Am 15. September 2026 ist Martin Gutzeit im Alter von 74 Jahren gestorben, über fünf Jahrzente ein enger Freund und Weggefährte. In der Öffentlichkeit ist der gebürtige Cottbuser leider weitgehend unbekannt geblieben, obwohl er 1989/1990 einer der zentralen Akteure der Selbstdemokratisierung der DDR und im Prozess der deutschen Einheit war. Doch wer ihn kennengelernt hat, beziehungsweise sich eingehender mit dieser für die deutsche Geschichte so wichtigen Zeit beschäftigt, konnte und kann ihm seine Hochachtung nicht versagen. Sein scharfsinniges Denken mit weitem Horizont, seine aufrechte Haltung, sein Mut und seine Fähigkeit zu strategischem Handeln waren in den Kreisen der Opposition in der DDR hochgeschätzt.
Martin war im besten Sinne ein Radikaler – er war auf Tiefe aus, auf das Durchdringen der Wirklichkeit und die Entwicklung von Perspektiven, er wollte die Realität in ihren Wurzeln und Grundlagen verstehen und so Zukunft gewinnen.
Wir lernten uns 1974 beim Studium am Interner Link: Sprachenkonvikt kennen, einer vom sozialistischen SED-Staat unabhängigen Theologischen Hochschule in Berlin. Beide stammten wir aus evangelischen Pfarrhäusern. Wir hatten nicht das normale Abitur machen dürfen und hatten den Wehrdienst total verweigert, also auch den Dienst als Bausoldat. Wir liebten die Freiheit und suchten sie im Glauben und im Denken zu begründen. Wir begegneten uns in einem kleinen Kreis von Studierenden, die sich regelmäßig morgens um sieben Uhr mit Michael Milbradt trafen, der Philosophie lehrte. Wir lasen philosophische Texte, durchdachten und interpretierten sie Satz für Satz. Hegel und Marx, Plato, Aristoteles, Nikolaus von Kues und andere mehr. Diese Beschäftigung war uns nicht geistige Spielerei, sondern sie war ganz existenziell: Immer ging es um das Verstehen der eigenen Existenz im Ganzen, das Weiten des Horizonts und das Eröffnen von Freiheitsräumen.
Das Leben in der Diktatur war uns zuerst eine geistige Herausforderung, sich mit den Fragen von Staat, Macht, Gewalt, Einschüchterung und Überwachung zu beschäftigen und die Bedingungen von Freiheit und Recht, Verantwortung und Solidarität zu denken – und zu leben. Gleichzeitig wurden wir auch praktisch aktiv. In einer kleinen Gruppe vervielfältigten und verteilten wir Ende der 1970er-Jahre – damals noch ganz konspirativ – politische und literarische Texte, etwa solche des Philosophen Rudolf Bahro, des Schriftstellers und Psychologen Jürgen Fuchs oder des Dichters Reiner Kunze.
Nach dem Theologischen Examen nahmen wir uns eine Auszeit für das gemeinsame Studium philosophischer Texte, insbesondere interessierte uns Hegels Logik. Als mich meine eigene Kirche in Berlin-Brandenburg nicht in den kirchlichen Dienst aufnahm und die Mecklenburgische Kirche mir und meiner Familie Asyl gab, kamen Gudrun und Martin Gutzeit mit nach Mecklenburg, damit wir unsere Zusammenarbeit fortsetzen konnten. Die Gutzeits übernahmen 1982 das Pfarramt in Schwarz bei Mirow, ich war seit 1980 in Vipperow an der Müritz im Pfarramt tätig. Dort organisierten wir ab 1982 in jedem Sommer die „Mobilen Friedensseminare im Osten Mecklenburgs“. Hier trafen sich politisch Interessierte aus der ganzen DDR, aber auch aus der Bundesrepublik und den Niederlanden zum Austausch über aktuelle politische Fragen, die zur Vernetzung der in den 1980er-Jahren entstehenden oppositionellen Gruppen beitrugen.
Nach vier Jahren im Pfarramt bot der Theologe Richard Schröder, damals Dozent für Philosophie am Sprachenkonvikt, Martin Gutzeit 1986 eine Assistentenstelle an, so konnte er sich ganz der Beschäftigung mit Hegels Dialektik und Logik widmen. Die Familie Gutzeit zog nach Marwitz am nördlichen Rand Berlins, wo Gudrun Gutzeit die Pfarrstelle übernahm. Daneben setzte Martin seine politischen Aktivitäten sowohl in Mecklenburg als nun auch in Berlin fort.
