Objekte erzählen Geschichte(n)
Deutsch-jüdische Lebenswege zwischen Alltag, Erinnerung und Exil
Miriam Bistrovic
/ 16 Minuten zu lesen
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Was bleibt, wenn Stimmen verstummen? Drei Objekte veranschaulichen, wie sich anhand von historischen Zeugnissen deutsch-jüdische Lebenswege, weibliche Handlungsmacht sowie Flucht- und Exilerfahrungen mitsamt ihrer bruchstückhaften Überlieferung sichtbar machen lassen, und eröffnen zugleich Möglichkeiten für eine multiperspektivische Erinnerungsarbeit.
Mehr als acht Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschiebt sich die Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden vom „kommunikativen Gedächtnis“ hin zum „kulturellen Gedächtnis“ und einer gesamtgesellschaftlich orientierten Erinnerungsarbeit. Die Überlebenden der Kindertransporte von 1938/39 werden bald die letzten sein, die uns noch persönlich von ihren Erfahrungen berichten können. Doch in nicht allzu ferner Zukunft wird auch diese unmittelbare Vermittlung von Zeugenschaft nicht länger möglich sein.
Die Aufgabe, authentisches Zeugnis von historischen Begebenheiten und Erlebnissen abzulegen, wird auf Archive, Museen und jene Institutionen übergehen, in denen die Sammlungen und Erinnerungen der letzten Überlebenden, der Verfolgten und der Ermordeten bewahrt werden. Ihre physisch greifbaren Erinnerungsstücke, das sogenannte materielle Erbe, gewinnt damit zunehmend an Bedeutung: Briefe, Tagebücher, Fotografien und persönliche Dinge treten an die Stelle der mündlichen Erzählung, ohne diese ersetzen zu können.
Diese Artefakte bewahren Spuren, doch im Gegensatz zu Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der zweiten oder dritten Generation, die narrative Erinnerung und innerfamiliäre Traumata weitertragen können, sprechen historische Objekte nicht von selbst. Erst durch Erschließung, Kontextualisierung und Vermittlung werden archivalische Artefakte zu Quellen, die historische Erfahrung zugänglich machen. Zugleich unterliegt der soziale und gesellschaftliche Rahmen, in dem diese Objekte und Archivalien vermittelt werden, seit jeher einem steten Wandel, denn jede Generation hat ihre eigenen Fragen und Bedürfnisse. Aus diesem Grund sollten weder Geschichtsschreibung noch historische Vermittlung als statisch verstanden werden, vielmehr sind es Prozesse, die stets neu zu hinterfragen und auszuhandeln sind, um neu gewonnene Erkenntnisse zu berücksichtigen, tradierte Annahmen zu prüfen und Leerstellen anzusprechen, die frühere Forschungen übersahen oder bewusst ausblendeten. Daraus ergibt sich zwangsläufig die Frage, wie historische Vermittlung zukünftig aussehen kann, um diesen Voraussetzungen Rechnung zu tragen. Eine Möglichkeit, die hier anhand von drei Objekten der deutsch-jüdischen Geschichte erörtert wird, ist die objektbasierte, historische Erinnerungsarbeit. Gewählt wurden drei Objekte mit dezidiert weiblicher Perspektive aus den Sammlungen des Leo Baeck Institute - New York|Berlin: ein Ölbild Bertha Pappenheims, Schokoladentassen aus dem Hause Einstein sowie Margot, eine Puppe aus dem Besitz von Marianne Salinger.
Diese Dinge sind keine bloßen Illustrationen historischer Ereignisse. Anhand der Beschäftigung mit ihnen lassen sich Beziehungen, Praktiken und Entscheidungen darlegen. Sie verweisen auf familiäre Nähe, religiöse und soziale Selbstverständigung, auf weibliche Bildungs- und Fürsorgearbeit, auf Flucht, Verfolgung und Ermordung, aber auch auf Exil und ein Weiterleben „danach“, denn für viele Familien brach mit dem Kriegsende 1945 keine „Stunde Null“ an. Selbst wenn ihnen ein Neuanfang im Exil, in der gewählten Heimat oder nach einer Rückkehr in Deutschland gelang, blieben Verlust, Traumata und Diskriminierung in den nachfolgenden Jahrzehnten ihre ständigen Begleiter.
