Im Zentrum Roms trennten nur wenige Gehminuten den Sitz der Deutschen Bibliothek (dem späteren Goethe-Institut) an der Piazza Venezia von der Adresse des Thomas-Mann-Zentrums hinter der Piazza Navona. Die beiden Einrichtungen – die erste von der BRD gegründet, die zweite auf Initiative der Italienischen Kommunistischen Partei (IKP) mit maßgeblicher Unterstützung der DDR entstanden – waren die wichtigsten Protagonisten der Kulturpolitik der beiden deutschen Staaten in Italien. Während des Kalten Krieges vermittelten sie ein positives Bild ihres jeweiligen Staates, suchten die Unterstützung von Intellektuellen und Journalisten, gingen Kooperationen mit Verlagen, Theatern und Kulturinstituten ein und trugen zur Verbreitung von Autoren und Themen der deutschen Kultur bei.
Darüber hinaus entwickelten die Deutsche Bibliothek/das Goethe-Institut und das Thomas-Mann-Zentrum parallele und spiegelbildliche Kulturpolitiken, indem sie sich gegenseitig beobachteten und beeinflussten. Diese Beziehung durchlief Phasen der Konkurrenz und des Wettbewerbs sowie der Distanzierung und Differenzierung. Es entstand eine Dreiecksdynamik, in der die beiden deutschen Staaten sowohl in Beziehung zu Italien traten als auch miteinander in Auseinandersetzung standen.
Doppelgründungen: die Deutsche Bibliothek und das Thomas-Mann-Zentrum (1955–1957)
In der Nachkriegszeit setzte die Wiederannäherung Italiens an Westdeutschland rasch, aber wenig auffällig ein und konzentrierte sich auf die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen, während die kulturellen im Hintergrund blieben.
Sattler, ein Münchner Architekt mit Erfahrung in der Verwaltung der bayerischen Kunstsammlungen, baute ein umfangreiches römisches Kontaktnetz auf und schlug als Erster ein Kulturinstitut mit Bibliothek sowie Konzert- und Vortragssaal vor.
Die Deutsche Bibliothek fand ihren Sitz im Palazzo Bonaparte an der Piazza Venezia, wie Sattler es sich gewünscht hatte, um das Institut – ähnlich wie den British Council und das Institut Français – im Zentrum Roms anzusiedeln. Die Einweihung im März 1955 wurde mit einem Konzert mit Werken Händels vor rund sechshundert Personen gefeiert; sowohl der italienische Unterrichtsminister Giuseppe Ermini (DC) als auch Botschafter von Brentano betonten die Rolle der Deutschen Bibliothek bei der Stärkung der italienisch-deutschen Freundschaft.
Leseraum in der Deutschen Bibliothek in Rom an der Piazza Venezia 5 (Italien), 1958 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-P047525)
Leseraum in der Deutschen Bibliothek in Rom an der Piazza Venezia 5 (Italien), 1958 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-P047525)
Auf der anderen Seite wurde 1954 in Ost-Berlin vom Mitglied des Zentralkomitees der IKP, Paolo Robotti, bei der Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland (GkVA) ein erstes Projekt für ein der deutschen Frage gewidmetes Studienzentrum vorgestellt.
Um diese Sackgasse zu überwinden und zumindest informelle Beziehungen anzustoßen, entschied man sich schließlich für die Gründung eines Freundschaftsvereins nach dem Vorbild jener, die bereits mit anderen Ländern des sozialistischen Blocks bestanden. Der Gründungsprozess, an dem die Philosophen Mazzino Montinari und Antonio Banfi beteiligt waren, überwand die nach den Ereignissen von 1956 in Ungarn eingetretene Stagnation und mündete 1957 in die Gründung des Thomas-Mann-Zentrum, benannt nach dem im August 1955 verstorbenen deutschen Schriftsteller, dem Exilanten aus dem nationalsozialistischen Deutschland und Symbolfigur der geistigen Einheit der deutschen Kultur jenseits der politischen Teilung. Das von italienischen Intellektuellen getragene Zentrum wurde größtenteils von der DDR finanziert und arbeitete eng mit der Liga für Völkerfreundschaft (ab 1961 Nachfolgerin der GkVA) und deren Deutsch-Italienischer Gesellschaft zusammen. Sekretärin des TMZ war Rosa Spina von der IKP; erster Präsident war der Archäologe Ranuccio Bianchi Bandinelli, damals zugleich Direktor des Istituto Gramsci.
