Alle fünf. Oder nur fünf.
Über die „DDR-Box“ und andere Wege, Schüler-Neugier auf die DDR zu wecken
Nadja KlierIngo Hasselbach
/ 15 Minuten zu lesen
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Zwei Zeitzeugen, viele Klassenzimmer und die Frage, wer heute noch etwas über die DDR wissen will. Über pädagogische Erfahrungen und Wege, Desinteresse an deutsch-deutscher Geschichte zu knacken.
Manchmal laufen sie uns bis zum Auto hinterher. Das Zeitzeugengespräch ist längst vorbei, die restliche Klasse eigentlich schon woanders, und trotzdem stehen da noch Jugendliche auf dem Parkplatz und haben Fragen. Einer will ein Autogramm auf den Geschichtshefter. Eine andere hat Ingos Buch dabei, das sie vorher gelesen hat, mit Eselsohren und aus dem Antiquariat, denn es ist von 1994. Und einer will noch wissen, ob ich nun, nach 35 Jahren, rausgefunden hätte, wer mich damals bespitzelt hat, wie es das eben gezeigte Dokument der Staatssicherheit auf dem Smartboard erzählt.
Und manchmal sitzen neunzig Minuten lang Jugendliche vor uns, starren Löcher in die Luft oder auf den Boden, während wir erzählen. Sie rollen ihre Jacken zu einem Kissen und machen einen Power-Nap oder halten die Köpfe gesenkt – dann liegt vermutlich ein Handy auf dem Sitz zwischen den Oberschenkeln, darauf zu sehen eine stumme Endlosschleife an Tiktoks. In einer Kölner Berufsschule schlug mal jemand sein eigenes Buch auf und las darin. Vielleicht okay, wenn es nicht gerade in der ersten Reihe direkt vorm Lehrertisch geschehen wäre, an dem wir saßen. Die Begründung war schlicht: Die von uns angebotene Thematik interessiere ihn einfach nicht.
Beide Situationen sind fester Bestandteil unserer Arbeit. Seit Jahren fahren wir als Zeitzeuge und Zeitzeugin an Schulen in zahlreiche Bundesländer in West und Ost und erzählen, wie es war, in der DDR jung zu sein. Und auf manchen Rückreisen im Auto fragen wir uns dann: Wer will das heute eigentlich noch wissen?
Orte ohne Menschen
Wenn wir nach Baden-Württemberg fahren, waren fast alle Schülerinnen und Schüler schon einmal in Berlin. Meistens in Form einer Klassenfahrt mit historischem Pflichtprogramm: Die Gedenkstätte Hohenschönhausen oder die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße sind fast immer dabei. Sie haben die Zellen gesehen, den letzten Wachturm, den Fetzen Grenzstreifen, der nur erkennbar ist, weil er eingezäunt ist. Sie kennen die Orte. Aber sie kennen niemanden, der dort gut gelebt oder gelitten und einfach nur Angst gehabt hat. An dieser Stelle kommen wir ins Spiel.
Wir erzählen von unserer Jugend in der DDR, und zwar aus der Sicht der Jugendlichen, die wir damals waren. Nicht von oben herab, als Erwachsene, die längst wissen, wie die Geschichte ausgeht. Wir sprechen über Dinge, die nicht funktioniert haben, die wehgetan haben, und über Einsamkeit und Verluste, und vielleicht werden die Gespräche deshalb oft emotional. Wenn ich über die abrupte Trennung von meiner besten Freundin innerhalb einer Nacht erzähle, fließen manchmal Tränen, bei einigen Jugendlichen und zumindest bei mir. Wir halten das nicht für einen Unfall. Es zeigt uns, dass etwas angekommen ist.
Schule mit Mitte 50
Ich bin seit 2019 mit meinem Buch „1988 – Wilde Jugend“ als Zeitzeugin an Schulen unterwegs. Es erzählt von Überwachung und Staatssicherheit, von einer oppositionellen Familie und von dem Trauma der Entwurzelung: über Nacht aus dem eigenen Land ausgebürgert zu werden. Ingo hat schon lange vor mir, direkt nach seinem Ausstieg aus der rechtsextremen Szene, Bildungsarbeit gemacht und in den 2000er Jahren dann eine lange Pause davon. Seit 2021 fahren wir gemeinsam durch die Republik, meist im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung und überwiegend in die alten Bundesländer. Inzwischen schickt uns auch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur mit einem neuen Zeitzeugenprogramm an Schulen und zu Podiumsgesprächen, deren Thematik die geteilte Geschichte und die gemeinsame Gegenwart und auch die Transformationszeit ist.
