1 Einheitstaumel
Es geht direkt richtig beschissen los mit der deutschen Einheit. In der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 prügeln sich über 1500 bewaffnete Neonazis durchs frisch vereinte Deutschland. Angegriffen werden Linke, Hausbesetzer:innen und Menschen mit Migrationsgeschichte. Dokumentiert sind 30 Vorfälle in ganz Deutschland und einer in der Schweiz. Im Nachhinein werden die Angriffe rund um den 3. Oktober als Einzelfälle betrachtet, die im Einheitstaumel passieren. Taumel bedeutet laut Duden a) Schwindel(gefühl) b) rauschhafter Gemütszustand, innere Erregung; Begeisterung, Überschwang. Die gute Stimmung will man sich offenbar nicht von den Nazis kaputt machen lassen, die also lediglich etwas einheitsduselig sind. Ganz nach dem Motto: Im Rausch und Überschwang der deutschen Einheit kann einem schon mal ein rechtes Parölchen rausrutschen oder ein Baseballschläger in die Hände fallen.
2 Wir brauchen die Einheit nicht
Dieser Gedanke begleitet mich schon seit 2017. Es ist ein unerhörter Gedanke, denn dass Ost- und Westdeutschland zu einer Einheit zusammenwachsen sollen, ist seit 1990 ein unhinterfragtes gesellschaftliches Ziel. Ich bin 1987 in Potsdam geboren und im Nachwendeosten groß geworden. Und ich bin vom Glauben ans Zusammenwachsen abgefallen. Ich bin auf dem Weg zur inneren Einheit verloren gegangen. Ich bin eine verblühte Landschaft.
3 Diskursives Hochrisikogebiet
Den Gedanken, dass wir die Einheit nicht brauchen, schleppe ich jetzt fast zehn Jahre mit mir herum. Beinah genauso lange war ich fest entschlossen, keinesfalls ein Buch darüber zu schreiben. Denn der Osten ist ein diskursives Hochrisikogebiet. Am Ende jedes Satzes lauern unzulässige Vereinfachungen, fiese Verschleierungsmanöver, historisch fragwürdige Vergleiche und Applaus von den Falschen. Dass ich diesen Text trotzdem schreibe, hat einen simplen Grund: Die Summe der Schmerzpunkte ist schlicht zu groß geworden, um die Sache noch länger ignorieren zu können. Also bitte bleiben Sie stehen, es gibt hier was zu sehen. Hier ist immer was los, eine:r brüllt immer, eine:r weint immer, und das Eis ist verdammt dünn. Willkommen bei meiner Schlitterpartie durch deutsch-deutsche Verhältnisse.
4 Wiederaufstieg des Faschismus
Die deutsche Einheit ist als vieles erzählt worden. In den allherbstlichen Jubiläumsreden ist sie eine Erfolgsgeschichte, in der der Kalte Krieg friedlich beendet wird und die Demokratie über die Diktatur siegt. In den Erzählungen der damaligen Erwerbsbevölkerung ist sie eine Geschichte der sozialen Abstiege und der Massenarbeitslosigkeit, die im Jobcenter spielt. In den Erzählungen der damals Jüngeren ist sie eine Geschichte der so gewonnenen wie zerronnenen Freiräume, die auf Brachen, in Techno-Kellern und besetzten Häusern spielt und die entweder mit Räumung oder mit Mietvertrag und Brandschutzauflagen endet. In den Erzählungen von Westdeutschen ist sie ein ewiges Fragezeichen, wieso die Ostdeutschen trotz Asphaltierung ihrer Innenstädte so unzufrieden sind.
