Ein Hauptquartier der DDR-Opposition: Die Ost-Berliner Umweltbibliothek
Peter Wensierski
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Vor 40 Jahren, am 2. September 1986, wurde in der Ost-Berliner Zionskirche die „Umweltbibliothek“ gegründet, ein Bildungsort und Austauschforum unter schützendem Kirchendach für die damals rund 300 Öko- und Bürgerrechtsgruppen in der DDR. Spektakulär scheiterte die Stasi im Herbst 1987 daran, diesen Informationsfreiraum zu zerschlagen. Stattdessen machte sie ihn DDR-weit und über die innerdeutsche Grenze hinaus berühmt und zum Vorbild für weitere Gründungen vergleichbarer Treffpunkte.
Ein roter Backsteinbau in Prenzlauer Berg, Griebenowstraße 15/16, nur ein paar Schritte entfernt von der dazugehörigen Zionskirche: In den letzten vier Jahren der DDR ging es hier nach dem Eintreten im wahrsten Sinn des Wortes ab in den Untergrund – über eine steile Steintreppe tief hinab in einen verwinkelten Keller. Dort unten lag ein ganz besonderer Ort der Opposition. Seit dem 2. September 1986 konnte man hier in zwei Bibliotheksräumen in der DDR verbotene Bücher lesen. Oft waren sie von Umweltaktivisten aus dem Westen und von Bundestagsabgeordneten der Grünen wie Petra Kelly über die innerdeutsche Grenze geschmuggelt worden. Zu den Titeln gehörten Die Grenzen des Wachstums, Seveso ist überall, Ein Planet wird geplündert oder Leben wir auf Kosten unserer Kinder?
Bücher wie diese über Ökologie und Umweltprobleme waren bis zum Mauerfall in der DDR nicht frei erhältlich. Im Keller der Umweltbibliothek gab es darüber hinaus auch viele der von Oppositionsgruppen hektografierten DDR-Untergrundblätter und häufig tagesaktuelle West-Zeitungen und -Zeitschriften wie den Spiegel oder die alternative Tageszeitung taz zu lesen – geschenkt von den in Ost-Berlin akkreditierten West-Korrespondenten. All das gab es nicht zur Ausleihe, sondern nur lesbar vor Ort, während der Öffnungszeiten von 18 bis 21 Uhr. Auf Weitergabe „feindlicher Propaganda“ stand Gefängnis. Das Lesen im Keller eines Gemeindehauses war dagegen eine juristische Grauzone.
Die „UB“ – wie die Umweltbibliothek bald nach ihrer Eröffnung fast nur noch genannt wurde – das waren drei bis dahin ungenutzte Kellerräume im Gemeindehaus der Zionskirche, später dehnte sie sich über andere Stockwerke und Räume aus. Die Umweltbibliothek war Teil einer Bewegung, deren Ausgangspunkt um das Jahr 1980 lag, als die ersten staatsunabhängigen Umweltgruppen am Rande der Kirche entstanden. Die Geheimhaltung sämtlicher Umweltdaten und die Verleugnung der Tschernobyl-Katastrophe durch die Sozialistische Einheitspartei (SED) im April 1986 hatte die schon länger existierende Idee weiter forciert.
Gleich am Eröffnungstag gab es einen Vortrag zum Thema: „Möglichkeiten alternativer Energieerzeugung in der DDR“. Derartige Fragen wurden sonst nirgends in der DDR öffentlich besprochen. Die UB war auch wegen solcher Veranstaltungen eine besondere Attraktion. In der Regel waren die kleinen Räume täglich mit Dutzenden von Interessierten gefüllt. Wenn aber im verschlossenen dritten Kellergewölbe etwas gedruckt wurde, mussten die Besucher und Besucherinnen außen vor bleiben.
Dann wurden von einer Handvoll Aktivisten Infoblätter und Öko-Broschüren vervielfältigt und anschließend Blatt für Blatt zusammengelegt, anfangs auf Ormig-Spiritusmatrizen (maximal 30 Abzüge möglich), dann auf Wachsmatrizengeräten (bis zu 1.000 Abzüge). Brisant, weil es ohne jegliche staatliche Genehmigung geschah, auch wenn der Kirche das Drucken für eigenen Zwecke in Kleinstauflage erlaubt war. Darum stand auf vielen dieser Publikationen auf der ersten Seite der Vermerk: „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“. Was bis zu einem gewissen Grad dem Schutz der Beteiligten dienen sollte.