Über solche Programme sind wir froh, denn jeder einzelne Kontakt mit Jugendlichen zählt. Ich gehe sehr gern an Schulen und verbringe durch meine verschiedenen Projekte regelmäßig Zeit mit Jugendlichen. Ich habe auch das Gefühl, trotz des Altersunterschieds von fast 40 Jahren „klicken“ wir recht schnell miteinander. Ingo geht auch gern an Schulen, wirkt allerdings schon allein wegen seiner Größe von 2 Metern nicht so leicht „klickbar“. Der erste Satz, der noch vor allem anderen von uns kommt – „Ihr könnt uns gern duzen, wir sind keine Lehrkräfte, und wir vergeben auch keine Zensuren für Eure Mitarbeit“ – bringt den meisten in der Klasse sofort ein Lächeln ins Gesicht.
Fast jeder Schulbesuch beginnt mit unserem Film. „Wir woll'n Euch mal wat fragen!“ heißt er, ist dreißig Minuten lang und erzählt unsere beiden Jugendgeschichten, ineinander geschnitten. Die Schauplätze sind zwei Haftanstalten, in denen Ingo inhaftiert war, und das Büro von Erich Mielke, dem Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Ingo erzählt von seiner Liebe zum Prenzlauer Berg, vom Lichtenberger Schulklassenbuch, wo die Berufe der Eltern nicht drinstanden, weil fast alle beim Ministerium des Innern (MdI) oder beim MfS arbeiteten. Er spricht vom ersten Eintrag mit 13 Jahren in seiner Akte als ein „potentieller Störer der sozialistischen Gemeinschaft“ und von seinem gescheiterten Fluchtversuch sowie der darauffolgenden Verurteilung zu 2 Jahren und 8 Monaten nach Paragraf 213 StGB der DDR, der die „Republikflucht“ unter Strafe stellte. Er erzählt vom Hass auf den DDR-Staat, von Wut und sehr vielen einsamen Momenten als junger Erwachsener in den verschiedenen Haftanstalten. Zur besonderen Schikane wurde er fast monatlich verlegt. Auch vom Ergebnis dieser Jahre – der Hinwendung zum Rechtsextremismus – spricht er sowie von der Erkenntnis, dass dies nicht der richtige Weg war. Und er spricht vom Weg raus aus der Szene.
Die Verhaftung Stephan Krawczyks 1988 in Ostberlin - und die Reaktion Wolf Biermanns
Meine Familie war – anders als Ingos sozialistische Familie – oppositionell. Meine Mutter, die Regisseurin Freya Klier, und ihr Ehemann, der Musiker Stephan Krawczyk, hatten wegen ihrer systemkritischen Theaterstücke und Liedtexte mehrere Jahre Berufsverbot und traten trotzdem auf. In Kirchen, in Gemeindesälen und in Privatwohnungen, die groß genug und deren Besitzer mutig genug waren, sie spielen zu lassen. Sie wurden deshalb jahrelang von der Staatssicherheit überwacht, 1988 inhaftiert und kurz darauf aus der DDR ausgebürgert, obwohl sie nie daran dachten, zu gehen.
Ich war damals gerade 15 Jahre alt und musste mit. Ich erzähle vom Lebensalltag einer Jugendlichen unter Stasidruck, von dem Verlust der eigenen Heimat und der besten Freundin. Ich spreche über den Neubeginn im anderen Deutschland – dem freieren, wie ich schnell feststellte. Die Trauer über verlorene Freundschaften blieb bis zum Mauerfall 1989, denn die gesamte Familie hatte Einreise- und Transitverbot.