Schilder mit den Aufschriften «rassistisch» und «Es ist nicht 5 vor 12 - Es ist kurz vor 1933» bei einem Protestzug gegen einen Landesparteitag der AfD im Stahlpalast Brandenburg im November 2025. (© picture-alliance/dpa, Michael Bahlo)
Schilder mit den Aufschriften «rassistisch» und «Es ist nicht 5 vor 12 - Es ist kurz vor 1933» bei einem Protestzug gegen einen Landesparteitag der AfD im Stahlpalast Brandenburg im November 2025. (© picture-alliance/dpa, Michael Bahlo)
Aber jetzt ist Frühsommer 2026, eine rechtsextreme Partei ist stärkste Kraft in allen ostdeutschen Bundesländern und liegt auch in den bundesweiten Umfragen erstmals auf Platz eins. Von hier sieht es so aus, als hätten wir es in Deutschland zum dritten Mal nicht hinbekommen, nach dem Nationalsozialismus eine antifaschistische Gesellschaft einzurichten, die diesen Namen verdient. Von hier sieht es so aus, als wäre es Zeit, die deutsche Einheit als das zu erzählen, was sie eben auch ist: eine Geschichte des Wiederaufstiegs des Faschismus in Deutschland.
5 Politische und innere Einheit
Wenn ich sage, dass wir die Einheit nicht brauchen, dann meine ich die innere Einheit – die mentale, geistige, kulturelle, emotionale Seite der Einheit, die gefühlte Wahrheit eines angestrebten Zusammengehörigkeitsgefühls. Ich meine ausdrücklich nicht die politische Einheit, also die schlichte Tatsache, dass die zwei deutschen Staaten, die es von 1949 bis 1990 gab, jetzt ein Staat sind. Nach 36 Jahren gibt es zwar noch Diskussions- und Handlungsbedarf, was die Unterschiede bei Eigentumsverhältnissen, Wirtschaftskraft, Lohn- und Rentenstrukturen betrifft.
Im Grundsatz aber gibt es hier nichts zu diskutieren: Die politische Einheit ist vollzogen, und ich kenne niemanden, der das rückgängig machen möchte. Es gibt im Osten keine separatistische Bewegung wie in Nordirland oder Katalonien. Es gibt zwar vereinzelte Ostdeutsche, insbesondere der älteren Generationen, die aller Umbrüche zum Trotz überzeugte Sozialist:innen geblieben sind, aber selbst die habe ich nie sagen gehört, dass sie den Sozialismus in Form der SED-Diktatur zurückwollen. Es gibt auch vereinzelte Westdeutsche, bei denen ich vermute, dass sie ihre alte BRD insgeheim lieber wieder für sich allein hätten, aber auch die haben das so nie laut gesagt. Nicht einmal die Bekloppten von der AfD wollen die DDR zurück. Die Einzige, die je die politische Forderung erhoben hat, die Mauer wieder aufzubauen, ist die Satirepartei Die Partei. Es gibt keinen besseren Beweis für die Nichtexistenz dieser Forderung, als wenn eine Satirepartei sie erhebt, die sich darauf verlassen können muss, dass ihre Botschaft auch als Satire verstanden wird.
Transparent für eine Wiedervereinigung Deutschlands, getragen im Herbst 1989 in Ost-Berlin. (© Holger Kulick)
Transparent für eine Wiedervereinigung Deutschlands, getragen im Herbst 1989 in Ost-Berlin. (© Holger Kulick)
6 Phantomschmerz Zurückwollen
Ich schrieb einmal einen Zeitungsartikel mit einigen kritischen Anmerkungen zur deutschen Einheit. Der zuständige Redakteur bat mich um eine Ergänzung: »Sollte nicht noch an irgendeiner Stelle auftauchen, dass Ihre skeptischen Anmerkungen keinen Wunsch nach einem Zurück zur DDR bedeuten?« Er selbst verstand meinen Text nicht so, als wünschte ich mir die DDR zurück, wollte aber diese Vorsichtsmaßnahme ergreifen, damit auch sonst niemand Revanchismus hineinlesen konnte. Ostdeutsche, auch Nachgeborene, müssen regelmäßig beteuern, dass sie die DDR nicht zurückwollen. Zwar richtet sich der Verdacht gegen ein Phantom, aber auch Phantomschmerzen sind echte Schmerzen.
Hier also noch mal in aller Deutlichkeit: Ich will die DDR nicht zurück. Ich bin verdammt froh, dass die Diktatur samt Mauer und Stasi Vergangenheit ist. Ich bin verdammt froh, dass ich im Gegensatz zu vorherigen Generationen einige Jahre in Frankreich und der Schweiz leben konnte. Als Schriftstellerin bin ich besonders froh über eine Presse- und Meinungsfreiheit, die mir erlaubt, ein Buch wie dieses hier zu veröffentlichen, ohne dass es an einer Zensurbehörde vorbei muss, und darüber, dass ich von staatlicher Seite weder Überwachung noch Inhaftierung noch Berufsverbot noch Ausbürgerung zu befürchten habe. (Das ist doch noch aktuell, oder, Herr Weimer?)