Auch die hier vorgestellten Geschichten bleiben fragmentarisch, zum einen, weil sie aus verstreuten Sammlungen, Nachlässen, Erinnerungen und Objektbiografien rekonstruiert werden, und zum anderen, weil diese Brüche auch die Leben ihrer Besitzerinnen prägten. Die drei Objekte haben nicht den Anspruch, eine kollektive deutsch-jüdische Geschichte zu erzählen, schließlich existiert kein derartiges Meisternarrativ. Stattdessen bieten sie vielschichtige Einblicke in deutsch-jüdische Geschichte als individuelle Geschichten und offenbaren ein polyphones Geflecht von Stimmen, Lebenswegen und Perspektiven.
Objektbiografien
In jedem Objekt vereinen sich verschiedenste Geschichten. Es gibt nicht nur Auskunft über seine Entstehungszeit, die Lebensgeschichte seiner Besitzerinnen und die soziale oder kulturelle Bedeutung, die es für sie hatte, sondern es verfügt durch seine Provenienz auch über eine ganz eigene Objektbiografie. Es wurde hergestellt, verschenkt, benutzt, vererbt, gerettet, manchmal beschädigt und repariert, bewahrt, mitunter ausgestellt oder nach konservatorischen Maßgaben archiviert. Die Vielzahl an möglichen Stationen verdeutlicht bereits die Vielschichtigkeit eines solchen Objekts, die sich in der pädagogischen Arbeit oder bei der historischen Vermittlung darstellen lässt, denn an fast jedem dieser Momente kreuzen sich individuelle Lebensläufe.
Eine objektbiografische Perspektive erlaubt es, Mikrogeschichte und Strukturgeschichte miteinander zu verbinden. Sie macht große Themen im Kleinsten sichtbar und ermöglicht dadurch, selbst komplexe Sujets wie Assimilation, Akkulturation, Emanzipation, Antisemitismus, Verfolgung oder Migration niedrigschwellig und gegenwartsnah anzusprechen, indem der Fokus auf einzelne, mitunter unscheinbare Objekte und Individuen gelegt wird und wie sich diese größeren Zusammenhänge in privaten Dingen niederschlagen. Zugleich fordert dieses Vorgehen dazu auf, nicht allein prominente Namen in den Mittelpunkt zu stellen. Die hier betrachteten Objekte unterscheiden sich in Material, Funktion und zeitlichem Horizont. Sie verweisen gleichermaßen auf berühmte und weitestgehend unbekannte Frauen, beleuchten deren Lebensgeschichten, ihr Wirken und ihre Netzwerke. Ihre Stimmen bilden keinen einheitlichen Chor, vielmehr ergänzen sie sich zu einer sowohl zeitlich als auch geografisch breiten und vielfältigen Überlieferung.
Die Kunstsammlungen des Leo Baeck Instituts beherbergen ein auf Leinwand gemaltes Ölbildnis von Bertha Pappenheim. In der Objektbiografie dieses relativ kleinen und in gedeckten Farben gehaltenen Gemäldes verbinden sich mehrere persönliche Schicksale mit Schlüsselmomenten der weiblichen Selbstbehauptung, der jüdischen Wohlfahrtspflege und der Zerstörung deutsch-jüdischer Lebenswelten. Pappenheim war nicht nur die als „Anna O.“ anonymisierte Patientin Josef Breuers, deren Fallgeschichte in der Rezeptionsgeschichte der Psychoanalyse eine prominente Rolle spielte. Entscheidend ist vielmehr ihr späteres Wirken als Sozialreformerin, Publizistin und Mitgründerin des Jüdischen Frauenbundes.