Die Fragen im Externer Link: Film stellen uns keine Journalisten, sondern Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren. Sie fragen direkt, manchmal unbequem, und teilweise auch ganz einfache Sachen, und genauso wollten wir es haben. Ehrlich und authentisch und für die Zuschauenden relevant. Der Film entstand 2020 mit Fördermitteln der Bundesstiftung Aufarbeitung, und für uns war das der Anfang von allem. Durch Zufall wurde ich 31 Jahre zuvor schon einmal interviewt, in folgendemInterner Link: ZDF-Beitrag über Kinder und Jugendliche zwischen Ost und West aus der damaligen Sendereihe Kennzeichen D (ab Minute 8'11).
Zu jedem Satz ein Bild
Ich bin Fotografin – ich denke visuell. Wir zeigen also nicht nur den Film. Wir haben bei jeder Veranstaltung zwei Präsentationen voller Originalakten der Staatssicherheit, Hafturteile, Durchsuchungsbefehle und Fotos dabei. Zu fast jedem Satz, den Ingo erzählt, kann ich ein Dokument an die Wand werfen, und umgekehrt kann Ingo das bei mir. Die Akten stammen aus dem Externer Link: Stasi-Unterlagen-Archiv. Die Fotos verdanken wir zu großen Teilen den großartigen Archiven der Bundesstiftung Aufarbeitung. Ohne sie wäre vieles, was wir erzählen, nur eine Behauptung. Mit ihnen wird es etwas, das man sehen und prüfen kann. Und das funktioniert. Denn zu den Orten und Zeiten gibt es plötzlich Menschen und Dokumente, die das belegen, was diese Menschen emotional da vorn erzählen.
Der Film endet mit Ingo, und wenn das Licht angeht, sitzt Ingo plötzlich leibhaftig vor dem Publikum. Allerdings schaut er sich den Film nie an, weil er sich selbst nicht sehen mag. Er saß in der DDR im Gefängnis, geriet dort in die Neonazi-Szene und wurde nach dem Mauerfall einer ihrer führenden Köpfe. Er stieg öffentlich aus, tauchte unter und wurde gesucht. Von den Rechten und von der Antifa, die seinem Ausstieg nicht geglaubt hat. Er ging ins Ausland. Nach Amerika. In das Land, das nach 22 Jahren DDR und drei Jahren Neonazi-Leben eine echte Freiheit bot. Wo er sich selbst wiederfinden konnte. Seine Geschichte ist die härtere von beiden, und das spüren die Jugendlichen. Es ist ein respektvolles Staunen im Raum. Manchmal kommen ganz einfache Fragen: Wie sah deine Gefängniszelle aus? Und manchmal eine, mit der niemand rechnet: Hast du deine Mama vermisst? Ingo erzählt die Details nur, wenn wirklich gefragt wird, wenn er wirklich gemeint ist.
Oft wird es dann sehr konkret und führt zurück ins Heute und in das eigene Leben der Jugendlichen. „Was kann ich tun, wenn jemand in meinem Freundeskreis nach rechts abdriftet?“ Ingos Antwort ist immer ähnlich: reden, Argumente bringen, offenbleiben und sich trotzdem gegen Gewalt und Hatespeech abgrenzen. Das hilft am meisten. Wenn er sagt, dass es gerade auf dem Land an demokratischen Freizeitangeboten fehlt, an Räumen und an Ideen, dann nicken viele. Sie kennen das aus ihrer eigenen Umgebung. Wo sonst nichts los ist, organisieren rechtsextreme Gruppen Konzerte, Sonnenwendfeiern und Treffen, und wer dort hingeht, fühlt sich aufgehoben.
Der räumliche Abstand zur ehemaligen DDR, zur Bundesrepublik Deutschland, zu den Zeiten in den zahlreichen Haftanstalten, aber auch zu ehemaligen Freunden und Weggefährten der rechtsextremen Szene war für Ingo notwendig, seine Vergangenheit aufzuarbeiten, darüber zu schreiben und loszulassen. Neben seiner eigenen Biografie hat er sich dort auch journalistisch mit Gefängnis und Todesstrafe in den USA beschäftigt.