7 Politische Depression
Ich habe eine politische Depression. Zu diesem Satz war es ein langer Weg, denn ich bin mit zwei Imperativen aufgewachsen, die ein solches Eingeständnis immer verhindert haben. Erstens: Gefühle sind nicht Sache der Politik. Zweitens: Politik ist nicht Sache der Gefühle. Seit ich elf bin, lebe ich mit einer Angststörung, seit Anfang 20 auch mit Depressionen. Ich weiß also, wovon ich spreche, wenn ich Depression sage, und wenn ich der fragwürdigen Trennung von Persönlichem und Politischem versuchsweise Glauben schenke, hatte ich auch unpolitische Depressionen.
Diesmal aber ist etwas anders: Meine Symptome werden screenklar von der Nachrichtenlage ausgelöst. Ein Symptom von Depressionen sind negative Gedankenschleifen. Im Hirn spielen sich Katastrophenszenarien ab – ein Kopfkino, das aus dem Alltag einen Horrorfilm macht. Ein paar Szenen aus meinem Kopfkino: Wenn die Politik diskutiert, wen man wie schnell abschieben könnte, bekomme ich Angst um meine Freund:innen ohne Staatsbürgerschaft. Wenn die Erderwärmung wieder einen Rekord bricht und ich Orte, an die ich schon mal gereist bin, in den Nachrichten in Flammen stehen sehe, geht vor meinem inneren Auge auch Berlin in Flammen auf. Wenn die AfD in ihr Parteiprogramm schreibt, das Recht auf Abtreibung einschränken zu wollen, sehe ich mich Freundinnen zu illegalen Abtreibungen in dunkle Hinterhöfe begleiten. Ich könnte endlos mehr Beispiele aufführen, aber der Punkt ist ja längst klar: Ich verfolge die Nachrichten, und die Nachrichten verfolgen mich. Dieser Text ist der Versuch, mit dem Kopfkino klarzukommen. Dieser Text ist eine antidepressive Maßnahme.
8 Emotrouble: Angst
Es gibt also politische Gefühle, und ich erinnere mich daran, wie ich bei Anna Stiede gelesen habe, dass es an der Zeit ist, dem Emotrouble Ost Raum zu geben, und wie ich da erst verstanden habe, dass manche dieser politischen Gefühle spezifisch ostdeutsch sind, und ich bin ziemlich sicher, dass es auch westdeutsche politische Gefühle gibt. Mein momentan vorherrschendes politisches Gefühl ist Angst, und da bin ich nicht die Einzige.
HEIKE GEIßLER Wie nah die befürchtete Zukunft ist. Wie da die befürchtete Zukunft ist. Und wie viel Furchtraum noch möglich.
MANJA PRÄKELS Wenn wir diese Angstlandschaften nicht mit Liebe belüften, öffnen, entgiften können, ersticken die Leute an ihrem eigenen Hass.
ANNA STIEDE Es braucht in Ost- wie Westdeutschland Räume, um die Gefühlserbschaften des letzten Jahrhunderts zu verdauen.
Das ist Drecksarbeit. Dieser Text handelt vom Emotrouble Ost. Dieser Text ist eine Belüftungsmaßnahme. Dieser Text ist eine Detox-Kur. Dieser Text ist Drecksarbeit.
