Unter dem Titel „Leerstände / Der Übertritt“ erschien 2014 in der Wiener Edition fabrik.transit ein kleiner, 156 Schwarzweiß-Fotos umfassender Bildband. Mit jeweils einer Aufnahme pro Seite konzentriert er sich auf Ansichten von leerstehenden Häusern. Auch im stark geschädigten Zustand sind die harmonischen Proportionen und handwerklich sorgfältig ausgeführten Details zu erkennen, was ihnen noch immer einen gewissen Charme verleiht. Nur das Inhaltsverzeichnis und eine knappe Notiz am Ende des Buches verweisen auf die Herkunftsorte und darauf, dass die Fotos Teil einer Dokumentation über den Zerfall der historischen Altstädte in der DDR sind. Diese entstand zwischen 1984 und 1991 und umfasst etwa 3000 Schwarzweiß-Negative.
Im besagten Zeitraum bereisten die Autorinnen, Lenore Lobeck aus Schwarzenberg (Erzgebirge) und Juliane Adler, damals Erfurt später Berlin, insgesamt 22 Städte
Die Geschichte zweier Fotoausstellungen zu einem in der offiziellen Öffentlichkeit tabuisierten Thema erzählt vom Versuch und von Möglichkeiten, im eigenen Auftrag solche Informationsdefizite auszugleichen und ihnen entgegenzuwirken. Auch unter dem Gebot, dass nicht zum Mitglied im „Verband Bildender Künstler der DDR“ Erkorene nur in Ausnahmefällen ausstellen durften, ließen sich Räume (er)finden und schaffen, Kommunikationen entwickeln, Netzwerke knüpfen und nicht zuletzt ausstellungstechnische Engpässe überwinden.
Eine Sensibilisierung für diese Problematik entwickelten wir bereits in den späten 1960er Jahren angesichts zahlreicher Abrisse im Erfurter Altstadtbereich und später verstärkt bei Besuchen in Gotha, wo die gesamte westliche Altstadt leerstand und um 1980/81 einer innerstädtischen Plattenbausiedlung weichen musste. Ebenso war in Zwickau der seit 1968 existierende Plan zum Umbau zur „sozialistischen Großstadt“ von Flächenabrissen in der historischen Altstadt begleitet. Besonders schmerzlich berührte uns der seit Ende der 1970er Jahre zu beobachtende fortschreitende Verfall der Halberstädter Unterstadt. Dieser betraf ausgerechnet jenen Teil, der nach dem letzten schweren Bombenangriff der 8. US-Luftflotte am 8. April 1945 in seiner geschlossenen Bebauung weitgehend erhalten geblieben war, während etwa 80 Prozent der Stadt mit ihrem wertvollen Bestand an niedersächsischen Fachwerkhäusern vollständig zerstört wurden.
Erinnerungen an Halberstadt
Bei einem Aufenthalt in Halberstadt im Spätherbst 1983 packte uns das blanke Entsetzen. Wir kehrten zurück mit dem Gefühl, dass von der Unterstadt schon bald nichts mehr übrig sein werde, und beschlossen, die Häuser vor ihrem völligen Verschwinden wenigstens im Foto festzuhalten. Im Januar 1984 reisten wir über ein Wochenende wieder nach Halberstadt, erhielten ein sicheres, warmes Quartier – und sogar eine Flasche Messwein – bei den Diakonissen im Cäcilienstift. Wir fotografierten so viel, wie an drei dunklen Wintertagen möglich war. Die Tagebucheinträge zeugen von deprimierenden Zuständen: „[…] Wir kommen von einem zerfallenen Straßenzug in den anderen, bereits eingestürzte Häuser, Häuser, denen der Einsturz kurz bevorsteht, bröckelnde Fassaden, eingeschlagene Scheiben, Dächer mit Löchern, durch die das Regenwasser unaufhörlich ins Haus tropft, […] jeder Weg, jede Gasse – Zerfallenes, Zerfallenes, […] verlassene Läden, Geisterstadt. […] Wir gehen in unbewohnte Häuser, […] ein verlassenes Bett, durchs Fenster hängt Stacheldraht, zerstörte Feuerstellen und Öfen, die einst behagliche Wärme spendeten, […] ein Kalender, Schulhefte, Reste von Gardinen, […] Zeichen von einstigem Leben. […] Zimmer voller Schutt und Abfall […]. Der Geruch von feuchtem Putz ist unser ständiger Begleiter.“
Die während der ersten Fotoreise belichteten fünf Kleinbildfilme entwickelten und vergrößerten wir in der eigenen Dunkelkammer. Das Ergebnis betrachtend waren wir uns einig, dass die Aufnahmen keinesfalls in der Schublade verschwinden dürfen. Weil sich eine öffentliche Präsentation in der DDR ausschloss, konzipierten wir eine transportable Ausstellung, die mühelos an verschiedene Orte zu tragen war, um sie zumindest einem kleinen, vertrauenswürdigen Publikum zeigen zu können.