Die oberen Räumlichkeiten des Gemeindehauses wurden nach und nach vom Keller aus erobert. Sie dienten 1988/89 als Bar, Musik- und Lesungs-Café, Galerie, Archiv oder Kino. Selbst der Hinterhof war häufig Treffpunkt für Feiern und Veranstaltungen. Die UB wurde so ein halblegales, selbstbestimmtes Kommunikationszentrum der politisch-alternativen Szene.
Hans Simon, damals couragierter Pfarrer der Gemeinde, stellte mit Zustimmung seines Gemeindekirchenrates zum Leidwesen der Ost-Berliner Kirchenleitung den jungen Leuten sein Haus ziemlich frei zur Verfügung. Staatliche Vertreter, aber selbst einige Vertreter der Kirchenleitung kamen öfter zu ihm und ermahnten ihn, dass er doch diesen „Nichtchristen" keine Räume der Kirche zur Verfügung stellen könne. Der 2020 verstorbene Pfarrer ließ sich aber nicht beirren.
Auslöser Tschernobyl
Das Unglück im sowjetischen Atomkraftwerk von Tschernobyl am 26. April 1986 war noch nicht lange her, doch die meist von jungen Leuten getragenen staatsunabhängig arbeitenden Umweltgruppen sammelten schon lange Informationen über ökologische, aber auch politische Missstände in der DDR. Das Recherchieren von Daten zur teils extremen Umweltbelastung durch „Volkseigene Betriebe“ (VEB), mehr noch ihre Veröffentlichung, waren äußerst riskant, weil sämtliche Daten, etwa über Luft- oder Wasserverschmutzung in der DDR, durch ein Gesetz, das kurz nach der Entstehung der ersten Umweltgruppen 1982 vom Ministerrat beschlossen worden war, geheim zu halten waren.
In Veranstaltungen und „innerkirchlichen“ Info-Blättern informierten die Gruppen dennoch über das Waldsterben oder die Risiken der Atomenergie - bis hin zum Krieg sowjetischer Truppen in Afghanistan, der von 1979 bis 1989 dauerte.
Mit Gründung der UB existierte in der “Hauptstadt der DDR“ ein einmaliger Raum unzensierter Information, für tabufreie Diskussionsabende, Lesungen, Ökoseminare, Filmvorführungen und in der „UB-Galerie“ für wechselnde Ausstellungen oder Konzerte selbst verbotener Künstlerinnen und Künstler.
1987/88 zierten sämtliche Wände des Cafés beispielsweise die Zeichnungen von Igor Tatschke, eine wilde Wort-Bild-Mischung aus der Punk-Ära und der beginnenden Rap-Kultur. Die Umweltbibliothek entwickelte sich dadurch auch zu einer gegenkulturellen Nische mitten im Prenzlauer Berg, leicht zugänglich und offen für alle, die kamen. Aber unter ständiger Beobachtung.
Die Staatsmacht wusste, dass es den meisten Besuchern und Besucherinnen um weit mehr als saubere Luft und grüne Wälder ging, und dass die Publikationen, durchaus nicht nur für den "innerkirchlichen Dienstgebrauch“ bestimmt waren. Die Stasi notierte es kurz nach der Gründung in der ihr eigenen Sprache: „Feindliche Kräfte in ökologischen Gruppen im kirchlichen Bereich sehen in der Öko-Problematik in erster Linie Konfrontationsmöglichkeiten mit dem Staat...“.
Die UB-Aktivisten wussten, dass sie beobachtet werden, doch sie rührten gemeinsam mit anderen Öko-Gruppen immer wieder an Tabuthemen, so etwa hinsichtlich der “VEB Deponie Schönberg“ im damaligen innerdeutschen Sperrgebiet – jener Giftmüllkippe, für die die DDR reichlich Devisen aus der Bundesrepublik und anderen Staaten Westeuropas kassierte.
