Ich war 13 oder 14 Jahre jung und altersgerecht naiv. Obwohl – als ich meinen Fanbrief an die Toten Hosen abschickte, erwartete ich nicht wirklich eine Antwort. Ich schrieb der westdeutschen Punkrockband über den Irrsinn des alltäglichen Rechtsextremismus in der ostdeutschen Provinz. Damals, nach den 1990ern und zu Beginn der 2000er Jahre, waren die Toten Hosen wichtig für mich. Musik spielte gerade für den Widerstand gegen Rechtsextremismus eine große Rolle, vor allem dort, wo es für junge Menschen kaum Räume ohne rechte Hegemonien gab.
Ich wuchs in Thüringen auf. Wie es ist, nach einem Naziüberfall das eigene Blut zu schmecken, wussten hier viele aus eigener Erfahrung. Jan Gorkow, der zur selben Zeit in Mecklenburg-Vorpommern groß wurde, hat diese Erfahrungen im Song 15 Jahre thematisiert.
Mit Gorkow, als „Monchi“ Sänger der Punkband Feine Sahne Fischfilet, teile ich noch etwas: Wir sind damals beide im Osten geblieben, während viele aus unserer Generation weggingen. Jetzt, kurz vor den Landtagswahlen in seiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und in Sachsen-Anhalt, hat Monchi gerade ein Buch veröffentlicht, das schon ein Bestseller ist: Jenseits der Brandmauer. Über mein Leben in der ostdeutschen Provinz. Darin fragt er: „Ich bin hin- und hergerissen, dies so aufzuschreiben: Keine Ahnung, ob’s noch richtig ist, zu bleiben.“ Mehr als 50 Prozent der Stimmen hat die AfD in Jarmen, wo Monchi lebt, zuletzt erhalten.
In Mecklenburg-Vorpommern steht die AfD zwischen 34 und 38 Prozent
Feine Sahne Fischfilet gibt es seit mehr als 20 Jahren. Mittlerweile spielen sie in großen Stadien mit den Toten Hosen. Vom Verfassungsschutz wurde die Band einst als „linksextremistisch“ eingestuft, unter anderem, weil sie den Geheimdienst „Naziunterstützerbande“ nannte. Seit zehn Jahren organisieren Monchi & Co. in Jarmen das „geilste Dorffest Ostdeutschlands“. Dieses Jahr hatten sie zeitweise überlegt, ob sie das nicht lieber lassen sollten. Aber Anfang September gab es „Wasted in Jarmen“
Damals, 2016, zog die AfD erstmals in den Landtag in Schwerin ein. Zehn Jahre später steht sie vor den Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern am 20. September in Umfragen zwischen 34 und 38 Prozent.
Es gibt einen Unterschied zwischen Monchi und mir: Während er die Schule abbrach und ihn sein Weg zum Fußball, ins Ostseestadion zu Hansa Rostock und in die Musik führte, ging ich an die Universität. In meinem jüngsten Buch
Die Brandmauer und das Alltagsleben fernab urbaner, akademischer Milieus
Es geht dabei eben nicht um Brandmauern in Parlamenten, sondern um die Alltagswelt vieler Menschen und ihre konkreten sozialen Beziehungen. Eigentlich zielt ja auch die Idee hinter der Brandmauer, eine gemeinsame demokratische Front zum Schutz demokratischer Institutionen als Lehre aus den Faschismen des 20. Jahrhunderts, nicht auf die moralische Ausgrenzung der Wählerinnen und Wähler faschistischer Parteien. Karl Loewenstein, einer der Vordenker der wehrhaften Demokratie, verstand die Anhängerschaft autoritärer Bewegungen vor allem als Resultat und Ressource ihrer politischen Mobilisierung. Demokratische Politik müsste daher in erster Linie die Strategien unterbinden, mit denen antidemokratische Parteien Zustimmung in Macht übersetzen.
Es ist bezeichnend, dass es in der Wissenschaft noch nicht viel Forschung zu der Frage gibt, was bleibt, wenn demokratische Parteien aus Räumen verschwinden und immer mehr Menschen von dort weggehen. Wie Demokraten unter rechter Hegemonie stabil bleiben, ohne zu verbittern oder aufzugeben.