Aber auch die praktische Umsetzung dieser Idee stellte sich als kompliziert heraus. Karton als Untergrund für die Fotos war im Handel nicht zu erwerben. Nachdem wir verschiedene Papierfabriken angeschrieben hatten, erhielten wir schließlich graubraune Pappen in der Größe von 100 x 70 cm. Die mattschwarzen Papiere, die wir darauf aufzogen, gab uns die HO-Werbeabteilung
Kontrollierte Halböffentlichkeit
In der DDR boten die Kirchen Raum für eine über private Freundeskreise hinausgehende Halböffentlichkeit.
Die Architektin Birgit Reinhardt aus Dresden vermittelte uns in den Jahren 1985 und 1986 Kontakte zu Kirchgemeinden. Wir präsentierten die Ausstellung im Rahmen von Gesprächsabenden, die wir mit einer eigens dafür zusammengestellten Textauswahl an Prosa und Lyrik einleiteten. Die Resonanzen waren recht unterschiedlich, denn auch in Kirchenräumen zeigte sich das Publikum keineswegs homogen. In den Gemeinden Loschwitz und Strehlen trafen wir auf aufgeschlossene Besucher mit fundiertem Wissen über Ursachen des Städteverfalls. Resignation und Aufmunterung lagen bei diesen offenen Gesprächen dicht beieinander. Am Weißen Hirsch
Im Sommer 1986 hatte Johann-Peter Hinz
Die seltene Gelegenheit, die Ausstellung außerhalb der Institution Kirche zu zeigen, bot sich im Filmklub Jena
Erstaunlicherweise berichtete die Wochenendbeilage „Treffpunkt“ der Thüringischen Landeszeitung vom 1. November 1986 über das Filmwochenende und beschrieb unsere Ausstellung als „heiß diskutiert“. Völlig unabhängig von allen offiziellen Einrichtungen zeigten wir die Ausstellung im August 1985 im eigens dafür umgestalteten Korridor in der Wohnung von Juliane Adler in Erfurt und erreichten auch hier eine über den Bekanntenkreis hinausgehende Halböffentlichkeit. Solch autonome Eigenwilligkeit alarmierte das MfS und seine Bezirksverwaltung Erfurt leitete eine Operative Personenkontrolle (OPK) „Korridor“ ein.
Kehrseiten – eine Stadtwanderung durch das alte Meißen
Parallel zu den Präsentationen ergaben sich Verbindungen zu anderen Personen mit ähnlichen Interessen. So beteiligten wir uns mit Fotos über das Waldsterben im Erzgebirge an einer in Kirchen gezeigten Wanderausstellung des Ökologischen Arbeitskreises der Dresdner Kirchenbezirke. Über diesen Arbeitskreis wiederum kam es zu einer Zusammenarbeit mit Einzelkämpfern, die sich um den Erhalt der Oberlausitzer Umgebindehäuser mühten.
Gemeinsam mit Frank Delitz sowie Irmgard und Jürgen Cieslak fertigten wir eine Wanderausstellung, die mit Texten und Fotos um Verständnis für diesen besonderen Haustyp warb. Der folgenreichste Kontakt entwickelte sich ab 1986 zu Meißen. Nach einem Gesprächsabend in Dresden lieh sich Ilse Nierade im Namen des damaligen Superintendenten des Kirchenkreises Meißen, Eduard Berger, die Halberstadt-Ausstellung. Wir vertrauten ihr die Tafeln an, sie fuhr damit in ihrem Trabant davon und schon wenig später erbat Pfarrer Berger eine Foto-Dokumentation über Meißen, das sich in ähnlich deprimierendem Zustand wie Halberstadt befand. Den Vorschlag nahmen wir gern an.
