großen Namen, vielfältige Archiv- und Materialzugänge und viel Erfahrung mit Bildungsangeboten für unterschiedliche Zielgruppen. Zudem sei Israel ein modernes, technikaffines Land. Nach dem Wegfall der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen könne man lernen, wie man mit technischen Mitteln, neuen Kanälen und einzelnen Schicksalen jüngere Zielgruppen erreicht.
Kritische Fragen nicht ausblenden
Yad Vashem in Deutschland bedeutet gleichzeitig eine Verschiebung der Perspektive. Deutsche Erinnerungskultur war lange stark von deutschen Orten, deutschen Tätergesellschaften, deutschen Gedenkstätten, deutschen Debatten geprägt. Das ist notwendig. Aber Yad Vashem bringt eine andere Ausgangsperspektive ein: die Perspektive jüdischer Opfer, Überlebender, Familien, Gemeinden, Biografien und Nachfahren. Genau das sehen die Leipziger Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner als zentrale Ergänzung.
Gleichzeitig gibt es kritische Fragen. In der deutschen Gedenkstättenlandschaft wurde nach der Entscheidung auch Skepsis geäußert. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, kritisierte in Medienberichten einen aus seiner Sicht intransparenten Vorgang und fragte nach dem inhaltlichen Konzept. Die Ausgangsvoraussetzungen in Israel und Deutschland seien verschieden: In Israel stehe die Opferperspektive im Mittelpunkt, in Deutschland richte sich Bildungsarbeit an die Nachkommen der Täter. Diese Kritik sollte man nicht wegwischen. Sie berührt eine zentrale Frage: Wie fügt sich Yad Vashem in die bestehende Bildungs- und Gedenkstättenlandschaft ein, ohne bestehende Einrichtungen zu übergehen oder parallele Strukturen aufzubauen?
Auch Nora Pester sagt, es dürfe keine Konkurrenzsituation entstehen. Die vielen Institutionen in Leipzig und Sachsen, die gute Schul- und Bildungsprojekte anbieten, sollten ihre Arbeit fortsetzen. Sie wünscht sich eine klare Einbeziehung der bereits etablierten Akteurinnen und Akteure. Gerade weil viele Netzwerke, Kompetenzen und Spezialisierungen in die Bewerbung eingebracht wurden, sollten sie auch in die neue Struktur einbezogen werden.
Raja-Léon Lange ist an diesem Punkt vorsichtig. Zum jetzigen Zeitpunkt, sagt er, sei die Errichtung des Yad Vashem Bildungszentrums in einem sehr frühen Stadium. Viele Ansätze seien denkbar. Konkrete Aussagen zu Zielgruppen oder langfristiger Wirkung könne er noch nicht treffen. Er verweist aber darauf, dass die bestehende Landschaft von Institutionen und Akteurinnen und Akteuren in der erinnerungskulturellen, historisch-politischen und antisemitismuskritischen Bildung ein Schlüssel zum Erfolg sein werde. Auch Gisela Kallenbach betont, dass die Fäden beim Land zusammenlaufen. Es sei eine Landesbewerbung gewesen, keine Bewerbung der Stadt Leipzig. Die Verhandlungen seien von den Bundesländern geführt worden, der Hut liege aus ihrer Sicht beim Kultusministerium.
Sven Trautmann-Meincke ergänzt, dass es Leipzig im Bewerbungsprozess nicht um ein Gegeneinander der Standorte gegangen sei. Es sei nicht darum gegangen, wer der bessere Erinnerungsort sei. Der Leipziger Ansatz sei gewesen: Yad Vashem soll in Deutschland erfolgreich sein. Leipzig und Sachsen könnten dazu viel beitragen, unabhängig von der Standortentscheidung. Viele Akteur/-innen hätten nicht versucht, andere Bewerber schlechtzumachen, sondern selbstbewusst gezeigt, was Sachsen und Leipzig einbringen können. Bei diesem Thema, sagt Trautmann-Meincke, sei der übliche Standortwettbewerb nicht angemessen. Man müsse die Opfer im Hinterkopf behalten.
