Sharon Adler: Die deutsch-jüdische Geschichte und Zeitgeschichte steht seit vielen Jahren im Mittelpunkt deiner Forschung. Möchtest du zunächst etwas über deine eigene Familiengeschichte und dein Aufwachsen erzählen?
Miriam Rürup: Ich komme aus einem Elternhaus, in dem Lesen eine sehr große Rolle spielte. Das war etwas, was ich auch als Kind schon unglaublich gerne gemacht habe, mich in Geschichten vertiefen und Geschichten zuhören. Wenn also meine Eltern sich untereinander oder mit ihren Freundinnen und Freunden unterhalten haben, dann habe ich in meiner Erinnerung immer große Ohren gekriegt und fand das alles sehr spannend. Zugleich war es ein sehr politisches Elternhaus. Es wurde viel am Küchentisch diskutiert, auch mit dem großen Freundeskreis, der sehr politisch war und sehr international. Israelis, Libanesen, Palästinenser, die in verschiedenen Ländern lebten, Franzosen oder auch mal Verwandte aus der Sowjetunion und der DDR. In dieser Zusammensetzung wurde immer viel über die großen historischen Themen und die großen zeitgenössischen aktuellen Themen diskutiert. Zum Beispiel über alles rund um Israel und die besetzten Gebiete und wie man die linke Bewegung in Israel unterstützen kann.
Meine Mutter kommt aus Israel, aus einem sogenannten jeckischen Elternhaus. Ihre Eltern sind ursprünglich aus Mannheim und Heidelberg. Väterlicherseits kommt meine Familie aus dem Norden Deutschlands, aus Westfalen. Insofern war meine Erfahrung schon immer ein bisschen grenzüberschreitend. Aufgewachsen bin ich in Karlsruhe.
Zu dieser Zeit waren alle drei Großeltern, die zwei mütterlicherseits und die Oma väterlicherseits, auch in den entstehenden alternativen und grünen Bündnissen in Karlsruhe aktiv, noch vor der Gründung der Partei Die Grünen. Auch dadurch bin ich in einem Umfeld aufgewachsen, in dem ständig und viel diskutiert wurde.
Sharon Adler: Was hat deine in Israel geborene Mutter als Angehörige der Zweiten Generation über die Emigration, die Flucht oder auch die Verfolgung ihrer Eltern in Mannheim berichtet; war das ein Thema bei euch zuhause?
Miriam Rürup: Ich weiß nicht mehr, ob meine Schwester und ich da neugierig nachgefragt haben, aber wir wussten es einfach. Vor allem aber die Großeltern haben darüber gesprochen. An deren Geburtstagen oder anderen Gelegenheiten waren häufig Menschen aus ihrer Generation zu Besuch. Die hatten natürlich alle einen persönlichen Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus und der Verfolgung. Und das erinnere ich schon, dass ich dabeisaß und mir diese Geschichten anhörte, und wie sie zum Beispiel untereinander darüber sprachen, in welchem Lager sie waren, in welchen Ghettos. Als Kind fand ich es immer ungewöhnlich oder überraschend, dass sie so offen damit umgingen. Und dass man sich gegenseitig mit der Erzählung übertrumpfte, wer wie viele Lager überlebt hat. Aber das waren ja auch schon die späten 1970er-Jahre, und die Verfolgung war zwar immer noch sehr präsent, aber wohl auch lang genug her, um darüber mit bitterem Humor zu sprechen. Das war sicherlich auch ein Versuch, das überhaupt zu verarbeiten. Viele haben ja aufgrund des Traumas nicht gesprochen.
Es waren die sehr tristen Jahre in der Bundesrepublik, wo es kaum junge Menschen in den jüdischen Gemeinden gab: Die bestanden aus Menschen, die den Krieg im Versteck oder die Lager überlebt und ihre Familien verloren haben, die alt oder gebrochen waren. Das waren die Menschen, die in Deutschland blieben. Dazu kamen damals viele Migrationsfamilien. Russen, die in den 70ern, schon lange vor den Kontingentflüchtlingen, aus der Sowjetunion emigriert sind und zum Beispiel über Israel nach Deutschland kamen. Und die Displaced Persons, die DPs, oder deren in den späten 1940ern geborene Kinder. Als ich meine Bat Mitzwa gemacht habe, bei Rabbiner Nathan Peter Levinson,
Sharon Adler: Wie begann dein Weg in das Forschungsfeld deutsch-jüdische Geschichte und Zeitgeschichte? Gab es Themen oder Fragestellungen, die dich zu Beginn deiner wissenschaftlichen Laufbahn als Historikerin besonders beschäftigt haben?
Miriam Rürup: Ich habe tatsächlich mit, wie es damals noch hieß, Frauengeschichte angefangen. Aufgewachsen bin ich in einem wunderschönen Mietshaus, wo alle Nachbarn sich kennen und füreinander da sind. Eine unserer Nachbarinnen war Historikerin: Susanne Asche.
Dort habe ich dann kleine Rechercheaufträge im Bereich Frauengeschichte bekommen und sollte Kleinanzeigen des 19. Jahrhunderts durchsehen und in welchen beruflichen Sparten Frauen damals Werbung machten. Diese Praktikumszeit, es waren wohl so sechs oder acht Wochen, war schon relativ prägend. Ich bin mit diesem Gefühl da rausgegangen, dass das etwas wäre, worauf ich Lust hätte.
Dadurch, was ich über Frauengeschichte
Miriam Rürup in ihrem Büro am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Im Hintergrund ist ein Bild von HAP Grieshaber zu sehen, das Miriam Rürup von ihren Großeltern mütterlicherseits geerbt hat. Margot Fürst, die enge Mitarbeiterin und spätere Nachlassverwalterin des Künstlers, floh 1935 als Kommunistin vor der NS-Verfolgung nach Palästina und kehrte 1951 aus Israel nach Westdeutschland zurück. Die Großeltern kannten sie aus ihrer gemeinsamen politischen Tätigkeit in den 1920er-Jahren. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
Miriam Rürup in ihrem Büro am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Im Hintergrund ist ein Bild von HAP Grieshaber zu sehen, das Miriam Rürup von ihren Großeltern mütterlicherseits geerbt hat. Margot Fürst, die enge Mitarbeiterin und spätere Nachlassverwalterin des Künstlers, floh 1935 als Kommunistin vor der NS-Verfolgung nach Palästina und kehrte 1951 aus Israel nach Westdeutschland zurück. Die Großeltern kannten sie aus ihrer gemeinsamen politischen Tätigkeit in den 1920er-Jahren. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
in den Quellen gefunden habe und zum anderen mitbekommen habe, wie über jüdische Geschichte in Karlsruhe gesprochen wurde, war mein Zugang zur Geschichte nicht die Geschichte der großen Herrschenden, der Kriege oder der Jahreszahlen. Sondern eher das Interesse daran, zu schauen, was passiert eigentlich mit denen oder wie handeln eigentlich diejenigen, die nicht so genau angeschaut werden – sprich: die Minderheiten, am Beispiel der jüdischen Minderheit, oder die Marginalisierten in der Gesellschaft, die in der Geschichte häufig keine eigene Stimme hatten, nämlich die Frauen. Das war mein erster Zugang.