Im September 1988 schlossen wir die Fotoarbeiten ab und konzipierten für die Meißner Frauenkirche die Ausstellung „Kehrseiten – eine Stadtwanderung durch das alte Meißen“. Das Vorhaben hatte eine völlig andere Dimension und war schon ausstellungstechnisch um ein Wesentliches aufwendiger. Die 17 Pressspanplatten transportierten wir auf einer „Gummikarre“ durch den Prenzlauer Berg, schleppten sie in den fünften Stock ins Atelier einer Freundin, um sie dort mit deren Tischkreissäge auf die gewünschten Maße von 100 x 120 cm zu bringen, trugen sie wieder hinunter und karrten sie zu Juliane Adlers Wohnung, zu der es noch einmal in den vierten Stock hinaufging. Leerstand wurde hier für uns zum Glücksfall. Die Nachbarsfamilie war in die langersehnte Neubauwohnung nach Marzahn gezogen und hatte uns die Schlüssel der alten Wohnung überlassen.
Kurz vor der am 28. April 1989 geplanten Eröffnung der Ausstellung in der Meißner Frauenkirche erreichte uns der beunruhigende Brief von Pfarrer Berger vom 21. April: „Es sieht schlecht aus für unsere Ausstellung. Am 14. 4. haben der Bürgermeister, ein Mitarbeiter des Stadtbauamtes und die Referentin für Kirchenfragen die Ausstellung besehen. Vom Rat des Kreises wurden sofort massive Einwände erhoben.“ Die Vertreter der Stadt haben dem anfangs widersprochen und sogar Pläne und Entwürfe aus dem Bauamt mitbringen wollen. Kurz darauf habe der Bürgermeister mitgeteilt, dass die Ausstellung „zu negativ sei und nicht bejaht werde. […] Vertreter des Kirchenvorstandes haben ebenfalls deutliche Bedenken gegen die Ausstellung […]. Mir scheint, daß Staat, Stadt und Kirchenvorstand im Grunde keine Hoffnung für die Erhaltung […] der Altstadt haben und deshalb kritische Hinweise und Impulse als nicht hilfreich, sondern ärgerlich und deprimierend empfinden. Nach einem harten Gespräch beim Rat des Kreises muß ich annehmen, daß man versuchen wird, die Ausstellung im Öffentlichkeitsbereich der Kirche zu unterbinden.“
Trotz dieser Misslichkeiten schaffte es Pfarrer Berger, die Ausstellung vom 28. April bis zum 31. Mai 1989 der Öffentlichkeit zu präsentieren. Details jener Auseinandersetzungen blieben uns verborgen, derartige Belastungen hielt Pfarrer Berger von uns fern. Nur einen Brief vom 8. Mai 1989 gab er uns zur Kenntnis, in dem er sich beim Bürgermeister über die Äußerungen eines Mitarbeiters des Stadtbauamtes beschwerte, der behauptet hatte, „daß mit dieser Ausstellung zum Mittel der Lüge gegriffen wurde, […] daß angeblich zehn Jahre alte Bilder gezeigt würden, […] der Rat der Stadt und das Stadtbauamt sich gemein behandelt und von der Ausstellung in beleidigender Weise ins Unrecht gesetzt fühlen.“
Diese Äußerung zeigt das grundsätzliche Phänomen, dass alltäglich erlebte Missstände in dem Moment der Manifestation bei den Verantwortlichen Ängste hervorrufen. Andererseits rüttelte die Reflexion des tatsächlichen Zustandes über das Medium Fotografie auch diejenigen auf, die zwar um die Situation wussten und diese beklagten, sie aber bereits lethargisch als gewohnt hinnahmen. So konstatierte unter anderem ein Eintrag im zweibändigen Gästebuch: „Jedem, der sich schon an den schlechten Zustand gewöhnt hat, wird wohl spätestens diese Ausstellung die Augen geöffnet haben. Ich hoffe, diese Fotoschau hat eine Signalwirkung“. Fast alle Gästebucheinträge waren von Wohlwollen oder Dankbarkeit, aber auch von Hilf- und Hoffnungslosigkeit geprägt. Es wurde mit freimütig geäußerten Angriffen auf das System nicht gespart und die „Stadtväter“ wurden als die für die städtebauliche Misere Verantwortlichen benannt. Mitunter klang im Gästebuch der von staatlicher als auch von kirchlicher Seite immer wieder vorgebrachte Vorwurf „Meckern allein reicht nicht!“ an.