Ingo Hasselbach (Bildmitte im Hintergrund) im Sommer 1990 mit weiteren Jugendlichen aus der Berliner Neonaziszene bei einem Interview im Mauerstreifen für das damalige ZDF-Magazin "Kennzeichen D"
Nadja
Manche Schulen machen viel für die geschichtliche Aufarbeitung der DDR, andere nichts. Ich fahre seit mehreren Jahren auf die Insel Rügen an ein Gymnasium, dort gibt es jedes Jahr im Spätherbst ein zweitägiges „Event“ zur DDR. Man muss das Wort benutzen, weil dort wirklich viel geboten und vom Lehrerkollegium organisiert wird. Vom „Fahnenappell“ bis zu einer „Staatsbürgerkunde-Unterrichtsstunde“ und dazu jede Menge Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur DDR-Geschichte, die in Kleinstgruppen ihre Erfahrungen mit den Jugendlichen teilen. Es ist eine Mischung aus Ostalgie und scharfem Blick auf das, was nicht funktioniert hat, menschlich und gesellschaftlich, in jenem Staat von 1949 bis 1989, und das ist für mich voll OK.
Als ich das erste Mal da war, dachte ich: „Wie soll ich zwei Tage lang 10 bis 12 Schüler:innen unterhalten – allein mit meiner Geschichte?“ Ich erzählte am ersten Tag wirklich alles über mich, las viel aus meinem Buch. Hab mich nackig gemacht. Natürlich gab es wieder Tränen, auf beiden Seiten. Ich gab den Teenies eine Hausaufgabe. Fragt Eure Eltern, ob sie Menschen wie meine Eltern kannten und was sie darüber dachten.
Am nächsten Morgen hatte ich zwei Mädchen, die sich die halbe Nacht mit ihren Eltern und Großeltern gestritten hatten, weil diese nicht wahrhaben wollten, dass ihre schöne DDR auch Menschen eingesperrt hat, die nicht gewalttätig waren, aber deren Worte gewaltig waren. Dass auf Rügen viele Männer in der NVA waren, und zwar in einem Offiziersrang, dass dort kein Westfernsehen empfangen werden konnte und es praktisch eine „Heile-Welt-Bubble“ gab, die manche Familien bis heute noch aufrechterhalten.
Und nun sind die Jugendlichen in dem Alter, in dem die Prägung durch Elternhaus und Schule durchlässiger wird, wo neue Eindrücke die eigene Haltung und Persönlichkeit formen, festigen und neue Erfahrungen auch neue Perspektiven auf Leben und Gesellschaft eröffnen. Der zweite Tag gehörte bei uns dem Thema Standhaftigkeit, Menschenrechte und Demokratie. Am Ende war ich so stolz auf meine Gruppe, weil wir vom Geschichtlichen zum Menschlichen gewechselt sind. Beendet wurde das jährliche Event mit einem Konzert des Berliner Liedermachers Interner Link: Stephan Krawczyk in der Schul-Aula, der alte Lieder aus DDR-Zeiten und auch neue sang. Tränen rollten über meine Wangen und ich spürte, dass ich wohl noch sehr viele dieser „Events“ benötigen würde, bis ich mit echtem Abstand darüber erzählen könnte. Aber wäre das dann noch authentisch?
Sobald wir anfangen zu erzählen, wird es still. Es spielt keine Rolle, ob Ingo spricht oder ich, obwohl wir sehr unterschiedlich erzählen. Ich erzähle in großen Schleifen, wie ein Insekt, das noch die Blüten vom Baum dahinten und diese Blume hier vorn bestäuben möchte. Ich sehe mich als Bindeglied zwischen den Geschichtslehrkräften und meiner Geschichte. Ich versuche, möglichst viel Allgemeinwissen einzubauen, um die Situation im Land DDR zu verdeutlichen. Ingo erzählt wie ein Auto, das klar auf einer geraden Straße fährt, ohne Umwege. Den Speed bestimmt die Aufmerksamkeit der Jugendlichen. Nach zwei Stunden sieht man es in den Gesichtern: Diese Jugendlichen waren gerade in einer anderen Welt, in unserer Welt, und es hat sie gepackt.