„Fernsehen der Opposition“
In der Umweltbibliothek entstand auch so etwas wie das „Fernsehen der Opposition“. Obwohl auf „Weitergabe von Nachrichten“ aus der DDR mehrere Jahre Gefängnis standen. Mit Wolfgang Rüddenklau, Carlo Jordan, Johannes Beleites und später vor allem mit Siegbert Schefke und Aram Radomski gab es auch engagierte Videofilmer in der UB, die sich nicht scheuten, Giftmüllkippen, verseuchte Flüsse, qualmende Kraftwerke bis hin zu den strahlenden Urangruben und -halden im Süden der DDR zu filmen. Ihre heimlich gedrehten Aufnahmen wurden von politischen Fernsehmagazinen im Westfernsehen, wie Interner Link: Kontraste, gelegentlich Report in der ARD oder von Interner Link: Kennzeichen D im ZDF ausgestrahlt und erreichten auf diesem Umweg gleichzeitig ein Millionenpublikum in der DDR, das überwiegend Westprogramme schaute.
Der Bauingenieur Carlo Jordan, der Krankenpfleger Christian Halbrock, der Buchhändler Oliver Kämper und der Mitarbeiter in der kirchlichen Jugendarbeit Wolfgang Rüddenklau waren im Spätsommer 1986 die Gründungsmitglieder der „UB“. Sie und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen stellten nahezu Monat für Monat, hektografiert auf Wachsmatritzen, die Umweltblätter her.
Die waren – dank der Vermerke auf Seite 1: "Innerkirchliche Information" oder "Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“ – zumindest etwas geschützt, selbst wenn sie vor allem außerhalb der Kirche kursierten. Die Macher waren allerdings durch ihre zurückliegende Arbeit in den bei der Kirche angesiedelten Umweltgruppen Konflikte mit Kirchenleitungen und Gemeindekirchenräten gewohnt. In der ersten Ausgabe schrieben sie, eine „neue Art der Öffentlichkeitsarbeit“ solle „endlich aus dem ewigen Inzest der immer gleichen Leute herausführen. In die Umweltbibliothek kann jede (r) kommen.“
Die Artikel informierten über die Arbeit der unabhängigen Friedens-, Umwelt- und Menschenrechtsgruppen und deren Konflikte mit Staat und Kirche. Die zunächst kleine Auflage ging bald schon in die Tausende. Unter DDR-Oppositionellen waren die Umweltblätter mit Abstand am weitesten verbreitet. Bis zum September 1989 erschienen 32 Ausgaben. In der letzten wurden die Positionspapiere und Gründungserklärungen aller neu entstandenen Bürgerbewegungen und Parteien veröffentlicht. Höchste Auflage: 5.000 Exemplare, die von Hand zu Hand weiterwanderten und daher einen erheblich größeren Leserkreis erreichten.
Auch die Publikation MOAning Star der offenen Arbeit der “Kirche von unten“ mit zeitkritischen Comiczeichnungen und politisch brisanten Recherchen, wie etwa in einem Artikel über die gleichzeitige Belieferung der beiden Kriegsparteien im Iran und Irak mit Munition vom VEB Mechanische Werkstäten in Königswartha, konnte im „UB“-Keller mit Auflagen bis zu 6.000 Exemplaren gedruckt werden.
Postfächer für die Opposition in der DDR
Aber eine der wichtigsten UB-Funktionen ist bis heute immer noch eher unbekannt geblieben, weil sie viel geheimer war, als der Raum zum Drucken:
Rund 300 Bürgerinitiativgruppen in der DDR-Provinz hatten sich mit der Umweltbibliothek einen zentralen Vernetzungsknoten und Treffpunkt geschaffen. Einer der Mitwisser und Mitwisserinnen war der spätere Mitgründer der Robert-Havemann-Gesellschaft mit dem Archiv der DDR-Opposition, Tom Sello: „Es gab ein spezielles Wandregal mit einem regelrechten Postfachsystem, über das Informationsmaterial DDR-weit ausgetauscht und durch Kuriere gebracht oder abgeholt werden konnte.“
Sello ergriff im Herbst’ 89 die Initiative und gründete gemeinsam mit anderen eine Untergrundredaktion, die in hoher Auflage das Infoblatt telegraph herausgab, um über das Engagement junger Leute auf dem Weg in die friedliche Revolution zu berichten.
