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Meine Fotografien der Berliner Mauer 1989/90

Robert Conrad

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Nach dem 9. November 1989 dokumentierte der Berliner Fotograf Robert Conrad, der 2023 verstorben ist, die Berliner Grenzanlagen der DDR, "gerade weil mir klar war, dass dieser eigenartige, deprimierende Kosmos bald verschwunden sein würde". Eine von 22 Fotozeitreisen durch die deutsch-deutsche Geschichte, entstanden in Kooperation von Robert-Havemann-Gesellschaft und Deutschland Archiv.

Potsdamer Platz, Geisterbahnhof der S-Bahn im Todesstreifen, Dezember 1989 (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Robert Conrad)

Bereits recht früh hatte ich die Fotografie für mich als Mittel entdeckt, Landschaften und vor allem Stadtbilder festzuhalten, bevor sie sich verändern. Besonders angesichts des geschichtsvergessenen Umgangs mit historisch gewachsenen Stadtzentren in der DDR fühlte ich mich geradezu getrieben, die alten Häuser, Straßen, Plätze noch einmal zu fotografieren, ehe sie abgerissen und durch Plattenbauten und Schnellstraßen ersetzt wurden. Das führte immer wieder zu Konflikten mit den „Staatsorganen“, aber mir schien meine Arbeit als Dokumentarist einfach zu wichtig, um große Kompromisse zu machen. Als ich mich dann nach zunehmenden Repressionen entschlossen hatte, einen Ausreiseantrag in den Westen zu stellen, nahm ich mir noch mehr Zeit, mein Lebensumfeld auf Fotos zu verewigen, Die DDR war für mich nun eigentlich nur noch eine Fotosafari.

Das war meine Situation, als die Berliner Mauer geöffnet wurde. Plötzlich konnte man also diese ganzen bisher so gefährlichen Bauanlagen des „Eisernen Vorhangs“ besichtigen, all diese obskuren städtebaulichen Strukturen, diese Barrieren und Schneisen, die Betonsegmente, Gitterroste und Gräben, oft direkt an die Häuser grenzend in denen man täglich ein- und ausging. Diese erschütternde, bis eben noch Tod verheißende Bedeutung, die jeder Quadratmeter dieser Schreckenszone besaß und zugleich die unvermeidliche Banalität, die jahrzehntelange Flickschusterei an diesen Grenzbauten und die platten Sprüche, welche die Posten in die Wände der Wachtürme gekratzt hatten, das waren für mich überwältigende Fotomotive. Ich hatte einen Kühlschrank voller ORWO-Filme, die ich gekauft hatte, um verfallene Städte wie Görlitz, Güstrow oder Aschersleben zu fotografieren. Nun verwendete ich sie, um Landschaft und Bauten der Berliner Mauer aufzunehmen - gerade weil mir klar war, dass dieser eigenartige, deprimierende Kosmos bald verschwunden sein würde.

Die allermeisten meiner Mauerfotos habe Ende 1989 und 1990 aufgenommen. Vor der Grenzöffnung machte ich einmal vom Dach der Ruine des späteren „E-Werks“ in Berlin-Mitte einige Teleaufnahmen vom West-Berliner Anhalter Bahnhof und den Grenzanlagen davor. Es war sehr aufregend, diese Ansichten von einem fremden Planeten abends in der Dunkelkammer als Fotoabzüge in den Händen zu halten. Dieser Kick hätte mir zwei Jahre Gefängnis einbringen können. Die Mauer vor ihrer Öffnung zu fotografieren war streng verboten und konnte als Vorbereitung zur „Republikflucht“ ausgelegt und mit Gefängnis bestraft werden, deshalb verbrannte ich Negative und Prints am nächsten Tag.

