Im Oktober 1989 erreichten die Unmutsbekundungen der Bevölkerung in der DDR eine neue Dimension. Die Menschen versuchten nicht mehr nur das Land zu verlassen, sie gingen mit ihrer Meinung auch auf die heimischen Straßen.
Dies war für mich der Anlass, diese schicksalhaften Ereignisse in einem fotografischen Tagebuch festzuhalten. In dieser Zeit der gesellschaftlichen Umwälzung, in der manchmal sogar stündlich Wichtiges passierte, wollte ich mit möglichst einem Bild an jedem Tag die Aktivitäten oder das Erstarren in meinem Land dokumentieren.
Montagsdemonstrationen, Grenzöffnung und deutsche Einheit – Eckdaten der damaligen Zeit. Aber auch dazwischen passierte so vieles, was vorher in der sozialistischen DDR niemals denkbar war: eine Menschenkette auf der F 96 wurde quer durchs Land gezogen, ein Konzert für die Stalin-Opfer im Berliner Schauspielhaus gegeben, Künstler des VBK bemalten die Mauer, ein sozialistischer Streikaufruf in Hellersdorf.
Der sicherlich wichtigste Tag war der 9. November 1989. Um 15 Uhr gab Bärbel Bohley in ihrem Atelier die lang ersehnte Genehmigung des „Neuen Forums“ bekannt; um 19 Uhr war die Pressekonferenz zum Verlauf der ZK-Tagung der SED im Internationalen Pressezentrum, die mit einem nicht erwarteten Zettel-Zitat endete. Die beiden Motive sollten für mich den Gegensatz der damaligen Zustände bildlich machen. Nach der Pressekonferenz wollte ich die Ausreise von DDR-Bürgern an den Grenzkontrollstellen fotografieren. Dies wurde mir untersagt, aber gegen 22.45 Uhr öffnete sich die Grenze an der Bornholmer Straße.
Und nun gab es kein Halten mehr: In Berlin demonstrierten die Schüler, Tage später die Behinderten und dann die Polizisten und Feuerwehrleute. In Dresden gingen die Künstler auf die Straße, in der Nähe von Stendal protestierten die Umweltschützer gegen den Kernkraftwerkbau, in Leipzig wurde der Einheitsruf laut und dann unfassbar: die Stasizentrale in der Berliner Ruschestraße konnte besichtigt werden.
"Eine neue Ordnung kam in allen Bereichen"
Die große Umgestaltung begann mit den ersten freien Wahlen, erste Betriebe mußten schließen, Orden wurden auf Andenkenmärkten verkauft - die DDR wurde Geschichte. Eine neue Ordnung kam in allen Bereichen, hier mit neugierigen Besuchern, Goldgräbern, Künstlern, dort mit Konsumverführungen, Schmugglern oder neuen Geschäftsideen. Am 31.8.90 wurde der Einigungsvertrag unterzeichnet und kein ganzes Jahr später ist am 3. Oktober die Einheit vollzogen.
Mit dem Projekt möchte ich mich zum einen an die Generation der Nachgeborenen wenden, die diese Phase deutscher Geschichte aus eigenem Erleben nicht kennt und jetzt ihre Eltern oder Großeltern nach persönlichen Eindrücken befragt. Zum anderen an die Zeitgenossen des Geschehens, um das Bewusstsein darüber wachzuhalten und, um vor allem an das Selbstvertrauen und die Basisdemokratie des Volkes und seiner grundsätzlichen Werte zu erinnern.
Das fotografische Tagebuch ist insofern ein Besonderes, weil der relativ weit gespannte Rahmen von einem Autor in persönlicher Bildsprache erarbeitet wurde und nicht zusammengestellt von verschiedensten Fotografen wiedergegeben wird. Meine 60 ausgewählten Motive können nur beispielhaft einen Teil des vielfältigen Alltags in diesem Zeitraum zeigen.
Andreas Kämper
Zu überInterner Link: 20 weiteren Fotozeitreisen durch die deutsch-deutsche Geschichte, zusammengestellt vom Archiv der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Redaktion Deutschlandarchiv der bpb 2026/27. (hk)