„Vielleicht sind wir erst am Anfang des Krieges“
Ein Gespräch mit Siegbert Schefke über die Fortsetzung der Leipziger Bürger/-innenreise nach Kyjiw 2026
Susanne Tenzler-HeuslerSiegbert Schefke
/ 14 Minuten zu lesen
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Vor einem Jahr reisten sechs ehemalige Leipziger Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler erstmals zum Unabhängigkeitstag nach Kyjiw. Jetzt wiederholten fünf von ihnen ihren Besuch bei zivilgesellschaftlichen Gruppen, mit beklemmenden Wahrnehmungen angesichts des sich weiter ausdehnenden Krieges. Und ein Ende scheint nicht absehbar. Thema Nummer eins diesmal war die Vorbereitung auf den Winter.
Unsere erste Reise nach Kyjiw, an sich schon ungewöhnlich, sorgte auch deshalb vor einem Jahr für Aufmerksamkeit, weil es keine klassische Delegationsreise war. Organisiert hatte sie die Stiftung Friedliche Revolution. Für die Stiftung knüpft die Unterstützung der ukrainischen Zivilgesellschaft an die Leipziger Erfahrungen von 1989 und das Eintreten für Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung an. Die Gruppe wollte nicht nur aus der Ferne Solidarität erklären, sondern Menschen treffen und die seit 1961 bestehende Städtepartnerschaft zwischen Leipzig und Kyjiw zivilgesellschaftlich mit Leben füllen. Unser Reisebericht 2025 im Deutschland Archiv hatte den Titel: Interner Link: „Nicht abwenden“. Und diese Bitte gilt nach wie vor eindringlich.
Erneut fuhr fast dieselbe Gruppe mit der Bahn nach Kyjiw: Gesine Oltmanns und Regina Schild von der Externer Link: Stiftung Friedliche Revolution, Beate Mitzscherlich von der Initiative „Externer Link: EuropaMaidanLeipzig“, die Leipziger Stadträtin Gesine Märtens und der Journalist Siegbert Schefke. Ich selbst konnte die Gruppe diesmal nicht begleiten.
Nach der Rückkehr drängte sich ein Vergleich auf. Viele Orte waren dieselben, manche Gesprächspartner ebenfalls. Doch schon beim ersten Eindruck fehlte etwas: Im Sommer 2025 hatten junge Menschen noch auf der Straße getanzt, und unter dem Maidan spielten Musiker. Ein Jahr später fand die Leipziger Delegation eine stillere Stadt vor – mit mehr sichtbaren Versehrten, leeren Restaurants und Läden und einer deutlich gedrückteren Stimmung. Unter anderem darüber habe ich mit Siegbert Schefke gesprochen, auf folgendem Bild ist er in der Mitte der Gruppe mit Kyjiws Bürgermeister Validmir Klitschko zu sehen. Vor 37 Jahren am 7. Oktober 1989 hatte Schefke heimlich mit einem Freund jene Interner Link: Videoaufnahmen gemacht, die erstmals Massenproteste in Leipzig gegen das SED-Regime dokumentierten und nach ihrer Verbreitung via Westfernsehen das Ende der DDR einläuteten.
Susanne Tenzler-Heusler: Bevor wir über Kyjiw sprechen: Ihr hattet eine schwierige Rückreise. An der ukrainisch-polnischen Grenze standet ihr rund fünf Stunden, sämtliche Zuganschlüsse waren danach weg.
Siegbert Schefke: Wir wussten nicht, warum es nicht weiterging und machten uns Sorgen. Glücklicherweise kein Beschuss, denn auch Eisenbahnzüge geraten inzwischen gezielt ins Visier. Der Bahnhof lag nur zwei Kilometer entfernt, trotzdem konnten wir natürlich nicht einfach loslaufen. In Polen verlangte zum Glück niemand neue Fahrkarten, sie ließen uns trotz der verpassten Verbindungen weiterfahren. In Deutschland mussten wir dann für alle drei Teilstrecken neue Tickets lösen. Nach diesen Tagen war das eine ziemlich abrupte Rückkehr in den deutschen Alltag.
