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Das Ende der Stasi 1989/1990

Holger Kulick

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Am 4. Dezember 1989 gelang in Erfurt die erste Besetzung einer Stasi-Zentrale, alle anderen folgten. Im letzten Schritt wurde am 15. Januar 1990 das Stasi-Hauptquartier in Berlin stillgelegt. Diese friedliche Entmachtung der DDR-Geheimpolizei war einer der Schlüssel zum Sieg "über die Angst" auf dem Weg zur Demokratisierung im Osten – und ein beispielloser Bürgerrechtserfolg weltweit. Ein Überblick.

Heute erinnert im Hof der einstigen Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg eine Dauerausstellung der Havemann-Gesellschaft an den Verlauf der Friedlichen Revolution und die Entmachtung der DDR-Geheimpolizei Stasi 1989/90. Im Hintergund ist der ehemalige Amtssitz von Stasi-Chef Mielke zu sehen, darin befindet sich heute das "Stasi-Museum". Das Gelände selbst ist seit 1990 offen zugänglich, dort befinden sich mittlerweile Arztpraxen, ein Arbeitsamt und seit 2021 als Abteilung des Bundesarchivs das Stasi-Unterlagen-Archiv. Zahlreiche ehemalige MfS-Büros stehen jedoch nach wie vor ungenutzt leer. (© bpb / Holger Kulick)

Die DDR-Geheimpolizei "Staatssicherheit" war, so wie Mauer und innerdeutsche Grenze, ein Machtinstrument der allein herrschenden Sozialistischen Einheits Partei (SED) in der DDR. War es ab 1961 die Funktion der Mauer und ihrer bewaffneten Bewacher, DDR-Bürger und Bürgerinnen vor einer Flucht in den Westen abzuschrecken, war es seit 1950 Funktion des "Ministeriums für Staatssicherheit" als sogenanntes "Schild und Schwert der Partei", Menschen einzuschüchtern um sich nicht "feindlich-negativ" (Stasi-Jargon), also oppositionell zu betätigen. Willkürliche "Zuführungen" und Vernehmungen, die unsichtbare und sichtbare Observation und die psychologische "Zersetzung" Einzelner oder von Gruppen waren dabei eingesetzte Mittel. Unter den Interner Link: Spätfolgen leiden Betroffene noch heute.

Stasi in 5 Minuten

Offiziell arbeiteten zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs der DDR etwa 85.000 bis 91.000 Menschen hauptamtlich für das MfS (im Volksmund Stasi), verteilt auf über 26 Abteilungen und Hauptabteilungen, dazu kam eine eigene Hochschule in Potsdam, eine geheime Werkstatt für Spitzeltechnik – der "Operativ Technische Sektor" OTS und als paramilitärischer Verband das Wachregiment "Feliks Dzierzynski" mit 11.000 Soldaten. Für jeden MfS-Bediensteten gab es spezifische Aufgabenzuschnitte, bis bin zur Zuständigkeit für die "Zurückdrängung von Übersiedlungsgesuchen" aus der DDR.

Außerdem halfen zuletzt bis zu 189.000 "inoffizielle Mitarbeiter" (IM) dem MfS sowie weitere Informanten der Staatssicherheit aus SED, Volkspolizei, Betriebskadern und anderen Bereichen. Die IM stellten der Stasi Briefkästen oder Wohnungen konspirativ zur Verfügung oder bespitzelten ihre Mitmenschen, Arbeitskollegen, Freunde, Mitschüler und sogar nahe Verwandte. Für einige wurden gezielt Laufbahnperspektiven entwickelt, um beispielsweise kirchliche Strukturen zu durchdringen. Ihre mündlichen und schriftlichen Berichte übermittelten die IM konspirativ an Stasi-"Führungsoffiziere", mitunter erhielten sie dafür Prämien, Honorare oder andere Vergünstigungen. Neben solchen IM standen der Stasi auch andere "Kontaktpersonen" und "Quellen" zur Verfügung, die aber nicht immer wussten, dass sie vom MfS "abgeschöpft" wurden.