Miriam Rürup promovierte 2007 an der Technischen Universität Berlin mit einer Dissertation über jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten zwischen 1886 und 1937, die 2008 unter dem Titel Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886–1937 publiziert wurde.
Miriam Rürup promovierte 2007 an der Technischen Universität Berlin mit einer Dissertation über jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten zwischen 1886 und 1937, die 2008 unter dem Titel Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886–1937 publiziert wurde.
Promoviert habe ich über jüdische Studentenverbindungen.
Die Überraschung war dann aber doppelt: Erstens gab es lange keine direkten Statuten, die Juden prinzipiell ausschlossen, sondern es war eher eine sehr wirksame soziale Praxis, die sie nicht willkommen geheißen hat. Und zweitens wollten sie genauso begeistert deutschnational, männerbündisch und trotzdem jüdisch sein können. Sie gingen einfach davon aus, dass sich das nicht widerspricht! Dieses Überraschungsmoment war etwas, was mich an meinem Blick auf jüdische Geschichte gereizt hat.
Und dann dachte ich: Warum sollten Juden nicht auch eine deutschnationale Haltung haben können? Schließlich wussten die Zeitgenossen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts beispielsweise noch nicht, was ab 1933 passieren sollte. Wir können ihnen keine politische Naivität vorwerfen, denn das würden wir aus unserer besserwissenden Rückschau tun.
Das Besondere an diesen Verbindungsstudenten ist auch, dass sie einen Lebensbund eingingen: Sie blieben, auch wenn sie längst nicht mehr Studierende waren, Mitglied des Bundes. Diese Lebensbünde als „Alte Herren“ hatten auch in der Emigration weiter Bestand – sowohl in Israel als auch in den USA und in England, als es die Studentenverbindungen selbst schon längst nicht mehr gab. Ich erinnere mich noch, wie ich als Doktorandin einen Vortrag in Israel gehalten habe und danach ein alter, am Stock gehender Mann auf mich zukam und sich bei mir bedankte, dass ich ihm „seinen Vater erklärt“ habe. Das war für mich sehr bewegend und eindrücklich. Für ihn habe ich wahrscheinlich ein Erklärungsmuster geliefert, in dem das, was er in seiner Familienerzählung vielleicht immer nicht ganz verstanden hatte, einen Sinn ergeben konnte. Es gibt die individuelle Lebensgeschichte, und dann gibt es das große Gerüst, in das wir uns alle als Individuen einsortieren.
Jüdische Perspektiven der Diaspora / Oral History
Sharon Adler: Nach Stationen und Funktionen – unter anderem in Jerusalem, Leipzig, Washington und Hamburg – leitest du seit 2020 als Direktorin das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien in Potsdam. Deutsch-jüdische Geschichte wird vorrangig mit Blick auf die Perspektive Deutschlands erzählt. Welche Erkenntnisse eröffnet eine transnationale und diasporische Perspektive für das Verständnis deutsch-jüdischer Geschichte?
Miriam Rürup: Also, fast schon banal auf den Punkt gebracht wäre das vielleicht: Jüdische Geschichte ist immer Migrationsgeschichte. „Banal” würde ich es deswegen nennen, weil das letztlich für die gesamte Geschichte gilt. Jede angebliche „Nationalgeschichte“, egal ob jüdisch, katholisch, buddhistisch, muslimisch geprägt, ist immer eine Migrationsgeschichte. Aber in der Gegenüberstellung muss man gerade die jüdische Geschichte eigentlich immer als eine nationale „Bindestrich”-Geschichte schreiben, als eine deutsch-jüdische, eine europäisch-jüdische, eine französisch-jüdische, weil es eben, gerade wenn wir uns Familien anschauen, immer auch weite Verzweigungen gibt. Dies ist nicht nur durch die vielen Fluchten, durch die vielen Emigrationszwänge bedingt, sondern auch von den freiwilligen Migrationsbewegungen bestimmt. Auch das ist in der jüdischen Geschichte wichtig. Wenn wir auf die deutsch-jüdische Geschichte im 19. Jahrhundert schauen, als die deutschen Juden sich langsam verbürgerlichten und einen sozialen Aufstieg durchliefen, gehörte dazu nicht nur, dass man neue Berufszweige ergriff, sondern auch, dass man in die sogenannte „neue Welt“ emigrierte, weil man sich dort mehr Chancen erhoffte.
Spielen wir das mal an einer fiktiven deutsch-jüdischen Frauenbiografie durch: Lily Meyer, geboren in Heilbronn im 19. Jahrhundert. Ihr Bruder schließt die Schule erfolgreich ab, studiert Medizin und geht Ende des 19. Jahrhunderts in die USA. Lily Meyer bleibt aber in Heilbronn und heiratet einen kurz zuvor aus den östlichen Provinzen des preußischen Reiches oder auch aus dem russländischen Reich zugewanderten Mann. Und schon haben wir eine transnationale Perspektive auf jüdische Geschichte, selbst wenn wir uns mit dem Lebenslauf von Lily Meyer in Heilbronn befassen und uns womöglich nur die Ortsgruppe eines neu entstehenden Vereins interessiert, in dem sie sich engagiert. Das heißt, wenn wir nur auf deutsche Geschichte schauen würden, dann verpassen wir etwas, was die jüdische Geschichte betrifft und häufig auch besonders macht. Und andersherum ermöglicht der Blick auf die jüdische Geschichte immer auch, dass man wegkommt von einem engen nationalstaatlichen Container-Verständnis von Geschichte.
Und was ich eben auch spannend finde, ist, auf die deutsch-jüdische Geschichte als eine Diaspora-Geschichte zu schauen – bei unserer fiktiven Lily Meyer würde man das auch schon sehen können. Eventuell wandert sie als ältere Frau zu ihrer Tochter aus, die sich in den USA niedergelassen und dort eine Familie gegründet sowie einen Beruf ergriffen hat. Wir können also auf die deutschen Jüdinnen und Juden schauen, die Deutschland unter den Nationalsozialisten verließen oder die vertrieben wurden und dann in Argentinien, in Südafrika, in Shanghai, in Israel beziehungsweise im Mandatsgebiet Palästina, in den USA lebten, aber trotzdem auch Jüdinnen und Juden deutscher Herkunft waren. Selbst wenn sie sich auf das neue Land einließen: Ein Rückbezug zu ihrer deutschen Vergangenheit als vertriebene Jüdinnen und Juden blieb. Ich finde es spannend, zu betrachten, wie dieser Rückbezug gelebt wurde und teils noch heute gelebt wird.