Bei eurem Besuch in Kyjiw vor einem Jahr im August 2025 war trotz des Krieges überall der Versuch zu spüren, ein Stück normales Leben festzuhalten. Junge Menschen tanzten auf der Straße, am Unabhängigkeitstag waren Familien unterwegs. Ist das noch so?
Das war für mich der deutlichste Unterschied. Natürlich war der Krieg auch vor einem Jahr überall präsent: durch Alarm, Gedenkorte, Versehrte und zerstörte Häuser. Trotzdem zeigte die Stadt damals eine andere Grundstimmung. Diesmal habe ich niemanden draußen tanzen sehen. In der Unterführung, in der vor einem Jahr Musiker gespielt hatten, war es still. Viele Geschäfte waren leer, manche geschlossen; auch Restaurants, die ich vom Vorjahr anders in Erinnerung hatte, hatten kaum Gäste. Die Menschen wirkten auf mich ernster und erschöpfter. Das ist ein persönlicher Eindruck, keine Messung der Stimmung einer Millionenstadt. Aber im Vergleich zu 2025 markant.
Hat man diesen Unterschied auch am Unabhängigkeitstag gemerkt? Im vergangenen Jahr war der 24. August einer der belebtesten Tage?
Diesmal war es am Maidan auffallend leer. Ein wichtiger Grund ist, dass Feiertage während des Kriegsrechts nicht automatisch arbeitsfrei sind. Der Unabhängigkeitstag bleibt natürlich Nationalfeiertag, aber viele Menschen gehen lieber arbeiten, aus Verantwortung und um sich abzulenken. In diesem Krieg ist niemandem mehr zum Feiern zumute. Vor einem Jahr hatten wir große Menschenansammlungen erlebt; diesmal fehlte vieles davon.
Was hat sich für dich jenseits dieser sichtbaren Leere am drastischsten verändert?
Wie stark der Krieg inzwischen bestimmt, wo und wie Menschen wohnen. Mehrere Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen haben uns erzählt, dass Wohnungen in den unteren Etagen gefragter sind. Bei Alarm eilen viele nach unten – in Tiefgaragen, U-Bahn-Stationen oder Treppenhäuser. Eine Frau sagte ganz nüchtern: „Beim Alarm gehen wir runter in die erste bis dritte Etage und versuchen, irgendwie zu schlafen.“ Dann lächelte sie und ergänzte: „So lernen wir uns im Haus immer besser kennen.“
Dazu kommt die Abhängigkeit von Strom und Aufzügen. Fällt in einem Hochhaus länger der Strom aus, geht es nicht nur um Licht. Pumpen funktionieren nicht, oben fehlt Wasser, der Aufzug steht. Für ältere oder gehbehinderte Menschen kann schon der Weg aus einem oberen Stockwerk zum Problem werden. Und im Winter kommt die fehlende Heizung hinzu. Deshalb wurde uns auch von einem stärkeren Interesse an kleineren Häusern in Randlagen berichtet, die sich notfalls mit Holz beheizen lassen. Solche Überlegungen sagen viel darüber, wie weit der Krieg in den Alltag vorgedrungen ist.
Über den kommenden Winter wurde offenbar bei fast jedem Termin gesprochen?