Am besten gelingt das in kleinen Gruppen. Ich kann meine Geschichte vor fünf Menschen genauso erzählen wie vor fünfhundert. Kommt vielleicht daher, dass ich schon mit 10 Jahren auf der Theaterbühne in Schwedt/Oder vor 800 Leuten eine Kinderrolle hatte und somit keine Angst vor Menschenmengen. Ingo fällt es umso schwerer, je größer das Publikum wird. Aber auch für die Zuhörenden macht es einen Unterschied. In einer kleinen Runde kann sich jeder melden, es gibt genug Raum für Fragen. In einer Aula mit zweihundert Leuten lehnen sich viele zurück und lassen die anderen reden. Es gibt immer jemanden, der wirklich etwas wissen will. In der kleinen Runde sind es alle fünf. In der großen Aula sind es oft auch nur fünf. Mit der DDR hat das wenig zu tun. Bei jedem anderen Thema wäre es genauso.
Die Jugendlichen, die uns bis zum Auto begleiten, haben sich meist vorbereitet. Sie haben gelesen, wer kommt, manche haben Ingos Buch „Die Abrechnung“ schon durch oder meinen Band "Wilde Jugend". Interesse fällt selten vom Himmel. Klassen, die vorher wissen, wer kommt und worum es geht, fragen mehr und hören länger zu.
Und dann gibt es Stuttgart. Genauer: eine Schule im Großraum Stuttgart, an der kurz zuvor bei der U18-Wahl 24 Prozent der Jugendlichen die AfD gewählt hatten. Ob das mit dem zu tun hatte, was dann geschah, wissen wir nicht. Wir wissen nur, was geschah: nichts. Neunzig Minuten lang. Die Jugendlichen saßen reglos vor uns wie Wachsfiguren. Der Teppichboden der Schulbücherei, auf den gestarrt wurde, war interessanter als alles, was wir sagten oder zeigten. In den 60 Minuten nach dem Film kamen vier Fragen, maximal. Ein einziger Junge meldete sich und stellte sie. Und wir wussten, dass an derselben Schule noch ein zweiter Durchgang auf uns wartete. Wir stellten unsere Erzählung um. Es wurde ein wenig frischer. Ein wenig. Aber es bleibt bis heute unser enttäuschendster Tag in über 100 Veranstaltungen.
Der Osten
In den neuen Bundesländern sind wir bisher viel zu selten. Wir vermuten, dass dahinter die Annahme steht, Jugendliche wüssten dort ohnehin, was die DDR war. Ihre Eltern und Großeltern haben dort gelebt, und wer in Leipzig oder Rostock aufwächst, lebt auf ehemaligem DDR-Boden. Das ist etwas anderes als eine Kindheit in Stuttgart oder Köln. Vielleicht stehen dort auch andere Bildungsthemen im Vordergrund, etwa die Prävention gegen Rechtsextremismus oder wirtschaftliche Entwicklung.
Auch was wir erzählen, ist Erinnerung, subjektiv und lückenhaft wie die von anderen Menschen aus der DDR. Der Unterschied liegt woanders. Die eigenen Großeltern fragt man selten, ob sie in der Partei waren oder ob sie jemanden verraten haben oder ob wirklich alles so entspannt war, wie häufig gesagt wird. Uns fragen die Jugendlichen alles. Und was am Küchentisch häufig fehlt, ist die Erfahrung derer, die überwacht, eingesperrt oder ausgebürgert wurden. Bei uns sitzen zwei sehr verschiedene Leben nebeneinander, und die Jugendlichen merken schnell, dass es diese eine DDR nicht gab. Vermutlich gab es mehr als 16 Millionen verschiedene. Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat, und ausgerechnet in ihren Gefängnissen wurde Ingo zum Neonazi. Anspruch und Wirklichkeit lassen sich bei der Geschichtsaufarbeitung nicht trennen. Gerade deshalb glauben wir, dass Begegnungen wie unsere im Osten genauso gebraucht werden, vielleicht sogar dringender.
Wie wenig selbstverständlich das alles ist, zeigte sich Anfang 2026 in Berlin. Ein Entwurf der Bildungsverwaltung hätte die DDR-Geschichte in der Oberstufe beinahe zur Disposition gestellt. Erst nach einem offenen Brief des Geschichtslehrerverbands und der Bundesstiftung Aufarbeitung blieb sie Teil des Pflichtkanons. Ausgerechnet in Berlin.