Nach ihrem Umzug nach Frankfurt am Main engagierte sich die geborene Wienerin in der jüdischen Wohlfahrtspflege. Sie sprach sich in Vorträgen energisch gegen den internationalen Mädchenhandel aus und forderte Fürsorge für die Betroffenen, wobei sie diese nicht als mildtätige Gabe verstand, sondern als Recht auf Schutz, Bildung, Ausbildung und gesellschaftliche Teilhabe:
Zitat
„Nach der landläufigen Auffassung nennen die Herren – die Damen in ihrer behaglichen Indolenz [Gleichgültigkeit] befassen sich mit so schmutzigen Dingen nicht – also die Herren in ihrer patentierten Logik sagen: ‚Die Mädchen sind schlecht, weil sie schlecht sind.‘ Nun, das ist einfach nicht wahr. […] [Die Mädchen] sind schlecht, weil die Gesellschaft sie schlecht werden ließ und ihnen, so lange sie schwankten […], nicht half, gut zu werden. Unter helfen verstehe ich natürlich keine Hilfe im Sinne von Wohltätigkeit, sondern ich verstehe darunter: Rat, Schutz, Förderung und das Zugeständnis aller rechtlichen und politischen Mittel, deren jeder Mensch, Mann und Frau, zur Aufrechterhaltung seiner physischen und sittlichen Existenz bedarf.“
Das 1907 von Bertha Pappenheim gegründete Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg, wo das Ölgemälde einst hing, wurde solch ein Safe Space. Es war Zufluchtsort, Erziehungsraum und Ausbildungsstätte für jüdische Mädchen, junge Frauen, Mütter und Kinder. Hier verdichteten sich zentrale Fragen der deutsch-jüdischen Frauenbewegung: Wie konnte jüdische Bildung unter modernen Bedingungen aussehen? Welche Verantwortung trug die Gemeinschaft gegenüber sozial gefährdeten Mädchen? Und wie ließ sich weibliche Selbstständigkeit innerhalb einer patriarchal geprägten Gesellschaft stärken? Pappenheims Arbeit zielte auf konkrete Praxis, nicht auf abstrakte Programmatik. Wie eng die Arbeit in Neu Isenburg bis zuletzt mit Pappenheims Person verknüpft war, schilderte ihre Weggefährtin Hannah Karminski: „[S]ie wussten, wie dieses Dasein uns in diesen letzten, so besonders schweren Jahren geholfen hat […], wir alle fühlten uns durch Fräulein P. beschützt. Mit unerschütterlicher Ruhe und Zuversicht, mit unbeirrbarer Strenge und Überlegenheit meisterte sie die Zeit, ihr Häuschen war Zuflucht.“
Sie begleitete Bertha Pappenheim und dokumentierte ihre letzten Lebenswochen, in denen sich erneut zeigte, dass ihr dabei das Wohl ihrer Schützlinge mehr am Herz lag als ihr eigenes. In der Annahme, eine Vorladung bei der Staatspolizei habe mit der zuvor erfolgten Vernehmung eines ihrer Zöglinge zu tun, nahm Pappenheim, bereits schwer krank und entgegen ausdrücklichem Rat ihres Arztes, die Strapazen auf sich und erschien am 16. April 1936 zur anderthalbstündigen Vernehmung. Erst im Verlauf des Verhörs wurde klar, dass sich die Denunziation nicht gegen ihren Schützling gerichtet hatte. Vielmehr hatte sie Pappenheim selbst gegolten. Nach der Vernehmung kehrte sie nach Neu-Isenburg zurück. Es war das letzte Mal, dass sie vor ihrem Tod das Bett verließ. Bertha Papenheim starb am 28. Mai 1936, umgeben von ihren Freundinnen, Wegbegleiterinnen und Schützlingen.
Hannah Karminskis Zeilen machten bereits deutlich, dass die Geschichte des Bildes nicht nur Bertha Pappenheims Geschichte umfasst. Karminski war selbst Pädagogin, Sozialarbeiterin und engagierte Vertreterin des Jüdischen Frauenbundes. Sie arbeitete in Berlin, Hamburg und Frankfurt als Kindergärtnerin und Sozialarbeiterin, wurde später Chefredakteurin der Zeitschrift des Jüdischen Frauenbundes und übernahm nach der Auflösung des Frauenbundes zentrale Aufgaben in der jüdischen Wohlfahrts- und Emigrationsarbeit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Obwohl sie bereits am 10. November 1938 erstmals inhaftiert wurde, verblieb sie in Deutschland und schlug Fluchtmöglichkeiten aus, stattdessen unterstützte sie andere bei der Ausreise und half maßgeblich bei der Organisation der Kindertransporte nach England, bei denen über 10.000 jüdische Kinder und Jugendliche gerettet wurden. Hannah Karminski wurde 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.
