Wer verfolgt schon regelmäßig oder überhaupt die alljährlichen Reden zum 3. Oktober? Ihre öffentliche Resonanz dürfte recht begrenzt sein. Und doch lohnt es sich, sie genauer anzusehen. Denn der 3. Oktober ist der Nationalfeiertag des vereinten Deutschlands, und in diesen Reden wird die fortgesetzte politische Arbeit an einer Gründungserzählung sichtbar. Die Reden sind deshalb mehr als nur Festreden zur Erinnerung an die Vereinigung beider deutscher Nachkriegsstaaten im Jahr 1990. Sie schreiben sich in eine Tradition ein, in der seit der Herausbildung moderner Nationalstaaten versucht wird, Nationalfeiertage als symbolische Formen zu inszenieren, in denen sich Nationen ihrer selbst vergewissern. Als Nationalfeiertag des vereinten Deutschlands erinnert der 3. Oktober zunächst an dessen Entstehung. Er bietet aber Jahr für Jahr auch Anlass, neu zu bestimmen, worauf dieses Deutschland gründet und was seine Bürger/-innen miteinander verbinden soll. Die Reden sind insofern eine sprachliche Praxis dieser symbolischen Selbstdeutung Deutschlands, der die Frage nach dem Gemeinsinn immanent ist.
Es ist jedoch nicht nur danach zu fragen, welche Gründungserzählung die Reden stiften möchten. Entscheidend ist auch, ob diese Erzählung hinreichend anschlussfähig ist, um zwischen unterschiedlichen Erfahrungen, darunter die ost- und westdeutschen, tatsächlich einen Gemeinsinn zu erzeugen.
Der Gründungsakt 1990
Ein Historischer Tag: Hannelore und Helmut Kohl (M) mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker (r) die Feier zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in Berlin. (© picture-alliance/dpa, Wolfgang Kumm)
Ein Historischer Tag: Hannelore und Helmut Kohl (M) mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher (l) und Bundespräsident Richard von Weizsäcker (r) die Feier zur deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 in Berlin. (© picture-alliance/dpa, Wolfgang Kumm)
Um 00:00 Uhr in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober 1990 vollzog sich mit dem Hissen der großen Bundesflagge vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, begleitet vom Klang der Freiheitsglocke aus dem Schöneberger Rathaus, mit anschließendem Gesang der Nationalhymne und einem Feuerwerk der Beitritt der Deutschen Demokratische Republik (DDR) zur Bundesrepublik Deutschland. Bundespräsident Richard von Weizsäcker (CDU) verkündete: „Die deutsche Einheit in Freiheit ist vollendet.“
Der Staatsakt 1990
Während das nächtliche Ritual die staatliche Einheit symbolisch vollzog, deutete die Rede des Bundespräsidenten am darauffolgenden Tag diesen Gründungsmoment historisch und öffnete ihn zugleich in die Zukunft. Diese Rede kann als erste fundierende Rede für das vereinte Deutschland gelesen werden. „Heute, liebe Landsleute, begründen wir unseren gemeinsamen Staat.“
Auch die Friedliche Revolution in der DDR steht in diesem internationalen Zusammenhang. Sie erhält in Weizsäckers Rede bereits den Rang eines Gründungsereignisses des vereinten demokratischen Deutschlands, jedoch nicht als eine auf die staatliche Einheit gerichtete Revolution. Im Zentrum steht vielmehr die demokratische Selbstbehauptung der DDR-Bürger/-innen: Mit dem Ruf „Wir sind das Volk“ hätten sie, so von Weizsäcker, „ein Wort der Demokratie in die Tat umgesetzt“.