Kuriere zwischen Umweltbibliothek und oppositionellen Gruppen, wie die beiden Leipziger Rainer Müller und Thomas Rudolph fuhren oft mit einem geliehenen Trabi nach Ost-Berlin, besuchten die „UB“, gaben selbst Infomaterial ab, trafen Freunde und hatten dann immer die aktuellsten Flugblätter oder Untergrundblätter, die in der Umweltbibliothek oder anderswo in der DDR heimlich gedruckt und zur UB in die Postverteilfächer gebracht worden waren, um sie dann weiter in ihren Leipziger Oppositionsgruppen und im ganzen Süden der DDR zu verbreiten.
Die Umweltbibliothek wurde auf diese Weise eine Art Logistikzentrale der Opposition, zugleich ein Hauptquartier zum Austausch von Informationen nebst einem Notruftelefon. „Die UB war für mich das Internet der DDR“, bilanzierte im Blick zurück der 1987 aus Leipzig zur UB gestoßene Umweltschützer Stefan Eikermann. Die Bibliothek sei für ihn „ein wichtiges politisches und kulturelles Zuhause“ geworden, „in dem unter Freunden und Bekannten debattiert, gestritten und somit ein Stück Demokratie eingeübt werden konnte.“
Die Aktivisten kehrten nach den UB-Besuchen nicht nur mit ein paar, sondern oft mit hunderten von Exemplaren Umweltblätter, Friedrichsfelder Feuermelder, telegraph oder Grenzfall zurück. Dabei war es ziemlich riskant, in der DDR lange Strecken mit solchem “heißen“ Material zu überwinden und es anschließend zu verteilen. Die Möglichkeiten einer Gegenöffentlichkeit zu den staatlich gelenkten Medien, in denen so viel verschwiegen wurde, entwickelten sich dennoch mit der Gründung der Umweltbibliothek Schritt für Schritt. Das rief die Stasi zunehmend auf den Plan. Ihr Ziel war es, die „Öffentlichkeitswirksamkeit“ solcher Initiativen zu verhindern und ein besonderes Interesse galt dabei dem Grenzfall. Hinter dem stand die Ost-Berliner Oppositionsgruppe Initiative für Frieden und Menschenrechte (IFM) zu der unter anderem die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler Ulrike und Gerd Poppe, Bärbel Bohley, Werner Fischer, Peter Grimm, Ralf Hirsch und Wolfgang Templin gehörten. Diese Gruppe und ihre Publikation waren der SED und ihrer Geheimpolizei, dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS), ein ganz besonderer Dorn im Auge.
Die gescheiterte „Aktion Falle“ der Stasi 1987
Einer der inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter, ein IM „Martin“, bekam den Auftrag, die Räumlichkeiten der „UB“ genau auszuforschen. Bald verriet „Martin“ seinem Führungsoffizier die heimlichen Einstiegs- und Erkundungsmöglichkeiten für die Staatssicherheit. Eine solche, berichtet der Spitzel „besteht von der Hofseite durch eine der beiden Luken für den Kohleeinwurf oder über das WC, Fenstereinsatz fehlt zurzeit“.
„Wenn sich (UB-Aktivist) Wolfgang Rüddenklau in der Bar im 4. Stock aufhält“, schlug „Martin“ der Stasi vor, könne man den „UB-Diensthabenden“ im Keller leicht ablenken:
„Wenn ein zweiter Mann die Kellertreppe bewacht, kann ein Dritter ‚agieren’. Bei normalem Publikumsverkehr könnten 2 bis 3 weitere [Stasi-Mitarbeiter] reingeschickt werden, die aber ‚szenehaft’ gekleidet sein müssten. Weder Pfarrer Simon noch die anderen fragen einen Besucher, wohin dieser will. Man muss nur zielgerichtet vorgehen.“
Ein Jahr nach der Gründung der „UB“ glaubten Erich Mielkes Stasi-Leute eine gute Chance zu haben, dem misstrauisch beäugtem Treiben ein Ende zu setzen. Sie planten eine Aktion unter dem Decknamen „Falle“. Am 25. November 1987 schien es soweit zu sein. Durch einschüchternde Überwachung sowie Gerüchte streuende IM’s über andere mögliche Druckorten brachte die Stasi die Gruppe dazu, es diesmal direkt im Keller in der Griebenowstraße zu wagen. Der Plan des MfS: Rund 20 Mitarbeitende des Staatssicherheitsdienstes wollten kurz nach Mitternacht die Umwelt-Bibliothek stürmen. Sie hofften, die Drucker und Redakteure des nicht genehmigten Grenzfall auf frischer Tat beim Vervielfältigen zu ertappen.