Kein leerer Raum, ein offener Raum
Dieser Satz bewahrt dieses Projekt vor kleingeistigem Lokalpatriotismus. Denn natürlich könnte man eine Geschichte daraus machen, warum Leipzig es verdient hat. Die bessere Geschichte ist aber eine andere: Leipzig hat Interesse geweckt, weil es zeigt, wie Erinnerung nach einer doppelten Zäsur entstehen kann. Nach der Shoah und nach der DDR. Nach dem Verlust jüdischen Lebens und nach einer staatlichen Erinnerungskultur, die vieles anders gewichtete. Nach 1989 entstand kein leerer Raum, aber ein offener Raum. In ihm begannen Menschen, jüdische Geschichte zu suchen, Namen zu recherchieren, Stolpersteine zu verlegen, Häuser zu markieren, Begegnungen zu organisieren, Programme aufzubauen, Bücher zu veröffentlichen, jüdische Kultur in die Stadt zurückzuholen. Vieles davon war nicht zentral geplant. Vieles war ehrenamtlich, privat, zivilgesellschaftlich, hartnäckig. Genau das macht Leipzig nicht einzigartig im absoluten Sinn, aber doch besonders.
Nora Pester erklärt diese Leipziger Eigenart auch mit dem bürgerschaftlichen Charakter der Stadt. Leipzig sei immer eine Stadt gewesen, in der kulturelles Leben stark aus bürgerschaftlichem Engagement entstanden sei. Bürgerinnen und Bürger kümmerten sich um ihre Stadt und ihre Stadtgeschichte. Dieser Charakter sei während der DDR-Zeit brachliegend gewesen, aber nicht ausgelöscht. Nach 1989 konnte er wieder wirksam werden. Das ist keine wissenschaftliche Beweisführung, sondern eine Beobachtung aus der Praxis. Aber sie passt zu dem, was auch Kallenbach und Trautmann-Meincke beschreiben: eine Stadt, in der viele Menschen Verantwortung übernehmen, nicht nur Institutionen.
Die Ankunft von Yad Vashem in Leipzig ist nicht nur Anerkennung. Sie ist ein Prüfstein. Wird die Außenstelle ein symbolischer Leuchtturm, auf den sich Politik und Stadt gern beziehen, während die alltägliche Arbeit weiter in Nischen bleibt? Oder gelingt es, vorhandene Netzwerke zu stärken, jüdische Perspektiven stärker einzubringen, Bildungsarbeit für Schulen, Lehrkräfte, Jugendliche, Erwachsene und Nachbarschaften zu entwickeln und die Verbindung nach Polen und Tschechien wirklich zu nutzen?
Dass Yad Vashem nach Leipzig kommt ist für die sächsische Metropole eine Ehre, eine Anerkennung und ein Auftrag. Aber der Auftrag ist größer als die Entscheidung. Er lautet,
jüdische Geschichte nicht nur als Verlustgeschichte zu erzählen,
jüdische Gegenwart nicht nur unter dem Aspekt der Bedrohung wahrzunehmen,
Erinnerung nicht als Ritual zu betreiben,
Demokratiebildung nicht als Formel zu benutzen,
Antisemitismus nicht nur zu beklagen, sondern ihm mit Wissen, Begegnung, Komplexität und Haltung zu begegnen.
Gisela Kallenbach nennt das künftige Yad-Vashem-Zentrum einen möglichen Zukunftsort. Raja-Léon Lange spricht von der Verantwortung, jüdische Biografien ins Zentrum zu stellen. Nora Pester sieht die Chance, gerade mit dem Ende der Zeitzeugenschaft jüdische Perspektiven stärker in die Bildungsarbeit einzubringen. Sven Trautmann-Meincke hofft, dass Leipzig und Sachsen einen eigenen Beitrag leisten können, nicht aus Standortinteresse, sondern weil es um etwas Größeres geht.
Das ist vielleicht die präziseste Beschreibung dessen, was jetzt beginnt: ein sächsisches Projekt mit Leipziger Gesicht, ein internationaler Erinnerungsort in einer ostdeutschen Stadt, ein Bildungszentrum, dessen Erfolg sich nicht an Eröffnungsreden messen lassen wird, sondern daran, ob es die vielen vorhandenen Stimmen bündeln kann, neue erreicht und in schwierigen Zeiten eine oft überforderte Gesellschaft wieder zum Gespräch befähigt.
Zitierweise: Susanne Tenzler-Heusler, „Warum Leipzig?", in: Deutschland Archiv vom 28.8.2026. Link: www.bpb.de/580850. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Die studierte Germanistin, Rechts- und Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Tenzler-Heusler war von 2002 bis 2009 Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse. Seit September 2009 arbeitet sie in ihrer eigenen Agentur „brandvorwerk-pr“ und unterstützt den Buchkinder Leipzig e.V. bei der Presse- und Öffentichkeitsarbeit.