Diese Sorge war viel präsenter als noch vor einem Jahr. In Kyjiw stehen zahlreiche Generatoren, doch sie versorgen nur einzelne Gebäude oder Betriebe, keine ganzen Hochhausviertel. Werden Energieanlagen erneut schwer getroffen, betrifft das Heizung, Wasser, Abwasser und Versorgung zugleich. Selbst eine Lücke im Supermarkt wird dann anders wahrgenommen, zumal Angriffe immer häufiger auch Geschäften gelten. Dabei wächst auch die Sorge, dass Lebensmittel fehlen werden. Da wird eine Bäckerei, eine Back-Fabrik, zerstört, die bis dahin täglich 100 000 Toastbrote produziert hat. Und schon ist das Regal im Supermarkt leer, und das erzeugt noch mehr Unruhe und Angst. Der Winter ist deshalb kein fernes Thema, sondern etwas, auf das sich Organisationen und Kommunen schon den ganzen Sommer vorzubereiten versuchten.
Ihr hattet auch ein Treffen mit Olena Voichyk von Caritas Ukraine, einem landesweiten Hilfenetz mit rund 100 lokalen Organisationen; seit Beginn der Vollinvasion verbindet es Nothilfe mit längerfristiger sozialer Unterstützung. War der Winter 2026/27 auch dort vorherrschendes Thema?
Dort wurde es sehr konkret: Wie versorgt man ältere Menschen, wenn Strom und Heizung ausfallen? Wie organisiert man Hilfe oder eine Evakuierung, wenn Aufzüge nicht funktionieren? Wir hatten drei Starlink-Geräte aus Deutschland dabei. Als wir eines bei der Caritas aus dem Karton holten, war die Freude riesig. Da merkt man, welche Dinge für eine Hilfsorganisation plötzlich einen ganz anderen Wert bekommen.
Leipziger Bürgerdelegation in Kyjiw 2026
Die Leipziger Delegation mit einem ihrer Gastgeschenke, einem Starllnk-Empfänger.
Die Leipziger Delegation mit einem ihrer Gastgeschenke, einem Starllnk-Empfänger.
Ein weiteres dieser Geräte um Satelliten-Internet zu empfangen ging an Skhid SOS. Die 2014 in Luhansk gegründete Organisation evakuiert Menschen aus frontnahen und besetzten Gebieten und unterstützt besonders ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen. Wir hatten dieses Team schon 2025 getroffen. Mich hatte damals vor allem beschäftigt, wie jung viele der Frauen dort sind: etwa 20 bis 25 Jahre alt. Manche könnten vom Alter her unsere Töchter sein. Daran musste ich diesmal wieder denken. Du sitzt einer jungen Frau gegenüber und könntest mit ihr genauso über ein Konzert oder eine Verabredung sprechen. Stattdessen erzählt sie, wie Menschen aus gefährdeten Gebieten herausgeholt werden oder was passiert, wenn ein Kollege bei dieser Arbeit stirbt. Dann denke ich an unsere Töchter: Die studieren, treffen Freunde, sitzen vielleicht im Café. Und hier beschäftigt sich eine Gleichaltrige mit Evakuierungen und damit, wie Menschen den Krieg überleben.
Schon im vergangenen wuchs der Eindruck, dass Frauen einen großen Teil des sichtbaren Alltags tragen. Hat sich das noch verstärkt?
Für mich ja. Frauen arbeiteten auf Baustellen, bei der Straßenreinigung, in Hotels, Geschäften und Organisationen. Auch in Restaurants waren es häufig sehr junge Frauen. Im Zug nach Kyjiw war ich über lange Strecken praktisch der einzige Mann; an der Grenze sah ich vor allem Mütter mit Töchtern. Natürlich leben und arbeiten auch Männer in Kyjiw, doch ihre Abwesenheit in bestimmten Altersgruppen fällt stärker auf als noch vor einem Jahr. Da definiert sich Fachkräftemangel ganz anders.
Denys Trubezkoj, auf der Krim geboren und seit Jahren als freier Journalist in Kyjiw tätig, berichtet für zahlreiche deutschsprachige Medien über ukrainische Politik und Gesellschaft. Die Gruppe hatte ihn 2025 bereits getroffen. Damals sprach er sehr nüchtern über Mobilisierung, gesellschaftliche Spannungen und einen Zermürbungskrieg, dessen Ende nicht abzusehen sei. Wie klang er dieses Mal?