Neben Hannah Karminski führt das Bild direkt zu einer weiteren Wegbegleiterin Pappenheims: Helene Krämer, die als Pädagogin, Sozialarbeiterin und Chronistin die Erinnerung an das Wirken ihrer Mentorin bewahrte. Krämer war eine ehemalige Schülerin Pappenheims. Als Tochter im Geiste und gewünschte Nachfolgerin übernahm sie schon zu Pappenheims Lebzeiten vertretungsweise und danach dauerhaft die Heimleitung des Mädchenheims in Neu-Isenburg, dessen Zerstörung sie am 10. November 1938 miterleben musste:
Zitat
„Die Barbaren kamen mit Pechfackeln, drangen in das überfüllte Haus, schrien […]: ‚Juden heraus!‘ und keine fünf Minuten [später] war das Haus leer. Der Anführer der Horde, Ingenieur Schmidt, der im Heim die Lichtleitung legte, umringte mich, bis er die Heimkasse hatte, den armen Mädchen wurden ihre Päckchen abgenommen, mit Mühe und Not durfte ich den Schulkindern Mäntel holen. Wir standen alle, Säuglinge, die wir in Körben heraustrugen, Kleinkinder, Jugendliche und Angestellte, über eine Stunde in der kalten Winternacht im Garten bei dem grausigen Anblick des Brandes des Hauses und Knistern der alten Bäume, plötzlich erlag die elektrische Leitung, wir standen in finsterer Nacht, das Geschrei und Jammern der Kinder war so entsetzlich und herzzerreißend, dass sogar die Barbaren etwas Mitleid hatten und uns erlaubten, in ein Haus zu gehen und verlangten Geld für Kerzen. […] Das Heim brannte und glimmte noch den nächsten Tag.“
Die Schulkinder kamen in das Waisenhaus in Frankfurt, die anderen Kinder verblieben mit ihren Lehrerinnen und Betreuerinnen in Neu-Isenburg, wo das Nebengebäude notdürftig instand gesetzt wurde, um das abgebrannte Hauptgebäude zu ersetzen. Fortan bemühten sich die Mitarbeiterinnen nach Leibeskräften um die Rettung ihrer Schützlinge und ihre eigene Ausreise. Am 31. März 1942 löste die Gestapo das Kinderheim endgültig auf. Die noch verbliebenen Bewohnerinnen und Bewohner wurden nach Theresienstadt deportiert. Die meisten wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz, Ravensbrück und Majdanek ermordet.
Das Ölbild Pappenheims hingegen blieb erhalten. Helene Krämer hatte es an sich genommen. Im Jahr 1941 gelang ihr die Flucht, sie überlebte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten und wanderte über Kuba nach Amerika aus. Nach den von Herta Pineas unterzeichneten biografischen Angaben, die sich in der Helene Krämer Collection (AR 2046) im Archiv des Leo Baeck Instituts in New York befinden, vermachte Helene Krämer das Portrait ihrer Mentorin dem Institut kurz vor ihrem Tod im Jahr 1977. Zum Zeitpunkt der Schenkung war Helene Krämer 82 Jahre alt und wohnte im Pflegeheim „Daughters of Jacob“ in der New Yorker Bronx. Durch die mit ihm verbundenen Lebensgeschichten wurde das Portrait selbst zu einem Objekt der Erinnerung. Es ist ein Bild der Gründerin, gerettet von ihrer Nachfolgerin, bewahrt im Exil und schließlich einem Archiv übergeben.
Die Schokoladentasse von Maja Einstein
Angesichts der umfangreichen Literatur und zahlreichen Dokumentationen liegt die Vermutung nahe, dass bereits alles über Albert Einstein bekannt sein dürfte. Trotzdem sind diese zwei kleinen, überaus fragilen Schokoladentrinktassen eine Besonderheit. Die zierlichen Tassen, die vermutlich 1884/85 entstanden, gehören zur materiellen Kultur eines assimilierten jüdischen Bürgertums im München der 1880er-Jahre und verweisen auf die Übernahme gesellschaftlicher Traditionen, die jüdische Familien im 19. Jahrhundert mit der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft teilten.
Darüber hinaus sind sie ein Beleg für die frühe Zusammenarbeit sonst rivalisierender Unternehmen, denn trotz des Nymphenburg-Logos auf der Unterseite handelt es sich bei den Einsteintassen um Weißporzellan der Firma Hutschenreuther, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Nymphenburg mit einer speziellen Fotodrucktechnik versehen wurde. Jede Tasse ziert das Bild eines Kindes der Familie Einstein, die eine zeigt Maja, die andere ihren älteren Bruder Albert.