Vorbilder aus Polen und der CSSR
Schon die tschechische Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“ und die Gründung der freien polnischen Gewerkschaft „Solidarnosc“ 1980 hatten uns aufgewühlt. Doch erst durch die Politik Michail Gorbatschows in der Sowjetunion begannen bei uns 1987 erste reale Hoffnungen zu sprießen, dass sich wirklich etwas an den betonierten Verhältnissen im Osten Europas ändern ließe. Martin und ich begannen darüber nachzudenken, nun auch außerhalb der Kirche eine eigene oppositionelle Struktur aufzubauen. Von zentraler Bedeutung war dann Gorbatschows Rede vor der UNO im Dezember 1988, die das Ende des Kalten Kriegs einleitete. Einseitige Abrüstung, eine Entideologisierung der Innen- und Außenpolitik, neues freies Denken und vor allem die Abkehr von der Breschnew-Doktrin waren Kernelemente.Interner Link: Gorbatschow betonte damals das Recht aller Völker auf freie Wahl ihres eigenen Weges und ihrer politischen Entwicklung. Das hob auch das Interventionsrecht der Sowjetunion im Ostblock auf.
Auf diese Weise ermutigt, beschlossen wir Anfang 1989, damals noch zu zweit, heimlich die Gründung einer ersten oppositionellen demokratische Partei vorzubereiten, nach unseren Vorstellungen eine sozialdemokratisch geprägte Partei in der DDR, wir nannten sie kurz SDP. Wenige Tage später begann in Polen der Runde Tisch aus Regierung und Opposition, mit vier großen Arbeitszielen: politische Reformen, die Veränderung von Wirtschafts- und Sozialpolitik und die Umsetzung von Gewerkschaftspluralismus.
Wir zielten auf eine grundlegende Infragestellung der Herrschaft der SED – wir wollten gewissermaßen die sozialdemokratische Hand aus dem SED-Parteiabzeichen ziehen, gleichzeitig machten wir so die Zielstellung einer parlamentarischen Demokratie deutlich. Mit diesem Bekenntnis zur repräsentativen Demokratie standen wir Anfang 1989 auch in der demokratischen Opposition noch ziemlich alleine da. Martin Gutzeit begann mit der Arbeit an dem Aufruf zur Gründung der Partei, den wir schließlich am 24. Juli 1989 fertigstellten und bei einem Seminar zum 200. Jahrestag der „Bürger- und Menschenrechte“ am 26. August 1989 in der Berliner Golgatha-Kirchengemeinde veröffentlichten, sie liegt direkt neben dem evangelischen Konvikt in der Borsigstraße 5 nahe der Torstraße in Berlin-Mitte. Dies war faktisch der Start in der Reihe der Gründungen demokratischer Initiativen und Netzwerke, die den revolutionären Herbst 1989 in der DDR einleiteten.
Martin Gutzeit wurde zu einer der zentralen Persönlichkeiten bei der Selbstdemokratisierung der DDR. Er vertrat die Sozialdemokratie in der Anfang Oktober gegründeten Kontaktgruppe der demokratischen Opposition, von der im November nach polnischem Vorbild die Initiative zum Runden Tisch der DDR ausging, und auch hier war er einer der wichtigen und strategisch agierenden Akteure. An diesem „Zentralen Runden Tisch“ wurde die freie Wahl in der DDR ausgehandelt, hier begann der Transformationsprozess hin zu demokratischen Strukturen. Martin hat sich dabei entschieden für die Auflösung die Staatssicherheit eingesetzt und daran mitgewirkt. In der ersten Sitzung der sozialdemokratischen Fraktion nach der ersten freien Wahl im März 1990 in der DDR initiierte er den Beschluss, dass alle gewählten Abgeordneten sich auf Mitarbeit bei der DDR-Geheimpolizei überprüfen lassen mussten.
Der Zugang zu den Akten der Staatssicherheit blieb für ihn ein zentrales Thema, als er zum Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Fraktion in der Volkskammer gewählt wurde. In dieser Funktion hatte Martin Gutzeit einen wesentlichen Anteil daran, aus der Volkskammer als kommunistischer Abnick-Körperschaft ein wirkliches Parlament zu machen.