Bald vergessene Geschichte einzelner Mutbürger und Mutbürgerinnen? Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley am 15. Januar 1990 bei der Besetzung der Zentrale der verhassten DDR-Geheimpolizei Stasi in der Ostberliner Rusche- und Normannenstraße. Das Gelände in Berlin-Lichtenberg gilt als möglicher Standort eines künftigen Bildungsforums "Opposition und Widerstand". (© Holger Kulick)

Wer wurde vom MfS beobachtet? Das konnte jeden treffen, der es wagte, der offiziellen Parteilinie zu widersprechen oder der wegen Kontakten in den Westen unter Spionageverdacht geriet. Opfer der Stasi konnten aber auch Jugendliche werden, nur weil sie westliche Musik hörten, Passanten, die unbeabsichtigt einer Kaserne zu nahe kamen, Menschen, die achtlos in der Öffentlichkeit politische Witze erzählten oder Personen, die Kontakte zu Ausreisewilligen hatten oder sich in der vom SED-Staat verhassten Kirche engagierten und in den Bereichen Kunst und Kultur den Normen der Partei widersetzten. Mitunter wurden sogar Ehepartner aufeinander angesetzt, denen die Treue zu ihrem Führungsoffizier wichtiger war, als zur eigenen Familie. Auch in Schulen wurde versucht, ab der 9. Klasse jeweils einen IM pro Klasse zu gewinnen, in Kasernen einen Spitzel pro Stube.

In den 50er und 60er Jahren war das MfS auch an Entführungen beteiligt und an der "Liquidierung" von Oppositionellen, später auch an der Vertuschung von Todesfällen an der Berliner Mauer und an der Hinrichtung von Dissidenten aus den eigenen Reihen. "Mehr als die Hälfte der Macht der Staatssicherheit", so definierte es der in der DDR verbotene Liedermacher Interner Link: Wolf Biermann, "bestand aus der Angst der Menschen vor dieser 'Firma'."

Auflösung im Zuge der Friedlichen Revolution

Im Zuge der Friedlichen Revolution im Herbst 1989 verloren Bürger und Bürgerinnen aus der DDR mehr und mehr ihre Furcht vor der Staatssicherheit, insbesondere nach den Großdemonstationen in Leipzig am Interner Link: 9. Oktober und Berlin am Interner Link: 4. November 1989, wo offen Transparente getragen wurden wie "Rechtssicherheit spart Staatssicherheit" und "Stasi in die Produktion!".

Ironie der DDR-Geschichte: Am 4. November 1989 fordern Demonstranten in Ost-Berlin „Stasi in die Volkswirtschaft“. MfS-Mitarbeiter sollten endlich „richtig“ arbeiten gehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte auch die Stasi erkannt, dass die DDR-Volkswirtschaft vor der Bankrotterklärung stand und hilflos am Boden lag. (© BStU)

Ab Anfang Dezember 1989 wurden DDR-weit MfS-Dienststellen von Demonstrierenden friedlich besetzt, den Anfang machte am 4. Dezember 1989 eine Gruppe engagierter Interner Link: Frauen in Erfurt, binnen weniger Tage folgten weitere Besetzungen in anderen Klein- und Großstädten der DDR. Bereits Tags zuvor hatten aufgebrachte Bürger und Bürgerinnen im Norden der DDR bereits unwissentlich einen Stasi-Gebäudekomplex besetzt, das IMES-Waffenlager in Kavelstorf im Kreis Rostock-Land. Von hier aus wurden heimlich Waffen in befreundete Länder geliefert, beispielsweise nach Interner Link: Syrien. Dass die "IMES" zum MfS gehörte, war zunächst nicht bekannt.

Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltung in Frankfurt (Oder) am 5.12.1989 durch Mitglieder der Bürgerbewegung Neues Forum und Vertreter des örtlichen Bürgerkomitees (© Hartmut Kelm)

Die couragierten Besetzer und Besetzerinnen pochten landesweit auf den Stopp begonnener Aktenvernichtungen und auf die Abschaffung der Stasi und ihren damals von SED und MfS geplanten Nachfolgeeinrichtungen, dem "Amt für Nationale Sicherheit" (AfNS) beziehungsweise einem "Verfassungsschutz der DDR", für den sich der letzte SED-Ministerpräsident der SED, Hans Modrow, noch stark gemacht hatte. Auch intern kam es in dieser Phase zu Richtungskämpfen innerhalb des MfS, in einzelnen Abteilungen gingen Mitarbeiter sogar in schriftlichen Erklärungen auf Distanz zur SED und verfassten Beschwerden über strenge oder korrumpierte Vorgesetzte.