In der Überlieferung der Schokoladentassen verquicken sich so deutsche Wirtschaftsgeschichte mit Zeugnissen familiärer Intimität und des gesellschaftlichen Aufstiegs des deutschen Judentums zu einem ungewöhnlichen Blickwinkel auf den großen Denker und dessen Beziehung zu seiner Schwester Maja.
Maja Einstein erscheint in vielen Erzählungen vor allem als Schwester des berühmten Physikers. Doch ihr Lebensweg erzählt zusätzlich von weiblicher Bildung, akademischem Ehrgeiz und gesellschaftlichen Grenzen. Sie studierte Romanistik, promovierte 1909 an der Universität Bern und verfasste 1924 eine der ersten Biografien ihres Bruders. In dem 36-seitigen Manuskript bezieht sie sich nicht ausschließlich auf die wissenschaftlichen Errungenschaften von Albert Einstein. Sie beschreibt vor allem dessen Kindheit und Herkunftsmilieu sowie das Verhältnis der Geschwister zueinander. Dabei hatte die Beziehung der beiden nicht gerade euphorisch begonnen. Als dem „2½jährigen die Ankunft eines Schwesterleins angekündigt wurde, mit dem er spielen könne, dachte er an eine Art Spielzeug, denn beim Anblick dieses neuen Wesens fragte er ganz enttäuscht: Ja, aber wo hat es denn seine Rädchen?“
Nachdem Albert Einstein diese erste Enttäuschung überwunden hatte, besserte sich die Beziehung der Geschwister erheblich, auch wenn sich Maja durchaus an Ausnahmen erinnerte:
Zitat
„Der sonst so ruhige kleine Junge hatte indes von Grossvater Koch eine Neigung zu Jähzornsausbrüchen abbekommen. In solchen Momenten wurde er im Gesicht ganz gelb, die Nasenspitze aber schneeweiss u. er war nicht mehr Herr seiner selbst. Bei irgend einer solchen Gelegenheit ergriff er einmal einen Stuhl u. schlug damit nach der [Geigen-]Lehrerin, die darob solchen Schreck empfand, dass sie entsetzt fortlief u. sich nie mehr blicken liess. Seinem Schwesterchen warf er ein andermal eine grosse Kegelkugel an den Kopf u. ein drittes Mal diente eine Kinderhacke ihm dazu ihm ein Loch in den Kopf zu schlagen. Woraus ohne weiteres ersichtlich ist, dass auch ein gesunder Schädel dazu erforderlich ist die Schwester eines Denkers zu sein. Der Jähzorn verschwand schon während der ersten Schuljahre.“
Durch ihre autobiografisch gefärbten Ergänzungen sind Maja Einsteins Zeilen weit mehr als eine Quelle für Albert Einsteins frühe Lebensphase, sie sind Zeugnis einer Frau, deren eigenes intellektuelles Profil lange im Schatten des Bruders stand. Majas Erinnerungen an Alberts Kindheit brechen die Überhöhung des Genies auf. Sie lassen den späteren Nobelpreisträger als Kind innerhalb seiner Familie erscheinen und geben der Schwester eine erzählerische Autorität. Auch die Tassen tragen diese Ambivalenz in sich. Einerseits wurden sie durch Albert Einsteins Emigration und seine spätere Bedeutung zu Erinnerungsstücken eines weltberühmten Wissenschaftlers. Andererseits bewahren sie eine Geschwisterbeziehung, die von Nähe, Humor, Reibung und gegenseitiger Vertrautheit geprägt war. Die besondere Beziehung zu Maja, die zeitlebens seine engste Vertraute blieb, dürfte wohl auch mitverantwortlich für Albert Einsteins Entschluss gewesen sein, die Tassen vor fremdem Zugriff zu retten. Für seine Ausreise hätte der Nobelpreisträger die verschiedensten Dinge aus seinem Hausstand auswählen können. Dennoch entschied er sich, ausgerechnet das fragile Porzellan aus längst vergangenen Kindertagen in die USA mitzunehmen.