9 Lexikon meiner Sprachlosigkeit
Ich bin im Osten aufgewachsen, und die historische Ausnahmesituation, die ich als Normalzustand kennengelernt habe, hieß Friedliche Revolution, Wende, Wiedervereinigung. Ich habe diese Worte durch Nachahmung gelernt, so wie ich alle Worte durch Nachahmung gelernt habe. Ich habe nicht gefragt, warum die Worte so und nicht anders heißen. Erst als ich bei der Veröffentlichung meines Debütromans 2016 begann, die Worte in Mikrofone zu sprechen, und als eine rechtsextreme Partei dieselben Worte zu nutzen begann, kamen die Zweifel: Wieso hat sich mit Wende ausgerechnet ein Begriff aus einem Oberschichtensport wie Segeln durchgesetzt? Lief die Friedliche Revolution wirklich so friedlich, wie es der Begriff nahelegt? Und welche historische Epoche ist mit dem Wieder in Wiedervereinigung eigentlich gemeint? Ich benutzte die Worte ständig, schämte mich aber zunehmend für sie. Ich bekam ein Vokabel-Problem, eine Wort-Scham, oder genauer: eine Wort-Fremdscham, denn ich hatte mir die Worte ja nicht ausgedacht.
Inzwischen spreche ich seit zehn Jahren öffentlich über den Osten, und je länger ich rede, umso mehr Worte kommen mir abhanden. Die Angelegenheit hat sich zu einer umfassenden Sprachlosigkeit ausgewachsen. Sprachlosigkeit wiederum ist ein Symptom von Depressionen – die politische Depression erzeugt eine politische Sprachlosigkeit. Die kann ich nicht mal eben auflösen. So funktioniert Sprache auch nicht, niemand entscheidet allein, welche Worte gelten. Ich kann erst mal nur verzeichnen, welche Worte mir fehlen. Dieser Text ist das Lexikon meiner Sprachlosigkeit.
10 Nachwendekindheit am Ende der Geschichte
1989 bin ich zwei Jahre alt, meine eigenen Erinnerungen setzen erst nach dem Mauerfall ein. Damit gehöre ich zu den Nachwendekindern, die als erste Generation im vereinten Deutschland und damit am Ende der Geschichte aufwachsen.
Die Autorin dieses Beitrags, Paula Fürstenberg, wuchs in Potsdam auf und lebt in Berlin. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut sowie an der Humboldt-Universität, 2016 erschien ihr erster Roman. (© picture-alliance, dts-Agentur |)
Die Autorin dieses Beitrags, Paula Fürstenberg, wuchs in Potsdam auf und lebt in Berlin. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut sowie an der Humboldt-Universität, 2016 erschien ihr erster Roman. (© picture-alliance, dts-Agentur |)
Das Ende der Geschichte ist der politische Soundtrack unserer Kindheit und Jugend. Das Lied, das alle auf den Lippen haben. Es hat zwei Strophen mit je einem Zukunftsversprechen für uns Nachwendekinder: Erstens wird Ost-West für uns keine Rolle mehr spielen, wir werden keine sozioökonomischen Unterschiede mehr kennen. Zweitens werden uns Grenzen, Nationalismus, Totalitarismus und Faschismus fremd sein, denn wir werden nur ein geeintes, friedliches und demokratisches Europa kennen. Diese Versprechen sind der politische Ohrwurm der Neunziger und Nuller, man kann ihn mitsummen oder verfluchen, aber nicht loswerden. Aus der Gegenwart betrachtet kommen mir beide Strophen nicht besonders gut gealtert vor. Dieser Text ist der Versuch, den Ohrwurm loszuwerden. Dieser Text ist ein Abschiedslied.
11 Kollektives Gedächtnis
Und dann sagt jemand auf einem Sektempfang zu mir, wir Nachwendekinder müssten uns genauso schonungslos mit unseren Eltern auseinandersetzen wie damals die 68er. Und dann schreibt ein Nachwendekind einen Roman, der in der DDR spielt, und bekommt ordentlich auf den Deckel, denn wir Nachwendekinder dürfen nur mitreden, wenn’s ums Nachwendedeutschland geht, die DDR aber ist Hoheitsgebiet der Zeitzeug:innen. Und ich bin wegen solcher Sachen tagelang aufgewühlt und muss wochenlang darüber nachdenken. Als Nachwendekindergeneration haben wir eine erinnerungskulturelle Aufgabe, weil wir die erste Generation ohne eigene Erinnerungen an die DDR sind und das Zeitzeug:innen-Gedächtnis der vorherigen Generationen in ein kollektives Gedächtnis überführen müssen. Diese Arbeit fällt uns qua Geburtskohorte zu, und ich frage mich, wie es dazu kommt, dass wir sie so laut fluchend und leise weinend, so verletzt und verletzend, so derart emotional erledigen.