Diasporisch bedeutet dabei: Es gibt ein Zentrum, und aus dem Zentrum wird eine Gruppe vertrieben, lebt in der Zerstreuung, aber sehnt sich in unterschiedlichem Maße nach dem Zentrum zurück. Und diese Sehnsucht – womöglich gar nach einer Rückkehr zu der Situation vor der Vertreibung – ist das, was die Gruppe zusammenhält, teilweise über Generationen. Das können vielfältige Dinge sein, wie die Sprache, Heiratspolitiken, Kindererziehung, Religion oder auch landsmannschaftliche Zusammenschlüsse.
Am MMZ haben wir dazu mit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts ein gemeinsames Forschungs- und Publikationsprojekt, das Online-Portal „Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora “, das sich damit beschäftigt. Das Besondere daran ist, dass wir darauf schauen, wie die deutsch-jüdische Geschichte außerhalb Deutschlands weitergeht, wie die ehemals deutschen Jüdinnen und Juden ihre deutsche Kultur weiterleben. Ich habe gerade ein Kapitel für das 2027 erscheinende Buch geschrieben. Darin geht es genau um diese Blicke zurück nach Deutschland, unter anderem auch um diejenigen, die versuchen, Entschädigungszahlungen zu bekommen. Oder um die, die „Stolpersteine“ für ihre Verwandten verlegen lassen oder sich aktiv in erinnerungskulturelle Debatten vor Ort einbringen – so wie ich es zum Beispiel in Hamburg rund um die Diskussion zur Bornplatz-Synagoge erlebt habe. Oder um die, die wollen, dass die Friedhöfe in Worms oder anderen Herkunftsorten gepflegt werden, für die es aber völlig ausgeschlossen wäre, sich dort wieder niederzulassen. Aber trotzdem ist das ja ein Gespräch mit Deutschland, was auf diese Weise stattfindet. Und das finde ich spannend.
Miriam Rürup auf die Frage, welche Erkenntnisse eine transnationale und diasporische Perspektive für das Verständnis deutsch-jüdischer Geschichte eröffnet: „Am MMZ haben wir dazu mit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts ein gemeinsames Forschungs- und Publikationsprojekt, das Online-Portal ,Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora‘, das sich damit beschäftigt. Das Besondere daran ist, dass wir darauf schauen, wie die deutsch-jüdische Geschichte außerhalb Deutschlands weiter geht, wie die ehemals deutschen Jüdinnen und Juden ihre deutsche Kultur weiter leben. Ich habe gerade ein Kapitel für das 2027 erscheinende Buch geschrieben.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 202)
Miriam Rürup auf die Frage, welche Erkenntnisse eine transnationale und diasporische Perspektive für das Verständnis deutsch-jüdischer Geschichte eröffnet: „Am MMZ haben wir dazu mit der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft des Leo Baeck Instituts ein gemeinsames Forschungs- und Publikationsprojekt, das Online-Portal ,Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora‘, das sich damit beschäftigt. Das Besondere daran ist, dass wir darauf schauen, wie die deutsch-jüdische Geschichte außerhalb Deutschlands weiter geht, wie die ehemals deutschen Jüdinnen und Juden ihre deutsche Kultur weiter leben. Ich habe gerade ein Kapitel für das 2027 erscheinende Buch geschrieben.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 202)
Sharon Adler: Das, am MMZ von dir geleitete hybride und internationale Publikationsprojekt und Online-Portal „Geschichte(n) der deutsch-jüdischen Diaspora “
Miriam Rürup: Also eigentlich ist das Schöne daran, dass es alles immer verkompliziert, sobald wir mit Individuen sprechen, von denen natürlich jeder seine eigene Geschichte hat. Und dass sich aus diesen vielen Einzelgeschichten trotzdem ein Bild wie ein Mosaik ergibt. Dieses Mosaik stellt gerne auch klassische Narrative infrage. Das klassische Narrativ könnte sein: Diaspora ist eine Zwangssituation im Exil, die man überwinden möchte. Wenn wir uns das aber anschauen, dann entdecken wir sehr viele Zwischentöne.
Das Projekt ist – gerade auch mit Blick auf die Nachfahren in vielen Ländern der Welt, die heute nicht mehr Deutsch sprechen – zweisprachig und hybrid angelegt. Wir haben eine Webseite aufgebaut, in der wir biografische Fallbeispiele vorstellen, Schlüsseldokumente aus verschiedenen Ländern präsentieren, diese interpretieren und Länderstudien zu verschiedenen Orten bereitstellen, in denen sich deutschsprachige Jüdinnen und Juden niederließen. Wir führen zwar eigentlich keine lebensgeschichtlichen Interviews, aber wir bekommen zum Beispiel E-Mails von Nachfahren, die häufig kein Deutsch mehr sprechen und über unsere Webseite mehr über die Geschichte der deutsch-jüdischen Minderheit lernen, in der sie möglicherweise aufgewachsen sind. Auch das bringt Familiengeschichte mit hinein, es sind teilweise Enkel oder inzwischen auch Urenkel, die in Buenos Aires oder Brighton leben und über unsere Webseite ein bisschen mehr Hintergrund zu ihrer eigenen Familiengeschichte erfahren können. Deshalb ist unser Projekt zweisprachig und digital angelegt – wir wollen auch diejenigen erreichen, die auf Englisch lesen und ein deutschsprachiges Buch vielleicht gar nicht in die Hand nehmen würden.
Sharon Adler: Viele deiner Forschungen widmen sich Themen, die in der deutsch-jüdischen Geschichtsschreibung lange nur wenig Beachtung fanden – etwa diasporische und transnationale Perspektiven oder die jüdische Geschichte in der DDR. Welche Themen und Aspekte möchtest du hier besonders hervorheben?
Miriam Rürup: Die Geschichte unseres Instituts ist eng mit der Nachgeschichte der DDR verbunden. Das MMZ wurde 1992 gegründet. Es war sozusagen eine Ausgründung aus der Professur, die damals Julius Schoeps an der Uni Potsdam innehatte, der nach der Wende vom Steinheim-Institut in Nordrhein-Westfalen an die neu gegründete Universität Potsdam kam. Das Team selbst ist quasi Teil dieser großen Transformation und setzte (und setzt) sich sowohl aus west- als auch aus ostdeutsch geprägten Kolleginnen und Kollegen zusammen. Einige unserer Kolleg/-innen sind in der DDR ausgebildet worden, andere in Westdeutschland und teilweise in Israel. Schon früh entstand am MMZ ein Projekt, bei dem Interviews geführt wurden: mit Zeitzeug/-innen aus der DDR, aber nicht über die DDR, sondern über ihre Erfahrungen im Umgang mit NS-Geschichte und Erinnerungskultur in der DDR. Zugleich ist dies auch eine Art von DDR-Geschichte. Daraus entstand das „Archiv der Erinnerung“ das die ehemalige stellvertretende Direktorin, Irene Diekmann , mit einem Team des MMZ aufgebaut hat.