Noch ernster. Ein Satz aus diesen Tagen ist bei mir hängen geblieben: „Vielleicht sind wir erst am Anfang des Krieges.“ Wenn du das nach mehr als vier Jahren Vollinvasion hörst, erschreckt dich die Vorstellung, was damit gemeint sein könnte. Denys sprach außerdem darüber, dass Frauen künftig eine noch größere Rolle im Militär spielen könnten. Er verwies auf die zunehmende Bedeutung von Drohnen und darauf, dass deren Steuerung andere körperliche Anforderungen stellt als die klassische Infanterie. Er hält deshalb langfristig auch eine Ausweitung militärischer Pflichten auf Frauen für möglich. Das ist seine Einschätzung und Sorge, keine beschlossene ukrainische Politik.
Wenn in so vielen Bereichen Männer fehlen, wird die Ursache dafür zugleich immer sichtbarer. Ihr habt schon unterwegs von mehr Versehrten berichtet als 2025.
Vielleicht habe ich diesmal bewusster darauf geachtet, aber ich sah auffallend viele Menschen mit Prothesen, Männer ohne Arm oder Bein. Bei dem internationalen Forum „35 Years of Faith and Freedom“ stand ein ukrainischer Veteran mit Beinprothesen auf der Bühne und erzählte davon, wie der Krieg sein Leben von einem Tag auf den anderen verändert hatte. Auch der Gedenkort auf dem Maidan ist gewachsen. Zwischen den Gedenk-Fotos von Gefallenen und Fahnen fielen mir Zeichen aus Großbritannien, der Schweiz und der Türkei auf; sie erinnern an Ausländer, die auf ukrainischer Seite gekämpft haben und ums Leben kamen.
Vor einem Jahr sagtest du: „Der Krieg ist immer da, aber das Leben auch.“ Wenn ich dir jetzt zuhöre, scheint sich dieses Verhältnis verschoben zu haben?
So habe ich es erlebt. Vor einem Jahr musste man an manchen Stellen genau hinsehen, um Kriegsschäden zu entdecken. Diesmal war ich viele Kilometer zu Fuß unterwegs. Dabei fielen mir häufiger durch Beschuss beschädigte Häuser auf und mehr Gebäude, deren Fenster und Fassaden mit Platten verschlossen waren, oder Denkmäler, die zum Schutz eingepackt worden waren. Manche Straßen und Parks wirkten weniger gepflegt. Nicht überall und nicht dramatisch – aber im Vergleich zum Vorjahr spürte ich stärker, dass Geld, Personal und Kraft fehlen.
Auch zivilgesellschaftliche Angebote leiden darunter. Bei Jugendprojekten wurde das besonders greifbar. Ein Jugendzentrum braucht Räume, Personal und Geld. Wenn eine Familie aus dem Osten geflohen ist und mehrere Generationen zusammen in einer Notunterkunft leben, kann so ein Ort enorm wichtig sein: um Hausaufgaben zu machen, Freunde zu treffen oder einfach einmal nicht mit der ganzen Familie in einem Zimmer zu sitzen. Gleichzeitig fehlen Lehrer und geeignete Räume; deshalb spielt Onlineunterricht eine immer größere Rolle, solange der Strom nicht ausfällt.
Darüber habt ihr mit Olena Podobed-Frankivska von der Nationalen Ukrainischen Jugendvereinigung (NUMO) gesprochen, einem ukrainischen Dachverband von Jugendorganisationen. Eine 2026 veröffentlichte NUMO-Studie zeigt, wie offen die Zukunft für viele junge Menschen ist: 26 Prozent der Befragten wissen noch nicht, in welchem Land sie ihr weiteres Leben aufbauen möchten. Wie spricht man unter diesen Bedingungen über Rückkehr und Wiederaufbau?
