Die Mutter geht 1967 nach Stuttgart, wo bereits ihre eigene Mutter lebt. Nach einem Unfall mit einem Hund, der den Jungen schwer verletzt, holt ihn die Mutter mit elf Jahren zu sich nach Deutschland. Anfangs wohnen die beiden in einem Dachgeschoß ohne fließendes Wasser und mit einer Außentoilette.
Erst später können sie in eine Zweizimmerwohnung mit Bad nach Stuttgart Degerloch umziehen. Er konnte zwar schon einige Worte Deutsch durch die Ferienaufenthalte bei seiner Mutter, aber jetzt muss er für die Schule die Sprache schnell und besser lernen. Seine Mutter arbeitet in der Gastronomie und so ist Milan tagsüber oft allein und lernt mit Fernsehprogrammen Deutsch. „So ist es dann gekommen, dass ich Deutsch gedacht und geträumt habe“, sagt heute 68-Jährige. Beide leben zurückgezogen, wie die meisten jugoslawischen Gastarbeiterfamilien. Man geht fleißig der Arbeit nach und überweist Monat für Monat Geld an Vater und Verwandte nach Hause. Neben den Einnahmen aus dem Tourismus waren die Gastarbeiterüberweisungen die größten Deviseneinnahmequellen Jugoslawiens. Milan ist blauäugig und blond und die Voraussetzungen um sich schnell zu assimilieren waren da. Doch die Mutter spricht stets davon, wieder in ihre Heimatstadt zurückzukehren, sobald sie eine kleine deutsche Rente angespart habe. Der Umzug aus dem beschaulichen Stuttgart ins damalige West-Berlin ist für Milan eine Art Kulturschock.
Aber er lebt sich schnell ein, macht das Abitur, studiert und promoviert. Auch nach seine Heirat behält er seine jugoslawische Staatsbürgerschaft. Nur so bleibt er im serbischen Teilstaat erbberechtigt für das Familienhaus. Dementsprechend muss er seinen Wehrdienst in Jugoslawien absolvieren, was sich aus heutiger Sicht paradox anhört. Am Beispiel seiner Mutter erlebt Milan alle Phasen einer langen Migrationsgeschichte mit. Als sie 1988 nach Subotica mit ihrer kleinen Rente zurückkehrt ist das Land ein anders. Lebten früher hier Serben, Kroaten, Slowenen und Ungarn friedlich miteinander, so sind sie jetzt in nationalistische Gruppen separiert. Nach dem Sezessionskrieg zerfällt Jugoslawien. Mutter und Sohn sind danach serbische Staatsangehörige. Milan sagt, „wir Migranten können in unseren Träumen uns immer eine Ersatzheimat vorstellen“. Der Traum seiner Mutter vom schönen, heimatlichen Leben löst sich auf. Sie bereut kurz vor ihrem Tod, ihre Entscheidung für eine Rückkehr. Gastarbeiterkind Milan bestattet seine Mutter in Berlin. „Wenn ich daran denke“, sagt Milan, „dann hätte ich mir gewünscht, es hätte diese Migration von unserer Familie nicht gegeben.“