Schon vor meiner Zeit in Potsdam, als ich noch Direktorin des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg war, habe ich bereits viel zu Erinnerungskultur und insbesondere jüdischen Aspekten von Erinnerungskultur gearbeitet und erstaunliche Berührungspunkte zwischen West- und Ostdeutschland gefunden. Ich nenne das immer die deutsch-deutsch-jüdische Geschichte. Denn wir müssen meines Erachtens den Blick darauf lenken, jüdische DDR-Geschichte nicht als separate Geschichte zu schreiben. Also natürlich müssen DDR- und BRD-Geschichte auch jeweils für sich geschrieben werden, aber wir müssen sie gemeinsam und mit ihren Bezügen aufeinander betrachten. Die DDR ist ebenso wenig Fußnote der jüdischen Geschichte wie die BRD.
Wenn wir uns beispielsweise die Migrationsbewegung in den 1950er-Jahren aus der DDR in die BRD anschauen, darunter überdimensional viele Juden und Jüdinnen, die fluchtartig die DDR verlassen haben, dann müssen wir auch danach schauen: Wie groß und heterogen war die gesamte Migrationsbewegung, und wie sieht es vielleicht auch mit sozialen Faktoren oder Bildungsfaktoren als Gründe für die Bewegung nach Westen aus, wenn etwa die fliehenden Jüdinnen und Juden zugleich akademisch Gebildete waren, die auch aus anderen Gründen die DDR verlassen oder gezielt in den Westen gehen wollten? Es genügt sozusagen nicht, wenn wir nur „den einen Grund“ betrachten. Migrationsbewegungen können durch ein ganzes Bündel an Faktoren ausgelöst werden – kurzum: Ja, sie flohen als Juden. Vielleicht wanderten sie aber ebenso auch als Intellektuelle aus, vielleicht als Bildungsbürgerliche oder aus Hoffnungslosigkeit, da sie sich keine beruflichen oder gesellschaftlichen Chancen mehr erhofften und nicht nur der Antisemitismus, sondern darüber hinaus auch die ersten politischen Enttäuschungen zunahmen.
Denn wir sollten viele dieser Jüdinnen und Juden auch als Enttäuschte in den Blick nehmen. Verkürzt könnte man das so veranschaulichen: Die Juden, die nach 1945 nach Westdeutschland gegangen sind (oder dageblieben sind, nachdem sie überlebt hatten beziehungsweise in den DP-Lagern waren), die haben von Westdeutschland sicherlich nicht viel erwartet in Bezug auf ein antifaschistisches Selbstverständnis. In der DDR gab es hingegen den antifaschistischen Gründungsmythos, der natürlich von Juden etwa im Politbüro getragen wurde, der aber auch dafür gesorgt hat, dass viele der jüdischen Rückkehrer dachten: Da können wir uns niederlassen und ein besseres Deutschland aufbauen. Der Erwartungshorizont mag also in der DDR ungleich höher gewesen sein als in der BRD. Und solche Aspekte, finde ich, werden erst sichtbar, wenn wir die deutsch-jüdische Geschichte deutsch-deutsch-jüdisch anschauen und deswegen die DDR-Geschichte mit in unsere Gesamtschau auf die deutsche Geschichte nach 1945 hineinholen. Und das ist es auch, was wir in dem Projekt zur jüdischen DDR-Geschichte versuchen werden. Es ist – so wie das Diaspora-Projekt – ein sehr kollaboratives Projekt. Es arbeitet mit Interviews, die in den 1990ern gemacht wurden, es gibt eine zweite und eine dritte Interviewwelle, und wir werden jetzt noch einmal neue Interviews führen.
Wir freuen uns also auch über Menschen, die uns kontaktieren und zu Interviews bereit sind. Die spannendsten könnten natürlich einerseits die sein, die sich vielleicht noch nie ausführlich geäußert haben. Oder die, die auch schon in den 1990er-Jahren ihre Sicht geschildert haben und jetzt noch einmal interviewt werden, sodass man sieht: Wie verändert sich die eigene Sicht auf die subjektive Position in der Gesellschaft und in der Geschichte?
Oral History und die weibliche Perspektive
Sharon Adler: Was wird deiner Meinung nach sichtbar, wenn jüdische Geschichte aus weiblichen Perspektiven erzählt wird?
Miriam Rürup: Zu meinem Themenfeld gehört ja alles rund um Migrationsgeschichte. Migrationserfahrung ist bei Frauen völlig anders als bei Männern. Und das liegt nicht am biologischen Geschlecht, sondern an den sozialen Faktoren, die die Rollen anders verteilen oder auch das Rollenverständnis. Dass Männer Migration sehr häufig als einen Statusverlust empfunden haben, weil sie etwa in ihren vorherigen Berufen nicht mehr weiterarbeiten konnten, das sieht man auch historisch, und ich denke, dass sich das zu Teilen weitergetragen hat oder noch weiterträgt, in die Zeitgeschichte hinein.