12 Hashtag Baseballschlägerjahre
Und dann verändert ein Tweet den ganzen Ostdiskurs. »Ihr Zeugen der Baseballschlägerjahre. Redet und schreibt von den Neunzigern und Nullern. It’s about time«, schreibt der Journalist Christian Bangel 2019 und löst damit unzählige Berichte über die rechte Gewalt im Nachwendeosten aus. Die schiere Menge macht klar, »dass es hier nicht nur um vereinzelte traumatische Erlebnisse ging, sondern um eine Generationenerfahrung«. Wir Nachwendekinder bekommen es von da an mit unserer eigenen Zeitzeug:innenschaft zu tun, woraus sich die zweite Generationenaufgabe ergibt, die rechte Gewalt im Osten der Neunziger- und Nullerjahre aufzuarbeiten.
Neonazis in Dresden im Februar 2006. (© H.Kulick)
Neonazis in Dresden im Februar 2006. (© H.Kulick)
Auch bei mir kommen Erinnerungen hoch, an die ich zwei Jahrzehnte nicht gedacht hatte. Und an die Erinnerungen heftet sich eine heftige Frage: Wieso läuft in meinem Debütroman eigentlich kein einziger Nazi durchs Bild? Das Buch ist 2016 erschienen und in erster Linie eine erinnerungskulturelle Auseinandersetzung damit, welche Versionen von der DDR öffentlich und innerfamiliär erzählt werden; die Baseballschlägerjahre sind nicht sein primäres Sujet. Trotzdem ist die Protagonistin Kind der Neunziger- und Nullerjahre und erzählt von ihrem Aufwachsen, es könnte also durchaus mal ein Nazi durchs Bild laufen. Dass das nicht der Fall ist, erscheint mir einige Jahre nach der Veröffentlichung plötzlich eine fragwürdige Leerstelle zu sein.
Kann es sein, dass ich die rechte Gewalt dieser Zeit verdrängt und vergessen oder sogar kleingeredet und beschwiegen habe? Weshalb? Die Frage kehrt immer wieder zu mir zurück. Sie ist einer der Gründe für diesen Text.
13 Kipppunkte
ALICE HASTERS Am Ende der Geschichte wurde Deutschland wiedervereinigt. Und es begann zu brennen.
Eigentlich ist das eine schlichte Wahrheit, denn die Einheit ist der Startschuss für einen Ausbruch rechter Gewalt, der die nächsten Jahrzehnte prägt. Es ist auch eine Geschichte des Versagens von Polizei und Justiz, die die Bedrohten nicht schützen, während sie die Nazis oft gewähren und straffrei davonkommen lassen. Dass Deutschland mit der Vereinigung zu brennen beginnt, ist schon angesichts der teils pogromartigen, teils Todesopfer fordernden Brandanschläge von Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen in den ersten Nachwendejahren einfach eine Tatsache. Die Gewalt war nie weg, und doch hatten Faschist:innen in Deutschland nicht zu jedem Zeitpunkt der Geschichte gleich leichtes Spiel. Es gibt Kipppunkte, an denen das Momentum seine Richtung ändert. Die deutsche Einheit war so ein Kipppunkt. Und doch ist es keine Selbstverständlichkeit, die Gleichzeitigkeit von deutscher Einheit und rechter Gewalt in einem Atemzug zu nennen. Denn im öffentlichen Narrativ ist die Einheit eine Erfolgsgeschichte.
14 Nie wieder ist jetzt
Im November 2023 findet in meiner Herkunftsstadt Potsdam ein Geheimtreffen von AfD-Mitgliedern und anderen Rechtsextremen statt, bei dem sie unter der Überschrift Remigration Pläne zur massenhaften Abschiebung oder Vertreibung von Menschen mit Migrationsgeschichte schmieden. Die Correctiv-Recherche, die das öffentlich macht, löst 2024 deutschlandweite Demos gegen rechts aus. Sonntag für Sonntag spaziere ich mit Hunderttausenden durch die Berliner Januarkälte. Bei den größten Demos in Deutschland seit dem Mauerfall lese ich immer wieder einen Satz auf den Plakaten: Nie wieder ist jetzt.