Olena war erstaunlich zuversichtlich. Sie sagte sinngemäß: Nach dem Krieg muss das Land aufgebaut werden, und dafür braucht die Ukraine gerade auch diejenigen, die heute im Ausland leben. Viele lernen dort Sprachen, studieren, sammeln Erfahrungen und kennen andere Gesellschaften. Dieses Wissen kann später wichtig sein. Bei den jungen Leuten, die wir getroffen haben, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie ihr Land einfach aufgeben. Aber natürlich kann heute niemand seriös sagen, wer in einigen Jahren zurückkehren wird.
Mit Oksana Prodan habt ihr anschließend über die kommunale Ebene gesprochen. Sie ist Beraterin des Vorsitzenden der Association of Ukrainian Cities. Der 1992 gegründete Verband vertritt heute 1.092 Gemeinden und war an der ukrainischen Dezentralisierungsreform maßgeblich beteiligt; seit 2022 beschäftigen ihn zusätzlich Evakuierung, Versorgung, Wiederaufbau und die Vorbereitung der Kommunen auf die Heizperiode. Auf dem Papier klingt „kommunale Selbstverwaltung“ zunächst technisch. Was bedeutet das in einem Land im Krieg?
Eine Stadt muss auch unter Beschuss funktionieren. Die Wasserversorgung darf nicht zusammenbrechen, Abfall muss abgeholt, Unterricht organisiert und Binnenvertriebene müssen untergebracht werden. Nach Angriffen kommen Reparaturen und Wiederaufbau hinzu. Dafür brauchen Kommunen Handlungsspielraum. In dem Gespräch wurde deutlich, warum die Dezentralisierung für die Widerstandsfähigkeit des Landes so wichtig geworden ist. Auch unser Gesprächspartner Oleksandr Solontai beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Dezentralisierung und kommunaler Entwicklung im Zuge von Städtepartnerschaften. Heute leitet er die Organisation Agency for Recovery and Development und arbeitet an Entwicklungs- und Wiederaufbaustrategien ukrainischer Gemeinden. Für ihn war die entscheidende Frage, ob eine Partnerschaft über offizielle Besuche hinaus Beziehungen schafft, die im Ernstfall tragen. Kennen sich Verwaltungen, Vereine, Schulen und Initiativen? Gibt es Menschen, die einander direkt anrufen können? Im Krieg zeigt sich, ob eine Städtepartnerschaft nur auf dem Papier existiert oder daraus ein belastbares Netzwerk geworden ist.
Leipzig und Kyjiw sind bereits seit 1961 Partnerstädte. Seit Beginn der russischen Vollinvasion hat Leipzig unter anderem Feuerwehrfahrzeuge, Generatoren sowie medizinische und zivile Hilfsgüter geschickt. Diesmal gab Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) der Bürgerdelegation einen Brief an Vitali Klitschko mit...
Klitschko schaute in die Mappe und sagte sofort: „Oh, von Burkhard.“ Das war ein kleiner Moment, aber er hat viel erzählt. Da stand nicht der Name irgendeines deutschen Oberbürgermeisters unter einem offiziellen Schreiben. Man merkte, dass sich die beiden kennen und dass diese Verbindung für ihn etwas bedeutet.
Die Leipziger Bürgerrechtlerin und politische Bildnerin Gesine Oltmanns hat die Bürgerreise wie schon 2025 organisiert. Die Stiftung Friedliche Revolution versteht ihr heutiges Engagement ausdrücklich als Fortsetzung der Erfahrungen von 1989: Demokratie, Selbstbestimmung und zivilgesellschaftliche Verantwortung sollen nicht nur erinnert, sondern praktisch gelebt werden. Bei solchen Reisen bleibt trotzdem die Frage: Was bewirken fünf Menschen aus Leipzig tatsächlich?