Diesen Statusverlust haben Frauen möglicherweise nicht oder doch anders erlebt. Denn die Migrationserfahrung war aus weiblicher Perspektive anders als aus männlicher. Frauen konnten Migration beispielsweise zuweilen sogar als Statusgewinn erfahren, weil sie plötzlich die Erwerbstätigen und Familienernährerinnen wurden. Teils fanden sie eher Arbeit als Wäscherin, Hausmädchen oder als Kindermädchen, sogenannte niedere Berufe, die keine Ausbildungsberufe waren. Und dies konnte möglicherweise dazu führen, dass Frauen ein anderes Selbstbewusstsein entwickeln konnten. Also diese Verbindung von einer jüdischen Spezifik in der Migration – durch das Berufsprofil, das sich von dem nichtjüdischer Menschen unterscheidet – und was sich dadurch noch einmal auf geschlechtsspezifisch geprägte Berufsmuster auswirkt, das sind sehr spannende Forschungsstränge. Wo sich quasi jüdische, geschlechtsspezifische und migrationsgeprägte Erfahrungen begegnen. Mit Blick auf die Zeit der Migration aus der ehemaligen Sowjetunion und auf die Zugewanderten, die über die Kontingentregelung nach Deutschland gekommen sind und die in den jüdischen Gemeinden zu einem unglaublichen Revival beigetragen haben: Letztlich bedeutete es für viele, die hierherkamen, zunächst einmal einen sozialen Abstieg, bis sie Fuß fassen konnten – erst einmal also eine klassische Migrationserfahrung. Ich weiß noch, dass meine Mutter in der Jüdischen Gemeinde in Karlsruhe geholfen hat, und zwar sowohl bei den ganzen Ämtergängen als auch in der Küche, weil plötzlich viel mehr Leute versorgt werden mussten. Und auch da waren diejenigen, die von deutsch-jüdischer Seite Hilfe angeboten oder geleistet haben, meinem Eindruck nach durchaus weiblich. Sharon Adler: Als Aupair hast du Naamah Kelman-Ezrachi
Miriam Rürup: Das war für mich ein Zugewinn, auch religiös, weil ich das tatsächlich nicht so kannte. Und es war Liebe auf den ersten Blick, wir sind seither sehr eng verbunden. Es ist quasi meine israelische, meine Jerusalemer Familie. Ich habe die Kinder aufwachsen sehen, und sie sind mir zu Geschwistern geworden.
Ich bin in einem nichtreligiösen Haushalt aufgewachsen und lebe bis heute nicht religiös. Bat Mitzwa habe ich gemacht, so wie in dem Alter halt alle Bat oder Bar Mitzwa oder meine christlichen Freundinnen und Freunde Konfirmation gemacht haben – nicht, weil ich religiös gewesen wäre. Ich bin sehr dankbar, dass Rabbiner Levinson meine Bat Mitzwa abgenommen hat, denn er nahm mich als Mädchen auch wirklich ernst, das kannte ich so aus der Gemeinde nicht. Durch ihn bekam ich eine Ahnung davon, dass jüdisches Leben auch anders sein könnte.
Der Austausch mit Naamah Kelman, die in den frühen1990ern zur ersten Rabbinerin Israels ordiniert wurde, war für mich schon deshalb eine Offenbarung, weil ich erfuhr, dass es das überhaupt gibt: religiöse Jüdinnen, die innerhalb der Gemeinden oder innerhalb ihres religiösen Judentums trotzdem auch Feministinnen sind. Dass sich das nicht widerspricht. Das kannte ich bis dahin nicht.
Miriam Rürup: „Als Historikerin arbeite ich vor allem mit zeitgenössischen Quellen: Das können Schriftquellen sein, oder Oral History, es können aber auch Dinge oder Gebäude sein, wie die Tempelruine in Hamburg. Denn auch eine Ruine kann ich als Quelle lesen, weil sie mit ihren verschiedenen sichtbaren Zeitschichten eine Geschichte erzählt.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
Miriam Rürup: „Als Historikerin arbeite ich vor allem mit zeitgenössischen Quellen: Das können Schriftquellen sein, oder Oral History, es können aber auch Dinge oder Gebäude sein, wie die Tempelruine in Hamburg. Denn auch eine Ruine kann ich als Quelle lesen, weil sie mit ihren verschiedenen sichtbaren Zeitschichten eine Geschichte erzählt.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
In gewisser Weise begleitet mich das bis heute. Ich habe mich in Hamburg, quasi der Wiege des gemeindemäßig organisierten liberalen Judentums, für den Tempel in der Poolstraße engagiert. In dem Jahr, in dem ich aus Hamburg weggegangen bin, hat die Stadt diese Tempelruine nach sehr viel Überzeugungsarbeit gekauft, sodass erfolgreich verhindert wurde, dass sie von Investoren zu Eigentumswohnungen umgewandelt wurde. Inzwischen gibt es einen Verein „TempelForum e.V.“ und eine Initiative, die sich für die öffentliche Zugänglichkeit einsetzt und den Ort mit Leben zu füllen versucht.
Damit gibt es auch in Hamburg ein bauliches, sichtbares Denkmal dafür, dass es ein liberales Judentum gab, das noch einmal ganz anders war als das orthodoxe. Das ist etwas, was ich jetzt immer noch begleite. Dieses Engagement ist so meine Art, mich für das liberale Judentum und damit für Pluralität im Judentum einzusetzen.
Sharon Adler: Zu deinen Forschungsinteressen zählt auch die Geschlechtergeschichte. Wie beurteilst du den Anteil in der zeitgeschichtlichen Betrachtung von Jüdinnen in Deutschland?
Miriam Rürup: Eine Herausforderung ist zunächst, dass jüdische Geschichte, gerade in der zeitgeschichtlichen Betrachtung, häufig zu monolithisch gesehen wird. Man richtet den Blick zu wenig darauf, dass es innerhalb des Judentums verschiedene Strömungen und unterschiedliche politische und gesellschaftliche Ansätze gibt. Wenn wir zum Beispiel die jüdische Geschichte in der DDR anschauen, gibt es nicht „die Juden“: Ein Alfred Norden
Dadurch, dass jüdische Geschichte häufig so monolithisch betrachtet wird, wird auch übersehen, wo Unterschiede zwischen Frauen und Männern innerhalb dieser Geschichte liegen. Man schaut sich die Geistesgrößen an, dann fallen meist Namen wie Hannah Arendt oder Bertha Pappenheim . Aber viel zu viele, die sich in politische oder gesellschaftliche Debatten eingemischt haben, sind aus der Wahrnehmung verschwunden.
Nehmen wir Regina Jonas,
Wenn der Nationalsozialismus nicht gewesen wäre, wären diese Strömungen des linken und progressiven Judentums und damit auch das weibliche Judentum möglicherweise nicht gekappt worden. Gerade in der Weimarer Republik waren sie stark geworden. Und nach 1945 verschwindet das ein Stück weit aus der Wahrnehmung, fast auch aus der innerjüdischen Wahrnehmung. Da gibt es dann noch die Mendelssohns und die Einsteins und eben vielleicht Hannah Arendt,
Sharon Adler: Worin liegen deiner Meinung nach die Herausforderungen für die Forschung mit Blick auf die Erzählung der jüdischen Gegenwartsgeschichte ab den 1990er-Jahren?