Der kulturelle Wettbewerb (1958–1965)
In dieser Phase am Ende der Fünfzigerjahre wurde die Kulturpolitik der BRD von der westdeutschen Presse selbst kritisiert, die ihr einen zu akademischen Zuschnitt und das Fehlen einer klaren Ausrichtung vorwarf. Das Thema gelangte auch in den Bundestag, wo die SPD, vertreten durch den Bundestagsabgeordneten Georg Kahn-Ackermann, das Fehlen einer kohärenten und modernen auswärtigen Kulturpolitik kritisierte und dabei ausdrücklich den Fall Italien anführte.
Das Zentrum stand außerdem an vorderster Front bei der Verbreitung des Werks von Bertolt Brecht, begünstigt durch die Vermittlung des Piccolo Teatro di Milano (mit Paolo Grassi und Giorgio Strehler) und die Arbeit der Germanisten Cesare Cases und Paolo Chiarini. War die italienische Rezeption Brechts breit und erfolgreich, so gestaltete sich die Einreise seiner Theatergruppe, des Berliner Ensembles, schwieriger: Das Auswärtige Amt verweigerte zwischen 1961 und 1964 mehrfach das Visum, was die Proteste des Zentrums und der linken Presse hervorrief.
Parallel dazu durchlief die Deutsche Bibliothek einen tiefgreifenden Wandel. 1959 verließ Sattler die Botschaft, um die Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes zu leiten, und brachte dabei die – gerade in Italien gereifte – Überzeugung mit, dass Kulturpolitik ein zentraler Schauplatz der Auseinandersetzung des Kalten Krieges sei, der durch die von den totalitären Staaten betriebene Politisierung erzwungen werde.
1961 übernahm Michael Freiherr Marschall von Bieberstein die Leitung der römischen Niederlassung, die er bis 1974 innehatte und die er entscheidend erneuerte: thematische Erweiterung hin zur Zeitgeschichte (Nationalsozialismus, Widerstand gegen Hitler, Kalter Krieg, Mauer, Kubakrise); Öffnung für ein jüngeres, weniger elitäres Publikum; Filmreihen zu jungen Regisseuren wie Kluge, Schlöndorff, Fassbinder und Herzog; Zusammenarbeit mit der Gesellschaft Nuova Consonanza für zeitgenössische Musik (Stockhausen, Cage, Nono); Raum für Autoren der Gruppe 47 (Enzensberger, Richter, Walser, Grass, Bachmann, Kaschnitz) und, in deutlichem Bruch mit der vorangegangenen Phase, für Initiativen zum antinationalsozialistischen Widerstand (Weiße Rose, Attentat vom 20. Juli 1944).
Deutsche Akademie in Rom, Bibliothek in der "Villa Massimo", 21. April 1972 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F036588-000, Lothar Schaack)
Deutsche Akademie in Rom, Bibliothek in der "Villa Massimo", 21. April 1972 (© Bundesarchiv, B 145 Bild-F036588-000, Lothar Schaack)
Für Marschall von Bieberstein war die nationalsozialistische Vergangenheit ein unumgänglicher Bestandteil des Deutschlandbildes, und das Goethe-Institut konnte sich der Auseinandersetzung mit diesem schwierigen Erbe nicht entziehen.
Die Initiativen des Goethe-Instituts zum Widerstand beunruhigten das Thomas-Mann-Zentrum, das befürchtete, die Exklusivität bei diesem Thema zu verlieren – und dass ein positiveres Bild der BRD die Abgrenzung zur DDR verwischen könnte. Der Briefwechsel zwischen Marschall von Bieberstein und Bianchi Bandinelli über Initiativen zur Weißen Rose und zur vom Goethe-Institut geförderten Ausstellung „Deutsche gegen Hitler” bezeugt diese direkte Konkurrenz. Bianchi Bandinelli verwies auf den zeitlichen Vorrang des Zentrums und forderte die BRD auf, in der Frage der Verjährung der NS-Verbrechen, die Anfang der Sechzigerjahre im Bundestag diskutiert wurde, Konsequenz zu ziehen.