Die Entstehung einer nationalen Gründungserzählung
Seit 1991 verschiebt sich die Funktion der Reden zum 3. Oktober deutlich: Es wird sichtbar, dass die staatliche Einheit noch keine gesellschaftliche Einheit erzeugt hat. In der Rede von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth (CDU)
Die Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth während ihrer Rede in der Börse in Hamburg anlässlich des ersten Jahrestages der Deutschen Einheit am 3.10.1991. (© picture-alliance, Carsten Rehder)
Die Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth während ihrer Rede in der Börse in Hamburg anlässlich des ersten Jahrestages der Deutschen Einheit am 3.10.1991. (© picture-alliance, Carsten Rehder)
tritt die Differenz der ost- und westdeutschen Erfahrungen bereits massiv hervor. Deshalb müssen sich die Reden stärker der Frage zuwenden, wer dieses „Wir“ des neuen Deutschlands eigentlich ist und was Ost- und Westdeutsche als Deutsche miteinander verbindet. Die Gründungserzählung soll aus unterschiedlichen Geschichten eine gemeinsame nationale Herkunftserzählung erzeugen. Retrospektiv ist die Rede von Bundespräsident Roman Herzog (CDU) 1994
Der neue Bundespräsident Roman Herzog ruft bei seiner Antrittsrede im Berliner Reichstag die Bundesbürger zur Abwehr der Demokratie-Feinde auf. Im Hintergrund Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesaußenminister Klaus Kinkel ( l ). Der ehemalige oberste Verfassungsschützer und Nachfolger von Richard von Weizsäcker steht als siebter Präsident und erstes im wiedervereinigten Deutschland gewähltes Staatsoberhaupt an der Spitze der Bundesrepublik. Der 60jährige Jurist legte in einem Staatsakt im Berliner Reichstag den Eid auf das Grundgesetz ab. (© picture-alliance/dpa, Wolfgang Kumm)
Der neue Bundespräsident Roman Herzog ruft bei seiner Antrittsrede im Berliner Reichstag die Bundesbürger zur Abwehr der Demokratie-Feinde auf. Im Hintergrund Bundeskanzler Helmut Kohl und Bundesaußenminister Klaus Kinkel ( l ). Der ehemalige oberste Verfassungsschützer und Nachfolger von Richard von Weizsäcker steht als siebter Präsident und erstes im wiedervereinigten Deutschland gewähltes Staatsoberhaupt an der Spitze der Bundesrepublik. Der 60jährige Jurist legte in einem Staatsakt im Berliner Reichstag den Eid auf das Grundgesetz ab. (© picture-alliance/dpa, Wolfgang Kumm)
ein entscheidendes Verdichtungsmoment einer solchen Erzählung: „Westdeutschland hat uns die erste erfolgreich erprobte demokratische Verfassung beschert. Ostdeutschland aber die erste erfolgreiche demokratische Revolution unserer Geschichte ...“
Die Gründungserzählung entsteht in diesem Kontext als eine narrative Verdichtung und nicht als eine historische Beschreibung, so wie es stets der Fall ist bei der Konstruktion von Gründungsmythen. Die beiden „Geschenke“ sind nicht einfach historische Tatsachen, sondern narrative Verdichtungen historischer Abläufe. Gerade dadurch werden sie als Gründungserzählung überhaupt erst gemeinstiftend verfügbar. Zu dieser Verdichtung gehört auch, dass in beiden Fällen – demokratische Revolution und Grundgesetz – die internationale Dimension zurücktritt: bei der Friedlichen Revolution die demokratischen Erhebungen in Polen, Ungarn, der Tschechoslowakei und die Rolle Gorbatschows; beim Grundgesetz Besatzung, westalliierte Vorgaben und die Einbindung der entstehenden Bundesrepublik in die westliche demokratische Ordnung. Deshalb erst können sie als Leistungen eines deutschen kollektiven Subjektes erzählt werden. In den einzelnen Reden bleiben diese internationalen Bedingungen allerdings in unterschiedlicher Intensität und in Abhängigkeit von aktuellen politischen Konstellationen präsent. Zugleich bleibt diese Gründungserzählung insofern offen, als sie nicht festlegt, was Friedliche Revolution und Grundgesetz für alle Zukunft bedeuten müssen. Sie stellt zwei demokratische Gründungsmomente nebeneinander. Dadurch können sie in späteren historischen Situationen neu aufeinander bezogen werden. Außerdem durchlaufen alle Reden zum 3. Oktober zwei Bewegungen: Die eine konstruiert Gemeinsamkeit, die andere registriert fortwährend deren Grenzen. Damit ist der Gründungserzählung eine stete Spannung immanent. Die Reden zum Nationalfeiertag sind selbst Teil des Ringens um Gemeinsinn.
Die Arbeit an der Gründungserzählung nach 1994
Die beiden 1994 verdichteten Elemente bleiben in den Reden nicht unverändert. Die späteren Ansprachen arbeiten an ihnen weiter. Die Friedliche Revolution ist vor allem in den ersten Jahren nach dem Gründungsakt in den Reden der präsentere und emotional wie narrativ beweglichere Teil der Gründungserzählung, mitunter der einzige. Am Anfang steht die Deutung der Revolution als demokratische Freiheitsrevolution. Sie wird in diesem Verständnis immer wieder betont. Dabei ist sie zugleich eine ostdeutsche Leistung. Eine andere Deutung findet sich bei Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) im Jahr 1997
Vereidigung des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat. Hier bei seiner ersten Rede nach der Vereidigung, 2. Juli 2010. (© Deutscher Bundestag, Lichtblick Achim Melde)
Vereidigung des neuen Bundespräsidenten Christian Wulff in einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat. Hier bei seiner ersten Rede nach der Vereidigung, 2. Juli 2010. (© Deutscher Bundestag, Lichtblick Achim Melde)
Christian Wulff (CDU) 2010,
Der designierte Bundespräsident Johannes Rau während seiner Dankansprache im Bundestag. Im zweiten Wahlgang der Bundesversammlung wurde der frühere Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) im Reichstagsgebäude zum achten Bundespräsidenten von Deutschland gewählt, aufgenommen im Mai 1999. (© Bundesarchiv, 145 Bild-00007005, Arne Schambeck)
Der designierte Bundespräsident Johannes Rau während seiner Dankansprache im Bundestag. Im zweiten Wahlgang der Bundesversammlung wurde der frühere Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) im Reichstagsgebäude zum achten Bundespräsidenten von Deutschland gewählt, aufgenommen im Mai 1999. (© Bundesarchiv, 145 Bild-00007005, Arne Schambeck)
Es gibt einige Reden, in denen der Friedlichen Revolution die wichtigste Rolle in der Einheitsgeschichte zugesprochen wird. 2011 schreibt der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, das alleinige Verdienst der Einheit den DDR-Bürger/-innen zu: Sie „haben uns Deutschen das Gefühl selbsterkämpfter Freiheit geschenkt“.