Wir beenden damit keinen Krieg, und wir retten dort auch nicht die Welt. Aber wir können hinfahren, zuhören und vor allem wiederkommen. Einer unserer Gesprächspartner sagte: „Euer Besuch ist ein Zeichen dafür, dass wir nicht alleine bleiben.“ Beim ersten Besuch kann man noch denken: Da kommt eben einmal eine Gruppe. Beim zweiten Mal entsteht etwas anderes. Die Menschen sehen, dass der Kontakt nicht nach ein paar Tagen wieder abbricht.
Ein solcher Kontakt führt auch über das Deutsche Haus Kyjiw. Das Kultur- und Bildungszentrum für Interessierte an der deutschen Sprache arbeitet eng mit dem Bildungs- und Informationszentrum BIZ-Ukraine zusammen; Ansprechpartnerin Ljudmyla Kowalenko-Schneider organisiert seit Jahren Sprach-, Bildungs- und Jugendprojekte. Welche Rolle spielte dieser Termin für die Leipziger Verbindung?
Dort ging es um konkrete Projekte von Leipzig und Kyjiw. Gerade solche Einrichtungen halten Kontakte dauerhaft am Leben. Eine Städtepartnerschaft besteht eben nicht nur aus den Terminen zweier Bürgermeister. Sie lebt davon, dass Menschen und Institutionen über Jahre miteinander arbeiten – und im Krisenfall wissen, wen sie ansprechen können.
Am 23. August 2026 nahm die Delegation auf Einladung des ukrainischen Präsidentenbüros am "National Prayer Breakfast" teil. Mehr als 1.500 Menschen kamen zusammen, darunter 670 ausländische Gäste aus 17 Ländern. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach ebenso wie internationale Staats- und Regierungsvertreter. Du hast danach überlegt, wie leicht Bilder aus einem solchen Saal von außen missverstanden werden können.
Der Termin war sehr offiziell und festlich. Auf einem Foto sieht man einen großen Saal, ein Bankett, gut gekleidete Menschen. Aus Deutschland betrachtet, kann daraus schnell ein falscher Eindruck entstehen. Aber ein angegriffenes Land hört nicht auf, Staat zu sein. Es gibt diplomatische Treffen und Gedenkveranstaltungen, während Hilfsorganisationen überlegen, wie sie Menschen durch den Winter bringen. Man muss beides sehen. Auf der Bühne sprach ein Mann mit Beinprothesen darüber, wie sich auch sein Alltag verändert hat. „Aber wir sind keine Bittsteller“, sagte er stolz, mit der Hand auf der Brust. Diese Rede hat mich extrem beeindruckt.
Genau diese Gleichzeitigkeit hatte uns 2025 so beschäftigt. Damals stand neben der Trauer aber noch auffallend viel Lebensfreude.
Davon habe ich diesmal deutlich weniger gespürt.
Auch am Maidan?
Der Gedenkort für die Gefallenen ist noch größer geworden. Wo vor einem Jahr bereits Tausende Gedenkfotos und Fahnen standen, hat sich die Fläche beträchtlich ausgedehnt. Noch mehr Namen und Bilder sind hinzugekommen. Dieses Feld hat mich extrem beeindruckt, wie ein improvisierter Friedhof; daneben demonstrieren nach wie vor Mütter, Frauen und Schwestern, die seit Monaten oder Jahren nichts über das Schicksal ihrer Angehörigen wissen. Wir haben dort wieder einen Kranz niedergelegt. Mit einem beklemmendem Gefühl.
Wer nach Kyjiw fährt, muss die Gefahr abwägen. Das galt schon 2025 und gilt heute erst recht. Warum sollte man trotzdem solche Bürgerreisen machen?
Ich würde niemandem leichtfertig raten, in ein Kriegsgebiet zu reisen. Das muss jeder selbst abwägen. Aber es macht einen Unterschied, ob wir aus der Ferne über die Ukraine sprechen oder den Menschen dort begegnen. Eine Gesprächspartnerin sagte uns, sie spüre die internationale Unterstützung weiterhin und würde sich zugleich über Freiwillige freuen, die tatsächlich kommen und helfen. Nicht an der Front. Auch denken wir bei Unterstützung oft nur an Geld, Fahrzeuge oder Technik. Offenbar zählt aber auch, dass Menschen auftauchen und den Kontakt nicht abreißen lassen.