Der Vorsitzende des Ministerrates der DDR, Hans Modrow (m), wird am 15.1.1990 vor der Stasizentrale in der Lichtenberger Normannen-/Ruschestraße in Berlin als Redner zu den Demonstrierenden angekündigt, die er beschwichtigen soll. Sein Ziel war es, einen eigenen DDR-Geheimdienst zu bewahren. Hinter Modrow steht Ibrahim Böhme, Mitbegründer der SPD der DDR (zunächst SDP genannt) und seit 1968 Inoffizieller Mitarbeiter (IM) beim Ministerium für Staatssicherheit. Böhme leugnete bis zu seinem Tod 1999 seine Stasi-Tätigkeit. Nach einer zunächst friedlich verlaufenen Demonstration, zu der das Neue Forum aufgerufen hatte, stürmten Tausende Bürger das Gebäude des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). (© picture-alliance, ZB | Thomas Uhlemann)

Das endgültige Aus für den DDR-Geheimdienst beschloss der Runde Tisch der DDR Mitte Januar 1990. Zugleich, es war am Mittag des 15. Januar 1990, übernahmen regionale Bürgerkomiteevertreter und -vertreterinnen die Kontrolle über das Gelände der MfS-Zentrale in Berlin-Lichtenberg. Am frühen Abend gelangten Demonstrierende auf das Terrain, gelangten aber zunächst nur in den Versorgungstrakt der MfS-Zentrale, alle anderen Bereiche waren abgedunkelt worden. Im Lauf der Nacht bildeten die Besetzer und Besetzerinnen auch hier ein sogenanntes "Interner Link: Bürgerkomitee". Das MfS setzte dem ein eigenes Auflösungskomitee entgegen, in der Hoffnung, doch noch Kontrolle über ihre Abwicklung zu behalten und begonnene Aktenvernichtungen fortsetzen zu können.

Nachdem feststand, dass es keine Nachfolgeorganisation mehr geben sollte, erhielten ab Februar 1990 zahlreiche MfS-Mitarbeitende ihre Entlassungspapiere, häufig wurden sie in ihren Arbeitszeugnissen ein letztes Mal legendiert - als ehemalige Mitarbeiter von Zoll, Volkspolizei oder als Personenschützer unter dem Dach des Innenministeriums der DDR. Einige erhielten sogar das fiktive Lob, "engagiert im Meinungsstreit" gewesen zu sein.

Um die Sicherung und Zugänglichkeit der Stasi-Akten zu erreichen, besetzten DDR-Bürgerrechtler im September 1990 erneut das Stasi-Archiv und forderten zu einem Hungerstreik auf. Die Aktion hatte Erfolg. In einem Zusatzprotokoll zum deutsch-deutschen Einigungsvertrag wurde die institutionelle Aufarbeitung der Akten festgeschrieben. (© Havemann-Gesellschaft Berlin)

Im Zuge der Wiedervereinigungsverhandlungen mit der Bundesrepublik setzten Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen ein Akteneinsichtsrecht für Betroffene durch. Als Druckmittel diente ihnen im September 1990 eine weitere spektakuläre Interner Link: Besetzung des Stasi-Archivs mit einem symbolischen Hungerstreik, unterstützt von mehreren Künstlern.

Durch dieses Bürgerengagement konnten zahlreiche Unterlagen, die die Staatssicherheit gesammelt hat, vor der weiteren Vernichtung gerettet werden. Und mehr noch: Es gelang den Demonstrierenden durchzusetzen, dass in einem Zusatzdokument zum Vertrag der Deutschen Einheit festgehalten wird, dass Stasi-Opfer Einblick in ihre DDR-Geheimdienst-Akten beantragen können sowie Medien und Wissenschaft deren Erforschung und Aufarbeitung ermöglicht wird. Interner Link: Dies auch politisch durchzusetzen, war aber nicht einfach.

Der Abteilung Auslandsaufklärung (HV A) des MfS gelang es im Herbst 1989 allerdings, fast alle ihre Unterlagen zu beseitigen. Einzelakten landeten jedoch bei ausländischen Geheimdiensten, wie die sogenannte Agentendatei "Rosenholz", die der amerikanische Geheimdienst CIA 1992 angeblich aus russischen Geheimdienstkreisen erwarb. Das MfS hatte zuvor dem KGB zahlreiche Akten überstellt.