Ein Jugend-Treffpunkt als kleiner Anfang, durch alle mühsamen Genehmigungsprozesse hindurch: Blick auf Jarmens Skatepark für Jugendliche, auf Initiative des Musikers Monchi gebaut. (© picture-alliance/dpa, Stefan Sauer)
Ein Jugend-Treffpunkt als kleiner Anfang, durch alle mühsamen Genehmigungsprozesse hindurch: Blick auf Jarmens Skatepark für Jugendliche, auf Initiative des Musikers Monchi gebaut. (© picture-alliance/dpa, Stefan Sauer)
Monchi bietet darauf in Jenseits der Brandmauer durchaus Antworten an. Er erzählt vom gemeinsamen Engagement für einen Skatepark. Von der Integration rechtsoffener Jugendlicher aus dem Ort in die Organisation des Festivals in Jarmen. Der Sänger von Feine Sahne Fischfilet zieht trotz aller politischen Unterschiede keine soziale oder emotionale Brandmauer zu seinen Nachbarn. „Ich habe auch keinen Bock, alle Leute als Idioten abzustempeln, nur weil sie nicht meiner Meinung sind“, schreibt er.
Das wird in den Milieus, die der Ökonom Thomas Piketty als „brahmanische Linke“ bezeichnet, nicht gut ankommen: dem von traditionellen Arbeiterschichten entfremdeten, zur Bildungselite gewandelten linken Establishment. Das kommt auch bei Monchi nicht gut weg. „Es gibt sicherlich viele Gründe, warum so viele Jugendliche nach rechts abdriften, aber einer ist, dass die Faschos immer mit offenen Armen dastehen und sagen: ‚Come as you are‘. Und bei den Linken heißt es: bloß keine schlimmen Wörter“, hat er schon vor anderthalb Jahren der Berliner Zeitung gesagt. In seinem Buch macht er nun klar, dass diese Milieus aufgrund ihrer Abwesenheit vor Ort schlicht keine Rolle spielen, ihre moralischen Belehrungen also zu ignorieren sind.
Monchi beschreibt, ohne das so zu benennen, Wege aus der Spirale affektiver Polarisierung. Schon einzelne Worte können heute ausreichen, um den inneren Alarmmodus zu aktivieren und uns im Kampfmodus verhärten oder aber flüchten zu lassen. Wer die ganzen Zeichen des Rechtsrucks sieht, kann sich schnell chronisch gefährdet fühlen – gerade in Regionen mit hohen AfD‑Wahlergebnissen. Stabil bleiben heißt dann nicht nur, irgendwie ‚gegen rechts‘ zu sein. Es ist auch ein innerer Konflikt mit der Unsicherheit und dem Misstrauen gegenüber anderen Menschen im direkten Umfeld.
„Und bei billigem Gepöbel gibt es billiges Gepöbel zurück!“
Gegen diese Verhärtung schreibt Monchi an. Mehr konkrete soziale Beziehungen, weniger aufgeladene Triggerdebatten, so könnte man seine Devise auf den Punkt bringen. Das kommt schon in seinem umgangssprachlichen, unprätentiösen Schreibstil zum Ausdruck.
Den Wahlkampf emotionalisierend: AfD-Wahlplakat in Mecklenburg-Vorpommern im September 2026. (© Sabine Meyer-Probst)
Den Wahlkampf emotionalisierend: AfD-Wahlplakat in Mecklenburg-Vorpommern im September 2026. (© Sabine Meyer-Probst)
Gerade die Entfremdung, die sich in der Sprache und der sozialen Abgrenzung ausdrückt, trägt ja zum Erfolg von Rechtsaußenparteien bei: Die AfD gewinnt Zustimmung nicht wegen ihrer Programmatik, sondern mit Emotionen, mit der Komplexitätsreduktion einfacher Hauptsätze und der propagandistischen Aufwertung der „einfachen Leute“ – obwohl die rechtsextreme Partei die materiellen Interessen dieser vermeintlichen Gruppe nicht vertritt.