Vielleicht wird gerade das mit jedem weiteren Kriegsjahr schwieriger: nicht nur einmal hinzusehen, sondern den Kontakt auszuhalten und fortzusetzen.
Die Menschen merken sehr genau, ob sie irgendwann nur noch eine Nachricht unter vielen sind.
Kaum wart ihr wieder zu Hause, kam schon eine Nachricht aus Kyjiw…
In der Nacht hatte es dort fast fünf Stunden Luftalarm gegeben. Im Chat schrieb jemand mit schwarzem Humor, nun flögen wieder die Raketen auf Kyjiw, die „Geiseln“ seien schließlich abgereist. Während des Unabhängigkeitstages waren viele internationale Gäste in der Stadt; sie wirkten wie menschliche Schutzschilde. Manche Menschen hatten darauf gehofft, dass es deshalb für ein paar Tage ruhiger bleiben würde. Kurz vor der Abreise kaufte ich bei einer Blumenverkäuferin unseren Kranz für den Maidan. Beim Abschied sagte sie noch einen Satz, der mich auf der ganzen Rückfahrt begleitet hat: „Kommt bitte nächstes Jahr wieder. Dann können wir endlich wieder drei Tage durchschlafen.“
Wie groß ist denn in der Ukraine die Hoffnung auf wirklichen Frieden oder zumindest anhaltenden Waffenstillstand? Und endlich auch auf wieder funktionierende Diplomatie?
Hoffnung gibt es durchaus, allein schon, weil jeder dort möchte, dass dieser Krieg endet. Aber ich habe kaum jemanden getroffen, der jetzt sagt: Die Diplomatie wird das in den nächsten Wochen lösen. Dafür ist das Misstrauen zu groß und die Erfahrung zu bitter. Viele denken inzwischen in viel längeren Zeiträumen. Wenn jemand nach mehr als vier Jahren Krieg sagt: „Vielleicht sind wir erst am Anfang“, dann merkt man, wie weit entfernt ein stabiler Frieden für viele noch erscheint. Gespräche werden trotzdem sehr aufmerksam verfolgt. Entscheidend ist aus Sicht vieler Ukrainer und Ukrainerinnen, ob daraus mehr entsteht als eine kurze Pause.
Aber uns begegnete auch immer wieder die Aussage: Nicht einen Quadratmeter der Ukraine werden wir Putin schenken, denn die Opfer, die wir bringen mussten, sind zu hoch. Dafür sind zu viele gestorben!
Auch ist für die Menschen in der Ukraine die Frage des Wiederaufbaus elementar. Das betrifft beschossene Wohnhäuser, Krankenhäuser, Schulen, Fabriken, Geschäfte, Fahrzeuge, Züge, jetzt auch Bahnanlagen und die übrige Infrastruktur. Wer bezahlt all das Zerstörte und baut es wieder auf?
Zitierweise: Susanne Tenzler-Heusler im Gespräch mit Siegbert Schefke, „Vielleicht sind wir erst am Anfang des Krieges". Eine Brücke aus Leipzig nach Kyjiv, Teil II. In: Deutschland Archiv, 17.09.2026, www.bpb.de/506242. Alle Beiträge im Deutschland Archiv sind Recherchen und Sichtweisen der jeweiligen Autoren und Autorinnen, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar (hk).
Die studierte Germanistin, Rechts- und Kommunikationswissenschaftlerin Susanne Tenzler-Heusler war von 2002 bis 2009 Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse. Seit September 2009 arbeitet sie als freie Journalistin und unterstützt den Buchkinder Leipzig e.V. bei der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.