1988/89 fotografierte ich viel in den unterirdischen Resten der Regierungsbauten aus der Nazizeit an der Berliner Wilhelmstraße. Dort entstand damals ein neues Wohnviertel in Plattenbauweise für die DDR-Nomenklatura direkt an der Mauer zum Tiergarten. Dabei gelangte ich nicht nur in die alten Bunkeranlagen, sondern auch auf die 20 Meter hohen Rohbauten, von wo man einen grandiosen Blick auf den breiten Todesstreifen südlich des Brandenburger Tores hatte. Den Film mit den Bildern, die ich hier schoss, steckte ich in eine Metallkassette und vergrub diese bis zum Ende der DDR.

In den ersten Wochen nach der Maueröffnung wurde ich oft verhaftet, manchmal wurden mir die Filme weggenommen. Aber seit die Grenze nun einmal offen war, war recht schnell klar, dass die Staatsmacht nicht mehr wirklich gefährlich war, und meine Neugier war größer als die Angst.

Durch die Hinterlandmauer abgeschnittene Strelitzer Straße (damals nach einem erschossenen DDR-Grenz-Posten benannt: Egon-Schultz-Straße), Mai 1990 (© Robert-Havemann-Gesellschaft/Robert Conrad)

Gerade die bis dahin hermetisch abgeriegelten U- und S-Bahntunnel mit ihren „Geisterbahnhöfen“ haben mich sehr fasziniert. Um dort hinein zu kommen, mussten meine Kollegen und ich auf die verkehrsfreie Zeit zwischen 1.00 und 4.00 Uhr nachts warten, über Lüftungsschächte in das Tunnelsystem einsteigen und dann kilometerlang unsere Fotostative entlang der Gleise tragen. Wenn man dann aber im fahlen Licht der unterirdischen Grenzbeleuchtung auf den toten Bahnsteigen mit den verwitterten Schriften „Potsdamer Platz“ oder „Stettiner Bahnhof“ stand, hatte sich diese Mühe unbedingt gelohnt. Hier war die Zeit wirklich stehen geblieben. Zwischen den zugemauerten Treppenaufgängen standen die jahrzehntelang nicht mehr genutzten Kioske, innen hingen verwitterte Mäntel von Reichsbahnern und Automaten mit noch unverkauften Fahrkarten, auf den Tischen standen leere Limonadenflaschen mit Porzellanverschluss, alles bedeckt von einer dicken Staubschicht. Und auf den Bahnsteigen und in den Fußgängertunneln hingen noch die Plakate mit den Theaterprogrammen von August 1961.

Meine etwa 5000 Aufnahmen der Berliner Mauer sind als Serie konzipiert. Mich fasziniert bis heute an dem Thema gerade das Serielle der Bauformen: die immer wieder auftauchenden gleichen Strukturen, die genormten Betonteile, die Typenbauten der Wachtürme, allerdings in immer wieder anderer Umgebung. Es handelte sich ja wenn man so will um eine makabre Variante von „Land Art“, ein riesiges unfreiwilliges Kunstwerk. Mal wurde eine innerstädtische Straße mitsamt Straßenbahnschienen abgetrennt, mal eine Brücke abgeriegelt, dann wieder erstreckten sich die immer gleichen Betonsegmente über freies Feld, durch Sümpfe und bei Dreilinden im Süden sogar quer über eine alte Autobahntrasse.

Auch heute interessiert mich als Architekturfotograf immer noch das Serielle, das Wiederkehrende, die unterschiedlichen Varianten eines Typus.

Insgesamt wollte ich von den Grenzanlagen eine nüchterne, sachliche Bestandsaufnahme erstellen. Ich machte mir zur Aufgabe, die gesamte Berliner Mauer Kilometer um Kilometer systematisch mit der Kamera zu erkunden. Ich startete am Brandenburger Tor und lief nach Norden, immer weiter bis ich es von Süden her wieder erreichte. Dafür brauchte ich ungefähr ein Jahr.

Interner Link: Robert Conrad (†)

Zu Interner Link: 20 weiteren Fotozeitreisen aus 1989/90, zusammengestellt von Externer Link: Robert-Havemann-Gesellschaft und dem Externer Link: Deutschland Archiv der bpb 2026/27.

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