Miriam Rürup: Wenn man in die jüngere Zeitgeschichte schaut, etwa auf die Zeit der Kontingentzuwanderung, entstehen noch einmal andere Herausforderungen. Wenn wir uns diejenigen genauer anschauen würden, die als Erwachsene aus der ehemaligen Sowjetunion in die Bundesrepublik beziehungsweise ins wiedervereinigte Deutschland gekommen sind, ist eine der Herausforderungen die Sprache. Zugewanderte Menschen, die heute weit über 70 Jahre alt sind, sprechen möglicherweise bis heute nicht besonders gut Deutsch, wenn sie überhaupt Deutsch können. Das ist natürlich eine große Herausforderung, sich ihrer Geschichte anzunähern und etwas, was viel zu wenig in den Blick genommen wurde: dass diese Menschen zum Beispiel eher in ihrer eigenen Sprache abgeholt oder interviewt werden müssen und nicht auf Deutsch mit großen Fragen konfrontiert werden sollten, bei denen von vornherein eine Barriere entsteht. Man muss also gegebenenfalls mit einer Übersetzerin oder einem Übersetzer arbeiten. Eine zweite große Herausforderung ist die Frage, was als eigene Kultur empfunden wird und worauf man sich als eigene Vergangenheit bezieht. Jüdische Geschichte in Deutschland ist stark durch die Zuwanderung geprägt. Doch dass wir auch das kulturelle Erbe und das, was die Menschen an Geschichte mitbringen, als neuen Teil der deutsch-jüdischen Geschichte der Gegenwart wahrnehmen – also quasi die russischsprachige jüdische Kultur und Vergangenheit –, das fehlt noch weitgehend. Obwohl sie die Mehrheit der gegenwärtigen Jüdinnen und Juden in Deutschland stellen. Wenn man jüdische Gegenwartsgeschichte ab den 1990er-Jahren schreiben würde, kann man nicht mehr allein bei Mendelssohn anfangen, jedenfalls nicht, wenn man auf der Ebene der Intellektuellen bleiben möchte. Dann muss man auch osteuropäische Geistesgrößen in den Blick nehmen – genauso, wie man zunehmend auch Israelis in Deutschland als Teil der deutsch-jüdischen Geschichte ernst nehmen sollte. Letzteres bietet sogar eine Chance, denn gerade in Israel ist das linke und sozialistisch geprägte Judentum nie ganz verschwunden, das es vor 1933 auch in Deutschland gab und dessen Erbe es wiederzuentdecken gilt. Jüdische Geschichte lässt sich ohnehin nicht isoliert betrachten: Wenn wir jüdische Geschichte seit 1948 vermitteln, gehört für mich die israelische Geschichte dazu – und wenn wir israelische Geschichte anschauen, müssen wir auch die palästinensische Geschichte mitdenken.
Vermittlung und Transfer
Sharon Adler: Als Direktorin des Moses Mendelssohn Zentrums beschäftigst du dich nicht nur mit Forschung, sondern auch mit der Vermittlung jüdischer Geschichte und Gegenwart. Mit der Fachtagung JewDacta
Miriam Rürup: Schon mit der Namensgebung haben wir uns überlegt, humorvoll-spielerisch mit dem Thema umzugehen. Das ist der eine Ansatz. Zugleich wollen wir zeigen, wie wichtig Wissensvermittlung ist, wenn wir über die Bekämpfung von Antisemitismus sprechen, denn das ist die eigentliche Grundlage. Wir wollen bei all diesem gegenwärtigen Gerede über die Bekämpfung von Antisemitismus – und ich sage jetzt bewusst „Gerede“, denn die Realität zeigt uns, dass hinter den Lippenbekenntnissen häufig wenig steht – Wissen entgegensetzen. Denn wer Vorurteilen und antisemitischen Stereotypen etwas entgegensetzen will, braucht Wissen und Argumente.
Wenn man nicht weiß, wie man Vorurteilen begegnen soll, wenn einem die Argumente ausgehen, dann haben die Vorurteilstragenden freie Bahn, ihre Vorurteile weiter zu verbreiten, weil sie keinen Widerspruch erfahren. Darum sind auch Vermittlungsprojekte so wichtig. Gleichzeitig gibt es überall sehr engagierte Menschen und Vermittlungsprojekte in der schulischen und außerschulischen Bildungsarbeit, die oft wenig sichtbar und chronisch unterfinanziert sind. Dabei sind sie ja diejenigen, die Geschichte vermitteln und sich engagieren. Mit der JewDacta wollen wir diese Akteur/-innen zusammenbringen, ihre Arbeit sichtbar machen und einen möglichst niedrigschwelligen Austausch ermöglichen. Deshalb gibt es neben Fachvorträgen und Workshops auch einen „Markt der Möglichkeiten“, auf dem unterschiedliche Projekte und Formate vorgestellt werden. Ich freue mich natürlich, dass die Bundeszentrale für politische Bildung den Fachtag fördert und dabei ist.
Ebenso wichtig ist uns zu vermitteln, dass es Spaß macht, sich mit jüdischer Geschichte zu beschäftigen und dass es nicht immer nur um Antisemitismus und Verfolgung geht, sondern dass es da ganz viele andere Themen gibt. Jüdische Geschichte ist auch Migrations-, Kultur- und Gesellschaftsgeschichte und bietet viele andere, auch ermutigende und empowernde Zugänge. Die auch anschlussfähig sein können für andere Minderheiten, zum Beispiel. Gerade für die Bildungsarbeit ergeben sich daraus Anknüpfungspunkte zu den Lebenswelten der Schüler/-innen. Jüdische Geschichte als Migrationsgeschichte kann eine Lehrkraft, wenn sie gut geschult ist, gerade auch in von Migration geprägten Klassen vermitteln, um zu zeigen, wie viele Parallelen es gibt, trotz aller Konflikte. Auch dafür wollen wir mit der JewDacta Räume schaffen.
Sharon Adler: Wo siehst du derzeit die größten Herausforderungen oder Möglichkeiten bei der Vermittlung von Wissen über Judentum, jüdische Geschichte und jüdische Gegenwart? Wie lässt sich insbesondere bei jungen Menschen Interesse für diese Themen wecken?
Miriam Rürup: Das mag jetzt vielleicht überraschend klingen, aber gerade der Nahostkonflikt und die Entwicklung seit dem 7. Oktober bieten auch eine Chance. Wir sollten diese Themen nicht als Barriere sehen, sondern als Möglichkeit, in der Schule und später an der Universität zu lernen, konstruktiv zu streiten und mit Gegensätzen umzugehen. Es geht darum, dass Jugendliche erfahren: Nur weil jemand eine andere Meinung hat als ich, werde nicht ich als Person angegriffen, sondern meine Position wird kritisiert. Man kann sich trotzdem weiterhin mögen oder zumindest respektieren und zusammen Fußball spielen oder was auch immer. Das halte ich gerade angesichts der Situation seit dem 7. Oktober für eine wichtige Aufgabe von Bildung.