Doch die der Stasi angekündigten Macher erschienen nicht. Die ungeduldigen Stasi-Leute führten den Einsatz dennoch stur durch. Sie holten Pfarrer Simon und dessen Frau aus dem Bett. Dabei kam es zu einer Rangelei zwischen Stasi Leuten und dem Geistlichen an der Schlafzimmertür. Simon brüllte: „Solange meine Frau sich anzieht, kommt hier keiner rein!“ Andere Stasi-Leute stürmten zeitgleich die Treppe herunter in den Keller und überrumpelten vermeintlich die Drucker auf frischer Tat und riefen: "Hände hoch! Maschinen aus! Mit dem Gesicht an die Wand! Ausweise raus!"
Die lässige Antwort von einem der Jugendlichen, der ihnen den Rücken zudrehte und die Hände an der Wand hatte, lautete: „Ja, wie denn jetzt? Alles gleichzeitig?“ Die Gelassenheit hatte einen guten Grund: Die Gruppe war nicht auf frischer Tat ertappt worden. Sie hatte den Druck des aus Stasi-Sicht illegalen Grenzfall auf die frühen Morgenstunden verschoben, weil ein 14jähriger Unterstützer der Umweltbibliothek, Tim Eisenlohr, spontan vorbeigekommen war und die älteren Aktivisten sich einig waren, solange Tim dabei ist, drucken wir nichts Illegales.
Die Stasi-Leute merkten erst nach und nach: Die Angetroffenen waren nicht, wie erwartet, mit dem Druck des Grenzfall beschäftigt, sondern mit der Herstellung der Umweltblätter – einer geduldeten offiziell "innerkirchlichen" Publikation und nicht wie der Grenzfall eine aus damals staatlicher Sicht illegale, eigenständige, nichtkirchliche Publikation.
Dennoch wurden die anwesenden Aktivisten erst fotografiert, dann „zugeführt“, also vorläufig festgenommen und verhört: Bodo Wolff, Till Böttcher, Bert Schlegel, Wolfgang Rüddenklau und der 14-jährige Tim Eisenlohr. Gleichzeitig wurden die Bibliotheksräume durchsucht, das Druckmaterial, sämtliche Matrizen und die rund 50 Jahre alten Druckmaschinen beschlagnahmt. An den Wänden des Druck-Raumes fotografierten die MfS-Mitarbeiter die aufgehängten Plakate: „Für einen zivilen Ersatzdienst“, „Schwerter zu Pflugscharen“, „3. Berliner Öko-Seminar: Morsche Meiler“. „Während die Stasi-Leute reinstürmten,“ erinnert sich Wolfgang Rüddenklau an die Situation, „lief in unserem Kassettenrekorder ausgerechnet das Lied ‚Keine Macht für Niemand!‘ von Ton-Steine-Scherben.“ Alles, was nicht nach Kirche aussah, wurde eingepackt. Allerdings vergaß die Stasi die Druckerschwärze-Pumpe mitzunehmen, so dass die beschlagnahmte Maschine juristisch gesehen druckuntauglich war und sich auch dadurch der Vorwurf des „auf frischer Tat beim Drucken ertappt“ nicht halten konnte.
Tags darauf verlautbarte die Ost-Berliner Staatsanwaltschaft dennoch, man habe Mitglieder der Umweltbibliothek auf frischer Tat ertappt. Die DDR-Nachrichtensendung Aktuelle Kamera und das SED-Zentralorgan Neues Deutschland verbreiteten dementsprechend rasch die Meldung, in Kirchenräumen der Zionsgemeinde hätte „hinter dem Rücken der zuständigen kirchlichen Stellen“ die „Herstellung staatsfeindlicher Schriften“ stattgefunden.
