Die Ohnmächtigen ergreifen Partei
Nichtwahl und autoritäre Mobilisierung bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026. Eine Nachwahlbetrachtung
Matthias Quent
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77,8 Prozent Wahlbeteiligung, 43,8 Prozent der Stimmen für die AfD: Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 verbindet einen Beteiligungsrekord mit einem historisch einmaligen Erfolg der extremen Rechten nach 1945. Ehemalige Nichtwähler bildeten dabei den größten Nettozufluss zur AfD. Die Partei kann insbesondere im ländlichen Raum Menschen für eine Wahl gewinnen, indem sie ihnen Einfluss auf einen politischen Betrieb verspricht, den sie zugleich als unzugänglich und feindselig darstellt. Ausgerechnet die extreme Rechte besetzt so die Hoffnung von Resignierten und Ohnmächtigen.
Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis wurde die AfD in Sachsen-Anhalt mit 43,8 Prozent der Zweitstimmen stärkste Kraft und gewann gegenüber 2021 insgesamt 23 Prozentpunkte hinzu. Die CDU fiel um 19,9 Punkte auf 17,2 Prozent zurück. Die SPD erreichte 9,3 Prozent und legte damit um 0,9 Punkte zu. Die Grünen verbesserten sich um drei Punkte auf 8,9 Prozent, während die Linke mit 8,6 Prozent einen Verlust von 2,4 Punkten hinnehmen musste. Das erstmals angetretene BSW zog mit 5,3 Prozent in den Landtag ein. Die FDP verlor 3,8 Punkte und scheiterte mit 2,6 Prozent an der Fünfprozenthürde. Auf die sonstigen Parteien entfielen zusammen 4,3 Prozent der Zweitstimmen.
Dem Einzug von SPD und Grünen war die Sorge vorausgegangen, dass ihr Scheitern an der Fünfprozenthürde der AfD eine absolute Mehrheit der Mandate ermöglichen könnte. Besonders gefährdet erschienen die Grünen: Ende Juli lagen sie bei Infratest dimap bei fünf Prozent, die SPD bei sieben Prozent. Unter anderem das progressive Kampagnennetzwerk Campact warb deshalb ausdrücklich für strategische Zweitstimmen zugunsten beider Parteien. Deren Einzug sollte verhindern, dass die AfD durch den Ausschluss anderer Parteien von der Sitzverteilung zusätzlich an parlamentarischem Gewicht gewinnen und dadurch eine absolute Mehrheit erreichen könnte.
Das mit dieser Mobilisierung verfolgte Ziel wurde erreicht; insbesondere die Grünen schnitten besser ab, als es die Umfrage von Ende Juli erwarten ließ. Wie stark das Verhinderungsmotiv die Wahlentscheidung prägte, zeigen Befragungsdaten: 78 Prozent der SPD-Wählenden und 68 Prozent der Grünen-Wählenden erklärten, ihre Partei vor allem gewählt zu haben, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern.
Erhebliche AfD-Gewinne aus dem Nichtwählerlager
Gegenüber 2021 stieg die Wahlbeteiligung bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 um 17,5 Prozentpunkte. Die Zahl der Nichtwählenden sank um gut 331.000. Davon profitierte vor allem die AfD: Infratest dimap schätzt ihren Nettozufluss aus dem Nichtwählerlager auf rund 170.000 Stimmen. Den nächstgrößeren Zufluss verbuchte mit rund 30.000 Stimmen die CDU. Von der CDU wechselten per Saldo etwa 83.000 Wählende zur AfD, aus den anderen Parteilagern waren es weniger. Der Saldo aus der Nichtwahl entspricht rechnerisch knapp der Hälfte des absoluten AfD-Stimmenzuwachses seit 2021.5 Ohne die Mobilisierung aus dem Nichtwählerlager häte die AfD rechnerisch etwa 31 Prozent erreicht. Ohne den Zufluss von enttäuschten früheren Wählerinnen und Wählern der CDU (circa 8 Prozentpunkte des AfD-Ergebnis) und der FDP (circa 1,5 Prozent) hätte die AfD nur etwa 21 Prozent der Stimmen erhelten.
Der historische Wahlerfolg über die mitlerweile etablierte Stammwählerschaft der AfD hinaus ist neben der Mobilisierung aus dem Nichtwahllager unmittelbar mit Enttäuschungen über die beiden Regierungsparteien in Land und Bund verbunden. Die Wählerschaft nimmt billigend in Kauf, dass der Landesverband der AfD bereits seit Oktober 2023 vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingestuft wird. Er wird durch den völkisch-nationalistischen Parteiflügel dominiert. Die rechtsextreme Ausrichtung und die Debatten um Vetternwirtschaft auch des Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund verhinderten den Wahlerfolg nicht.
Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis erhielt die AfD 576.037 Zweitstimmen. Bezogen auf alle Wahlberechtigten waren das knapp 34 Prozent, bezogen auf die gültigen Zweitstimmen 43,8 Prozent. Mit 39 von 83 Mandaten verfehlte sie die absolute Mehrheit um drei Sitze. Laut Forschungsgruppe Wahlen (FGW) gaben 38 Prozent derjenigen, die 2026 AfD wählten, für 2021 Nichtwahl an.
Unter Männern erhielt die AfD laut FGW 49 Prozent, unter Frauen 39 Prozent; bei den unter 60-Jährigen waren es 49 Prozent, bei den Älteren 36 Prozent. Alle drei kreisfreien Städte lagen beim AfD-Anteil unter sämtlichen Landkreisen. In Magdeburg erhielt die Partei 32,6 Prozent, in Mansfeld-Südharz 51,9 Prozent.
Ohnmacht und Entfremdung
Der massive Zuwachs der AfD beruht zu einem erheblichen Teil darauf, dass es ihr erneut gelungen ist, Menschen zu mobilisieren, die bei der vorangegangenen Landtagswahl nicht gewählt hatten. Die Frage ist, wie sie denjenigen ein Wirksamkeitsversprechen machen konnte, die sich politisch ohnmächtig fühlen. Ohnmacht bezeichnet hier die Erwartung, mit dem eigenen Handeln politisch wenig ausrichten zu können. Mit dem Wahlerfolg der AfD hat die Ohnmacht die Seite gewechselt: Mit den Stimmen früherer Nichtwählerinnen und Wähler greift die Partei nach Regierungsmacht: Betroffene rechtsextremer Politik ganz unterschiedlicher Gruppen haben nun große Sorgen, fühlen sich bedrängt, allein gelassen und unsichtbar oder planen sogar, das Land zu verlassen.
Die autoritäre Mobilisierung transformiert Ohnmacht und Desintegration in ein für viele bedrohlich wirkendes: „Alles ist möglich“ (so der Wahlkampfslogan der AfD in Sachsen-Anhalt). Für Sachsen-Anhalt dokumentierte 2015 eine Studie im Auftrag der Landeszentrale für politische Bildung fehlendes Vertrauen in Parteien und Politiker als den am häufigsten genannten Grund der Nichtwahl. Viele Befragte hielten ihre Stimme für wirkungslos. Zugleich befürworteten mehr als vier Fünftel der erklärten Nichtwählenden die Idee der Demokratie. Allerdings drückt formale Zustimmung zur Demokratie nicht automatisch eine Bindung an gleiche Grund- und Menschenrechte aus. Wo Demokratie auf die Durchsetzung eines vermeintlichen Volkswillens im Sinne eines Vulgärdemokratismus zusammenschrumpft, kann Minderheitenschutz als Missachtung der Mehrheit dargestellt werden.
Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 beschreibt ein Bundesland, in dem Verbundenheit und politische Entfremdung zugleich verbreitet sind: 90 Prozent lebten demnach gern oder sehr gern in Sachsen-Anhalt, 60 Prozent bewerteten ihre wirtschaftliche Lage positiv. Die Studie erfasst bei 8,6 Prozent aller Befragter und bei 29,7 Prozent der AfD-Anhängerschaft ein geschlossen rechtsextremes Einstellungsmuster; kohärenter Chauvinismus und kohärente Ausländerfeindlichkeit sind jeweils bei mehr als der Hälfte verbreitet. Die AfD bindet damit Menschen mit unterschiedlich weit ausgeprägten rechtsextremen Überzeugungen.
Gleichzeitig waren 55 Prozent der Befragten mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland unzufrieden. 71 Prozent meinten, Parteien wollten nur ihre Stimmen und interessierten sich nicht für ihre Ansichten. Offenbar ist es der AfD nun – trotz der Vetternwirtschaftsvorwürfe – gelungen, vielen dieser Menschen das Gefühl zu geben, sich für sie zu interessieren. Ausgerechnet mit der extrem rechten Fundamentalopposition scheinen viele Menschen eine Selbstwirksamkeit zu erfahren, die ihnen die anderen Parteien bisher nicht (mehr) ermöglichen konnten.