Gleichzeitig sind viele Lehrkräfte auf diese schwierigen Themen nicht ausreichend vorbereitet. Sie haben Ängste und oft zu wenig Wissen. Deshalb versuchen wir am MMZ, mit Fortbildungen für Lehrkräfte in Brandenburg Methoden und Werkzeuge zu vermitteln, mit denen sie solchen Situationen begegnen können. Bei meinen Studierenden habe ich den Eindruck, dass das Interesse an jüdischer Geschichte und Gegenwart derzeit eher größer als kleiner wird. Es wäre eine große verpasste Chance, wenn wir dieses Interesse nicht aufgreifen würden. Das Faktenwissen ist dabei häufig erstaunlich gering – aber das gilt nicht nur für jüdische Geschichte, sondern für Geschichte generell, auch für die NS-Geschichte. Ich gehe deshalb zunächst immer davon aus, dass wenig Vorwissen vorhanden ist, und versuche eine Atmosphäre zu schaffen, in der alle sich trauen, Fragen zu stellen.
Am wichtigsten ist es, denke ich, Empathie zu vermitteln und ein grundlegendes Verständnis von Menschenrechten und gemeinsamen Werten und einen respektvollen Umgang miteinander zu pflegen. Wenn dieses Fundament da ist und Interesse entsteht, kann man darauf aufbauend auch Wissen und Fakten vermitteln. Man kann politisch völlig unterschiedlicher Meinung sein und trotzdem miteinander verbunden bleiben. Das kenne ich auch aus Israel: Man weiß, welche Verwandten am Tisch sitzen und mit wem man über bestimmte Themen besser nicht spricht – und trotzdem bleibt man als Familie verbunden. Genau diese Fähigkeit, unterschiedliche Positionen auszuhalten, ohne den anderen als Menschen abzuwerten, müssen wir stärker vermitteln.
Sharon Adler: Digitale Medien und Künstliche Intelligenz können den Zugang zu historischem Wissen erleichtern, zugleich aber auch Desinformation sowie die Reproduktion historischer antisemitischer Narrative und Stereotype begünstigen: Welche Verantwortung kommt deiner Meinung nach Wissenschaft und historisch-politischer Bildung im Umgang mit diesen Phänomenen im digitalen Zeitalter zu?
Miriam Rürup: Extrem viel. Deshalb versuche ich auch, möglichst viele Forschungsprojekte, die bei uns im Haus entstehen, mit einem digitalen Standbein zu versehen. Denn über digitale Angebote und Social Media können wir Wissensbestände miteinander vernetzen, andere Menschen erreichen und ihnen verlässliche Informationsquellen anbieten. Es wäre schon viel gewonnen, wenn jemand beim Googeln einer Frage nicht sofort einer KI-Antwort vertraut, sondern nach einer seriösen Quelle sucht beziehungsweise wenigstens die KI-Antwort kritisch hinterfragt und ihre Quellen überprüft.
Und dann muss man eben noch einen Schritt weitergehen und Handlungsoptionen oder Argumentationshilfen anbieten. Damit diejenigen, die noch offenen Gemüts sind, sich auch anders informieren können oder Unterstützung für ihre Argumentation finden. Am MMZ arbeitet dazu die Emil Julius Gumbel Forschungsstelle,
Wenn wir die Kapazitäten hätten, würde ich viel stärker in Social Media investieren, etwa in Formate auf Instagram oder Tikok. Als kleines Forschungsinstitut können wir das allerdings nicht leisten. Hier sind wir auch auf größere Partner angewiesen, etwa die Bundeszentrale für politische Bildung, die versucht, mit ihren Informationsangeboten ein bisschen gegenzuhalten.
Miriam Rürup bei der bundesweiten bpb-Fachtagung „Antisemitismus in der Krise. Entwicklungen, Auswirkungen, Gegenstrategien“ am 24. Februar 2025 in Mannheim. In ihrem Keynote-Vortrag „Antisemitismus – eine Krisengeschichte?“ thematisierte sie die historische Dimension des Antisemitismus und die Frage, wie Antisemitismus und Krisen in der Vergangenheit zusammenhingen. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Miriam Rürup bei der bundesweiten bpb-Fachtagung „Antisemitismus in der Krise. Entwicklungen, Auswirkungen, Gegenstrategien“ am 24. Februar 2025 in Mannheim. In ihrem Keynote-Vortrag „Antisemitismus – eine Krisengeschichte?“ thematisierte sie die historische Dimension des Antisemitismus und die Frage, wie Antisemitismus und Krisen in der Vergangenheit zusammenhingen. (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2025)
Zukunft der Forschungsfragen
Sharon Adler: Wenn du auf die Entwicklung der vergangenen Jahre blickst: Wo steht die deutsch-jüdische Geschichtsforschung heute – und wohin sollte sie sich aus deiner Sicht weiterentwickeln? Welche Fragestellungen oder methodischen Zugänge zeichnen sich bereits heute ab oder werden dabei künftig an Bedeutung gewinnen?
Miriam Rürup: Ich finde das eine schöne Frage, weil sie ein bisschen auch wieder an die Anfänge anknüpft. Meine Hoffnung wäre in der Tat, dass wir noch weiter diesen deutschnationalen Container verlassen und auch den Blick auf jüdische Geschichte nicht zu homogen gestalten und jüdische Geschichte nicht zu sehr wie in einer Art Selbstghettoisierung betrachten. Sondern dass wir schauen: Wo sind die Verflechtungen? Wo verschränkt sich jüdische Geschichte mit globaler Geschichte?
Daran arbeite ich persönlich gerade. Ich war vor Kurzem zehn Monate für das akademische Jahr 2025/2026 als Richard von Weizsäcker Fellow am St Antony's College der University of Oxford und habe gearbeitet, gelesen und geschrieben. Eines meiner großen Themen ist, mir die Geschichte von Staatenlosigkeit anzuschauen, also die Erfahrung von Staatenlosigkeit als jüdische Erfahrung, aber zugleich auch zu schauen: Was sind die Antworten auf diese Erfahrung? Und dann kommt man eben schnell von den jüdischen Antworten auf die universalen Antworten, also auf die Entstehung neuer Menschenrechtsinstrumente, die Staatenlosigkeit verhindern sollen.
Und da sind wir wieder an einem Punkt, den ich vorhin erwähnte: der Verschränkung von jüdischer mit israelischer und von israelischer mit palästinensischer Erfahrung. Die Antworten, die auf die jüdische Staatenlosigkeit entwickelt wurden, zum Beispiel Reisedokumente für Staatenlose, die keinen Pass haben, werden notgedrungen zu Antworten für staatenlose Palästinenser. Wenn ich bei der jüdischen Geschichtsforschung über jüdische Geschichte anfange, komme ich bei der israelischen Geschichte an, und unweigerlich kommt dann die palästinensische Erfahrung mit hinein. Das ist ein Beispiel dafür, wie ein Thema, das zunächst deutschnational ist und im Nationalsozialismus beginnt, eine verschränkte Perspektive bekommt.