Über 111 Kilometer erhalten gebliebene Stasi-Akten

Alle in der DDR erhalten gebliebenen Stasi-Dokumente wurden zunächst von einem am 2. Januar 1992 eröffneten Amt bewahrt. Das war die "Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR", abgekürzt BStU, seit dem 17. Juni 2021 ein Teil des Bundesarchivs. Dort lagern mehr als 111 Kilometer Akten, 46,7 Millionen Karteikarten und über 2 Millionen Fotos. Außerdem befinden sich in den Archiven annähernd 15.000 Säcke mit vorvernichtetem Aktenmaterial, das 1989 vom MfS zur Verbrennung vorgesehen war.

IM-Akten des MfS im ehemaligen Stasi-Unterlagenarchiv, heute Bundesarchiv: Einserseits vielsagende Quellen von Verrat durch die Stasi-Spitzel. Andererseits unschätzbare Dokumente jenes Bürgermuts, der der SED und ihrer Geheimpolizei "Staatssicherheit" nicht passte, und den sie sanktionieren ließ. (© BArch)

Mit Hilfe dieser Unterlagen kann nachgeforscht werden, wie intensiv die Stasi den Alltag in der DDR zum Schutz der SED-Alleinherrschaft durchdrungen und beeinflusst hat. Das Ende 1991 beschlossene und danach mehrmals modifizierte Stasi-Unterlagen-Gesetz (StUG) regelt genau, wer diese Akten einsehen darf, ohne dass das Persönlichkeitsrecht der Stasi-Opfer beeinträchtigt wird. Mit Stand vom 31. Dezember 2024 wurden seitdem 7.518.186 Ersuchen und Anträge gestellt, darunter 3.468.543 von Bürgerinnen und Bürgern, die übrigen von Institutionen. Im Jahr 2024 stellten noch 28.571 Bürgerinnen und Bürger einen Antrag zur Akteneinsicht, die meisten Anträge wurden in Sachsen, Berlin und Thüringen gestellt. Zusätzlich gehen jährlich über 1.000 Forschungsanträge aus Universitäten und Medien ein um die vielfältigen Tätigkeitsfelder des Ministeriums für Staatssicherheit zu beleuchten - von der systematischen Postkontrolle in DDR-Postämtern bis zum heimlichen Waffenhandel mit Terrorstaaten.

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Roland Jahn (M.) mit seinen Vorgängern Marianne Birthler und Joachim Gauck bei seiner Amtseinführung am 14. März 2011. (© Bundesregierung, Bild B 145 Bild-00236533. Foto: Guido Bergmann)

Zum ersten Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde, dem "Bundesbeauftragten" für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR (BStU) wurde vom Deutschen Bundestag der Rostocker Pfarrer Joachim Gauck gewählt. Seine Nachfolgerin wurde 2002 für zwei Amtszeiten die DDR-Bürgerrechtlerin Interner Link: Marianne Birthler, ihr folgte 2010 der Journalist Roland Jahn, der 1983 wegen seines Engagements in der DDR-Opposition zwangsweise aus der DDR ausgebürgert worden war.

Jahn regte an, auf dem einstigen Gelände des MfS-Zentrale einen "Campus der Demokratie" einzurichten, wo anschaulich beschrieben, erforscht und diskutiert werden kann, wie es gelang, die DDR-Diktatur und ihre Machtinstrumente, wie die Stasi, zu überwinden und demokratische Rechte, wie zum Beispiel eine neutrale Justiz, Wahlfreiheit und angstfreien Meinungsstreit in der Demokratie, durchzusetzen.

Die mittlerweile auf dem Gelände ansässige Havemann-Gesellschaft mit einem Teilbestand des Archivs der Bürgerrechtsbewegung der DDR hat ein "Forum Opposition und Widerstand (1945 – 1990)" vorgeschlagen, als zentraler Ort, "an dem das Aufbegehren gegen die kommunistische Diktatur als ein bedeutsames Kapitel der deutschen Freiheits- und Demokratiegeschichte vermittelt wird und so Eingang in unsere Erinnerungskultur findet". Die Finanzierung ist aber noch offen. (hk).

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Klare Ansage. Demonstranten Anfang Dezember 1989 an der Suhler Bezirksverwaltung der Stasi. (© Reinhard Wenzel)

Zitierweise: Holger Kulick, „Das Ende der Stasi 1989/1990“, in: Deutschlandarchiv 12.01.2025, www.bpb.de/557173, unter Verwendung von Materialien aus dem Interner Link: Stasi-Dossier der bpb. Alle Beiträge im Deutschlandarchiv sind Recherchen und Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar und dienen als Mosaikstein zur Erschließung von Zeitgeschichte. (hk)

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