Die innerdeutschen Beziehungen im Wandel (1966–1973)
In der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre zeitigte die internationale Entspannung in beiden Staaten sichtbare Wirkungen: In der BRD ging die Ära Adenauer zu Ende, und 1969 bildete sich die von Willy Brandt geführte sozialliberale Koalition; in der DDR folgte Erich Honecker auf Walter Ulbricht an der Spitze der SED. Auf Betreiben von Brandt und Egon Bahr setzte die neue Ostpolitik ein, mit der Anerkennung der territorialen Folgen des Zweiten Weltkriegs und der Normalisierung der Beziehungen zur UdSSR, zu Polen und zur Tschechoslowakei. In diesem Rahmen kam es auch zu einem intensiveren Dialog mit der DDR, deren Existenz nun anerkannt wurde. Im Grundlagenvertrag vom Dezember 1972 wurden gutnachbarliche Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten festgeschrieben, die auf Gleichberechtigung und der Unverletzlichkeit der Grenzen beruhten. Damit wurde der Weg zur internationalen Anerkennung der DDR geebnet; Italien nahm im Januar 1973 reguläre diplomatische Beziehungen mit dem Land auf.
Das entspanntere Klima ab der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre führte zu einigen konkreten Öffnungen: Die lange erwarteten Gastspiele der Komischen Oper und des Berliner Ensembles konnten endlich stattfinden und gipfelten in der Teilnahme des Berliner Ensembles an der Biennale von Venedig 1966. Im folgenden Jahr wurde das zehnjährige Bestehen des Thomas-Mann-Zentrum mit einem umfangreichen Programm gefeiert, das den Höhepunkt der Tätigkeit des Zentrums darstellte. Nur ein Jahr später kühlte die Beteiligung der DDR am Einmarsch des Warschauer Pakts zur Niederschlagung des Prager Frühlings das freundschaftliche Klima gegenüber dem Land ab und veranlasste Bianchi Bandinelli, von der Präsidentschaft des TMZ zurückzutreten.
Aufseiten der BRD führte der Antritt der sozialliberalen Koalition zu einer grundlegenden Reform der auswärtigen Kulturpolitik, die an Bedeutung gewann. Das Goethe-Institut wurde stärker in das Auswärtige Amt eingebunden, man förderte die Erweiterung der kulturellen Beziehungen um wissenschaftliche und soziale Bereiche, und die internationale Zusammenarbeit wurde gestärkt. Gegenüber der DDR entschied man sich für eine Linie der „aktiven Konkurrenz” statt der Konfrontation, wobei die Betonung auf der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einer einzigen deutschen Nation lag („zwei Staaten, eine Nation”).
In diesen Jahren verstärkte das Goethe-Institut Rom, weiterhin unter Marschall von Bieberstein, seine Präsenz durch große Ausstellungen zu den Avantgarden des 20. Jahrhunderts (Dadaismus, Expressionismus, Surrealismus und Max Ernst, Neue Sachlichkeit), die zusammen mit der Galleria nazionale d’arte moderna realisiert wurden, und empfing bedeutende Intellektuelle wie Adorno, Horkheimer, Habermas und Grass. Erklärtes Ziel war es, „Glaubwürdigkeit und Respekt für Deutschland zurückzugewinnen” – auch durch zeitgenössische und experimentelle Kultur, nicht nur durch die klassische.
Bezeichnenderweise begann sich das Goethe-Institut auch mit Autoren zu befassen, die bis dahin im „Zuständigkeitsbereich” des Thomas-Mann-Zentrums verortet wurden, wie etwa Bertolt Brecht: Zum siebzigsten Geburtstag des Dramatikers (1968) organisierte es eine Podiumsdiskussion mit namhaften Wissenschaftlern – darunter der Vizepräsident des TMZ selbst, Paolo Chiarini –, während es dem Zentrum nicht gelang, das geplante Programm zu verwirklichen. Bianchi Bandinelli beklagte gegenüber Paul Wandel, dem Präsidenten der Liga für Völkerfreundschaft (LfV), die Erstarrung des Kulturangebots des Zentrums, das „im Dogmatismus und in den ostdeutschen Zensurmaßnahmen gefangen” sei und keine neuen Stimmen bieten könne, und prangerte das Fehlen direkter Kontakte zu Schriftstellern, Künstlern und Wissenschaftlern der zeitgenössischen DDR an.