Die "DDR BOX"
Aus unserem Film entstand noch eine größere Idee: die DDR BOX. Es war Frühsommer 2020, mitten im ersten Lockdown, und niemand wusste, wie lange Schulbesuche unmöglich bleiben würden. „Dann müssen die Zeitzeugen eben digital zu den Jugendlichen“, das war unser Ansatz. Unsere Idee entsprach ziemlich genau den Förderschwerpunkten von „Jugend erinnert“ (einem Förderprogramm des/der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM) und der Bundesstiftung Aufarbeitung), und so gründeten wir einen gemeinnützigen Verein und starteten ein digitales, allen Menschen frei zugängliches Bildungsprojekt mit Zeitzeugen der DDR-Geschichte.
Als ich 2020 das Wort „DDR BOX“ zum ersten Mal googelte, stand ganz oben in der Trefferliste ein Angebot auf Amazon: Eine Kiste mit DDR-Goodies für Ostalgie-Besessene. Eierbecher, Schlagersüßtafel und weitere DDR-typische Utensilien. Mein Gedanke dazu war: „Mal sehen, wie viele Jahre wir brauchen, um mit unserer DDR BOX dieses Paket vom Thron zu stoßen.“ Der Name ist wörtlich gemeint. Ein befreundeter Filmtischler baute uns eine Box zum Auf- und Abbauen, mit einem echten Fenster, durch das man in den Osten schaut. Aufgebaut wurde sie bei unserem Kooperationspartner, dem Stasi-Unterlagen-Archiv, mit Blick auf die Hochhäuser in Berlin-Lichtenberg. Ingo, der beim Film im Szenenbild arbeitet, richtete sie ein: Ein Original-Centrum-Warenhaus-Teppich, Lampe und Vorhänge vom Flohmarkt und von Freunden. Die Tapete fanden wir ausgerechnet in der Oderberger Straße, in der ich aufgewachsen bin.
In diesem winzigen DDR-Wohnzimmer erzählen nun Menschen von ihrer Jugend, offen und mit allen hellen und dunklen Seiten. Gefilmt und befragt werden sie von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Von zwanzig Angefragten sagten fünfzehn zu.
Mit jedem Jahr stellen wir weitere Förderanträge bei verschiedenen Institutionen zur Herstellung von multimedialem, DDR-bezogenem Content. Es gibt bereits 20 von Jugendlichen moderierte Erklärvideos über Mode, Migration, Umwelt, Sport, Drogen, die Mauer, die Deutsch-Sowjetische Freundschaft und vieles andere mehr. Alle sind visualisiert mit Originalaufnahmen aus dem DDR-Fernsehen; die DDR hat ihren Staat nicht nur gut überwacht, sondern auch hervorragend in Bild und Ton festgehalten. Ein interaktiver Test fragt: Was wäre aus mir geworden? Er zeigt, wie Berufswege in der DDR staatlich gelenkt wurden. Alle Inhalte sind frei zugänglich und als unterstützendes Material für Lehrkräfte und Jugendliche gedacht, wenn in der Schule die DDR und die deutsch-deutsche Teilung behandelt wird.
Dafür ist die Externer Link: DDR BOX im Jahr 2024 für den Grimme Online Award in der Kategorie „Wissen und Bildung“ nominiert gewesen. Aktuell entsteht unser bisher größtes Jugendprojekt, der Podcast „Erzähl doch mal!“, mit Fördermitteln der Bundeszentrale für politische Bildung. Jugendliche aus den neuen Bundesländern interviewen ältere Menschen, die in der DDR gelebt haben, über ihre Erfahrungen in diesem Staat. Aus rund 80 bis 100 Interviews schneiden wir sechs bis acht Folgen mit den Themenschwerpunkten Beruf & Karriere, Familie & Versorgung, Staat & Gesellschaft und Wende & Transformation.