Und das ist sowohl eine Herausforderung wie eine wunderbare Chance. Weil wir da auch wieder bei der Frage sind, wo vielleicht auch Ähnlichkeiten unserer Erfahrungen liegen, wenn auch extrem zeitversetzt. Es ist jetzt garantiert zu früh, das als in irgendeiner Form versöhnlich zu sehen. Wenn man sich die Quellen der frühen Diskussionen nach dem Zweiten Weltkrieg analytisch anschaut, dann ist das alles schon drin. Man merkt, wie die an diesen Diskussionen beteiligten Jüdinnen und Juden, zum Beispiel in der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen oder im World Jewish Congress und anderen jüdischen Organisationen, durchaus schon im Blick haben, dass das, was als Reaktion auf die NS-Verfolgungen entwickelt wird, zukünftig auch für andere Verfolgtengruppen relevant werden wird. Diese Verflechtungen mehr in den Blick zu nehmen, macht mir persönlich sehr viel Spaß, und ist etwas, bei dem ich denke, dass sich Geschichtsschreibung weiterentwickeln und auch zu aktuellen Debatten beitragen kann.
Sharon Adler: Zum Schluss noch eine Frage zu deiner eigenen Forschung: Welche Fragestellungen beschäftigen dich derzeit besonders? Und welchen Forschungsfragen möchtest du dich in den kommenden Jahren verstärkt widmen?
Miriam Rürup: Okay, dann kann ich abschließend noch ein bisschen über meine eigene Forschung schwärmen. Was ich immer spannend finde, ist, wenn wir nicht nur ein bisschen schräg schauen, also uns die Überraschungsmomente in der Geschichte anschauen, sondern auch bei den Quellen schauen, was da alles möglich ist. Als Historikerin arbeite ich vor allem mit zeitgenössischen Quellen: Das können Schriftquellen sein oder Oral History, es können aber auch Dinge oder Gebäude sein, wie die Tempelruine in Hamburg. Denn auch eine Ruine kann ich als Quelle lesen, weil sie mit ihren verschiedenen sichtbaren Zeitschichten eine Geschichte erzählt.
Wenn ich über Staatenlosigkeit arbeite, sind es zunächst unfassbar viele juristische Quellen, die teilweise unerträglich schwer zu lesen sind – jedenfalls für mich als Nichtjuristin. Aber dann gibt es noch weitere Quellen, die ich einbeziehe. Und das ist es, was dann am meisten Spaß macht, weil ich gerne Erfahrungsgeschichte schreiben möchte: die Staatenlosigkeit aus der Perspektive der Gesellschaft, die sie erfahren hat.
Da stehe ich allerdings vor einem Problem, weil nicht alle Staatenlosen darüber geschrieben oder Interviews gegeben haben. Aber wenn wir weiterschauen und flexibel sind, was Quellen sein können, dann können es auch Romane sein. Und so nehme ich unter anderem Kinderliteratur als Quellengrundlage. Ohnehin: Die Literatur der 1950er-Jahre ist verblüffend voll mit Themen wie Displaced Persons, Pass- und Visumsgeschichten, Exil, Menschen, die keine Heimat haben, und Flüchtlingen.
Miriam Rürup: „Die Literatur der 1950er-Jahre ist verblüffend voll mit Themen wie Displaced Persons, Pass- und Visumsgeschichten, Exil, Menschen, die keine Heimat haben, und Flüchtlingen. Wenn wir uns den ersten Band von Paddington anschauen, der Ende der 1950er-Jahre erschienen ist, gibt es dort den Trödler, einen Ungarn, der von der Geschichte her durchaus auch jüdisch sein könnte.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
Miriam Rürup: „Die Literatur der 1950er-Jahre ist verblüffend voll mit Themen wie Displaced Persons, Pass- und Visumsgeschichten, Exil, Menschen, die keine Heimat haben, und Flüchtlingen. Wenn wir uns den ersten Band von Paddington anschauen, der Ende der 1950er-Jahre erschienen ist, gibt es dort den Trödler, einen Ungarn, der von der Geschichte her durchaus auch jüdisch sein könnte.“ (© Sharon Adler/PIXELMEER, 2026)
Wenn wir uns zum Beispiel den ersten Band von „Paddington“ anschauen, der Ende der 1950er-Jahre erschienen ist, gibt es dort den Trödler, einen Ungarn, der von der Geschichte her durchaus auch jüdisch sein könnte. Das wird ein bisschen absichtlich in der Schwebe gehalten. Doch wenn man sich das historisch anschaut, ergibt das alles Sinn: Sein Laden befindet sich im Londoner East End, wo jüdische Flüchtlinge gewohnt haben, und immer wieder neue Migrationswellen ankamen. Das heißt, ich schlüpfe jetzt begeistert zurück in meine eigene Kinderliteratur und Kinderfilme. Chaplin, Laurel und Hardy – also „Dick und Doof“ –, auch Erich Kästner, Judith Kerr, die alle darf ich noch einmal lesen. Diese Bücher lese ich jetzt als Quellen, um sie als Teil einer gesellschaftlichen Erfahrungsgeschichte zu betrachten. Das ist es, was ich gerade verschriftliche und worauf ich meine Forschungsfragen aktuell verstärkt richten möchte. Es geht mir dabei darum zu untersuchen, ob und inwiefern brennende Themen der Gegenwart – wie etwa die palästinensische Staatenlosigkeit – mit der jüdischen historischen Erfahrung der Staatenlosigkeit zusammenhängen. Ganz verkürzt gesagt: Ich frage mich in meiner aktuellen Forschung, ob und wie die heutige palästinensische Staatenlosigkeit auch mit der israelischen Geschichte und der jüdischen Erfahrung zusammenhängt. Denn die NS-Geschichte und die massenhaften Ausbürgerungen von Jüdinnen und Juden aus Deutschland haben mit dazu beigetragen, dass Israel sich 1950, nach der Staatsgründung im Jahr 1948, mit dem Rückkehrgesetz ein Staatsangehörigkeitsrecht gegeben hat, das Jüdinnen und Juden weltweit als potenzielle Staatsbürger einschloss und damit für alle Zukunft vor Staatenlosigkeit schützen sollte. Wie verflochten und vielschichtig diese Geschichte ist, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt – und dass man vermutlich das eine nicht ohne das andere betrachten kann –, das frage ich mich in meinen aktuellen Forschungen zur jüdischen Erfahrung der Staatenlosigkeit.
Zitierweise: „Miriam Rürup: „Jüdische Geschichte ist immer Migrationsgeschichte ““, Interview mit Miriam Rürup, in: Deutschland Archiv, 7.10.2026, Link: www.bpb.de/582265 (ali)
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