Die Auseinandersetzung geht weiter (1974–1989)
Entgegen den Erwartungen der DDR führte die diplomatische Anerkennung nicht zu einer unmittelbaren Beschleunigung der bilateralen Beziehungen zu Italien, die noch jahrelang schwankend blieben. Erst in den frühen Achtzigerjahren, unter den Regierungen von Bettino Craxi (Sozialistische Partei Italiens), war ein neuer Impuls zu verzeichnen, der in den gegenseitigen Besuchen von 1984 (Craxi in Ost-Berlin) und 1985 (Honecker in Rom) gipfelte. Es kam auch zur Unterzeichnung eines Kulturabkommens mit einer gemischten Kommission für Dreijahresprogramme (1985–87, 1988–90), und man startete das – nie verwirklichte – Projekt zweier gegenseitiger Kulturzentren in Ost-Berlin und Rom.
Das Ende der Reisebeschränkungen ermöglichte es ostdeutschen Orchestern und Ensembles (Deutsche Staatsoper, Berliner Ensemble, Staatskapelle Berlin und Dresden, Komische Oper, Leipziger Gewandhausorchester) schließlich, häufiger in Italien aufzutreten.
Für das Thomas-Mann-Zentrum bedeutete die Anerkennung hingegen „einen Stillstand”, da seine politische Vermittlungsfunktion entfiel; die Einrichtung geriet zudem in Konkurrenz zur neugegründeten Associazione Italia-DDR (1973), deren Aufgabenteilung mit dem Zentrum erst durch Vermittlung der IKP geklärt wurde. Seine mehrfach angedrohte Schließung wurde vermieden, weil auch die DDR das Ansehen und die Wirksamkeit des Zentrums anerkannte. Belastet wurde die Beziehung zur DDR jedoch durch die zunehmende Entfremdung zwischen IKP und SED, die auf die wachsende Eigenständigkeit der IKP gegenüber der UdSSR sowie auf Fragen des Dissenses zurückzuführen war, die auch italienische Intellektuelle betrafen. Die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976 aus der DDR fand in Italien ein breites Echo und wurde offen im Namen der Meinungsfreiheit kritisiert.
Unter der Präsidentschaft von Stefano Rodotà (1976–1989) realisierte das Zentrum – oft in Venedig, dank der Zusammenarbeit mit der Fondazione Giorgio Cini und der Opera Bevilacqua La Masa sowie mit den Kultureinrichtungen Weimars – große, der deutschen Klassik gewidmete Ausstellungen, im Einklang mit der zeitgleichen Wiederentdeckung des deutschen Erbes durch die DDR.
Am Goethe-Institut Rom endete hingegen die langjährige Leitung von Marschall von Bieberstein. Sein Nachfolger Günter Bär musste sich einer besonders kritischen Phase der italienisch-deutschen Beziehungen stellen, die 1977 vom Fall Kappler geprägt war – dem ehemaligen SS-Offizier, verantwortlich für die Razzia im jüdischen Ghetto und das Massaker in den Fosse Ardeatine am 23. März 1944,
Das Goethe-Institut reagierte mit direkten Initiativen zu diesen Themen (Reihen zur Verfassung und den Grundrechten der BRD, Seminare über das gegenseitige Bild der beiden Länder in den Medien). 1979 trug der Besuch des italienischen Staatspräsidenten Sandro Pertini (PSI) in der BRD dazu bei, die Spannungen zu entschärfen, auch wenn einige Nachwirkungen blieben. Das Kulturangebot des Goethe-Instituts Rom widmete sich weiterhin vor allem der deutschen Gegenwart, über Filme und elektronische Musik ebenso wie durch Ausstellungen zu Bewegungen wie dem Bauhaus und der Brücke. Auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dem Widerstand und der Shoah blieb weiterhin präsent, wobei auch der Weimarer Republik verstärkt Aufmerksamkeit gewidmet wurde.