Dass Jugendliche an den Projekten teilhaben, mitmachen, mitbestimmen und aus der Kommunikation mit anderen Menschen lernen, ist das, worauf es ankommt und was uns wichtig ist. Die DDR BOX stellen wir am Ende einer jeden Veranstaltung vor, egal ob vormittags in der Schule oder abends bei einem Vortrag für den Verband der Volkshochschulen – manchmal benutzen wir sie auch mittendrin. Wenn wir merken, dass das geschichtliche Wissen für einen Vorgang noch nicht vorhanden ist, schauen wir zusammen ein Erklärvideo oder eine der 33 Fragen, die unsere Zeitzeuginnen und Zeitzeugen beantwortet haben.
Sein, wie man ist
Am Ende jeder Stunde landen wir in der Gegenwart. Erinnern ist wichtig, aber es ist nicht das Ziel. Wir fragen die Jugendlichen, was ihnen die Demokratie wert ist, in der sie heute leben. Die Antwort ist oft verblüffend einfach: dass man sein kann, wie man ist. Anders als wir damals. Und dass das ein gutes Gefühl ist. Für diesen Satz fahren wir quer durch die Republik. Von Rügen bis nach Stuttgart.
Zitierweise: Nadja Klier mit Ingo Klier, „Alle fünf. Oder nur fünf. Über die „DDR-Box“ und andere Wege, Schüler-Neugier auf die DDR zu wecken", in: Deutschland Archiv vom 17.10.2026. Link: www.bpb.de/582523. Alle im Deutschlandarchiv veröffentlichten Beiträge sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Verfasserinnen und Verfasser, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)
ZDF-Film mit Nadja Klier (ab Minute 8'11) Interner Link: Ost-West-Kindheiten nach ihrer Übersiedlung als Jugendliche von Ost-nach West-Berlin, gedreht im Juni 1989.
ZDF-Film über Freya Klier und Stephan Krawczyk vom 18.1.1988, nach deren Verhaftung. Mit den Studiogästen Wolf Biermann, Stefan Heym, Günter Gaus und Roland Jahn: Interner Link: "Ein neuer Biermann in der DDR?", bpb-Mediathek.
Nadja Klier, geboren 1973 in Dresden, ist Fotografin, Autorin, Filmemacherin und Konzeptentwicklerin für historisch-politische Bildung. Als Tochter der Regisseurin und Bürgerrechtlerin Freya Klier wuchs sie im Ost-Berliner Prenzlauer Berg auf und wurde 1988 mit ihrer Familie aus der DDR ausgebürgert. Seit 2001 arbeitet sie als Porträt- und Filmfotografin. Sie veröffentlichte Bücher wie den autobiografischen Roman „1988 – Wilde Jugend” (2019) und produzierte Dokumentarfilme für den rbb und die Bundesstiftung Aufarbeitung. Sie konzipierte und leitet die Bildungsplattform DDR BOX, die 2024 für den Grimme Online Award nominiert war, und entwickelt Bildungskonzepte zur DDR-Geschichte für Schulen und Bildungsträger. Mit Jugendlichen entstehen dabei Erklärvideos, Zeitzeugeninterviews und der Podcast „Erzähl doch mal!”. Seit 2019 ist sie als Zeitzeugin an Schulen unterwegs, unter anderem für die Konrad-Adenauer-Stiftung und die Bundesstiftung Aufarbeitung. Weitere Externer Link: Projekte.
Ingo Hasselbach, geboren 1967 in Ost-Berlin, ist einer der bekanntesten Aussteiger aus der rechtsextremen Szene in Deutschland. Als Punk geriet er früh in Konflikt mit dem DDR-Staat. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch saß er in mehreren DDR-Haftanstalten, wo er unter den Einfluss der beiden verurteilten NS-Kriegsverbrecher Heinz Barth (Massaker von Oradur) und Henry Schmidt (verantwortlich für die Deportation aller Dresdner Juden) geriet. Nach 1989 gehörte er zu den führenden Köpfen der Neonazi-Szene in Ostdeutschland. Im Dezember 1992 stieg er aus, nach dem Pogrom von Interner Link: Rostock-Lichtenhagen. 1993 erschien sein Buch „Die Abrechnung. Ein Neonazi steigt aus”. Im Jahr 2000 gründete er mit Bernd Wagner die Aussteigerorganisation EXIT-Deutschland mit. Seit 2000 arbeitet er im Szenenbild für Film und Fernsehen.