Die Tassen überdauerten als fragile Objekte den Bruch von Emigration, Enteignung und Neubeginn in Amerika. Als Maja ihrem Bruder in die Vereinigten Staaten folgte, ihn zu Vorträgen begleitete, gemeinsam mit ihm musizierte und fortan zusammen mit ihm, seiner Stieftochter Margot und seiner langjährigen Sekretärin Helen Dukas in Princeton wohnte, erhielten ihre Tassen eine neue innerfamiliäre Bedeutung: Sie standen nun nicht mehr für unbeschwerte Kindheit, sondern für ein unwiederbringlich verlorenes deutsch-jüdisches Zuhause. 1950 starb Maja Einstein im Hause ihres Bruders. Nachdem ihr das gemeinsame Musizieren gesundheitlich nicht länger möglich war, hatte Albert ihr bis zuletzt allabendlich vorgelesen.
Diese Puppe mit kurzen blonden Haaren, blauen beweglichen Glasaugen, rosigen Wangen und leicht offenem Mund ist einer der neueren Zugänge in unseren Archivsammlungen. Sie trägt ein weißes Kattunkleid mit Spitze und rosa Rüschen am Hals sowie weiße Spitzensöckchen und rote Schuhe und gehörte Marianne Salinger, die ihr als Kind den Namen Margot gab.
Marianne Salinger wurde 1923 in Berlin geboren und wuchs als Tochter von Walter und Trude Salinger (geb. Ginsburg) in der Wielandstraße 11 auf. Ihre Kindheit war geprägt von Dingen, die alltäglich wirken: Treffen mit Freunden, Schwimmen im Sommer, Einträge im Zeugnis, wenn sie den Unterricht störte.
Umso einschneidender erlebte sie den 9. November 1938, als sie als 14-jähriges Mädchen Zeugin der unfassbaren Zerstörung der Novemberpogrome wurde. Eine Erinnerung, die sie nie losließ. Trotz der Gefahr schlich sie sich am Morgen des 10. November in die noch schwelende Synagoge in der nahegelegenen Pestalozzistraße. Sie hob ein Stück der zerstörten Thorarolle auf und versteckte es sorgfältig in ihrem Gebetbuch. Als Marianne Salinger 1939 mit ihrer Mutter Trude und ihrem Bruder Fred Deutschland verlassen konnte, nahm sie Margot und das Stück der versengten Thorarolle mit. Beide Objekte wurden Teil ihrer Fluchtbiografie. Sie gehörten zu den wenigen Dingen, die das Mädchen eigenmächtig aus seinem früheren Leben retten konnte.
Die Objektbiografie der Puppe Margot erzählt aber nicht nur von Marianne. Auch hier ist die Überlieferung vielstimmig: Trude Salinger bemühte sich schon früh um die Ausreise, sie spürte entfernte Verwandte in New York auf und brachte sie dazu, Affidavits für die Kernfamilie auszustellen, eidesstattliche Bürgschaften, die den Einwanderungsbehörden zusicherten, dass weder Trude noch Marianne oder Ernst dem amerikanischen Staat zur Last fallen würden. Käthe Spiegel, eine Freundin der Mutter, nahm die Familie nach der Ankunft auf und nähte Margot ein neues Kleid, eben jenes Kleid, das sie bis heute trägt.
Diese für sich genommen alltäglich erscheinenden Handlungen wie das Recherchieren, Kontaktieren, Unterstützen, Aufnehmen, Nähen oder Bewahren gewinnen vor dem Hintergrund der historischen Ereignisse eine ganz eigene Tragweite. Sie waren existenziell für das Überleben und die Zukunft von Marianne Salinger. Die Puppe Margot trägt deshalb nicht allein die Spur ihrer Besitzerin, sondern auch die Spuren ihrer Unterstützerinnen, sie bezeugt Mut, Solidarität und Durchhaltewillen im Exil.
Denn nach ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten baute sich Marianne Salinger ein neues Leben auf. Sie studierte, arbeitete als Designerin, gestaltete Schaufenster und begann sich nach ihrem Renteneintritt in New York am Leo Baeck Institut zu engagieren. Zusammen mit anderen Volunteers im fortgeschrittenen Alter half sie bei der Erschließung der Archivalien und transkribierte zum Beispiel Briefe in Sütterlin.