Dem nahm eine im Februar 1988 abgeschlossene Studentenarbeit der Sektion Städtebau der Technischen Universität (TU) Dresden, die während der Ausstellung ausgelegen hatte, den Wind aus den Segeln. Die Arbeit stellte eine städtebauliche Leitplanung vor, die sämtliche Aspekte, wie Bestandsanalyse, Demografie, Soziologie, Denkmalpflege, Verkehrserschließung, Ökologie bis hin zur konkreten Quartierplanung mit Detailvorschlägen, berücksichtigte und direkt umsetzbar gewesen wäre. Diese planerische Konzeption lag seit 1988 auch dem Stadtbauamt Meißen vor. Auf Nachfrage wurde uns dort aber weder Zutritt, geschweige denn Einsicht in die Unterlagen gewährt. Eine direkte Anfrage bei der TU Dresden war hingegen erfolgreich. Die Hochschullehrer Dr. H. Schwarzbach und Dr. H. Fischer zeigten sich unserem Anliegen gegenüber sehr offen und stellten uns die Pläne freimütig zur Verfügung. Fischer saß zur Eröffnung der Ausstellung in der voll besetzten Frauenkirche sogar auf dem Podium. Obwohl sich Pfarrer Berger wiederholt um einen Dialog bemüht hatte, waren Vertreter der Stadt weder zur Eröffnung noch zu den wöchentlich durchgeführten Gesprächen in der jeweils vollbesetzten Kirche gekommen. Diese Gespräche trugen bereits einen über den Kirchenraum hinausgehenden Öffentlichkeitscharakter, wovon auch die unglaubliche Zahl von 30 000 bis 40 000 Besuchern und die Gründung einer Bürgerinitiative zeugen – Vorboten des Herbstes 1989.
„Zu düster. Zu negativ.“
Inzwischen hatten wir weitere 20 Altstädte
Auch die Reaktionen der Bewohner änderten sich. Ermunterten sie uns – einer kleinen Verschwörung gleich – anfangs noch bei Gesprächen, standen sie uns nach dem Ende der DDR skeptisch gegenüber. Mit Sätzen wie „Fotografiert doch bei Euch im Westen!“ machten sie ihrem Unmut Luft.
Die Frage, die uns im Nachhinein hin und wieder gestellt wurde, ob das alles nicht gefährlich war, lässt sich so einfach nicht beantworten. Schließlich unterstand das Projekt ganz unserer eigenen Entscheidung, wobei Risiken zwar nicht auszuschließen waren, aber auch Potenziale frei wurden, um auszuloten, wie weit wir gehen konnten. Altstädte waren keine Bahn-, Industrie- oder Grenzlagen, Fotografieren also nicht verboten. Obwohl es im Rückblick schon verwundert, wie ungeniert wir tagelang als Ortsfremde im grauen und gar nicht mal unauffälligen selbstgenähten Gewand zum Beispiel in Meißens Altstadt mit der damals ja noch nicht an jeder Ecke und in jeder Hand üblichen Kamera umherschweiften, ohne dass uns große Aufmerksamkeit zuteilwurde. Außer vielleicht von einigen Kindern, die lautstark feststellten: „Da sind ja wieder die zwei Mumien.“ Auf der Straße von offizieller Seite kontrolliert wurden wir nie.
Auch in den Akten des MfS waren die Gewichtungen andere. Unser beider Stasi-Akten ließen eine Suche des MfS nach Querverbindungen oder Erkundung eines Netzwerkes nicht erkennen. Nach Beendigung unserer Arbeit 1991 glaubten wir, es sei nun leichter, die Fotos auszustellen oder zu veröffentlichen. Das war ein Irrtum. Sie galten natürlich nicht mehr als staatsfeindlich, aber weiterhin als „zu düster“ oder „zu negativ“, beziehungsweise fehle ihnen „der Unterhaltungswert“. Die Negative ruhten 25 Jahre im Archiv von Lenore Lobeck. Erst im Jahr 2014 erschien das eingangs erwähnte Buch „Leerstände / Der Übertritt“ als Dokumentation über den Zerfall der historischen Altstädte in der DDR.
Lenore Lobeck Fotografin, Schwarzenberg (Erzgebirge)
Juliane Adler Editorin, Wien