In den Achtzigerjahren zeichnete sich das Goethe-Institut Rom durch große, gemeinsam mit der Universität Rom organisierte internationale Tagungen über deutsche Denker (Weber, Heidegger, Benjamin) aus sowie durch eine Reihe zu ostdeutschen Schriftstellern, die der SED gegenüber kritisch eingestellt, aber in der DDR geblieben (Stefan Heym, 1981; Christa Wolf, 1984; Stephan Hermlin, 1988) oder emigriert waren (Günter Kunert, 1983; Jurek Becker, 1984; Horst Bienek, 1987). Diese Initiative stellte eine weitere Form der Konkurrenz zum Thomas-Mann-Zentrum dar, dem es trotz gezeigten Interesses wegen des Widerstands der LfV nie gelang, direkte Kontakte zu den bedeutendsten Schriftstellern der DDR herzustellen. In dieser Phase differenzierte sich das Kulturangebot der beiden Einrichtungen immer deutlicher – klassische Kultur beim Zentrum, 20. Jahrhundert beim Goethe-Institut –, ohne dass es je zu einer direkten Zusammenarbeit kam, aber auch ohne offene Auseinandersetzungen oder gegenseitige Behinderungen. Beide Botschaften beobachteten die kulturellen Initiativen des jeweils anderen deutschen Staates weiterhin aufmerksam, oft mit Besorgnis, und blieben so stets in gegenseitiger Beobachtung.
Mit dem Fall der Mauer und der raschen Auflösung der DDR erlosch das Thomas-Mann-Zentrum still und leise, ohne Aufsehen oder öffentliche Debatte – begünstigt durch die Enttäuschung seiner eigenen Intellektuellen über die DDR und die wachsende Distanz zwischen IKP und SED und deren Nachfolgepartei Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Das Goethe-Institut blieb somit die einzige der deutschen Sprache und Kultur gewidmete Einrichtung.
Schlussfolgerungen
Obwohl sie teilweise ähnliche Ziele verfolgten, waren die beiden deutschen Staaten von unterschiedlichen Beweggründen geleitet: in der unmittelbaren Nachkriegszeit musste die BRD daran arbeiten, ein durch Nationalsozialismus und Besatzung belastetes Bild zu überwinden, während die DDR zunächst vor allem danach strebte, bekannt zu werden und über die Kultur politische und wirtschaftliche Kontakte aufzubauen, die der internationalen Anerkennung dienten. Nach 1973 blieb das internationale Ansehen für die DDR zentral, während für die BRD weiterhin die Notwendigkeit bestand, fortbestehenden Vorurteilen entgegenzuwirken.
Die Entwicklung des Kulturangebots der beiden Institute offenbart eine spiegelbildliche, aber umgekehrte Dynamik: Die Deutsche Bibliothek wurde im Zeichen der deutschen Klassik gegründet, während sich das Thomas-Mann-Zentrum zum Träger der Moderne Brechts und des Expressionismus machte; es war gerade die Konkurrenz des Zentrums, die die Deutsche Bibliothek/das Goethe-Institut unter der jungen Leitung von Marschall von Bieberstein dazu bewegte, sich in den 1960er-Jahren am Erbe des 20. Jahrhunderts und einem dynamischen Deutschlandbild der BRD zu orientieren. In den Siebzigerjahren war es das Thomas-Mann-Zentrum, das sich dem klassischen Erbe und der humanistischen Kultur zuwandte – als deren Interpretin sich die DDR selbst zu profilieren suchte –, wodurch sich, in umgekehrter Form, eine neue Distanzierung zwischen den beiden Einrichtungen ergab.
Eine weitere bedeutsame Entwicklung betrifft den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, der zunächst vernachlässigt wurde und ab den Sechzigerjahren zu einem Schlüsselthema für das Goethe-Institut wurde: ein Wandel, der sowohl durch die innenpolitischen Veränderungen in der BRD als auch durch die Notwendigkeit ausgelöst wurde, in Italien ein glaubwürdiges Bild aufzubauen und jene linken Intellektuellen anzusprechen, die sonst von der DDR angezogen worden wären. Die Geschichte des Thomas-Mann-Zentrums, verwoben mit dem italienischen und dem ostdeutschen Pol, bezeugt schließlich die loyale Unterstützung italienischer Intellektueller für die DDR, aber auch einen Weg, der von anfänglicher Begeisterung zu zunehmender Ernüchterung führte. Insgesamt tritt Italien als durchlässige Drehscheibe der kulturellen Beziehungen zwischen Ost und West hervor, als ein Raum, in dem die beiden deutschen Staaten aufeinandertrafen, sich gegenseitig beeinflussten und sich miteinander maßen.
Zitierweise: Costanza Calabretta, „Das Goethe-Institut Rom und die Konkurrenz mit dem Thomas-Mann-Zentrum während des Kalten Krieges", in: Deutschland Archiv, 2.10.2026, Link: www.bpb.de/582079 (ali).