Monchi bearbeitet dieses Konfliktfeld, ohne es mit Moral zu überladen, aber auch ohne Verharmlosung: Er problematisiert Alltagsrassismus, schildert die Erfahrungen von Migrant:innen und wie er damit umgeht: Er fragt, wie es den Menschen geht. „Und bei billigem Gepöbel gibt es billiges Gepöbel zurück!“ Das mag man für unterkomplex halten, aber es entspricht der Realität fernab urbaner akademischer Milieus: Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil. Vielleicht ist es genau das, was in der durchakademisierten demokratischen Politik und Öffentlichkeit fehlt: eine bisweilen großmäulige, aber unbekümmerte Offenheit mit Kanten und einladender Leichtigkeit.
Ich musste deshalb beim Lesen an die Dokumentation Soziologie ist ein Kampfsport mit und über Pierre Bourdieu denken.
Der Film begleitete den berühmten Soziologen 1999 bei einem Besuch in einer französischen Banlieue. Ein lokaler Aktivist entgegnet Bourdieu: „Wir sind Soziologen der Straße.“ Er beanspruchte damit die Deutung der eigenen Lebenswelt zurück, jenseits der akademischen Zuschreibung von außen und von oben. Genau das will auch Monchi. Er arbeitet in Jenseits der Brandmauer sogar mit einem klassischen Instrument soziologischer Analyse, der Typologie. Elf Typen von AfD-Wählerinnen und -Wählern beschreibt Monchi im Buch, darunter die „nationalen Jammerlappen“.
Monchis Buch heißt eben nicht nach Didier Eribon „Rückkehr nach Jarmen“
Mir gefällt das Bild: Die rotzige Gesellschaftskritik des politisch nichtkonformen Punkrocks ist Straßensoziologie. Punk’s not dead, Punks schreiben jetzt Bücher. Wäre Monchi Soziologe statt Sänger, dann würde sein Buch vielleicht „Rückkehr nach Jarmen“ heißen – angelehnt an das bekannte Werk des Bourdieu-Schülers Didier Eribon, in dem er die durch den eigenen Bildungsaufstieg wachsende Entfremdung zu seiner Herkunft aus einer Arbeiterfamilie und den politischen Rechtsruck in seinem früheren sozialen Umfeld beschreibt.
Monchi schreibt dagegen nicht aus der Position des distanzierten, sondern des trotzigen Rückkehrers. Ohne zu wissen, ob das gut ausgeht, eignet er sich seine Region an und versucht, die Entfremdung zu seiner Herkunft zu überwinden. Ohne akademische Einordnung bricht Monchi, den es nicht nach Berlin oder Hamburg zieht, wie so viele andere erfolgreiche Künstler:innen, mit dem stereotypen Gegensatz zwischen progressiven „Anywheres“ und konservativen „Somewheres“.
Zwischen denen, die mobil und überall in der Welt zuhause sind, und denen, die in der Enge der eigenen Heimat verbleiben, läuft es bei Monchi auf ein zuversichtliches und weltoffenes regionales Identitätsangebot hinaus. Gerade für junge Menschen wird – auch als Reaktion gegen die Entfremdung des Digitalen und die Komplexität der Globalisierung – ihre Region wichtiger. Monchi argumentiert konsequent lokal und will vor Ort in Jarmen durch Selbstwirksamkeit Perspektiven heraus aus dem Jammertal schaffen.
Das ist weder Heimattümelei noch fehlende Distanz, weder Anpassung noch Naivität. Wenn die Toten Hosen leidenschaftlich ihre Heimat Düsseldorf besingen, sorgt das für weniger misstrauisch gehobene Augenbrauen, als wenn Feine Sahne Fischfilet Jarmen und die Ostsee oder Kraftklub Chemnitz feiern. Oder die Hinterlandgang Demmin in Mecklenburg-Vorpommern.