Zitat
„Wir, die rausgekommen sind“, sagte sie einst in einem Interview, „haben die Pflicht, an die sechs Millionen zu erinnern. Ich kann sie nicht retten. Ich kann ihnen nichts zu essen geben. Ich kann sie nicht warmhalten. Aber ich kann erinnern.“
Was sie fortan auch tat. Zusammen mit zahlreichen anderen Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unter den Volunteers und anderen Wegbegleitenden des Instituts ließ sie sich 2018 interviewen, um das sogenannte Schicksalsjahr 1938 und die Novemberpogrome ins Gedächtnis zu rufen. Alle Beteiligten waren bereits hochbetagt, doch wollten sie die Erinnerung wachhalten an eine Zeit, die sich ihnen ins Gedächtnis gebrannt hatte und nicht vergessen werden darf. Marianne Salinger starb am 21. Januar 2025 mit 101 Jahren. Ihre eigene Lebensgeschichte wurde Teil jener institutionellen Archivarbeit, die sie jahrelang aktiv mitgestaltete.
Erinnern als geteilte Verantwortung
Ein Blick auf diese drei sehr unterschiedlichen Objekte verdeutlicht einerseits, dass historische Artefakte nicht selbsterklärend sind, sie können erst durch Hintergrundwissen zum „Sprechen“ gebracht werden. Andererseits offenbart er ihr Potenzial in der historischen Vermittlung und zeigt, dass deutsch-jüdische Geschichte nicht nur in großen politischen Zäsuren, sondern auch in kleinen, verletzlichen Dingen überliefert wird.
Das Ölbild, die Tassen und die Puppe sind materielle Knotenpunkte von Beziehungen: zwischen Lehrerinnen und Schülerinnen, Geschwistern, Müttern und Kindern, Freundinnen, Archiv und Sammlungen sowie späteren Betrachterinnen und Betrachtern. Sie machen sichtbar, wie viel (Erinnerungs-)Arbeit von Frauen getragen wurde, in der Fürsorge, im Festhalten des Erlebten, dem Retten von Objekten, dem gegenseitigen Unterstützen und der eigenen Zeitzeugenschaft.
Ihre Geschichten bleiben lückenhaft. Doch gerade diese Unvollständigkeit und das offene Bekenntnis zur Fragmentierung in der Überlieferung und der Biografie ist kein Mangel. Sie offenbaren deutsch-jüdische Erfahrungen als Abfolge von Übergängen und Brüchen und widersprechen damit einer linearen Fortschrittserzählung oder dem Wunsch nach einer idealisierten Beitragsgeschichte ebenso wie einer ausschließlich auf Verfolgung und Vernichtung reduzierten Darstellung des deutschsprachigen Judentums. Die Auseinandersetzung mit Objekten fördert und fordert einen Perspektivwechsel. Sie regt dazu an, Alltag und Katastrophe, Privatheit und Öffentlichkeit, weibliche Handlungsmacht und historische Gewalt nicht unabhängig voneinander zu betrachten, vielmehr sind sie in ihrem komplexen Zusammenspiel wahrzunehmen. Wer Objekten in Archiven, Museen oder Ausstellungen begegnet, trifft auf vergangene Leben, Erlebnisse und Erfahrungen, die dadurch in die eigene Gegenwart hineinwirken. Erst im Aufeinandertreffen mit den Betrachtenden und ihren mitgebrachten Fragen entfalten sie ihre Aktualität und stehen somit für eine Möglichkeit, wie Erinnerung künftig weitergegeben werden kann, wenn die Stimmen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verstummen.
Zitierweise: Miriam Bistrovic, "Objekte erzählen Geschichte(n) - Deutsch-jüdische Lebenswege zwischen Alltag, Erinnerung und Exil", www.bpb.de/580570, in: Deutschland Archiv vom 1.08.2026. (ali)
Dr. Miriam Bistrovic ist Historikerin und Kunstwissenschaftlerin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind: jüdisches Exil (insbesondere in Ostasien) und Diaspora, Erinnerungskulturen und Antisemitismus. Sie leitet seit deren Gründung die Berliner Repräsentanz des Leo Baeck Instituts - New York | Berlin und koordiniert dessen Aktivitäten in Deutschland, darunter auch den Podcast EXIL.