Der 14-jährige Tim entwickelte sich zu einem besonderen Problem für die DDR-Obrigkeit. Die Westmedien meldeten bereits die Verhaftung eines Minderjährigen. Tim stammte aus einer Funktionärsfamilie. Sein Vater war SED-Genosse und hatte ursprünglich Staatsanwalt werden wollen. Nachdem er allerdings zu Ausbildungszwecken DDR-Gefängnisse von innen kennengelernt hatte, konnte er das nicht mit seiner sozialistischen Überzeugung vereinbaren, sattelte um und organisierte fortan medizinische Kongresse. Der Bruder von Tims Mutter war Horst Steinert, Direktor der Forum GmbH, die für alle Devisenläden in der DDR, die Intershops, zuständig war.
„Mein Vater hatte mich frei erzogen“, erinnert sich Tim, „und er wusste, dass ich in der Ausleihe der ‚UB‘ mitmache. Für den Fall der Fälle hatte er mir eingeschärft: Du sagst bei einer möglichen Verhaftung nichts, bevor ich nicht da bin. Darum sagte ich nichts und bat darum, meinen Vater aus Leipzig zu holen.“
Wie die anderen war Eisenlohr allein in einem Lada mit zwei Bewachern zum Verhör gefahren worden. Er hatte Glück. „Mit meiner Nickelbrille und dem alternativen Aussehen hatte ich immer Angst vor Nazis, nachdem vier Wochen zuvor, am 17. Oktober 1987, ein brutaler Überfall von Skinheads auf ein Rockkonzert in der Zionskirche stattgefunden hatte. Darum war ein kleines Handbeil zur Selbstverteidigung in meinem Rucksack, außerdem ein Buch ‚Antikommunismus in Ost und West‘. Es war total absurd, aber nicht einer von der Stasi hat in meinen Rucksack reingesehen!“
Sein Vater kam tatsächlich und Tim Eisenlohr wurde nach zehn Stunden Festnahme bereits nach Hause gefahren. „Der Generalstaatsanwalt ermahnte mich nur noch: Aber in der Schule erzählst du nichts!“
Die Stasi hatte auf eine Spaltung zwischen radikalen und weniger radikalen Gruppen gehofft. Doch Solidarität und Protest begannen schon gleich nach der Stasi-Razzia in der UB und wurde zum Schlüsselereignis für die Entwicklung der Jahre 1988/89 in der DDR. Noch in der Nacht informierte Pfarrer Simon die Malerin und Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley, die nur wenige Schritte von der Zionskirche entfernt in der Fehrbelliner Straße 91 wohnte, über die Stasi-Aktion. Sie gab die Nachricht umgehend weiter an andere Gruppen in der DDR und nach West-Berlin zu dem aus der DDR übergesiedelten Schriftsteller Jürgen Fuchs, der wiederum an den aus Jena stammenden und mittlerweile in Berlin-Kreuzberg lebenden Journalisten Roland Jahn und den Verfasser dieser Zeilen in der Kontraste-Redaktion der ARD. So gelang es binnen kurzer Zeit, alle wichtigen Westmedien über den Überfall auf die UB zu informieren. Via Radionachrichten war die geteilte Stadt in Ost wie West am nächsten Tag vollständig informiert. Auch ARD und ZDF berichteten über den Tabubruch.
Verbreitung via Westfernsehen
Seit 1953 war die SED nicht mehr derart in Kirchenräume eingedrungen. Was folgte, ging als „Kampf um Zion", „Schlacht um die UB“ und auch „Eigentor der Stasi“ in die Geschichte der DDR-Opposition ein. Der Ost-Berliner Bürgerrechtler Tom Sello erinnert sich gern daran, dass der Staat genau das Gegenteil erreichte, von dem, was er sich erhofft hatte: „Denn auf die Aktion ‚Falle’ folgte eine riesige Welle der Solidarisierung mit den Verhafteten, die alle Erwartungen derjenigen übertraf, die den Protest auslösten. Vor der Zionskirche bildete sich eine permanente Mahnwache und sorgte für große Öffentlichkeit.“
Abend für Abend war die Zionskirche nun überfüllt, und das Selbstbewusstsein wuchs. Interner Link: Carlo Jordan, einer der Mitbegründer der UB aus der Zionsgemeinde, hielt die Stasi couragiert auf Distanz. Vor dem Eingang an der Kirchenseite der Zionskirche zog er einen Kreidestrich als das MfS Beteiligte an der Mahnwache in die Kirche zurückdrängen wollten. Ab hier sei „Kirchenland" und Demonstrieren erlaubt, somit auch direkt vor der Kirche. Erst dahinter beginne das „volkseigene" Land.