Schon vor 20 Jahren, Sänger Monchi war damals 19 Jahre alt, fiel Jarmen als eine wachsende Hochburg Rechtsextremer auf. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2006 zogen die Nationaldemokraten erstmals mit 7,3 Prozent in den Landtag ein, in Jarmen und Umgebug schnitten sie überdurchschnittlich ab. Hier ein Wahlplakat der rechtsextremen NPD, fotografiert 2006 in Jarmen. (© picture-alliance, Caro | Hechtenberg)
Schon vor 20 Jahren, Sänger Monchi war damals 19 Jahre alt, fiel Jarmen als eine wachsende Hochburg Rechtsextremer auf. Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern im September 2006 zogen die Nationaldemokraten erstmals mit 7,3 Prozent in den Landtag ein, in Jarmen und Umgebug schnitten sie überdurchschnittlich ab. Hier ein Wahlplakat der rechtsextremen NPD, fotografiert 2006 in Jarmen. (© picture-alliance, Caro | Hechtenberg)
Obwohl es viel schwerer und riskanter ist, im Osten gegen Rechtsextremismus zu sein, schlägt oft auch antifaschistischen Ossis ein Restmisstrauen entgegen, wenn sie sich positiv auf ihre Herkunft und Region beziehen. Da haben es die Rechten leichter. Sie sind erfolgreich damit, Leuten das Gefühl zu geben, mit der AfD Deutung und Kontrolle zurückzugewinnen oder als übergriffig erlebte westdeutsche Dominanz mit dem Angebot einer ostdeutschen Gegenidentität zu konfrontieren.
Monchi wirbt dafür, dort zu kämpfen, wo das Engagement von Einzelnen wirklich einen Unterschied macht, während viele Progressive unter Gleichgesinnten in Großstädten um begrenzte Aufmerksamkeit und Ressourcen konkurrieren. Auch die Engagementforschung zeigt längst: Es erfüllt und macht glücklich, in Resonanz mit anderen Selbstwirksamkeit zu erfahren. Man sollte mit Monchi in seiner 54-Prozent‑AfD-Kleinstadt kein Mitleid haben. Man muss ihn sich als glücklichen Menschen vorstellen.
Der Osten ist nicht verloren
Während Rechtsextreme längst strategisch in ländliche Regionen im Osten siedeln, dreht Monchi den Spieß um und fordert von Demokrat:innen: Zieht in die ländlichen Regionen und legt los! Die Prognosen der Immobilienbranche stehen dafür übrigens günstig: Sie erwartet in den nächsten Jahren einen „Silver Tsunami“ – eine Flut an leer werdenden, günstigen Immobilien gerade in ländlichen Regionen, wenn dort die Babyboomer ihre Häuser und Wohnungen verlassen. Viel Platz, überschaubare Kosten und große Grundstücke, Sauna im Keller, die Natur vor der Tür: Will man das alles wirklich den Rechten und einer politisch-demografischen Niedergangsspirale überlassen? Sind die Verhältnisse an der Ostsee oder im Harz wirklich unzumutbar?
„Machen ist immer geiler als meckern. Das ist ein in Stein gemeißelter Fakt! Wir sind hier. Wir bleiben. Mal mehr, mal weniger, aber: Wir lieben es hier.“ Monchi erinnert mit diesen Worten an das „Prinzip Hoffnung“ des Philosophen Ernst Bloch. Wer wirklich etwas bewirken will, muss sein eigenes Unbehagen überwinden und wird dabei oft feststellen, dass es gar nicht so schlimm ist wie befürchtet.
Monchis Buch kommt zur richtigen Zeit und zeigt: Der Kampf um demokratische Kultur in der Provinz wird mit den anstehenden Landtagswahlen nicht enden. Er geht nur in eine neue Runde. Der Osten ist nicht verloren.
Jan Gorkow alias Monchi, Sänger der Punkband "Feine Sahne Fischfilet". Monchis Buch "Jenseits der Brandmauer" erschien am 13. August 2026. (© picture-alliance/dpa, Stefan Sauer)
Jan Gorkow alias Monchi, Sänger der Punkband "Feine Sahne Fischfilet". Monchis Buch "Jenseits der Brandmauer" erschien am 13. August 2026. (© picture-alliance/dpa, Stefan Sauer)
Zitierweise: Matthias Quent, „Über Monchis Buch Jenseits der Brandmauer", in: Deutschland Archiv vom 12.9.2026. Link: www.bpb.de/581354.
Der Beitrag ist mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitung Externer Link: Der Freitag entnommen, er wurde dort erstveröffentlicht am 29.08.2026 unter dem Titel "Warum man sich Monchi als glücklichen Menschen vorstellen muss, trotz 54 Prozent AfD".
Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Ergänzend:
Matthias Quent, Analyse: Sachsen-Anhalt nach der Wahl 2026, DA vom 15.9.2026 (folgt).
Paula Fürstenberg,
Magnus Brechtken,
Matthias Brandt,
Marko Martin, "