Als Ziel "glaubwürdige Aufarbeitung"
Als am 9. November 1989 die Mauer fiel, wurde der Weg zur deutschen Einheit zur großen Herausforderung, für die Martin Gutzeit entschieden eintrat. Er setzte durch, dass die Schriftstellerin Helga Schubert als klare Befürworterin der Einheit Sprecherin des Runden Tisches wurde. Dem auch in den Kreisen der Opposition durchaus starken Wunsch, die Eigenstaatlichkeit der DDR zu erhalten – etwa im Aufruf „Für unser Land“ –, trat er entschieden entgegen und hielt dies für eine gefährliche Illusion. Auch im Nachhinein war er stolz darauf, was damals gelang: der Sieg der Freiheit, die Etablierung der Demokratie und die Verwirklichung der deutschen Einheit. Mit Recht nahm er selbstbewusst für sich in Anspruch, wesentlich dazu beigetragen zu haben. Unlängst meinte Helga Schubert bei einer Veranstaltung in Berlin zu mir: „Wenn Martin Gutzeit jetzt hier wäre, hätte er (zu den vielen Westdeutschen hier) gesagt: Ohne uns wärt Ihr gar nicht hier!“
Für Martin Gutzeit war die Aufarbeitung von belasteter Geschichte und die Übernahme von Schuld und Verantwortung immer eine zentrale Aufgabe glaubwürdiger Politik. Schon 1985, zum 40. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, traten wir in einem gemeinsamen Papier für eine glaubwürdige Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus ein, ein Thema, das in der kommunistisch geprägten DDR ideologisch verdrängt wurde. Die Erklärung der Volkskammer vom 12. April 1990, in der sich die demokratische DDR in die Schuld- und Verantwortungsgeschichte der Deutschen stellte, war Martin Gutzeit bleibend wichtig. Die Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen wurde in den folgenden Jahrzehnten zu seinem zentralen Thema, wozu er zahlreiche Zeitzeugen und Zeitzeuginnen interviewte. 1992-1998 war Martin Gutzeit Mitglied der beiden Enquete-Kommissionen des Deutschen Bundestages zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, ebenfalls ab 1992 wurde er für zweieinhalb Jahrzehnte zum Aufarbeitungsbeauftragten des Landes Berlin berufen – von allen Koalitionen immer wieder neu benannt und gewählt. Hier hat er sich bleibende Verdienste erworben.
Die öffentliche Rede war Martins Sache nicht. Umso mehr traten seine Stärken im persönlichen Dialog und in kleiner Runde im Gespräch hervor, sein scharfer Verstand, seine Zugewandtheit und Überzeugungskraft und nicht zuletzt sein Humor. Jeder, der mit ihm näher zu tun hatte, wird sich an sein Lachen, ja, sein Kichern erinnern. Dann blitzten seine Augen vor Freude. Immer galt: Auf sein Wort – und auf seine Hilfsbereitschaft – konnte man sich unumstößlich verlassen. Was Martin machte, machte er ganz und mit einer Konsequenz, die ich immer bewunderte. Das galt in allen Lebensbereichen, sogar beim Sport – wie selbstverständlich nahm er etwa an Marathonläufen teil. Aber Leichtfertigkeit war ihm fremd.
Ein politischer Mutmensch
Martin hat seiner Frau Gudrun und seiner Familie mit seinem Arbeitseifer manchmal einiges zugemutet – und konnte sich doch deren Unterstützung immer sicher sein. Anfangs konnte ich mir das kaum vorstellen, doch je älter er wurde, umso mehr wurde aus dem politischen Mutmenschen Martin ein Mitmensch und Familienmensch, der intensiv Anteil am Leben seiner Kinder und Enkel nahm. Gerade die letzten Jahre war er ganz getragen von der umfassenden Liebe und Zuwendung Gudruns.
Am 15. September 2026 ist er von uns gegangen. Mit ihm verlieren wir einen vorbildlichen Strategen von Demokratie und Freiheit, der diese nicht nur dachte, sondern sie selbst in der Diktatur lebte und bei anderen dafür warb, ebenfalls konstruktiv Widerspruchsgeist zu üben. Er hat viel dazu beigetragen, dass „wir aus dem Osten“ heute in Freiheit und Demokratie im Zentrum Europas leben können. Solange er gesundheitlich konnte, trat er dafür ein, diese Werte auch in der Gegenwart mit aller Klarheit zu verteidigen, so ernüchternd viele Prozesse heute auch sind.
Eine öffentliche Trauerfeier für Martin Gutzeit ist für Dienstag, den 27. Oktober 2026 um 14.00 Uhr in der Auferstehungskirche in 10249 Berlin, Friedenstraße 83 geplant.
Zitierweise: Markus Meckel über Martin Gutzeit, „Eine der zentralen Persönlichkeiten bei der Selbstdemokratisierung der DDR“, in: Deutschland Archiv, 30.09.2026, Link: www.bpb.de/591997. Dieser DA-Beitrag wird zeitgleich von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur veröffentlicht. Alle veröffentlichten Texte im Deutschland Archiv der bpb sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaiksteine zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
Ergänzend:
Martin Gutzeit (†), Interner Link: Gorbatschows vergessene, erste Friedliche Revolution, Zum Tod von Michail Gorbatschow, Deutschland Archiv vom 2.9.2022.
Markus Meckel, Interner Link: Eine Keimzelle des politischen Engagements. , Das Sprachenkonvikt der Evangelischen Kirche in Ostberlin als prägender Ort geistiger Freiheit, Deutschland Archiv vom 25.10.2025.
Friedrich Schorlemmer (†), Interner Link: Statt eines Nachrufs: "Welches Deutschland wollen wir?". Deutschland Archiv vom 10.9.2024.
Gerold Hildebrand und Siegbert Schefke, Interner Link: Tod einer Schlüsselfigur. Zwei Nachrufe auf Carlo Jordan. Deutschland Archiv vom 15.12.2023.
Markus Meckel, Interner Link: 2 plus 4: "Ihr könnt mitmachen, aber nichts ändern“, Deutschland Archiv vom 16.10.2020.