Beide Gründungselemente sind also universalisiert und aktualisiert worden. Ihre Herkunft bleibt erinnerbar, aber sie werden aus dem ursprünglichen Geber-Kontext (Ost/West) herausgelöst und zu gemeinsamen demokratischen Bezugspunkten. Ein weiteres Ergebnis der Fortschreibung der Gründererzählung zeigt sich darin, dass beide Elemente nicht mehr nebeneinanderstehen, sondern zunehmend in Bezug zueinander gesetzt werden. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) macht den Zusammenhang 2005 besonders deutlich: Auf die Friedliche Revolution folgte die freie Volkskammerwahl, dann die parlamentarische Entscheidung und schließlich der verfassungsrechtliche Weg zur Einheit Deutschlands. Er betont damit das Zusammenspiel von Bürgerhandeln und demokratischen Institutionen.
Besonders deutlich führt Andreas Voßkuhle 2011 beide Elemente zusammen. Neben der Erfahrung „selbsterkämpfter Freiheit“ bezeichnet er den demokratischen Verfassungsstaat als die „zweite große Idee, die ums eint“.
Aus einer Gründungserzählung sind damit immer deutlicher Maßstäbe gegenwärtiger Demokratie geworden. Die Erzählung hat einen demokratischen Sinnzusammenhang ausgebildet – aber hat sie auch ihre zweite, die gemeinstiftende Funktion erfüllt?
Wie steht es um den Gemeinsinn?
Schlägt man den Bogen von der Rede zum 1. Jahrestag der deutschen Einheit 1991 bis zur Gegenwart, so fällt auf, dass in jedem Jahr Klagen über die nicht vollendete innere Einheit Deutschlands geführt werden. Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth hatte bereits 1991 in diesem Zusammenhang eine Deformation Ostdeutscher aufgrund ihrer Sozialisierung in einer Diktatur diagnostiziert,
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht beim Kerzensingen auf dem Marktplatz von Halle auf der Bühne. Der Bundeskanzler besucht am 3. Oktober 2025 die Saalestadt anlässlich des Tags der Deutschen Einheit. (© picture-alliance/dpa, Heiko Rebsch)
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) steht beim Kerzensingen auf dem Marktplatz von Halle auf der Bühne. Der Bundeskanzler besucht am 3. Oktober 2025 die Saalestadt anlässlich des Tags der Deutschen Einheit. (© picture-alliance/dpa, Heiko Rebsch)
Schließlich formuliert Bundeskanzler Friedrich Merz im Jahr 2025 die Forderung nach einer „neuen Einheit“.
Die Gründungserzählung auf dem Prüfstand: Volkssouveränität und Verfassungsdemokratie
Das Jahr 2026 aktualisiert die Frage nach dem Verhältnis von Volkssouveränität und Verfassungsbindung. Nach einer Wahl kann mit „Wir sind das Volk“ beziehungsweise „Das Volk hat gesprochen“ ein Verständnis von Volkssouveränität aufgerufen werden, das den Wahlausgang als unmittelbaren politischen Auftrag versteht. Der historische Befund der Analyse der Gründungserzählung des vereinten Deutschlands lädt zu einer komplexeren Lesart ein. 1989 war „Wir sind das Volk“ eine Selbstermächtigung von Bürger/-innen gegen eine Diktatur, und die Friedliche Revolution führte zu freien Wahlen, Parlamentarismus, Rechtsstaatlichkeit und verfassungsgebundener Demokratie. Beide Gründungselemente lassen sich 2026 neu lesen: Die Friedliche Revolution als Bürgerhandeln und das Grundgesetz gehören zusammen. Das bedeutet: „Wir sind das Volk“ ist in einer Verfassungsdemokratie
Zitierweise: Dorothee Röseberg, "Gibt es eine Gründungserzählung für das vereinte Deutschland?", www.bpb.de/581809, in: Deutschland Archiv vom 28.9.2026. (ali)