Die Durchsetzung extrem rechter Hegemonien wurde lange vorbereitet: Westdeutsche Rechtsextreme begannen schon unmittelbar nach dem Mauerfall, in den neuen Ländern Mitglieder und Wähler zu rekrutieren. 1998 erlangte die rechtsextreme DVU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rund 13 Prozent der Stimmen. Lokale Milieus und Organisationswissen aus dem Westen verbanden sich unter den Bedingungen der Transformation. Später wurde Schnellroda zum Standort des selbsternannten Instituts für Staatspolitik, eines Orts für die Schulung und Vernetzung der Neuen Rechten. Nach der Gründung der AfD nahm der Einfluss des rechtsextremen Thinktanks immer weiter zu: Hier wurde die Übernahme der einst populistischen Protestpartei durch den neurechts als »Ethnopluralismus« verbrämten völkischen »Normalisierungsnationalismus« unter anderem um Götz Kubitschek außerhalb und Björn Höcke innerhalb der Partei vorbereitet und vollzogen.
Wie die AfD aus Bedrohung Hoffnung macht
Die AfD bearbeitet Ohnmacht und trägt selbst zu ihr bei. Der Landesverfassungsschutz dokumentiert eine Sprache der AfD, in der Migranten als Eindringlinge oder Invasoren erscheinen und Zugehörigkeit nach Abstammung bestimmt wird. Politische Konflikte werden zur existenziellen Bedrohung erklärt. Wem eingeredet wird, das eigene Land werde gegen den Willen seiner Bevölkerung preisgegeben, kann Kompromisse und rechtliche Grenzen als Verrat erleben.
In der Verbindung von Bedrohung und angebotener Rettung liegt ein klassischer Mechanismus autoritärer Mobilisierung, wie sie auch die faschistischen Bewegungen im 20. Jahrhundert nutzten: Der Agitator benennt vermeintliche Verursacher des Ausgeliefertseins und verspricht, sie zu bekämpfen. Die Unterordnung unter eine autoritäre Führung soll den Einzelnen an deren Macht teilhaben lassen. Die Gemeinschaft wertet ihre Mitglieder auf, indem sie andere abwertet. Auch ohne materielle Verbesserung lässt sich so ein Zugewinn an Bedeutung erfahren.
Bei einem AfD-»Familienfest« am 4. September in Magdeburg berichtete unter anderem Euronews on Selfiefoto-Schlangen vor Spitzenkandidat Siegmund und zeigten sein Gesicht auf T-Shirts und Schildern. Besucher riefen »Wir sind die Wende«; bei der Nennung anderer Parteien wurde kollektiv gebuht. Siegmund kündigte dem Sender für die ersten hundert Regierungstage unter anderem eine »Arbeitspflicht für Asylbewerber« an. Nähe zum Kandidaten verband sich mit gemeinsamer Abgrenzung und dem Versprechen unmittelbarer Ergebnisse.
Die AfD als Bewegung der Hoffnung für ihre Anhängerschaft zu begreifen, heißt, die emotionalen Bedürfnisse ihrer Anhängerschaft in den Blick zu nehmen. Das kann die Aussicht auf politische Veränderung sein oder das Gefühl, überhaupt öffentlich vorzukommen und wirksam, statt ohnmächtig zu sein. Solche emotional-identitären Bindungen können große programmatische Widersprüche überbrücken. Dabei ist die »blaue Hoffnung« exkludierend – auch unter den Wählenden: Im AfD-Lager beklagten nach der Forschungsgruppe Wahlen 92 Prozent zu viele Flüchtlinge; 78 Prozent meinten, die Politik nehme zu viel Rücksicht auf gesellschaftliche Minderheiten. Unter den übrigen Befragten waren es 53 beziehungsweise 47 Prozent. Diese Einstellungen gehören zur Erklärung des Wahlerfolgs: Die AfD hat – ausgehend von tiefsitzenden Ressentiments und kulturkämpferischer Polarisierung – eine hegemoniale Deutung etabliert, die Bedrohung, Sündenböcke, Erlösung, gemeinschaftliche Identität und (gefühlte) Bürgernähe integriert.
Die Forschungsgruppe Wahlen weist deutliche Bildungsunterschiede zwischen den Wählerschaften der Parteien aus: Von den Wählenden mit Hauptschulabschluss stimmten 57 Prozent für die AfD, mit mittlerer Reife 53 Prozent, mit Abitur 37 Prozent und mit Hochschulabschluss 24 Prozent. Infratest dimap ermittelte 59 Prozent unter Arbeiterinnen und Arbeitern. Unter den Wählenden, die ihre finanzielle Lage als schlecht bewerteten, waren es 65 Prozent; bei gut bewerteter Lage 37 Prozent. Auch wenn es sich dabei um Selbsteinschätzungen handelt, die von der tatsächlichen Situation abweichen können, ist die statistische Verteilung auffällig. Ob die Menschen sich nur selbst für abgehängt, bedroht oder benachteiligt halten oder es tatsächlich sind (wofür in Sachsen-Anhalt viel spricht), ist für die Sozialpolitik relevant.
Bildungsabschlüsse sind als statistische Stellvertretermerkmale zu verstehen; sie stehen mit unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen, familiären Hintergründen, individuellen Chancen und sozialen Beziehungen in Verbindung. Für die Ansprache und Repräsentation dieser Menschen ist der berichtete Zustand – selbst wenn er »nur« gefühlt sein sollte – aber real genug, um daraus Alltagsdeutungen und hoffnungsgeleitet auch politisches Wahlverhalten abzuleiten. Dass diese Hoffnung bei der AfD gesucht wird, obwohl sie keine starke soziale Programmatik verfolgt, verweist auch auf die seit Jahrzehnten wachsenden Schwierigkeiten klassisch linker Parteien, Deprivation und Ohnmacht über oppositionelle Kümmerer- und Hoffnungsarbeit für sich zu mobilisieren.
Wie weiter nach der Zäsur dieser Landtagswahl?
Mit der Bildung einer Landesregierung ist die politische Auseinandersetzung um Sachsen-Anhalt nicht beendet. Die AfD führt sie längst mit Blick auf die Macht im Bund. Noch am Wahlabend beanspruchte Alice Weidel gegenüber phoenix einen Regierungsauftrag auch für die nächste Bundestagswahl. Magdeburg erscheint in diesem Machtentwurf als Zwischenstation ins Berliner Kanzleramt. Was können die demokratischen Parteien aus dem Wahlkampf der AfD lernen, um das noch zu verhindern?
Wichtiger als mehr oder weniger kohärente Wahlprogramme sind für Wahlentscheidungen belastbare Beziehungen zu Menschen außerhalb der loyalen Stammwählerschaften. Zustimmung im akademischen Raum und im Feuilleton gibt wenig Auskunft darüber, ob eine Partei im Alltag als ansprechbar, glaubwürdig und bürgernah erlebt wird. Die Brandmauer schützt demokratische Institutionen vor dem Zugriff antidemokratischer Kräfte. Sie rechtfertigt keine pauschale soziale Ausgrenzung der AfD-Wählerschaft. Dabei sind einzelne rechtsextreme Einstellungselemente und ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild zu unterscheiden.
Aus der notwendigen Auseinandersetzung mit AfD-Wählenden folgt kein Auftrag, Forderungen ihrer Partei zu übernehmen. Eine vergleichende Untersuchung findet keinen Beleg dafür, dass eine Annäherung etablierter Parteien an migrationsfeindliche Positionen die radikale Rechte schwächt. Responsivität als Reaktion auf Ohnmacht hat eine starke emotionale Seite, die durch ungeschickte Kampfbegriffe wie »Brandmauer« ebenso wie durch umfassende Erklärungen darüber, was alles nicht möglich ist, eher getriggert wird. Menschen wollen mit ihrer Erfahrung vorkommen, ohne sich dafür die Sprache eines Parteiprogramms oder gesellschaftspolitischer Eliten aneignen zu müssen. Zorn über eine als ungerecht erlebte Entscheidung lässt sich politisch ernst nehmen und gegebenenfalls umleiten, ohne jede Erklärung dieses Zorns zu bestätigen oder ihn für illegitim zu erklären.
Zugleich gilt: Einschüchterung, menschenfeindliche Angriffe und Rechtsstaatsverstöße müssen unterbunden und schnell geahndet werden – egal, ob sie von individuellen Extremisten oder einer Landesregierung ausgehen. Das Verfassungsprinzip der Bundestreue und das Instrument des Bundeszwangs sind Schutzmechanismen wehrhafter Demokratie gegen antidemokratische Landespolitik. Personen und Gruppen, die durch Rechtsextremismus bedroht werden, haben einen besonderen Anspruch auf Schutz, das Ernstnehmen ihrer Erfahrungen und Ängste sowie auf politischen Einfluss. Werden ihre Rechte auf Gleichberechtigung und Schutz vor Willkür und Gewalt nicht eingelöst, stehen Verfassungsnormen und Vertrauen in den Rechtsstaat grundsätzlich infrage.
Auch in Mecklenburg-Vorpommern: Ein stabiler AfD-Wählersockel
Diese Problematik betrifft nicht nur Sachsen-Anhalt. Die AfD führt seit Monaten auch bundesweite Umfragen an. Und auch in Thüringen und Sachsen erreichte die Rechtsaußenpartei im Sommer 2026 vergleichbare Zustimmungswerte wie jetzt in Sachsen-Anhalt. Was darüber hinaus seit rund einem Jahr bei den Umfragen aus Mecklenburg-Vorpommern auffällt: AfD-Wählende halten offenbar besonders fest zu ihrer Partei, denn etwa seit August 2025 liegen die AfD-Wählerwerte dort stabil bei über 34 Prozent, während die Wählermilieus der übrigen Parteien stärker schwanken.
Für einen Teil der Wählenden im Osten scheint die AfD somit stabil zu einer Identifikationspartei geworden zu sein, als ginge es darum, als „blaue“ Wähler eine stetige Trotzhaltung zu beweisen, die „die da oben“ schlichtweg ärgert. Dies geschieht aus einem teilweise rechtsextrem geprägten Sammelbecken für Menschen heraus, die plötzlich spüren, alleine durch ihre oft kompromisslose Kontrahaltung und Wählerstimme für die AfD nunmehr eigene Macht und Selbstwirksamkeit auszuüben.
Das Ziel der AfD ist, mit solch einer Mehrheit an ihrer Seite, die Übernahme der Bundesregierung 2029. Ob dieses Ziel durch die Folgen des in der Tat historischen Wahlsiegs der Rechtsaußen in Sachsen-Anhalt und auch angesichts ihrer vorhergesagten Stimmenzuwächse in Mecklenburg-Vorpommern näher oder ferner rückt, hängt auch davon ab, ob Politik und Gesellschaft im „Weiter so“ verharren oder nicht. Ob Magdeburg tatsächlich zur Zwischenstation nach Berlin wird, hängt auch davon ab, ob demokratische Parteien Menschen außerhalb ihrer Stammwählerschaften wieder politischen Einfluss ermöglichen und diejenigen emotional, sozial, repräsentativ, responsiv und politisch aufsuchen - und die demokratischen Elemente in ihrem Alltagsverstand mobilisieren -, die sich ohnmächtig fühlen, aber keine geschlossen rechtsextreme Agenda verfolgen.
Nur wenn es alternative demokratische Angebote zur „Alternative für Deutschland“ gibt, werden diejenigen, die sich ohnmächtig und resigniert fühlen, Bestätigung und Vertretung jenseits der extremen Rechten finden.
Der Autor, Matthias Quent, ist Soziologe und Professor an der Ernst-Abbe-Hochschule Jena. Von 2021 bis März 2026 lehrte er an der Hochschule Magdeburg. Aktuelles Buch: „Keine Macht der Ohnmacht! Wie wir Krisen bewältigen und uns gegen Faschismus wehren, München 2025. Zitierweise: Matthias Quent, Analyse: Sachsen-Anhalt nach der Wahl 2026, in: Deutschland Archiv vom 18.9.2026. Link: www.bpb.de/581385. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Prof. Dr. Matthias Quent ist Soziologe und Rechtsextremismusforscher. Er war Gründungsdirektor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena und ist dort an der Ernst-Abbe-Hochschule seit März 2026 Professor für Digitalisierung im Kontext gesellschaftlicher Transformationen in der Sozialen Arbeit. Zuvor lehrte er Soziologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Zu seinen Forschungsschwerpunkte gehören Polarisierung und Zusammenhalt, Klimarassismus und rechte Reaktionen gegen ökologische Transformation und Klimagerechtigkeit. Er beschäftigt sich außerdem mit den sozialen Folgen von Digitalisierung und Mediatisierung und Möglichkeiten der Demokratisierung in sozialen Netzwerken. Quent studierte Soziologie, Politikwissenschaft und Neuere Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und University of Leicester. Er war Sachverständiger für Untersuchungsausschüsse des Thüringer Landtags, des Deutschen Bundestags sowie im sächsischen Landtag und für die Stadt München (2017). 2012 erhielt Quent den Nachwuchspreis des Forschungsschwerpunkts Rechtsextremismus/Neonazismus der Fachhochschule Düsseldorf und 2016 den Preis für Zivilcourage der Stadt Jena. Jüngste Publikationen auf seiner Website: Externer Link: https://www.matthias-quent.de/