Medien wurden mit dem vorsorglich aufgenommenen Videomaterial der Umweltbibliothek versorgt. Es kam DDR-weit zu Protestaktionen. Die Demonstrierenden vom Pfarrer bis zur Punkerin forderten die Freilassung der Inhaftierten, die Herausgabe der beschlagnahmten Sachen sowie eine Garantie für den Fortbestand und die volle Arbeitsfähigkeit der Umweltbibliothek.
Die SED-Führung gab dem öffentlichen Druck schließlich nach. Die Ermittlungsverfahren mussten eingestellt werden, die inhaftierten Oppositionellen kamen nach wenigen Tagen wieder frei. In der DDR war so etwas bis dahin fast unvorstellbar. Die Aktion „Falle“ geriet zur schweren Niederlage von SED und Stasi. Durch die missglückte Razzia wurde die „UB“ zudem international bekannt, der Zulauf größer als je zuvor und bis zum Ende der DDR wagte die Stasi keine erneute Aktion gegen die Umweltbibliothek. Die Zionskirche allerdings bekam die Staatsmacht zu spüren, deren nachgordnete Behörden das Kircheschiff wegen vermeintlicher Baufälligkeit zweitweise sperren ließen.
Aber „die Opposition in der DDR“, resümiert Tom Sello rückblickend, „wurde nicht geschwächt, sondern rückte stattdessen in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit, in der DDR wie im Westen.“ Das MfS hatte somit selbst geschaffen, was es eigentlich eindämmen wollte die Öffentlichkeitswirksamkeit für Engagierte in der evangelischen Kirche der DDR.
In einem Neujahrsgruß der Umweltblätter zur Jahreswende 1987/88 wandten sich die Aktivisten denn auch in ironischem Ton direkt an SED und Stasi: „Wir sind einmütig der Meinung, dass dieser Staat und diese Behörden einmalig und völlig unersetzlich sind.“ Sie bedankten sich für „die großartige weltweite Gratis-Reklame für die Umwelt-Bibliothek". Außerdem hieß es, man rufe „der DDR-Regierung zum neuen Jahr zu: 'Macht weiter so, Jungs!'". Denn nach dem Vorbild der Umweltbibliothek entstanden in einigen anderen Kirchgemeinden in der DDR weitere öffentliche Treffpunkte ähnlicher Art.
Verbliebene Spuren
Wer heute in der Zionskirche die Empore erklimmt, der kann noch die letzten Spuren des risikoreichen Geschehens von damals betrachten, zum Beispiel ein Brett mit den Resten von Kerzen der Mahnwache und eine alte Druckmaschine, wie sie in der UB verwendet wurde. Auf der inzwischen sanierten Empore finden sich auch noch Spuren von Transparenten, die während der Mahnwache dort beschriftet wurden. In der Eile legten die Aktivisten den dünnen Stoff direkt auf die Holzdielen und die Farbe drückte sich durch das Gewebe auf das Holz durch: „Wir protestieren gegen die Festnahmen und Beschlagnahmung in der Umwelt-Bibliothek“.
Die Volkspolizei holte das Transparent später mit Hilfe der Feuerwehr vom Turm der Kirche und ließ das Kirchengebäude als Racheakt temporär baupolizeilich sperren. Mit etwas Mühe lässt sich die Losung heute noch erkennen. Sie wurde inzwischen mit einer durchsichtigen Abdeckung denkmalgeschützt.
Am 6. September 2026 planen die damals 14- bis 30jährigen Akteure der Umweltbibliothek in der Zionskirche zu einem „Storytelling“ zusammenzukommen und über Vergangenheit und Gegenwartsbezüge zu diskutieren: „Junge Leute von heute sollen die Gelegenheit haben, mit Zeitzeugen ins Gespräch zu kommen und ihre aktuellen Probleme vorzutragen“, heißt es in einer Einladung zum 40. Gründungstag der Umweltbibliothek.
Zitierweise: Peter Wensierski, "Ein Hauptquartier der DDR-Opposition: Die Ost-Berliner Umweltbibliothek“, in: Deutschland Archiv, 1.9.2026. Link: www.bpb.de/581011. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte.